Buch 2 für Schwarzleser: der schriftsteller erzählt

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Roxane - wer ist diese Frau von Sophie mouline

 


Kapitel 1

Auch wenn Sie es mir nicht glauben – als nicht hässliche Frau kriegt man schon die erste Sahne. Die Leute gaffen, sind neidisch und geben Komplimente. Da heißt es zwar dauernd, auf das Äußere kommt es nicht an, die inneren Werte zählen, aber das läuft oft ganz anders, das kann ich Ihnen sagen. Aber ich brauche mich eigentlich nicht beklagen, weil ich ein interessantes Leben gehabt habe. Schon von Geburt an bin ich zart und hübsch. Eigentlich bin ich aber wohl normal aussehend oder sogar bloß gut gebaut. Und überhaupt betrachte ich mich selber lieber als Selbstbewusst oder irgendetwas in der Art und nicht als ein Wunderkind. Wenn sich die Leute eine gut aussehende Frau vorstellen, denken sie garantiert an Claudia Schiffer, also an die mit den bezaubernden Kleidern auf dem Laufsteg, wo sich die Leute an den Models besabbern und an sich herumspielen. Also, hübsch bin ich nun mal, das muss ich schon zugeben, aber ich würde sagen, ich bin viel intelligenter, wie die Leute glauben, weil nämlich was in meinem Kopf vor sich geht. Das ist schon etwas anderes als, was die Leute sehen. Zum Beispiel kann ich mich sehr kompetent mit Leuten unterhalten, ja wenn ich etwas dann sage, sind die Männer sehr überrascht über mein Allgemeinwissen. Ich werde Ihnen das erzählen, wie ich das meine. Vor ein paar Tagen geh’ ich eine Buchenallee lang und da ist so ein Mann vor dem Haus beim Arbeiten. Der hat sich an den weißen Rosensträuchern darangemacht, die er schneiden will, dann fragte er: „Hübsches Mädchen, willst du meine Rose sein?“ und ich sagte: „Mit deinen Rosen hast du genug zu tun.“ Er bekam eine Abfuhr und schnitt sich in den Finger. Ich lächelte und ging die Allee hinunter. An einem heißen, sonnigen Tag. Verstehen Sie jetzt, wie ich das meine? Also, mit Machos kenne ich mich aus. Das ist so das Wichtigste, wo ich die Männer abblitzen lasse, über die habe ich nämlich jede Menge gelesen. Über diese Softies und den Machos, aber auch über die Titanic also das war eine echte Romanze. Am liebsten mag ich Patrick Swayze in Fackeln im Sturm“. Meistens haben es die Autoren von diesen Büchern geschnallt, weil ihre Frauen immer viel schlauer sind, als wie die Leute sie einschätzen. Also, ich finde, das stimmt, aber das meint wohl jede Frau. Oder? Als ich geboren wurde, hat mir meine Mutter den Namen Roxane gegeben, sie war die Gemahlin Alexanders d. Großen, seit 327 vor Christi. Und dann gebar sie einen Sohn.

Doch können Sie schweigen? Ja? Ich auch. Meine Mutter meinte immer, dass wir irgendwie mit der Familie Alexanders des Großen verwandt sind. Und das war eine schöne gutaussehende Frau, meint sie, doch hat sie ihren Mann, mit ihrem Sohn umgebracht und sogar meine Oma sagt, dass sie wie eine Gottesanbeterin ihren Mann anbetete und dann getötet hat. Ich würde sagen, da hat sie recht, weil auch hier im Ort eine Puffmutter ein Freudenhaus betreibt oder wie die Leute es nennen, ein Bordell. Und wie ich mal, so ungefähr mit vierzehn, da vorbeigegangen bin und ins Fenster hineingeschaut habe, hängt da ein großes Wagenrad, wo man jemand mit Lederriemen aufknüpfen kann. Wie der Mann sieht, dass ich gucke, legt eine Frau in Lederuniform ihn die Schlinge um den Hals und zieht sie an, wie wenn er hängen täte und lässt die Zunge heraushängen und all so was, nur damit ich es mit der Angst bekomme. Ich bin weggelaufen und habe mich in einem Parkplatz hinter ein paar noble Autos versteckt. Es ist keiner herausgekommen und ich bin nach Hause zu meiner Mutter gegangen. Also, ganz egal, was die Roxane sonst noch alles gemacht hat. Aber so bin ich eben zu meinem Namen gekommen. Meine Mutter ist echt eine gute Freundin. Das sagen alle. Meinen Vater habe ich gar nicht kennengelernt. Meine Mutter hatte sich von ihm getrennt, da war ich grade erst geboren. Er hat als Manager in einer großen Autofirma gearbeitet und dann wurde er arbeitslos. Meine Mutter und ich bekommen Unterhalt von ihm und in unserem großen Haus nehmen wir in der Sommerzeit Leute in Pension. Und auf die Tour lebten wir wie im Schlaraffenland und kamen gut über die Runden. Wie ich klein war, hat sie mich oft aus dem Haus gelassen, dann konnte ich mit den anderen Kindern spielen. Im Sommer, wenn es am Nachmittag total heiß war, hat sie mich meistens zum See gefahren und hat mit dem Mund meinen Wasserball aufgeblasen, damit ich und die anderen Kinder damit im Wasser spielen konnten. Für die Pausen hatte sie uns einen Krug mit ausgepresstem Orangensaft gemacht. Dann hat sie sich zu uns hingesetzt und mit uns geredet und einfach immer weiter geredet über nichts Bestimmtes. So wie schon alte Leute mit ihrem Hund oder eben Frauen mit ihrer Katze reden. Daran habe ich mich und meine Freunde gewöhnt, wir fanden es sogar richtig schön. Ich habe mich immer wahnsinnig wohl und sicher gefühlt, wenn ich ihre Stimme gehört habe. Wie ich größer war, bin ich zuerst mit meinen Freundinnen spielen gegangen, aber dann hat meine Mutter gemerkt, dass wir schon erwachsen werden und so. Einmal hat mir ein Junge mit seiner Hand meinen Rock hochgewirbelt. Wie er mich auf dem Spielplatz begrapscht hat und das hat einige gewaltige Striemen gegeben. Danach hat Mutter mir gesagt, dass ich nicht mehr mit diesen Jungs treffen darf. Ich habe dann probiert, ob ich mit meinen Freundinnen weiterhin treffen kann. Das hat auch nicht viel besser geklappt, weil sie wissen wollten, wer schon einen Jungen geküsst hat. Mutter hat geglaubt, es wäre gut, wenn ich auf ein Gymnasium gehe, weil ich vielleicht dann Rechtsanwältin werden könnte. Also, wie ich eine Weile hingegangen war, hat meine Mutter mitbekommen, dass es für mich ziemlich viel Stress gewesen ist. Aber die erste Zeit habe ich mich wenigstens von den Lehrern fertigmachen lassen. Manchmal habe ich einfach so dagesessen, wenn die Lehrerin, was erzählt hat, dabei habe ich gar nicht gewusst, was in meinem Kopf vor sich geht. Ich schaute zum großen Fenster raus und guck den bunten Vögeln und Eichhörnchen zu. Die auf einer großen Eiche hocken oder auf den Ästen herumklettern. Doch dann kommt die zornige Lehrerin zu mir und macht ein Mordstheater. Manchmal ist auch was ganz Merkwürdiges mit mir passiert und dann habe ich angefangen laut zu schreien und zu zicken, ich wollte dies und das nicht. Wie das Mädchen eben so machen. Die Lehrerin hat mich herausgeschickt und ich habe mich im Flur auf einer Bank gesetzt. Die anderen Schüler fanden das weniger gut, die haben mich nur rumgescheucht, bis ich anfing zu weinen und dann haben sie mich ausgelacht. Alle außer Susan Dalon, die hat mich nicht mit den anderen Kindern rumgescheucht. Manchmal sind wir beide sogar auf dem Heimweg zusammen gegangen. Im nächsten Jahr haben die Lehrer mich dann auf einem anderen Gymnasium geschickt, wo alles ganz anders gewesen ist. Das war vielleicht ulkig, kann ich Ihnen sagen. Grad, wie wenn sie so viel chaotische Leute wie möglich eingesammelt und dann alle zusammengesteckt hätten. Das ging von Mädchen, die so alt wie ich und noch hässlicher gewesen sind, bis zu großen Jungs, die sich die hübschen nackten Frauen von Kiosk kauften. Ich würde sagen, ich war in dem ganzen Haufen noch am besten drauf. Ein großer dicker Junge hatte zwei Probleme, er sabberte beim Essen und im Unterricht pinkelte er sich dauernd in die Hose. Unsere Lehrerin, Frau Kühn, hat mich immer mit ihm zusammensetzen wollen. Ich habe es aber nicht getan. Ja, ich habe mich geweigert, denn es roch streng nach Urin an seinem Platz, dass ich schon brechen musste. Auf dieses Gymnasium bin ich so fünf, sechs Jahre gegangen. Nicht alles war Mist in dem Laden. Man hat uns die Fingernägel lackieren lassen und auf der Mädchentoilette haben wir unsere erste Zigarette geraucht. Aber vor allem wollten sie uns so ein Zeugs beibringen, wie man kocht und dass man beim Essen nicht sabbert oder laut über den Tisch schreit, sowie am Tisch gerade sitzen soll. Das ganze Zeugs leuchtete sogar mir ein. Wie ich grad vierzehn Jahre war, sind ganz schön komische Sachen passiert. Ich bin nämlich enorm gewachsen, in einem halben Jahr bekam ich schon die ersten Ansätze einer Brust. Meine Mutter ging mit mir den ersten Büstenhalter kaufen. Und dann bin ich an Hüfte und Taille in die Breite gegangen. Mit siebzehn habe ich es dann auf 1,80 gebracht und auf 50 Kilo. Das weiß ich, weil ich mich ständig auf die Wage zum Wiegen stellte. Dann ist etwas passiert, das hat meinem Leben eine ganz neue Wendung gegeben. Wie ich gerade auf meinem Heimweg von der Schule die Straße lang lauf, hält neben mir ein Auto an, ein weißer Porsche und so ein Typ ruft mich zu sich rüber und fragt, wie ich heiß. Ich sagte es ihm und dann wollte er wissen, auf welche Schule ich gehe. Und er fragte mich, wie es kommt, dass er mich noch nie gesehen hat. Wie ich ihm das mit dem Gymnasium sagte, fragt er, ob ich modele. Ich schüttelte den Kopf. Eigentlich hätte ich ihm ja sagen können, ich habe öfters vor dem Spiegel gemodelt, doch das interessierte ihm nicht. Lange Unterhaltungen liegen mir nun mal nicht besonders, ich schüttelte also bloß den Kopf. Ungefähr vier Wochen nach den Ferien ist das gewesen.

Drei Tage später oder so haben sie mich dann aus dem Gymnasium entlassen. Klar, die Jahre am Gymnasium waren um. Meine Mutter wartete vor dem Gymnasium, fängt plötzlich an zu heulen an und nimmt mich richtig fest in die Arme. Dann verabschiedete ich mich von all den anderen Spinnern aus meiner Klasse und das war es schon. Wie sich herausstellte, ist der Typ aus dem Auto der Talentscout von einem großen Modellunternehmen. Ich habe erst einmal den ganzen Tag keine Sonne und nichts gesehen. Der Talentscout ist mir gleich bis nach Hause gefolgt, damit ich ihn nicht weglaufe. Ich hatte ein einfaches pinkfarbenes Kleid, dass mir passte und hatte am Morgen kein anderes passendes Kleid gefunden. Boris Kloe, der Talentscout, begrüßte meine Mutter, ich lief in mein Zimmer und zog mir etwas anderes an. Ich stand wie ein Gemälde vor meinem Kleiderschrank und musste mich für die blaue Jeans und mein weißes T-Shirt entscheiden. Mit diesen Jeans und T-Shirt fühlte ich mich wohl und lief ganz aufgeregt zu meiner Mutter. Die sich sehr interessiert mit dem Boris unterhielt. Mir hatte nicht recht eingeleuchtet, wofür so was gut sein soll. Erst haben die beiden versucht, mir das zu erklären, aber dann hatte der Boris zum anderen gesagt, ich wäre eine Schönheit oder so was in der Art. Wahrscheinlich hatte Boris gemeint, ich höre es nicht, ich habe es aber doch gehört, bei so einem Kompliment werde ich nämlich hellhörig. Nicht, dass Sie meinen, das hätte mich im siebenten Himmel gebracht. Ich lächelte innerlich. Nein, da habe ich schon ganz andere Komplimente zu hören gekriegt. Dennoch aufgefallen ist es mir schon. Nach einer Weile ist meine Mutter aus dem Badezimmer gekommen und sie hat sich in ihrem aufreißenden Dress geschmissen. Dann sind wir herausgegangen und ich musste neben Boris Kloe stehen, damit er mich richtig betrachten kann. Boris hat einen Haufen Scheiß erzählt, aber ich habe gar nicht richtig hingehört, weil ich vor Angst fast gestorben bin. Nachher sind aber ein paar von meinen Freundinnen gekommen und haben Boris Kloe und meiner Mutter die Hand geschüttelt und gesagt, sie freuen sich darüber, dass sie zu mir kommen konnten. Dann hat Boris gepfiffen, was mich richtig nervte und die anderen waren richtig neugierig und haben sich mit ihren Fragen Luft verschafft. Was dann so alles passiert ist, das ist eine ziemlich lange Geschichte, aber auf jeden Fall habe ich Model gespielt. Der Boris hat sich mit mir ganz speziell, um mich gekümmert, schließlich wusste ja ich, was ich wollte. Erst ist es darum gegangen, dass man eine gute Ausstrahlung hat. Und er wollte mir das erklären, aber wie ich das zigmal probiert hatte, haben alle echt gestaunt, weil ich die besten Posen für ein Lächeln oder einmal ernst sein oder sogar einmal traurig sein, gemacht habe. Dann haben wir was anderes ausprobiert, nämlich das Gehen. Nach einer Weile haben die anderen wohl gehofft, ich hätte auf der großen Treppe was gelernt und Boris hat mich immer wieder von vorn laufen lassen. Ich habe eine Menge von Boris zu hören gekriegt an dem Nachmittag, aber nach dem Schaulaufen bin ich zur Mutter hereingegangen und habe ihr gesagt, dass ich kein Model werden will, weil ich Angst habe, ich werde mich blamieren. Boris Kloe hat aber gesagt, ich bin die richtige auf dem Laufsteg. Der muss ja nicht über den Laufsteg laufen und ein schönes Gesicht machen. Ehrlich gesagt habe ich gar nicht so viel Angst gehabt, ich könnte umknicken oder mich voll blamieren. Ich habe gedacht, ich fange wieder an, mich unsicher zu machen, wenn ich nicht richtig will, dass, was ich will. Also, jedenfalls habe ich eine Weile gebraucht, bis ich bei Boris Kloe auf den Trichter gekommen bin. Inzwischen haben wir ein paar Fotos, mit der Polaroidkamera, für die Sedcard geschossen. Wenn man es mit den alten persönlichen Fotos vergleicht, wo man nie viel machen musste, haben diese Fotos das Beste gegeben. Irgendwie hat Boris es aber so gedeichselt, dass ich drei Stunden voll beschäftigt war, wo ich mich einfach nach meinem Gefühl die Posen einnahm, was er will. Und dann noch drei Stunden mit einem gut aussehenden Talentscout, der mich auf dem Laufsteg bringen will. Bloß wir beide. Boris war echt nett und richtig süß. Ja, ab und zu habe ich mir schmutzige Gedanken über Boris Kloe gemacht. So ungefähr die erotischen und knisternden Stunden, die mir mit Boris gefallen haben, waren die Fotoaufnahmen, aber das ist ja wohl keine unmoralische Affäre. Irgendjemand muss wohl was durchsickern lassen, weil nach einer Woche die Leute zu mir hergekommen sind und gemeint haben, ich sollte es mir überlegen und einfach vergessen, was ich will, man würde mich nur ausnutzen. Das war der echte krasse Neid der Leute, wenn sie mich in Paris auf dem Laufsteg sehen. Nun raten Sie mal, wer mit mir im Café gesessen hat? Niemand anderes als Susan Dalon. Sie kommt ins Café zu mir rann und sagt, sie kennt mich noch aus dem Gymnasium. Sie hat sich richtig zur Frau gemacht und hat lange schwarze Haare und lange Beine und ein schönes Gesicht und noch so andere Sachen, die traue ich mir aber nicht zu sagen. Beim Boris Kloe ist es gut gelaufen, wie er sich das vorgestellt hat. Dennoch hat er oft einen ziemlich unzufriedenen Eindruck gemacht und dauernd mich angeschnauzt. Von meinem Gang war Boris begeistert, denn ich habe einen menge Zeit damit vor dem Spiegel geübt, das können Sie mir glauben. Irgendetwas hat mich angespornt. Aber dann ist was passiert und hinterher war alles ganz anders. Also, ich bin ins Café, der Kellner bringt mir den Kaffee von der Bar und geh zu dem Tisch rüber, wo Susan immer sitzt. Ich habe eigentlich nie etwas zu ihr gesagt, aber sie ist so ungefähr die einzige Person am Gymnasium gewesen, die ich halbwegs gekannt habe und es war einfach ein gutes Gefühl, neben ihr zu sitzen. Zuerst habe ich immer beim Barkeeper gesessen, aber der hat so getan, wie wenn ich Luft wäre oder so. Susan Dalon hat wenigstens so getan, wie wenn es mich gibt. Mit der Zeit habe ich aber mitgekriegt, dass sich so ein andrer Typ sich dauernd in Susans Nähe setzt und der es anfängt, sie anzubaggern und blöde sexuelle Bemerkungen macht. Wie geht’s denn unserem Küken.“ Und all so was. So geht es dann die ganze Woche oder zwei, vielleicht auch drei, ohne dass sie etwas erwidert. Aber dann sagt Susan: „Ich bin kein Küken, du Hosenscheißer.“ Der Typ glotzt uns einfach nur an und lacht los. Susan Dalon sagt, er soll aufhören zu lachen. Jetzt nimmt sie auch noch das Glas Milch und kippt ihn das voll auf die Hose. Ich bin total erschrocken.

Am nächsten Tag kommt der Kerl auf dem Gehweg zu mir rann und sagt: „deine Freundin kriege ich noch“. Den ganzen Tag habe ich um Susan Angst gehabt. Wie wir dann wieder am Nachmittag ins Café gehen wollen, steht er da mit einem Haufen abgewrackten Kumpels. Wir wollen in die andere Richtung gehen, aber er kommt auf uns zu und stellt sich wie ein Pascha vor uns hin. Er sagt lauter schmutzige Sachen zu uns: „Wollen wir nicht ins Heu gehen? Und so über die Bienen uns unterhalten?“ und dann fest er mir an die Brust. Besonders unangenehm war es eigentlich nicht, aber ich fange trotzdem an zu heulen. Wie jedes Mädchen würde ich sagen. Auf jeden Fall war ich danach viel beliebter und die anderen Kumpels sind freundlicher zu mir und Susan gewesen.

 


Kapitel 2

Irgendwann hat es mir sogar Spaß gemacht, mit den Jungen rumzuflirten, bloß haben sie mich eigentlich immer zum Heulen gebracht. Denn ich habe immer noch keinen richtigen Spaß daran gehabt. Mich von den Jungen begrabschen zu lassen, wie man es mit den Mädchen macht. Einer von den Jungs meint einmal, dass es so ein Küken wie Roxane, das würde es auf der ganzen Welt nicht noch einmal geben. Das hat er wohl als Kompliment gemeint. Glaube ich. Nach einer kurzen Zeit habe ich mich wieder in das Café neben Susan Delon gesetzt. Mit den Jungs hat es auch schon lange keinen Ärger gegeben.

Am Abend kriegt meine Mutter einen Anruf von diesem Jungen, seinen Eltern: Wenn ich mich noch mal an ihren Sohn vergreife, rufen sie die Polizei und lassen mich von der Sitte wegbringen. Ich versuche das meiner Mutter zu erklären. Doch sie sagt, sie kann das nicht verstehen und ich merkte, dass sie sich große Sorgen macht, sie sagt, wo er jetzt so ein Kleiderschrank ist, muss ich aufpassen. Er könnte mich verletzen. Ich habe genickt und ihr versprochen, dass er mich nie ernsthaft weh tun wird. Wie ich dann im Bett liege, höre ich, wie sich Mutter in ihrem Zimmer vor sich hin weint. Aber es hat mir doch was gebracht, dass ich diesem Jungen gezeigt habe, wo es lang geht. Gleich am nächsten Tag habe ich die Jungs gefragt, ob ich mal mit dem Ball ins Tor schießen kann. Und sie sagten: „Okay“, ich schoss den Ball voll ins Tor. Ich konnte es selber kaum glauben. Meine Mutter hat mir zum Geburtstag zwei T-Shirts und eine Jeans geschenkt und dann hat sie mir ein elegantes weißes Kleid geschenkt. Dass ich auch gleich anziehen musste. Mutter hat mich bewundert und geweint. Das Festbankett für das neue Modellcasting war in einer Großstadt, in Berlin. Und der Trendscout hat gemeint, das ist bloß ein Katzensprung. Wir sind mit dem Zug gefahren.

Fünf oder sechs aus Bayern und Sachsen haben einen Preis bekommen. Es hat dann aber zwei, drei Stunden gedauert, bis wir angekommen sind. Und ich musste vor Aufregung dauernd auf die Toilette. Die Veranstaltung hat im großen Saal vom Hotel „Vier Jahreszeiten“ stattgefunden. Und wie wir angekommen sind, habe ich das Klo gesucht. Der Talentscout stemmt die Hände in die Hüften und sagt: „Glaubt mir, ihr schafft es, wenn ihr nicht das Lächeln verliert.“ Dann dreht er sich zu mir um und sagt: „Du musst immer daran denken, dass du es schaffst.“ Ich nicke, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun soll, denn ich hatte so richtig Lampenfieber. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass es ein aufregender Abend wird. Wir gehen also in den Saal hinein, da hockten schon ein Haufen Leute der Jury und die strahlen, wie sie uns kommen sehen. Man hat uns vor die ganze Jury hingestellt. An einem ewig langen Tisch auf dem Podium. Und meine schlimmsten Befürchtungen erfüllen sich von einem aufregenden Abend und so. Es ist mir vorgekommen, als wenn jeder im Saal fotografiert wurde, mit den neugierigen Blicken. Wenn nur meine Mutter bei mir gewesen wäre, denn sie hätte mir geholfen, aber sie musste draußen auf dem Gang warten. Endlich ist es dann so weit, wir sollen uns vorstellen. Mit dem Namen, Alter, Beruf, Hobby, warum wir Model werden wollen und so ein paar Fragen zum locker werden, wurden uns gestellt. Wenn einer der Mädchen sonst noch etwas auf dem Herzen hat, sollte sie sich kurzfassen, hat die Jury gemeint, schließlich wollen die anderen nicht bis zum nächsten Jahrtausend die Beine in den Bauch stehen. Fast alle haben es geschafft, bei der Jury durchzukommen. Durch das Mikrofon ruft einer „Roxane Care“. Was mein Name ist, falls ich Ihnen das noch nicht erzählt habe. Ich faste mich und ging hin und die geben mir einen Vertrag und gratulieren mir. Ich beugte mich vor zum Mikrofon und sag: „Danke“. Alle fangen sie an zu klatschen und zuzurufen "Bravo", sie drückten mich sogar, dass ich kaum noch Luft bekam. Mir kommt es so vor, wenn irgendjemand schon im Voraus gesteckt hat, dass ich die Jury überzeugt habe und darum wollen sie ganz besonders nett sein. Ich bin aber so was von verblüfft, dass ich absolut nicht mehr weiß, was ich machen soll. Ich ließ alles auf mich zukommen, was die von mir wollten. Dann wird es ganz still und der Mann am Mikrofon beugt sich vor und fragt uns, ob jemand noch was sagen möchte. Vor Aufregung fragte ich schüchtern: „Kann man jetzt zur Toilette gehen?“ Als Antwort bekam ich „Ja“ zu hören. Ich verschwand mal ganz schnell. Im Saal haben sich die Mädchen bloß komische Blicke zugeworfen, dann nach einer Weile hat keiner mehr etwas gesagt. Doch plötzlich haben sie angefangen leise zu tuscheln und nach dem ich erleichtert von der Toilette kam, ist Boris Kloe zu mir gekommen und hat mir gratuliert. Für den Rest vom Abend haben mich so manche Männer an gefunkelt, aber wie das Casting vorbei war, sind sie dann alle mit ihren Mädchen nach Hause gefahren. Roxane“, hat meine Mutter gesagt, „wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht.“Ich habe einige Werbeaufträge bekommen und bin für die Modezaren auf dem Laufsteg in Mailand stolziert. Es war richtig Stress, für gutes Geld.

Im nächsten Jahr ist eigentlich nichts Besonderes passiert, doch muss irgendjemand herumposaunt haben, dass ich es als Model geschafft habe. Auf jeden Fall sind jede Menge Briefe aus dem ganzen Land eingetroffen. Mutter hat sie alle aufgehoben und eine große Mappe angelegt. An einem herrlichen sonnigen Tag ist ein Paket aus New York gekommen, mit einer richtigen teuren Perlenkette, einen Namen war nicht draufgeschrieben. Ich war sehr überrascht und so etwas ist mir auch noch nicht passiert. Ich habe gleich die wunderschöne Perlenkette um getan, um zu sehen, ob sie mir steht. Ich habe wohl einen heimlichen Verehrer. Erst wollte ich dieses Geschenk nicht annehmen, doch da stand ja kein Absender drauf. Und wem juckt es, von wem ich sie habe? Solche Sachen passieren mir andauernd. Dann hat mich meine Mutter zu den Nachbarn gebracht. Da sind sie nun, die Nachbarn, sie schüttelten mir die Hand von der Schulter und fragten, ob ich schon in Paris gewesen bin. Sie haben meine Auftritte verfolgt, sagt die Nachbarin. Ich schüttelte den Kopf und wurde ganz rot im Gesicht, weil ich an so etwas noch nie gedacht habe. Wie es aussieht, haben alle Bekannten meiner Mutter einen Heidenrespekt vor mir. Andauernd verbeugen sie sich und sagen so nette Sachen zu mir, wie „Jede Minute, die man lacht, verlängert das Leben um eine Stunde.“

Nach einer Woche darauf geben die Nachbarn mir dann ein Fest mit weiteren Bekloppten ich nicht kannte. Nach einer Weile habe ich auch keine Lust mehr und blieb auch nicht mehr dort. Zwei Tage später holt mich Susan Dalon von zu Hause ab, wir wollten einen Stadtbummel machen. Sie machte einen zufriedenen Eindruck, aber trotzdem ist sie zickig zu mir und fragt, ob es toll ist, wenn man so im Mittelpunkt für die Leute steht. Wie ich nicke, verdrehe die Augen und sagte: „Tja, das ist ein tolles Gefühl, wenn man von den Leuten geliebt wird.“ Jetzt schüttelte Susan den Kopf und schoss eine leere Coladose bei Seite, die ihr im Weg lag. Sieht ganz so aus, wie wenn deine Modelkarriere ein Riesen-Erfolg in deinem Leben ist“, sagte Susan. Meine Mutter saß auf der Terrasse und heult und sagt: „Ich fühle mich richtig gut, wenn ich an dich denke. Und was du schon alles geleistet hast.“ Ich dachte leise „warum heulst du dann?“ Erst wie wir hineingingen, erfahre ich, wieso sie dauernd am Weinen ist. Nämlich, weil ich ihr sagte, ich mache eine lange Reise. Mir war absolut nicht klar, was das Ganze soll, aber meine Mutter hat Angst. Das mir etwas passieren könnte und all solche Sachen gingen durch ihren Kopf und noch so einen Haufen Scheiße hat sich bei Mutter zusammengebraut. Mutter zeigte mir die Bilder von unserer Familie und den Freunden. Ich wusste nicht, was das sollte. Sie hat ein Wahnsinnstheater aufgeführt. Erst einmal war da so ein Schwarzer mit meiner Mutter, der seine großen Hände auf ihre Brüste legte und der Rest hat einfach so dagestanden, auf dem Schwarz-Weiß-Foto. Mein schärfstes erotisches Erlebnis ist nichts für Voyeure. Mit besonders originellen, ausgefallenen Praktiken kann ich nicht dienen. Ja, es gab kein Autobahnsex auf einer neuen Motorhaube, es gab auch kein Inselerlebnis mit vierzehn eingeborenen Männern und kein Tantra Sex beim goldenen Sperma-Workshop. Eher das totale Gegenteil. Jetzt nicht lachen! Es war zu Hause, im Schlafzimmer, der CD-Player spielte immer wieder das gleiche Lied „I want your Sex“ von Georg Michael. Weil ich auf Repeat gedrückt hatte und sogar das Licht war aus. Außergewöhnlich war der Mann, wo ich in seinen Armen lag. Ich hatte ihn ein halbes Jahr vorher kennengelernt und mich Hals über Kopf in ihn verliebt. Schnell waren wir uns ganz nahe gekommen. Ich hatte zuvor mit keinem Mann so ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit und ich bin mir sicher, dass ich das auch nie wieder haben werde. Auch der leidenschaftliche Sex war von Anfang an etwas Besonderes. Ja, er war leidenschaftlich, irgendwie magisch, genau die richtige Mixtur aus Gier und Gunsterweisen. Und er war skrupellos, wie schamlos. Wir nahmen keine Rücksicht auf den anderen, schon beim zweiten oder dritten Mal zeigten wir uns deutlich unsere Wünsche und ließen im Liebesspiel keinen Körperteil unbeteiligt. Was nun ausgerechnet diese Nacht so besonders gemacht hat, war ihre Dauer und Vollkommenheit. Und nichts hatte vorher darauf hingedeutet. Normalerweise ist das Stehvermögen eines Mannes ja begrenzt, der eine kann ein bisschen länger, der andere dafür zwei- oder dreimal. Andere machen es wie Peg (Peggy) und Al Bundy, aus „Eine schreckliche nette Familie“. Aber irgendwann ist bei allen mal Schluss. Nicht so bei ihm, er hieß Bodo Gutschmidt, falls ich ihn noch nicht erwähnt habe, in dieser schwülen Nacht. Von lange vor Mitternacht bis in den frühen Morgen haben wir fast die ganze Zeit miteinander geschlafen. Ja, ja, wir haben auch wilden, leidenschaftlichen und kochenden Sex gehabt. Mal leidenschaftlich-heftig, mal ruhig und zärtlich. Aber immer in Aktion.

Wenn Sie wissen, was ich meine. Ich hatte unzählige Orgasmen und mein Bodo auch. Er spritzte sein Sperma auf meinen heißen Körper und mir schauerte es am ganzen Körper, als ich ihn dabei in die Augen sah. Als es draußen hell wurde und wir zum ersten Mal seit langer Zeit auf die Uhr schauten, haben wir richtig gestaunt. Bodo und ich haben uns aneinander gekuschelt und noch zwei Stunden geschlafen, bis dass uns der Wecker aus dem Schlaf riss. Und erst da spürte ich die Folgen unseres Tuns. Mit schmerzlindernder Heilsalbe habe ich den Tag dann irgendwie überstanden. Ich wusste schon früh, was guter Sex ausmacht, zum Beispiel die Mischung aus Gier und Gunsterweisen. Dafür geht Bodo auch über seine Grenzen, seinen Penis extrem zu beanspruchen. Bodo Gutschmidt war sexuell erwachsen und er ist sexuell erlebnisfähig.

Am nächsten Tag ging ich mit Bruno Jackson, ein schüchterner Schulfreund vom Gymnasium, den ich in der Stadtbibliothek wiedersah, in einem Raum. Doch eine lange Zeit ist vergangen, denn von Schüchternheit, war bei Bruno nichts zu merken. Irgendwie machte mich das an, Bruno hatte einen gewissen Reiz auf mich. Wir küssten uns leidenschaftlich, gierig, obwohl wir uns schon eine Ewigkeit nicht mehr sahen. Und dann zogen wir und aus, ganz nackt. Von so etwas halte ich eigentlich gar nichts, aber es war nicht zu umgehen und es machte mir auch nichts aus. Da habe ich es eben auch machen lassen. Bruno küsste alles an mir: Augen, Nase, Mund, Ohren und meine kleine beharrte Lustgrotte. Es gefiel mir leidenschaftlich, mit Genuss. Und dann sagt Bruno zu mir „vorbeugen“ und wie ich es mach', rammt Bruno seinen Penis in den Hintern. Es schmerzte etwas, doch dann wurde ich immer geiler und wollte immer mehr von Bruno. Es war mein erster Akt von hinten in den Hintern. Keiner von den Männern, die ich hatte, sagte mir, dass es so auch geht. Und Bruno kenne ich nur als schüchternen Jungen aus dem Gymnasium. Ich kann Ihnen sagen? Ich dreh' mich um, schnappte mir seinen feuchten, steifen, heißen Penis und küsste ihn. Plötzlich ist ein großes lautes Geplapper in der Bibliothek und ein Haufen Leute besichtigte sich diese. Aber das ist ja nichts Neues für mich, denn das ist ja das aufregendste beim Sex, nicht erwischt zu werden. Ich gab mich meinen Gefühlen ziemlich laut hin und Bruno war auch wie ich unersättlich vor Leidenschaft nach mehr. Doch ich schüttelte Bruno ab und renne zur Tür raus. Wie ich zu Hause ankam und meine Mutter wissen wollte, was passiert ist. Dabei gerät ich ganz aus dem Häuschen, aber ich sagte: „Mach dir keine Sorgen, Mutter. Das kriege ich schon wieder ins Lot.“ Denkst du.

Eine Woche später hält vorm Haus ein marineblau-lackierter BMW und Bruno Jackson im dunklen Designeranzug, mit schwarzen glänzenden italienischen Schuhen und einen Strauß roter langstielige Rosen steigt aus und klingelte bei uns und fragte nach mir. Ich versteckte mich in meinem Zimmer, aber Mutter kommt rein und sagt, ein gut aussehender junger Mann steht vor der Tür und möchte zu dir. Ich wurde rot im Gesicht und verlegen, denn damit habe ich gar nicht gerechnet. Ich verließ mit Bruno schnell das Haus, damit meine Mutter keine unangenehmen Fragen mehr stellen konnte, zum Beispiel „Wann ist denn der Hochzeitstag?“ Auf der Fahrt lässt Bruno mich keine Sekunde aus den Augen, als wäre ich ein Gemälde. Dann geht es in ein nobles Café und da sitzen so Geldsäcke mit ihren Divas drin. Die Frauen haben sich total herausgeputzt, mit ihren blitzenden Diamanten um den Hals und die Weiber guckten mich misstrauisch an. Ich muss mich hinsetzen und wir bekamen einen Kellner vor die Nase geknallt, der es in sich hat, trotzdem war er sehr freundlich und wir machten unsere Bestellung, wir bestellten uns zwei Kaffee und zwei Konjak. Wie der Kellner unsere Bestellung brachte, ging er in einen anderen Raum und dort hocken vier, fünf Typen hinter einem langen Tisch und zockten mit den Skatkarten. Der Schweiß tropfte von ihrer Stirn und lassen irgendwas herumgehen, was aussieht wie der Jackpot, mit dem Einsatz, den sie eben erst gemacht haben. Dann stecken sie die Köpfe zusammen und danach unterschreibt einer einen Schuldschein und gibt ihn weiter. Ja, dann ist da in der gleichen Woche noch eine andere Sache passiert, was einen ziemlich großen Einschnitt in meinem Leben markiert. Eine von Mutters Freundinnen ist nämlich eine richtige nette Frau gewesen, die als eine Vorzimmerdame bei einem großen Firmenchef in einer Parfümerie gearbeitet hat. Frau Jackoby, das war ihr Name. Normalerweise ist sie nicht sehr gesellig gewesen, sie kam aus dem langweiligsten Bundesland Deutschland, aus Niedersachsen – Hannover. Doch wie ich am Abend an ihrer Tür vorbeigegangen bin, rief sie nach mir heraus. Es war wahnsinnig heiß gewesen und ein Gewitter hat in der Luft gelegen. Roxane“, meint sie, „ich habe heute Mittag in der Parfümerie einen neuen Duft von Armani bekommen. Möchtest du mal probieren?“. Ich sag’ „ja“, sie winkt mich zu sich herein und der Flakon steht auf dem Tisch in der gut durchlüfteten Küche, wo es nicht so heiß ist. Frau Jackoby gibt mir diesen Flakon, dann fragt sie, ob ich mir etwas anmachen will und dabei zeigte sie mit der Hand auf ihr neues rote Kleid, ich setzte mich auf den Stuhl. Ich bewunderte sie, wie glücklich Frau Jackoby in diesem roten Kleid aussieht. Und draußen blitzte es und donnerte es. Dabei bauschten sich die Vorhänge und Frau Jackoby gibt mir einen Schubs, damit ich mich auf dem Stuhl zurücksinken ließ. Dann streichelte sie mich auf eine ganz intime Art. Mach einfach die Augen zu“, sagte sie, „dann geht das ganz von allein.“ Plötzlich sind Sachen passiert, die ganz neu für mich waren. Ich kann aber nicht genau sagen, was für Sachen, weil ich ja die Augen zugemacht habe. Also, meine Mutter hätte mich jedenfalls umgebracht, wenn sie es erfahren hätte. Aber in Zukunft habe ich so manche Sachen anders gesehen, das können Sie mir glauben. Frau Jackoby war eine sehr hübsche, leidenschaftliche Frau, bloß wäre es mir lieber gewesen, wenn an dem Abend nicht eine Frau diese Sachen mit mir gemacht hätte, sondern ein Mann. Leider habe ich nicht die blasseste Idee gehabt, wie ich der Erfüllung von diesem Wunsch auch nur ein bisschen näherkommen könnte. Weil, so wie ich nun mal bin, ist es für mich nicht leicht, mich mit einer Frau einzulassen. Aber nach diesem leidenschaftlichen Erlebnis trau’ ich mich immerhin. Es war immerhin wunderschön. Eine neue Erfahrung in meinem aufregenden, leidenschaftlichen Leben. Ich denke, jede Frau, die so ein unerfahrenes Erlebnis mit einer Frau hatte, wird mir zu stimmen. Von mir und Frau Jackoby habe ich natürlich nie etwas gesagt. Und siehe da, wer steht am nächsten Abend bei uns vor der Tür? Niemand anderes als Susan Dalon! Richtig tollen Fummel hat sie an, ein schwarzes Minikleid von Jil Sander und eine schwarze Lederjacke aus der Türkei. Nicht mal im Traum ist sie einem Mann begegnet, wo sie so schön war. Mutter hat Susan ins Wohnzimmer geführt und ihr ein frisches Mineralwasser mit drei Eiswürfel gegeben und sie hat gerufen, ich soll herunterkommen. Denn ich bin in mein Zimmer gelaufen, wie ich gesehen habe, dass Susan durch die Gartentür kommt. Leider hätte ich mich von fünftausend Männer auf einmal jagen lassen, als sofort aus meinem Zimmer zu kommen. Aber Mutter ist heraufgekommen, hat mich an der Hand genommen und heruntergeführt und auch ein Mineralwasser mit Eis gegeben. Dann ging es mir schon besser. Ich habe gesagt, wir können ins Kino gehen. Mutter möchte nicht und wollte nicht. Und wie wir aus dem Haus gehen, holte ich schnell die Kinokarten aus meinem Zimmer. Susan ist ganz besonders nett und redet und lacht, aber ich bin dauernd nur am Nicken und Grinsen wie eine Zicke. Das Kino ist bloß vier oder fünf Straßen von unserem Haus weg. Susan und ich gehen rein und setzen uns und dann fragte Susan mich, ob ich Popcorn und eine Cola will. Ich nickte. Wie Susan dann mit den Sachen zurückkommt, hat die Werbung schon begonnen. Dann kam der Film „Stadt der Engel“, ein romantisch und leidenschaftlicher Liebesfilm.

In dem Film geht es um zwei Leute, einem Engel (der Mann) und eine Frau, die Frau verliebt sich in ihren Engel, doch er kann dieses Gefühl nicht erwidern. Dennoch lässt er es zu sie zu lieben und macht die Erfahrung, wie die Menschen fühlen, wie sie mit Leid, Glück und Leidenschaft leben. Sie lieben sich leidenschaftlich und fühlt mit ihr die Leidenschaft der Liebe. Sie fährt morgens in die Stadt, um Frühstück zu besorgen und bei der Rückfahrt, bei einem Überhohlmanöver auf der Landstraße, passiert ein tragischer Verkehrsunfall. Die Frau stirbt. Also, einmal ganz kurz gesagt: „Für seine Liebe muss er sterblich werden, aber das Schicksal gibt die beiden keine Chance!“ Engel (Mann) und Erdenmädchen in einer unsterblichen Liebesgeschichte. Wir hatten uns für alle Fälle Tempotaschentücher mitgenommen, wenn der Film traurig ist und wir heulen müssen. Das machen Frauen so, wenn ein Liebesfilm im Kino läuft. Die Tempos haben auch gerade so für uns ausgereicht. Der Film ist mir sehr emotional an die Nieren gegangen. Ein tragisches Drama, wo zum Schluss einer stirbt. Ist das nicht schlimm, für zwei Liebende? Dann ist es mir vorgekommen, dass Susan in ihrem Sessel noch ein Stück weiter an mir gerutscht wäre. Mitten im Film habe ich dann auf einmal gemerkt, dass sie mir meine ganze Schulter nass geweint hat und ich denke mir, sie muss es wohl irgendwie ganz schön erwischt haben. Ich will sie wieder von meiner Schulter rauf ziehen und sie in meine Arme nehmen. Aber dann hör’ ich, wie Susan ihren String-Tanga herunterreißt und guck runter und sehe, wie Susan ihr Kleid komplett hochzieht. Ich will sie mit den Händen ihre Hüften zudecken, aber sie fängt an leise zu stöhnen und schlägt ziemlich wild um sich mit ihren zarten Brüsten in meinem Gesicht. Sie küsst mich und steckte ihre Zunge ganz tief in meinem Mund. Ich bin ganz erschrocken, denn ich wusste nicht, dass Susan auf Frauen steht. Ich versuche, sie festzuhalten. Nicht, dass sie am Ende noch herunterfällt oder ihr Kleid ganz verliert. Dann drehten sich auch schon die Leute um und wollen wissen, was der Krach soll. Doch das störte uns gar nicht, wir waren gierig auf uns, mit voller Leidenschaft. Plötzlich kommt durch den dunklen Gang ein Typ auf uns zu. Der richtete eine starke Taschenlampe direkt auf Susan und mich. Wie Susan und ich so hell angestrahlt werden, fangen wir an laut zu kreischen, springen auf und laufen aus dem Kino. Draußen lachten wir laut und liefen durch die Straßen nach Hause.

Am nächsten Morgen bringt mich meine Mutter mit Sack und Pack zum Bahnhof und ich setzte mich in den Zug auf meinen Platz, den ich mir Tage vorher bei der Bahn bestellt hatte. Ich habe einen Fensterplatz und wie ich zum Fenster raus schau, steht sie da, heult und wicht sich mit dem Taschentuch die Augen. Also, diesen Anblick kenne ich so langsam in- und auswendig. Der hat sich für immer ins Gedächtnis eingeprägt. Der Zugschaffner pfeift den Zug an und los geht es.

 

 

Kapitel 3

In dem Zug sitzen die Leute in ihrer zweiten Klasse abteilen, die alle in kurzen Hosen, Werbe-Sweatshirts und den weißen Socken, sowie die Frauen in Blumenkleidern sitzen. Der Zugschaffner kommt den Gang entlang und macht es kurz und schmerzlos und seine Zange knipst ein kleines Loch in jeder schmalen Fahrkarte. Danke – Danke – Danke“, einen anderen Satz sagte er nicht. Das war alles im August, also zu einer Jahreszeit, wo es in Deutschland eine Spur heißer ist wie in den anderen grauen Monaten. Ach so, ich reise nach Namibia, falls ich es Ihnen nicht schon mitgeteilt habe. Ein unendlich weites Land ist Namibia. Diese Reise ist ein Traum von mir, wo man bloß ein rohes Ei auf meinem Bauch klopft und in null Komma nichts hätte man ein richtig schönes Spiegelei. In Deutschland hat natürlich nie ein Mann dieses ausprobiert, weil, vielleicht wäre er dann sauer gewesen und das wollte keiner dieser Männer riskieren. Das Leben war auch so schon schwer zu ertragen. Namibia ist ein Land mit Kontrasten. Einerseits, ist Namibia geprägt durch die deutsche schwere Vergangenheit. Ein fast europäisches, verrücktes Land. Andererseits ist Namibia aber Afrika, wie man es sich vorstellt. Ja unglaublich, aber wahr, das kann ich Ihnen sagen. Auf einer Fläche mehr als doppelt so groß wie in Deutschland leben nicht viel mehr als eine Million Menschen. Mein Ziel wird der Besuch des einzigartigen Etoscha-Nationalparks sein. Es ist eins der bedeutendsten Wildschutzgebiete Afrikas. Ich sitze schon einmal im Zug, freue mich schon und bin auf den Weg nach Frankfurt. Nach einer strapazierenden Zugfahrt bei dieser Hitze bin ich gut in Frankfurt angekommen. Abends geht mein Linienflug nach Südafrika. Bis dahin habe ich noch einige Stunden Zeit. Ich werde sehen, dass ich mich noch irgendwo frisch machen kann.

Heute ist der Montag, den einundzwanzigsten August. Auf dem Bahnhof in Frankfurt ist es sehr hübsch. Erst kam es mir vor, man könnte vom Fußboden essen, weil überall das Reinigungskommando herumlief und seinen Besen schwenkte. Alles spiegelte sich, man konnte sich sogar in den Scheiben der Schaufenster sehen. Ich ging in einem Bahnhofsmotel und versuchte mich frisch zu machen. Ich nahm eine kalte Dusche und zog mir neue Klamotten an. Die Zeit war sehr kurz, denn ich musste an der Rezeption noch zahlen und zum Flughafen mit dem Taxi. Ich habe noch ganz bequem das Flugzeug bekommen und das Flugpersonal war auch sehr freundlich. Ich möchte sagen, bald Arsch freundlich, was mir schon einen Schrecken einjagte. Diensttag, der zweiundzwanzigste August, Ankunft in Windhuk.

Am Morgen landete ich in Johannesburg, das ist Südafrika. Doch ich bin immer noch nicht in Windhuk angekommen und fliege von Johannesburg weiter nach Namibia. In Windhuk nahm ich meine Koffer in Empfang und fuhr ins Hotel Mala. Ein paar von den Typen im Hotel stehen an den Türen und haben fast nichts an. Tagsüber ist es schon 22 °C Grad und überall schwirren Fliegen in der Gegend herum. In der Hotelhalle liegt ein Stapel Zeitung. Der Hotelpage bringt mich also auf mein Zimmer, zeigt mir das Zimmer, wie Schlafzimmer und das Bad. Ach so, Trinkgeld wollte der Page auch haben, denn er lächelte bis zu den Ohren und hielt seine Hand auf. Ich hatte kein Kleingeld und schenkte ihn einen Kuss auf die Wange. Er freute sich genauso. Wie man Leute zufriedenstellen kann, erfährt man immer wieder. Ich packe meine Sachen aus dem schweren Koffer und ging in das riechende Bad, wo ich mich kalt dusche. Es ist, als versiegele mein geheimnisvolles Gelübde meine Lippen, wenn ich zugeben soll, dass ich mir selbst Lust unter der Dusche verschaffe. Das hat nicht etwa damit zu tun, dass ich weniger onaniere als Männer. Sie tun es genauso. Wo sich die Männer jedermann lapidar davon berichten, sich auf dem Klo „einen heruntergeholt zu haben, müsste ich, entweder ‚Ich habe masturbiert‘ oder ‚Ich habe onaniert‘ sagen”. Doch das hört sich an wie eine Beileidsbekundung. Und „Ich habe es mir gemacht“ verleiht der Sache eine nicht angebrachte, würdevolle Größe. Ende vom Lied „Die Lady von heute genießt. Und schweigt. Frage mich lieber, warum ich es gerne anders hätte. Dann mache ich mich auf die Socken und werde die herrliche Nacht draußen noch etwas genießen. Ich starr den Typen so richtig scharf an, der nähe des Hotels stand. Ein großer und kräftiger Mann, wie aus dem Bilderbuch. Mein Märchenprinz? Von nun an machte ich so, als ob ich ihn überhaupt nicht bemerkte und ging ins Hotel zurück. Ich zog mich nackt aus und legte ein Laken auf mein Bett und bin schlafen gegangen. Im Traum feiere ich Orgien mit fremden Männern, wir machten sadistische Spiele oder Sex mit Tieren und dabei geht es richtig schamlos zu. Plötzlich klingelte das Telefon, die Rezeption weckte mich zum Frühstück. Mittwoch, den dreiundzwanzigsten August, ich fahre mit dem Bus nordwärts nach Okahandja, wo ich mir die alten Gräber der Hereohäuptlinge besichtigen werde. In Tsumeb besuche ich den Otjikotosee und das kleine Museum, das viel von der Vergangenheit dieses Minenstädtchens erzählt. Rechtzeitig vor Sonnenuntergang fahre ich in den Etoscha-Nationalpark, wo ich in einem Rastlager übernachte. Als wir endlich ins Rastlager ankamen, war ich sehr zufrieden. Ich war von der strapazierenden Busfahrt ganz schön fertig. Der Sonnenuntergang faszinierte mich und den anderen von der Reisegruppe. Die Nacht kühlte sich ab und das Thermometer sank auf 9 °C, wir mussten uns warme Kleidung anziehen. Ich sterbe fast vor Schreck! Am Bus steht ein Typ mit einer ziemlichen wilden Visage. Große Glupschaugen, Mordzahnlücken mit Plack darauf, gelbbraunen Boxernase und fettigen Haare, die in der Luft stehen, wie wenn er mit seinem Penis in eine Steckdose geraten wäre. Das muss wohl einer vom Rastlager gewesen sein. Scheinbar rechnete er damit, dass ihn in jedem Moment einer anspringt. Er geht über den Asphalt und schaut in jedem Winkel der Baracken des Rastlagers. Plötzlich sah er mich. Dieser Mann ist zwar nicht besonders groß, aber total stämmig. Zuerst fragt er mich, wo ich herkomme. Ich sagte, aus Deutschland, meint er, das wäre ein Scheißkaff und dann lässt er mich wissen, dass er aus Bayern ist, da wo sie Weißwurst machen. Und wenn mir die Sonne zu heiß wird, soll ich mir den Topf aufmachen und mir den Arsch mit dem Zeugs einschmieren! Es ist Kokosfett. Bei der Wildbeobachtungsfahrt am Nachmittag, den Donnerstag, der vierundzwanzigste August, hat es auf meinem Platz mindestens tausend Grad gehabt. Mir hat die trockne Zunge aus dem Hals gehangen, als wäre sie ein Schlips um meinen Hals, aber ich habe mich bemüht durchzuhalten. Auf der Fahrt begegne ich die faszinierende Tierwelt im Etoscha-Nationalpark. Mit 22.270 qkm ist er eines der größten und bedeutendsten Wildschutzgebiete in Afrika. Wir haben Flaschen mit Mineralwasser mitgehabt, dass wir uns einteilen sollen, aber keiner hat sich daran gehalten, der Durst war stärker und hat gesiegt. Ich sah die wilden Löwen, großen Elefanten, langhalsigen Giraffen, gestreiften Zebras, flinke Springböcke und sensationell, ängstliche Antilopenarten. Besonders in der Trockenzeit, wie Mai bis Oktober hat man gute Beobachtungsmöglichkeiten, um diese Tiere zu sehen. Ich hatte großen Respekt vor ihnen, wenn sie an unserem Bus neugierig und interessiert vorbei stolzierten. Zum Abendessen und zur Übernachtung fuhren wir wieder ins Rastlager. Schon, seit ich ein kleines schüchternes Mädchen war, sagt meine Mutter jedes Mal, wenn ich etwas falsch mach: „Roxane, wir können im Leben höchstens eine große Erfahrung haben und das Geheimnis des Lebens ist, diese Erfahrung so oft wie möglich wiederzuhaben“. So ein Gefühl habe ich auf diese Reise gehabt, dass ich immer mehr wissen wollte. Dieser Etoscha-Nationalpark faszinierte mich. Ich wurde von einer grauen Maus zur wilden Katze.

Am nächsten Morgen machten wir noch einmal eine Wildbeobachtungsfahrt im Etoschapark. Dass ich sehr aufregend gefunden habe. Die Löwen mit ihren Mähnen, die Elefanten, die ganz wild auf uns attackierten, doch es wahr nur eine Warnung für den Busfahrer, die Zebras mit ihren grauen Streifen, sonst sieht man sie nur auf den Straßen für die Fußgänger. Auch ein paar Giraffen sind uns entgegengekommen, doch die wollten von uns nichts wissen. Anschließend bin ich von der Etoscha-Salzpfanne durch die endlos weite Ebenen zum Hotel im kleinen Ort Outjo gefahren. Es ist ein merkwürdiges Hotel, es war Hotel Ky. Denn die machen hier einen Scheiß, so etwas wäre in Deutschland nicht mal in eine Absteige durchgegangen. Zum Beispiel haben die keine Toilettenschüsseln. Und wenn man aufs Klo will, ist dort nicht mal eine Schüssel zum rein scheißen. Man musste sehen, dass man sich nicht auf die Füße pinkelt oder scheißt. In der Nacht hat sich so ein Blödmann, der wohl scheißen musste, hat sich voll und ganz in der Scheiße gewälzt. Der hat so gestunken, dass er brechen musste und uns mit sehr großen Abstand zur Kenntnis nehmen konnte. Alle liefen mit aufgeblähtem Kopf umher, da alle sich das Lachen verkneifen mussten. Er ging in sein Zimmer, ging unter die kalte Dusche, denn heißes Wasser gibt es nicht. Das Wasser kam nach dreimaligen Klopfen an der Wasserleitung und duschte sich mit kaltem Wasser die Scheiße von sich ab. Doch gestunken hat er immer noch. Heute haben wir den sechsundzwanzigsten August, an einem herrlichen Samstagmorgen. Meine Weltreise führt an die Atlantikküste.

Am herrlichen Nachmittag machte ich einen Stadtrundgang in Swakopmund, das mit seiner unverkennbaren deutschen Tradition so gar nichts Afrikanisches besitzt. Die Menschen sind sehr gastfreundlich und lächeln ein zu, als ob man, wie in einer Familie, dazu gehört. Outjo – Swakopmund ist das zahlreiche Überbleibsel, die an die deutsche Kolonialzeit erinnern.

Alex und ich, wir verstehen uns nicht besonders gut und noch nie habe ich mich so einsam gefühlt. Mir fehlt meine Mutter, ich will wieder nach Hause. Mit Alex klappt es schon deshalb nicht, weil ich nicht verstehe, was er sagt. Sobald er den Mund aufmacht, kommen jede Menge Flüche raus. Und bis ich mir das zusammengereimt habe, was das bedeuten könnte, weiß ich nicht mehr, worum es eigentlich geht. Aber ich würde sagen, meistens geht es bei Alex darum, dass ihm die Frauen nicht passen. Alex Sander, ein Mann aus der Reisegesellschaft, hat mich immer in seinem Wagen auf den Wildbeobachtungsfahrten mitgenommen. Wie ich dann wieder mal zum Jeep komme, ist er über einen großen Gully gebeugt und total am Fluchen. Scheinbar hat er einen Platten gehabt und ist aus Versehen an die Radkappe gestoßen, wo er beim Radwechsel die Muttern hereingelegt hatte und die sind eben in den Gully gerollt. Es sieht ganz so aus, dass wir zu spät in Fahrt kommen, was wegen der Hitze gar nicht gut ist. Ich sage also zu Alex: „Wieso schraubst du nicht bei jedem von den drei Rädern eine Mutter ab, dann hast du für jedes Rad drei von den Dingern und das reicht ja wohl bis zur nächsten Autowerkstatt.“ Alex Sander hört eine Weile mit seinem Fluchen auf, guckt er mich an und sagt: „He, du bist doch eine Frau, wie hast du denn das Aus gekriegt?“ Ich sage: „Kann schon sein, dass ich eine Frau bin, aber ich bin wenigstens nicht blöd.“ Alex Sander springt sofort auf und verfolgt mich mit einem Wagenheber in der Hand und ruft mir die schlimmsten Sachen, die ihm einfallen. Doch hinterher ist unser Verhältnis zueinander ziemlich im Eimer. Danach war mir klar, ich brauche unbedingt Abstand vor Alex und bin ihm aus dem Weg gegangen. Die ganze Nacht dachte ich über die Sache mit Alex nach. Er ist ein Schuft, ein Zyniker. Seine mangelhafte Wahrnehmung Dinge zu sehen, wie sie sind, statt wie sie sein sollten. Hierher rührt die skythische Gepflogenheit, eines seiner Augen auszureißen, um seine Wahrnehmung zu verbessern.

Am nächsten Morgen, den Sonntag, am siebenundzwanzigsten August, habe ich mir am Vormittag von der Reisegruppe freigenommen. Ich schlenderte durch Swakopmund. Am Nachmittag machte ich allein einen Ausflug über Hentiesbaai nach Cape Cross/Kreuzkap, wo viele tausend Pelz- und Ohrenrobben in der größten Robbenkolonie Namibias leben. Inzwischen ist der Tagesausflug der Reisegruppe schon am Laufen gewesen. Und sie mussten sich überlegen, was sie mit dem Tag anfangen, bei der glühenden Hitze. In der Reisegruppe gab es extra einen Typen, der hat nichts anderes zu tun wie die Leute zu unterhalten, wo auch geistig minderbemittelte nicht durchrasseln können. Einer von der Reisegruppe, der gemeint hat, das wäre einfach, sich zum Affen zu machen. Dabei hat sich herausgestellt, dass er eine langweilige Spaßbremse ist. Aber ich muss eben auch mitmachen und eins, zwei, drei, vier zählen. Und da führt kein Weg vorbei, aber es ist in Ordnung für mich. Erst später habe ich dann mitgekriegt, dass ein paar motivierende Leute schon mal ein Auge zudrücken. Denen leuchtet ein, dass man so sehr mit sich beschäftigt ist und nicht immer gleich bei den Späßen mitkommt. Sie haben mich aber trotzdem mitmachen lassen. Heute ist Montag, der achtundzwanzigste August. Von Swakopmund fahre ich durch die genannte Mondlandschaft des Namib-Naukluft-Parks zur Welwitschia-Fläche mit ihren urzeitlichen Pflanzen und den Wildtränken Hotsas und Ganab. Wir waren alle ziemlich überhitzt, das Trinkwasser ging seinem Ende entgegen. Doch es geht weiter zum Kuiseb Canyon und über Gamsberg und das Khomas-Hochland in die Hauptstadt Windhuk.

Am Abend gab es ein Abschiedsessen im Hotel. In Englisch hat es nicht so gut ausgesehen. Scheinbar hatte da keinem Verständnis für Leute wie mich gehabt. Aber bei uns zu Hause haben die Lehrer gemeint, ich soll mich eben mal im Ausland mit der englischen Sprache beschäftigen, dann könnte ich sie richtig sprechen und Englisch denken. Auf dem Gymnasium haben die Lehrer ein Lehrbuch ausgeteilt, das bestimmt zwei Kilogramm gewogen hat und man hätte meinen können, es wäre von einem Chinesen geschrieben. Trotzdem habe ich den Wälzer jeden Abend und jeden Tag in der Bibliothek gewälzt. Und was weiß ich, irgendwie hat mir das Englisch allmählich eingeleuchtet. Fragen Sie mich nicht, wozu das alles gut sein soll. Aber einfach nur diese Sprache sprechen, das war ja so einfach. Die Englischlehrerin hieß Frau Ernst und nach dem Test hat sie mich in ihr Büro bestellt. Roxane“, sagt sie, „ich möchte, dass Sie mir die Wahrheit sagen. Hat Ihnen irgendwer die Antworten auf diese Fragen zukommen lassen?“ Wie ich den Kopf schüttle, fragte ich „Was ist die Wahrheit?“ Frau Ernst ist schockiert und blieb stumm, dann sagte sie: „Oh, Gott im Himmel, was mache ich nur.“ Bei meinem Russischseminar ist es ganz anders gelaufen. Der Lehrer, Herr Manne, ist ein richtig strenger Typ gewesen, der ein Haufen von der Russischen Revolution geredet hat. Nach der ersten Stunde hat er gesagt, wir sollen uns noch am selben Abend hinsetzen und eine kurze Autobiografie von uns selbst schreiben. Das ist so ungefähr das aller schwierigste gewesen, womit ich mich je herumgeschlagen habe. Ich bin fast die ganze Nacht aufgeblieben und habe nachgedacht und einfach alles aufgeschrieben, was mir so eingefallen ist. Und das alles auf Russisch und in russischer Schrift.

Ein paar Tage später gibt Herr Manne die Arbeiten zurück und kritisiert jedem seine Autobiografie und macht sich auch noch lustig darüber. Wie er meine Arbeit in die Hand nimmt, ist mir klar, jetzt bist du geliefert. Aber dann liest er laut daraus vor und wurde still. Die anderen waren auch still geworden. Ich habe einfach nur über mein bisheriges Leben geschrieben und wie im Kindergarten mit den anderen Kindern gespielt habe, was ich in der Schule erlebt habe und dann habe ich von dem Laufsteg in Mailand erzählt. Wie Herr Manne fertig ist, ruft er: „Hier haben wir endlich einmal was Originelles, genau so stelle ich mir das vor!“ und alle drehen sich um und schauen mich an. Und dann meint Herr Manne noch: „Frau Care, Sie sollen sich einmal überlegen, ob Sie nicht an den Lehrstuhl für Literarisches Schreiben wechseln. Wie haben Sie sich das alles nur ausgedacht und das alles in russischer Sprache?“ Ich sagte bloß: „Ich muss aufs Klo.“ Herr Manne ist einen Augenblick lang total ganz starr, aber dann kriegt er sich fast nicht mehr ein vor Lachen und den anderen geht es genauso. Aber schließlich sagt er: „Frau Care, Sie sind eine ausgesprochene witzige junge Frau.“ Und ich musste immer noch aufs Klo. Nach einem netten Abend in Windhuk und einer sehr kalten Nacht unternehmen wir am nächsten Tag, den neunundzwanzigsten August, einem Dienstag, vormittags eine Rundfahrt in der sympathischen Hauptstadt Namibias. In der Hauptstadt Namibias gibt es noch viele Relikte aus der Kolonialzeit zu sehen, die mich sehr interessierten. Die Christuskirche, Alte Feste und den Tintenpalast sind zu sehen. Mittags bin ich dann geflogen von Windhuk nach Johannesburg/Südafrika. Dort nahm ich alles mit an Sehenswürdigkeiten, was in mir noch rein konnte. Denn im Anschluss am frühen Abend nonstop geht es weiter nach Deutschland. Wir waren alle ziemlich geschafft und einige der Reisegruppe nutzten diese Gelegenheit im Flugzeug etwas zu schlafen. Nur ich wollte nicht schlafen, denn die schöne Zeit in Namibia musste ich noch einmal in meinen Gedanken erleben. Ich schaue aus der runden Luke des Flugzeuges und die schlafenden Männer hinter mir sägten den bayrischen Wald ab, mit ihrem Geschnarche.

Pünktlich am Mittwoch den dreißigsten August landet das Flugzeug in Frankfurt. Auf dem Airport verabschiedete ich mich von den anderen der Reisegruppe und manche der Leute haben mir noch ihre Adresse zugesteckt. Dann ging meine Reise weiter mit der Bahn und ich freute mich schon auf Mutter. Um es mal so zu sagen: der Donnerstag fing gut an. Ich faulenzte wie üblich in den Tag hinein. Mutter führte ein interessantes Telefongespräch, es ging um den Klatsch eines früheren Bewohners in unserem Ort. Leider fuhr, werkte die neue Katze von Muttern mit ihren Pfoten dazwischen. Mutter und ihre Freundin, Frau Fick, trafen sich in einem alten Café, bei Chosé. Und dann der Hammer: die Frau Fick kam in das Café, zusammen mit einer Frau, die aussah wie Arabella Kiesbauer. Dasselbe ovale Gesicht, dasselbe dunkle Haar. Bestimmt wollte sie eine neue Story für ihre Talkshow, da ihre letzte Woche ziemlich langweilig war. Sie fuhren mit dem Mercedes zum Treff, ins Café. Die Frau war fantastisch gebaut, schlank, mit toller Oberweite, das schwarz transparente Kleid stand ihr gut. Denn sie hatte einen String-Tanga darunter, eigentlich trägt man ja nichts darunter, dennoch Ansichtssache und das ist ja die Hauptsache. Sie schaute kurz zum Barmann hin, dann hörte sie, eine Hand lässig auf ihre schwarze Umhängetasche gestützt, Frau Fick zu, die einen Haufen Quatsch über die zentral gesteuerte Klimaanlage und die Einbauküche erzählte. Ihre hochhackigen schwarzen Schuhe klapperten Stakkato auf dem Parkett, als sie zu Fenster ging, um den Blick über die niedrig gehaltenen Gebäude auf der anderen Straßenseite der Stadt schweifen zu lassen. Eine Augenweide, auch von hinten. „Ist ja eine großartige Aussicht“, sagte sie. Einen Ehering konnten die anderen Frauen am Weibertisch nicht entdecken, aber so eine war bestimmt verheiratet oder in festen Händen. Ich hatte mir schon in Namibia Gedanken gemacht, ob ich mir ein eigenes Apartment suchen sollte. Mutter hat sich ihr Nest eigen eingerichtet und ihre Interessen sind auch nicht meine. Einen neuen Mann hat sie kennengelernt, das schrieb sie mir in ihrem letzten Brief, er heißt Frank Krönke. Wie immer sie sich entschied, mir soll es recht sein. Wobei ich natürlich davon ausging, dass ich das Apartment nahm.

 

Kapitel 4

Ich drehte mich um, ein kurzer Rundblick, ein Lächeln. Dann hob ich den Kopf. Mein Gott, dachte ich und blicke direkt aus dem Fenster, vom fünfundzwanzigsten Stock. Was für ein hübsches Licht“, sagte ich leise. Die flache gläserne Deckenlampe war im Art-Deco-Stil gehalten. Hier wurde wirklich an nichts gespart. Ursprünglich hatten es Eigentumswohnungen werden sollen. Dafür ist die Miete wirklich günstig. Dennoch war die Miete happig, aber nicht indiskutabel. Ich ging zurück in die Diele, blieb stehen, schätzte mit einem langen Blick das große Wohnzimmer ab. Weiße Wände, frisch gestrichen, eine hohe, breite Fensterfront, dunkler Parkettfußboden, die Durchreiche zur Küche ist auch OK. Wenn der Rest genauso war, tat ich gut daran, hier und jetzt meine Entscheidung zu treffen, danebenhauen kann man immer mal. Aber wollte ich wirklich von zu Hause ziehen und von meiner Mutter, die ich sehr liebe? Und mir den ganzen Umzugsärger aufhalsen? Ein paar Schritte bis zur Küche. Sehr hübsch. Gelbbraune Fliesen auf dem Fußboden, Leuchtstoffröhren unter den Hängeschränken, alle Haushaltsgeräte gepflegt und bestens in Schuss, genug Platz auf der Arbeitsplatte. Das Badezimmer war ein bisschen bunt, aber ganz lustig gemacht. Dunkel getöntes Glas an den Wänden, pinkfarbene Sanitäreinrichtung mit chromfarbigen Armaturen, die muschelähnliche Wanne geräumig, eine große Duschkabine. Einbauleuchten im Hängeschrank über dem großen Waschbecken und an der schwarz glänzenden Glasverkleidung an der Decke wieder eine Art-Deco-Lampe. Das Schlafzimmer war fast so groß wie das helle Wohnzimmer, auch überall frisch geweißt. Der Einbauschrank bedeckte die ganze linke Wand und das mit den weißen Falttüren war eine praktische Lösung. Wieder eine großartige Aussicht aus dem großen Fenster. Ich kann ein Stück vom Park, ein Zipfel vom großen Teich und ein nobles weißes Haus in moderner Architektur sehen. Das Bett würde ich natürlich so stellen, das der Blick aufs Fenster fiel. Ich schickte einen kleinen Seufzer zu meinem Spiegelbild im Chromoval der Deckenleuchte empor und sagte zu Immobilienmaklerin, die an der Tür lauerte: „Es ist nur … Ich habe mich bis jetzt noch nicht anderweitig umgesehen.“ Sie lächelte und sagt: „Es ist ein Schnäppchen. Ich würde es mir nicht entgehen lassen.“ Ich ging in die Diele zurück, schaute mich noch einmal um und dachte an unser Haus mit den hohen Wänden und dem echten Kamin bei Mutter. Aber dann dachte ich an den Rockclub an der Ecke und die Nachbarn, die in der Straße wohnen. Ich nehme es“, sagte ich. Sie lächelte noch schöner, denn ihre Kasse klingelte. „Dann wollen wir zu mir ins Büro gehen. Nur ein paar Unterschriften, um alles Weitere kümmere ich mich.“ Den ganzen Tag wartete der Hauseigentümer auf den Anruf, aber bis Herr Chris Klose sich endlich meldete, war der Nachmittag fast herum. Hallo, Chris“, sagte er ins Telefon und während er beide Monitore ausschaltete: „Wie geht’s denn so?“ “Na, ich geh‘ so. Und Ihnen?“ Super.“ Die Vierteljahresbilanz ist unterwegs. Wenn man die augenblickliche Marktsituation bedenkt, können Sie zufrieden sein, glaube ich. Und was das Haus betrifft: Ich habe veranlasst, dass wir uns noch einmal zusammensetzen und darüber reden, wegen der Lobby.“ Gut, das sehe‘ ich auch so.“ Meine Immobilienmaklerin, Frau Schwarz, hat übrigens eine Interessentin für die drei Zimmer Wohnung. Hatte ich Ihnen gesagt, dass das Apartment leer steht?“ Ja, hatten Sie.“ Roxane Care, Ende zwanzig, ledig. Art Direktorin in der Werbeagentur Jung von Matt. Da sollte man eigentlich vermuten, dass sie eine angenehme, ruhige Mieterin ist. Erstklassige Bankauskunft. Und sie soll gut aussehen, sagt Frau Schwarz. Ach ja – sie hat eine Katze.“ Heißt sie Roseanne, aus dem Fernsehen oder ist es eine Mutation?“, fragte er. Nein, sie heißt Roxane.“ Roxane Care?“ Ja“, erwiderte Chris. Er notierte den Namen. Klingt ja ganz gut. Kümmern Sie sich darum, dass alles nach ihren Wünschen verläuft.“ Ich gebe es weiter. Sonst liegt eigentlich im Moment nichts an.“ Dann will ich Sie nicht länger ans Telefon fesseln“; sagte er und legte auf. Er unterstrich den Namen. Roxane Care. Älter, als er geschätzt hatte. Ende zwanzig. Die letzte Bewohnerin war zweiundvierzig gewesen, als sie starb. Er atmete tief ein und mit einem langen lauten Seufzer aus. Dann schaltete er die Monitore ein und surfte im Internet. Er stellte den Bildschirm dunkler ein. Seine Hände lagen auf dem Regiepult, der Blick ruhte auf den beiden Monitoren mit den verschiedenen E-Mails. Das Bild schien sich in der Tiefe zu verlieren, ein schwarzes Flimmern, in dem nur hin und wieder ein paar kleine Lichtreflexe über die Schirme zuckten.

Am nächsten Abend rief ich Jürgen an und sagte ihm, er solle nun endlich mal seine Bücher abholen. Oh, mein Gott, Roxane, ich weiß, dass es jedes Mal nach einer dummen Ausrede klingt, aber im Augenblick passt's wirklich ganz schlecht. Ich fliege morgen früh nach Brasilien. Du, Roxane, behalte sie doch einfach noch ein paar Monate, ja?“

Tut mir leid, das geht nicht“, sagte ich. „Morgen in einer Woche ziehe ich um. Entweder holst du sie heute Abend oder ich stell‘ sie raus. Mein Interesse an mittelalterliche Literatur ist ziemlich verblasst. Weiß Gott, warum.“ Dass mit Bruno Schluss war, hatte er noch nicht gewusst, er hörte sich richtig betroffen an. Dann ist es gut, dass du umziehst. Ausgezeichnete Idee. Fang noch mal neu an. Hast du was Vernünftiges gefunden?“ Ich erzählte ihm davon. Und es liegt im fünfundzwanzigsten Stock. Aus dem Wohnzimmerfenster sieht man die Leute wie die Ameisen auf den Straßen flitzen und vom Schlafzimmer aus ein Stück vom Park. Viel Licht überall, freundlich und hell. Und eine hübsche Umgebung, viele gut erhaltene alte Häuser, schön niedrig gehalten, weißt du. Die Videothek und ein kleines Café liegt praktisch um die Ecke.“ Ja, Roxane, das ist da, wo man letzten Frühjahr diesen großen Betonsplitter fertiggestellt haben. Da sollen sie ja ein paar Laichen einbetoniert haben. Ist das nicht toll? Wie bei der Mafia.“ Jürgen“, unterbrach ich ihn, „das weiß ich doch alles. Hältst du mich etwa für abergläubisch?“ Ja“, sagte Jürgen und lachte laut. Die Bücher, Jürgen“, erinnerte ich ihn. Wir vereinbarten, dass er um zwanzig Uhr käme, um sie schon mal auszupacken und sie dann abzuholen. Danach sagten wir uns tschüss und ich legte auf. Jaja, die gute alte Verlässlichkeit. Aber da war wohl bei Jürgen nicht viel zu erwarten. Schrecklich, das mit den Toten im Beton. Trotzdem war das Appartement umwerfend. Und hier oben haben sie wohl nicht die Toten einbetoniert. Und ich ließ es mich bestimmt nicht vermiesen, weder von Jürgen noch durch irgendeine Sensationsmache vom Fernsehen. Sechs, acht Todesfälle innerhalb von drei Jahren. So ungewöhnlich war das nun auch wieder nicht in Deutschland, denn in den USA sind es bestimmt das doppelte oder mehr. Und von der Mafia in Italien spricht man nicht mehr. Drei Apartments pro Stockwerk, das macht …? Ach was weiß ich. Die schwarze Katze reibt sich an meinem Fußgelenk. Ich hebe Boni hoch, kraulte sie an der Schulter, vergrub die Nase im weichen Fell, schnurrte ein paar Sekunden mit ihr um die Wette und sagte: Boni, du wirst vielleicht eine Überraschung erleben! Eine ganz neue Welt. Nicht mehr andauernd diese Klatschtanten von Mutter, mein Armes.“ Mein erster Besuch im Fitnessstudio hatte ich ein paar Wochen später. Beim Training war es ziemlich mies gelaufen, bis Trainer Christian herausgefunden hat, was er mit mir anfangen kann. Er hat mich einfach ans Fahrrad gestellt und ich bin losgeradelt. Beim Training bi ich dann echt gut gefahren und habe vierzig Minuten in Tempo achtzig geschafft. Wir haben dann noch alle anderen Geräte ausprobiert, weil ich es gut gemacht habe, hat Christian mir auf die Schulter geklopft und das hat schon richtig weh getan.

Nach dem Duschen rief ich meine Mutter an. Sie hat sich die Kirchenpredigt im Radio angehört und sie könnte platzen vor Glück. Am Abend gingen die Frauen zu irgendwelchen Partys, mich haben sie auch eingeladen. Nach einer Weile kommt irgendwo aus dem Fitnesscenter laute Musik, was sich richtig gut anhörte. Dann stellte sich heraus, dass die poppige Musik aus dem Aerobic-Raum kam. Ein junger gut aussehender Mann, Dirk heißt er, sitzt in seinem Zimmer und spielt Gitarre. Er war im Fitnessstudio nicht dabei, weil er sich beim Training den Zeh gebrochen hat und jetzt hat er auch nichts Besonderes zu tun. Ich durfte mich zum Zuhören in den Sessel setzen und keiner von uns hat was gesagt. Wir haben einfach nur so dagesessen, ich auf dem einen Sessel, Dirk auf dem Stuhl und spielt das Lied Round Here“ von den Counting Crows. Nach einer Stunde oder so, habe ich ihn gefragt, ob ich es auch einmal probieren darf. Und er sagt „okay“. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Dirk mir es wirklich erlauben würde. Wie ich eine Zeit auf der Gitarre herumgespielt habe, werde ich ziemlich gut. Dirk drehte durch und sagt, so einen sauguten Sound hat er überhaupt noch nicht gehört. Doch Dirk übertreibt mit seinem Kompliment. Es ist dann ziemlich spät geworden und Dirk hat gemeint, ich soll die Gitarre mitnehmen. Das habe ich auch gemacht und noch lange weiter gespielt, bis ich dann müde war und ins Bett gegangen bin.

Am Tag darauf bringe ich Dirk die Gitarre zurück. Aber er meint, ich soll sie behalten, weil er noch eine hat. Ich finde das echt toll, dann gehe ich spazieren und setze mich unter einem dicken großen Baum. Ich spiele den ganzen Tag Hello and goodbye“ von Fury in the Slaughterhouse. Es ist schon fast Abend gewesen, von der Sonne war fast nichts zu sehen, wie ich zurück nach Hause ging. Ich latsche durch die Straßen und plötzlich ruft eine Mädchenstimme hinter mir: „Roxane!“ Ich dreh’ mich um. Und wer steht da? Niemand anderes als Susan Delon. Sie strahlt übers ganze Gesicht, wie sie zu mir kommt und mir die Hand gibt, meint sie, wie gut es tut mich wiederzusehen und wie gut ich aussehe und überhaupt. Wie sich später herausstellt, ist sie nicht sauer von der Sache im Kino. Sie findet, dass ich nicht dafür kann, dann fragt sie, ob ich einen Kaffee mit ihr trinken will. Ich glaube, ich träume, so schön ist es, nach langer Zeit, einfach so wieder neben Susan zu sitzen. Sie erzählt, dass sie Gesangsunterricht und Schauspielunterricht nimmt. Sie will ans Theater gehen oder vielleicht auch Sängerin werden. Außerdem macht sie als Sängerin in einer Popgruppe mit. Morgen Abend singt sie in einer Diskothek. Susan sagt, ich soll doch vorbeischauen. Ich kann es kaum erwarten, das können Sie mir glauben. Ein junger dunkelhaariger Mann im leichten grauen Sweater eilte an mir vorbei, stemmte beide Hände gegen die schwere Glastür und hielt sie für mich auf. Ich war mit zwei flachen Kartons beladen, einer auf den anderen gestapelt, beide voll mit kleinen Kostbarkeiten. Und weil eine andere Frau gerade Koffer in den Fahrstuhl schleppte, war ich dankbar für die Hilfe. Ich lächelte ihn zu, als ich mich an seinen Armen vorbeidrückte. Er war jung, mit blauen Augen und gut sah er auch aus. Das kann ich ihnen sagen.

Am Eingang zur Poststelle kniete einer im schwarzen Arbeitsabzug und schrubbte auf Knien die Marmorplatten. Die Stockwerkanzeige über den Fahrstuhltüren flimmerte rot. Der junge Mann war hinter mir hergekommen, stand jetzt neben mir und ein paar Schritte entfernt. Ich schielte aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber und sah, dass er den leichten Blick von einer Tür zur anderen pendelten ließ. An seinem Handgelenk trug er eine glänzende Rolex-Armbanduhr. Er macht einen gepflegten Eindruck. Seine Größe, kurzgeschnittenes schwarzes Haar. Dreiunddreißig, fünfunddreißig. Plötzlich sah er mich an und sagte: „Soll ich Ihnen …“ Danke, nein“, sage ich. Er lächelte mir zu. Ja, ein umwerfendes Lächeln, breit über ein paar Grübchen weg. Und auch die Augen lächelten mit. Fantastisch, finde ich. Ich lächelte zurück und schaute auf die Anzeige. Die Türen glitten auf, der fünfundzwanzigste Stock. Der Flur sah aus wie im zwanzigsten und vermutlich in allen Stockwerken. Das Gleiche runde Tischchen unter dem großen Bild mit Früchten darauf, der gleiche hässliche eierschalenfarbene Teppichboden. Ein Mieter wandte sich nach rechts, wo die anderen Apartments lagen und die Fahrstuhltüren glitten zu. Ach so“, sagte der Mieter, „ich kenne mich hier in der Gegend gut aus. Also, wenn Sie mal irgendetwas erklärt haben wollen, dann klingeln Sie einfach bei mir.“ Wie ist denn der Supermarkt gegenüber?“, frage ich. Ganz o.K., ich war gerade dort. Gut zu wissen“, sagte ich. Na, dann, bis bald.“ sagte er. Er drehte sich um und ging in sein Apartment. Ich lächelte. Ganz niedlich, dieser junge Mann. Ende zwanzig, aber höchstens. Als die Möbelträger weg waren und sie das Papier, die Pappreste und Abfallreste zum Müllschlucker im Treppenhaus gebracht hatten, kümmerte ich mich um den Abwasch. Danach schenkte ich mir ein Mineralwasser ein, um erst mal in aller Ruhe mein neues Heim in Augenschein zu nehmen. Im Sonnenlicht des Nachmittags biss sich die Sonne mit den modernen Designermöbeln, wie ich befürchtet habe. Also, alles in allem, mit einem schönen Licht und der Aussicht, sowie mit der hypermodernen weißen Küche und dem witzigen Bad und vor allem mit dieser himmlischen Ruhe, ist das neue Appartement entschieden besser als bei Muttern zu Hause. Dann, nicht zu vergessen, unbelastet von allen anderen Erinnerungen. Das einzige, was ich vermissen würde, ist der Kamin. Dabei kommt mir in den Sinn, Susan anzurufen und vorzuschlagen, dass sie heute Abend vorbeikäme. Susan passte das gar nicht, sie hat zu tun. Danach rief ich noch mal in der Werbeagentur an und ließ mir von Rick erzählen, was anlag. Aber da war nichts dabei, was nicht noch warten könnte. Ich sage zu Rick, sie solle Schluss machen und nach Hause gehen. Ich selbst wollte noch einkaufen, bevor ich mich über die Kartons hermache. Ich packte den Anrufbeantworter aus, schloss ihn an, überprüfte, ob er funktionierte, dabei ließ ich ihn eingeschaltet. Zum Glück fand ich auf an hieb meinen weißen Pullover. Ich streifte ihn über, fuhr mit den Händen durchs Haar, zwei, drei Striche mit dem Lippenstift und ein paar Tupfer Make-up, dann war ich … Stopp, ich war noch nicht weg. Geld und die Schlüssel musste ich noch einstecken. Im Dreizehnten kam ein hochgewachsener Kahlkopf und eine klein geratene, vollbusige Frau, ein Ehepaar nach. Wir gaben unser Einverständnis. Er streckte die Hand aus, dass das Licht im Knopf glomm und trat ein Schritt zurück. Im Siebenten bekamen wir Gesellschaft, eine blonde gut aussehende Frau in Jil Sander Kleidung, mit gelocktem Haar. Sie musterte mich fotografisch, in dem sie offensichtlich viel Arbeit hatte. Dann drehte sie sich abrupt weg und starrte auf die blanke Tür. Es ist still im Fahrstuhl geworden. Plötzlich bleibt der Fahrstuhl stehen, ich ging zur Tür und stieß sie auf. Der kahlköpfige aus dem Fahrstuhl wartete. Er faste nach der Tür und schenkte mir einen Blick, aus tief um ränderten Augen. Ein kurzes Lächeln, dann wandte ich mich um und ging zur Kreuzung. Als ich dort ankam, sprang die Ampel gerade auf Grün um. Ich überquerte die Hauptstraße und bummelte die andre Seite entlang und warf einen Blick in die Restaurants. Ich rief meine Mutter an, um zu sagen, dass ich den Umzug hinter mich hätte und wie toll es hier wäre. Dann stand ich am Fenster, löffelte einen Vanillejoghurt, schaute zu den Autos an der Straße hinüber, wo die anderen Autos Spielzeug klein dahin huschten. Ich öffnete das Fenster ein paar Zentimeter, den Flügel links und den rechts. Sie legte eine CD von George Michael in den CD-Player und liest das Buch Sliver“. Mit einem Blitzgedanken ging ich ins Schlafzimmer und nehme mir dort die Kartons vor. Sogar mir, Roxane Care, mit meinen kupferbraunen Augen, ja, Roxane Care mit der samtweichen Haut und dem dunklen Haar, sogar Roxane Care mit dem vollen Busen und dem knackigen Hintern, wurde auf die Dauer langweilig. Da half selbst ein spannendes Buch nicht, mochte es auch noch so spannend gewesen sein. Acht Uhr zeigte die Uhr, als ich aufwachte. Ich streckte mich lang aus, sog die Lungen voll Luft, pustete den Atem langsam durch die Lippen und blinzelte ein paarmal. Den linken Arm über die Stirn gelegt, starrte ich auf die Glühlampe inmitten der Deckenleuchte über dem Fußende des Bettes. Dabei erblickte ich mein winziges Ebenbild. Du hast es gut, kleines Ich. Eine Weile blieb ich still liegen, dann angelte ich ein Päckchen Papiertaschentücher aus dem Nachttisch, schwang mich hoch, ging ins Bad und putzte mir die Nase. Ich warf das Tuch in die Toilette und drückte die Wasserspülung. Am großen Waschbecken ließ ich lauwarmes Wasser laufen und tupfte mir die Augen und die Wangen ab. Und das ganze noch einmal, mit Gesichtsseifenlotion. Ich richtete mich auf und sehe in den Spiegel. Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch! Für uns beide ist es so gut genug. Und überhaupt, für heute reicht es mit der anstrengenden Arbeit. Ich rief Susan an, erwischte nur den Anrufbeantworter. Ist es nicht toll, diese moderne Technik? Menschen reden mit einem Anrufbeantworter. Das kann ich Ihnen sagen. Ist nicht so wichtig“, dachte ich, „ich schau’ ja mal zu ihr rein und erzähle es ihr." Ich ging in die Küche. Schnell mal einen Jogurt mit Stracciatella probieren. Mhm. Dann ging ich ins Bad, lasse mir Wasser in die schöne große Wanne und prüfte die Wassertemperatur am Handgelenk, Stöpsel zu einem Blub, Blub, Blub Badeöl hinein. Schön, wie der Schaum sich zu bauschen begann. Das Deckenlicht stellte ich dunkler, wunderbar, die Dimmer. Schließlich lag nur noch matter Schimmer auf dem alles beherrschenden Bunten. Im Schlafzimmer zog ich mich aus, ohne Licht. Also, musste ich die Jalousetten nicht herunterlassen. Ist doch klar. Oder? Ich öffnete das Fenster und lehnte mich hinaus, beide Hände auf die Brüstung gestemmt. Eine lauwarme Brise umschmeichelte meine nackte Haut. Die Fee vom Wetterdienst hatte recht behalten. Mein Blick fiel auf die laut betrunkenen Leute auf der Straße. Denn sie singen ein Lied: „Wollen wir mal erben, müssen Leute sterben … am liebsten hätte ich mich selber in den Hintern getreten. Und heute wäre es nicht zum ersten Mal. Warum ich nicht schon früher auf den Gedanken gekommen bin, ein Appartement zu mieten, für mich allein. Ich ging zurück ins Bad und stieg in die Wanne mit dem heißen Badewasser. Ich versinke im heißen Badewasser und lehne den Kopf auf den Wannenrand. Dabei habe ich meine Augen geschlossen, entspannend. Ich fand es witzig, wie von Zeit zu Zeit meine Füße aus dem weißen Schaum tauchten. Manchmal waren es auch nur meine rot lackierten Zehen. Ich streichelte mich unter Wasser, ohne heftigen Bewegungen. Nur so zur Entspannung nach dem anstrengenden langen Umzugstag. Meine Hand tauchte aus dem Schaum auf und massierte mir den Hals. Ach seitlich und im Nacken, ich bin ganz schön verspannt. Das kann ich Ihnen sagen. Das flinke Spiel der Finger in meinem Schoss, der Rosenduft, der knisternde Schaum, das seidenweiche warme Wasser. Trotzdem, irgendetwas wurmte mich. Das Gefühl, dass ich etwas verpasst hätte. Ein Signal, das nicht bei mir angekommen war. Den ganzen Tag nagte das schon in mir. Da war was. Doch ich hatte es nicht mitgekriegt, weil ich so beschäftigt gewesen war. Ich räkele mich unter dem Schaum. Was mich wirklich wurmte, war vielleicht, dass ich allein war. Die erste Nacht im neuen Appartement und keinen Traumprinzen, überhaupt niemand. Ich richte mich auf und lehne mich zurück, die Arme auf den Wannenrand gestützt. Blicke hoch zum schimmernden Deckenlicht. Dann puste ich die Schaumkrönchen von meinen großen straffen Brüsten, links und rechts. Das kitzelte auf den Brustwarzen. Die sich sowieso schon frech reckten. Ich hebe ein Bein aus dem Wasser und Schaumflocken tropften mir von der Verse. Ich krümmte den Fuß und stemmte die Zehen gegen die Art-Deko-Armatur. Also, der Aerobic Trainer, der hat sich da was ausgedacht. Der hat mir nämlich beigebracht, wie man ausdauernd auf dieselbe Stelle hüpft und das noch mit verschiedenen Setups. Jeden Tag nach dem Training war ich mit den anderen Frauen ausgelaugt, dass uns die Zunge bis zum Bauchnabel heruntergehangen hat. Aber irgendwie ging es doch, ich fühlte mich prima und war fit für eine nächste Aerobic Stunde. Der Trainer meint nur: „Das bringt gute Kondition, für den nächsten Tag. Ihr werdet euch vielleicht umgucken!“

 

 

Kapitel  5

Dirk und ich, wir sind inzwischen echt gute Freunde geworden. Er hat mir ein paar neue Songs auf der Gitarre gezeigt. Und manchmal sind wir in den Park gegangen, da haben wir einfach nur so herumgehangen und haben miteinander darauf losgespielt. Aber Dirk hat nur gemeint, so gut wie ich schon spiel, wird er im Leben nicht. Sie müssen wissen, dass ich mich bei dieser Musik total wohlgefühlt habe. Ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Ein bisschen, als wenn ich selber die Gitarre wäre und vom Spielen eine Gänsehaut bekomme.

Am nächsten Freitag schmeiße ich mich total in Schale, denn ich gehe mit Dirk in den Studentenclub. Ein Haufen interessanter Leute ist da. Auch Susan steht tatsächlich mit ein paar Männern an der Bar. Sie hat ein langes, enges, schwarzes Kleid an. Susan hat mich hinter in der Menge stehen sehen und mit den Augen gewunken, ich soll mich vorne hinsetzen. Dabei kommt mir der Gedanke, ich könnte etwas zu trinken besorgen, vielleicht trinkt sie ja ein Glas Sekt mit. Alle haben es echt gut gefunden und waren richtig happy, als die Band schon eine Stunde oder so, Songs von Bob Dylan und anderen gespielt haben. Ich sitze mit geschlossenen Augen, mit dem Rücken zur Wand und hör zu. Auf einmal, ich weiß gar nicht recht wie, doch ich habe die Songs mitgesungen. Eine ganz merkwürdige Sache ist das gewesen, denn die anderen Leute sangen alle mit. Die Band hat gerade „Blowing in the Wind“ gesungen. Hinterher klatschen die ganzen Leute im Publikum wie verrückt. Ich kann Ihnen sagen, die alten Songs kommen immer noch sehr gut an bei den jungen Leuten. Dann ist Susan zu mir gekommen, wir begrüßten uns mit einem Küsschen und ich reiche ihr das Glas Sekt. Und Susan hatte gemeint: „Roxane, ich glaube es nicht! Du bist hier im Club?“ Sie hat mich dann ganz fest umarmt, so hat Susan sich gefreut mich zu sehen. Ich bin mir vorgekommen wie im zweiten Himmel, denn im ersten bin ich schon. Dann habe ich herausgefunden, dass Susan mit dem Sänger der Band vögelt. Jedenfalls war ausgemacht, dass Susan und ich uns später draußen noch treffen. Wie ich hingekommen bin, sind schon ein paar Typen von der Band gegangen, bloß Susan und den Sänger sehe ich nirgends. Ich habe erst einmal herumgefragt und dann bin ich herausgegangen, um auf dem Parkplatz frische Luft zu schnappen. Dirk ist schon nach Hause gegangen, denn er hatte keine Lust auf mich zu warten. Plötzlich habe ich gesehen, wo Susans Auto, ein kleiner weißer Smart, stand, dabei habe ich mir gedacht, vielleicht ist dort im Auto. Hereinschauen konnte ich nicht, weil die Scheiben total beschlagen waren. Auf einmal habe ich gedacht, womöglich ist sie da drin und ist eingeschlafen oder so. Ich will mal nachsehen und wie ich die Tür aufmache, geht das Innenlicht an. Oh. Da ist sie dann auch und liegt auf der Sitzbank. Ihr enges Kleid ist oben runter und unten hochgezogen. Der Sänger ist auch da und liegt auf Susan drauf. Wie Susan mich plötzlich sieht, fängt sie an zu stöhnen und schlägt um sich. Genau wie im Kino. Mein Gott, ein Theater haben die gemacht, das können Sie sich nicht vorstellen. Sie haben ja so getan, als wäre ich ein Spanner gewesen. Er brüllt mich laut an und sie brüllt mich natürlich genauso an. Schließlich sagt Susan: „Roxane, wie kannst du nur!“ und ich mache die Tür wider zu. Auf jeden Fall ist klar, dass sie mich nicht dabei haben wollen und da ging ich eben in meinem Apartment. Ich war noch richtig geschockt und so ganz ist mir noch nicht klar, was nun eigentlich passiert ist. Später sieht dann Dirk, dass bei mir Licht brennt und schaut noch vorbei. Und wie ich Dirk von der Sache erzähl, sagt er: „Mensch, Roxane, die haben es wirklich miteinander getrieben?“ Na ja, vermutlich hätte Dirk es auch mit mir gemacht, aber ich wollte es ehrlich gesagt gar nicht so genau wissen. Aber manchmal muss eine Frau eben den Tatsachen ins Auge blicken. Und wir haben es getan, das erste Mal. Es gibt Tage, an denen will die Natur dem Menschen beweisen, dass sie stärker ist. Ich bin nicht irgendwer. Ich bin der Schwarm der jungen Männer und allabendlich in den Träumen aller alten Männer zu Gast. Und ich bin eine Persönlichkeit, in der ich viel Mut investiert habe. Dem „Ja“ zu diesem Beischlaf mit Dirk Jahnke waren unzählige abgekaute Fingernägel und Abfuhren vorausgegangen. Ich saß seit einer knappen Viertelstunde im Schlafzimmer auf dem Bett. Ich bin nass zwischen den Beinen und so einsam, wie es nur sexhungrige Frauen sein könne. 

Irgendwann beschloss ich, die Rolle des begossenen Pudels anzunehmen und zu Dirk ins Bad zu gehen. Da stand plötzlich Dirk vor mir unter der heißen Dusche und huschte mich zu ihm. Die langen Haare klebten in meinem Gesicht und die Brustwarzen leuchteten wie elektrische Kirschen. Er schaute mich nur ganz kurz an, pustete eine Horde Wassertropfen von seiner Oberlippe und steckte mir seine Zunge tief in den Mund. Ich hatte sofort die stärkste Erektion meines Lebens. Er zog mich auf das Bett, ohne seine Zunge aus meinem Mund zu nehmen und bot ihm meine straffen Brüste an. Dann glitt ich ganz langsam mit der Hand an seinen kräftigen Körper und nahm seinen Penis in die Hand. Ich bin die erste Frau, die seinen Penis in den Mund nahm. Ein paar Dinge muss ich noch erwähnen, weil sie bis heute eine Bedeutung in meinem Leben haben. Der Wasserstrahl aus der Dusche hat einen weichen harmonischen Klang und es hat keinen Sinn, gegen diese Melodie anzuvögeln. Es gibt ein paar Momente der reinen Lust in meinem Leben. Und diese Momente sind nicht personenbezogen, sie sind zufällig, aber total. Und dann haben Männer ein erotisches Selbstbewusstsein, dass sich aus solchen Erlebnissen speist. Wer einmal im Leben so gevögelt hat wie Dirk an diesem Abend, der hält sich sein Leben lang für einen Riesentypen. Es war wohl ganz gut gewesen, das Dirk Jahnke mich sexuell auf Trab gehalten hat, weil mir echt zum Kotzen war, wie ich geschnallt habe, Susan Dalon macht es mit diesem schwitzigen Bandsänger und an mich hat sie wohl keinen Gedanken verschwendet. Mir hat es nichts ausgemacht, fast alle Schwarzen, die ich getroffen habe, sind nämlich netter zu mir gewesen, wie die Weißen. Ich bin jedenfalls in die Karibik gedüst. Genau gesagt, mache ich eine Kreuzfahrt mit der Voyager of the Seas. Die Voyager of the Seas ist nicht nur ein technisches Wunderwerk und das größte Kreuzfahrtschiff der Weltmeere, sondern ein schwimmender Urlaubstraum der Superlative! Das kann ich Ihnen sagen. Nach dem Motto: „Urlaubsfreuden neu entdecken“ eröffnet sich mir an Bord ein riesengroßes Feuerwerk neuer Ideen. Ich bin fasziniert von einer Kletterwand 60 Meter über dem Meeresspiegel, eine Eislaufbahn im Bauch des Schiffes, eine Flanier, Promenade so lang wie ein Fußballfeld, einen Golfplatz mit neun Löchern, Sportplätze, die mich als Nichtsportfreund voll zufriedenstellen und ein gigantes Fitness- und Wellnessbereich und und und … Ich glaube diese Karibikreise wird für mich unvergesslich sein, dass kann ich Ihnen sagen. Mein Flug geht am Samstag, den zwölften Mai von München nach Miami/Florida. In Deutschland regnet es und schüttet es wieder, der peitschende Wind presst den Regen an die Fenster des Zuges. Später im Flugzeug nach Miami habe ich nichts mehr davon mitbekommen. Nach meiner Ankunft in Miami erfolgt die Begrüßung durch die örtliche Reiseleitung und der Transfer zum Hotel. Dort übernachte ich, in einem ganz luxuriösen Appartement. Das Bett hat schon auf mich gewartet, so sah es aus und ich schlief die erste Nacht durch.

Am nächsten Morgen klingelte das Telefon und ich war doch ziemlich aufgeregt, der Zimmerservice weckte mich. Danach bin ich aufgestanden und ging ins Bad, nahm eine heiße Dusche und ging Frühstücken. Am Vormittag, Sonntag, den dreizehnten Mai, lernte ich die schönen Seiten von Miami kennen. Ich nahm an einer halbtägigen Stadtrundfahrt teil. Ich bin nicht mehr aus dem Staunen herausgekommen, denn Miami ist das wirtschaftliche Zentrum des US-amerikanischen Bundesstaates Florida. Wegen der Nähe der Tropen und des warmen Golfstroms ist das Klima recht feucht und warm. Das heißt, man hat eine Temperatur tagsüber von circa 28 °C und nachts circa 20 °C. Der schöne Ausflug endet für mich am Hafen von Miami, wo die Voyager of the Seas bereits auf mich wartet. Die Einschiffung ging zügig vonstatten, man musste nicht drängeln, wie beim Sommerschlussverkauf. Ich ging auf meine Kabine, DB, das heißt de luxe, außen, mit Balkon. Meine Kabine ist mit einer Dusche, WC, Fernsehen, Telefon, einer Klimaanlage und Föhn, für die nassen Haare ausgestattet.

Am Montag, den vierundzwanzigsten Mai, ist Erholung auf die weite See angesagt. Das große Kreuzfahrtschiff ist von Bug bis Heck ein Erlebnis! Die Voyager of the Seas ist eine Kombination aus einem Grand Hotel mit Meeresblick, einem Unterhaltungscenter, einem Schönheitssalon, einer Kunstgalerie, einem Fitnessclub, einer großen Einkaufspassage und zahlreichen Restaurants und Bars. Das überzeugt mich selbst von der überdimensionalen Vielfalt an Bord. Die Babsi, eine Frau aus München, die ich auf dem Schiff kennengelernt habe, ist in meine Kabine gekommen. Sie hat aber nicht viel gesagt, bloß dass ich Dampf machen muss, wenn wir auf die Privatinsel wollen oder so ähnlich, denn ich bin schon so weit für den Landgang fertig geworden. Babsi ist ein Vollweib, dabei ist sie kein Vamp, aber in jeder Minute 100 % Frau. Babsi hat schamlos rote Lippen, ist etwas pummelig und verlangend nach Liebe. Ja, schon bei den Steinzeitmännern hieß es „Nur fruchtbare Frauen sind schöne Frauen“. Also, fanden die Männer dicke Frauen besonders sexy, denn zu Urzeit verlief eine Schwangerschaft nur dann erfolgreich, wenn die Mutter genug Kalorienreserven in Form von Fettzellen gespeichert hatte. Das ist der Grund, kann ich Ihnen sagen, warum der Fettgewebeanteil im Körper bei Frauen höher ist als bei Männern. Auch heute noch, aber das wissen Sie ja schon. Ich gehöre zu der Femme fatale, das ist das uneingelöste Versprechen des Vollweibes. Ich bin ein permanenter Lockstoff, ohne Erfüllung. Babsi und ich haben heute am Dienstag, den fünfzehnten Mai, die Gelegenheit auf einer sehr schönen reedereieigenen Privatinsel einen unvergesslichen Karibikbadetag zu verbringen. Herrliche Palmenstrände und kristallklares Wasser laden uns zum Schwimmen, Schnorcheln oder Surfen ein. Und so ging es dann den ganzen Tag, schwimmen, schnorcheln und sonnenbaden. Zwischendurch ging Babsi surfen und wir fühlten uns wie im siebenten Himmel. Babsi kommt aus dem Wasser zu mir gelaufen und schüttelte über meinem Rücken den nassen Kopf. Babsi hat es gewusst, dass ich mich wahnsinnig erschrecken werde, ich lasse diese Aktion von Babsi über mich ergehen. Dann malt sie irgendetwas auf meinem Rücken und flüstert in mein Ohr, was ich nicht richtig verstanden habe. Plötzlich ruft sie meinen Namen und möchte, dass ich mit ins Wasser komme. Mir sind schon Schwimmhäute gewachsen, das können Sie mir glauben! Roxane“, sagt sie, „du musst unbedingt mit ins Wasser kommen.“ Sie ist mit dem Gesicht ganz dicht vor mir und ich spüre ihren Atem richtig heiß auf meinem Gesicht. Roxane, das ganze Leben habe ich heimlich von einer Freundin wie dich geträumt und du bist großartig. Genau, so eine Freundin will ich haben, die mit mir den Männern das Blut zum Kochen bringt. Die bringen wir derart zum Kochen, dass denen die Hosen um die Knöchel schlottern. Aber alles hängt von dir ab, Roxane, geh mit mir raus und jage, als würde ein wildes Tier in dir stecken.“ Wir wollten noch eine Tour mit dem Paddelboot oder Kajak unternehmen. Doch wir genießen einen erfrischenden Coco Loco im Schatten einer Kokospalme. Babsi sieht mich mit einem leidenschaftlich verträumten Blick an. Ich nicke ihr zu und dann ist es auch schon wieder Zeit auf das Schiff sich bringen zu lassen. Überall sieht man die weißen Körper der Touristen auf dem Oberdeck sich in der prallen Sonne braten, aber ich finde es in Ordnung. Doch manche Leute kennen nur den Weg von der Kabine zum Oberdeck und wenn sie Hunger bekommen, dann laufen sie noch in den Speisesaal. Ach, scheiß darauf, so ist es eben manchmal im Leben. Denn jeder von uns hat seine Tricks auf Lager, wie man sich den Stress von sich fern hält. Am Rand vom Oberdeck kommt Babsi zu mir her und sagt: „Roxane, es mag ja sein, dass du eine Schüchterne bist, aber wir wollen doch alle nur unseren Spaß. Ich sorge auch dafür, dass niemand etwas davon mitbekommt, was dir sonst so mit mir vorschwebt.“ Dann tätschelt sie mich im Nacken, ganz zärtlich und ich ließ es zu. Beim ersten Griff unter meinem Shirt werde ich sie sofort stoppen. Jetzt wird es verdammt eng, sie ist schon auf meine Taille mit ihren Händen. Beim zweiten Versuch will ich sie austrickse und nehme ihre Hand weg und lege ihre Arme um mich, sodass ihre Hände auf meine Brüste liegen. Aber Babsi zog mich in ihre Kabine. Ich liege flach auf dem Rücken unten drunter und überlege mir, was für ein Gefühl, das wohl ist, wenn ich auf ihren weichen massigen Körper liegen werde. Das Besondere an Babsi war ihre Tätowierung, ein Skorpion. Sie befand sich in unmittelbare Nähe ihrer Klitoris, am unteren Ende des ersten Viertels ihrer dunkelroten Schamlippen, von Babsi aus gesehen auf der linken Körperhälfte, von meiner Blickrichtung aus auf der rechten. Der Skorpion ist nicht größer als eine Streichholzgröße, ja fast schwarz und irgendein Gynäkologe hatte ihn schon vor mir entdeckt, untersucht und für harmlos erklärt. Ich sah mir den Skorpion eigentlich täglich an. Es ist diese Zeit, in der man eigentlich studiert, aber vor allem viel Sex hat. Ich bin mir auch bis heute nicht sicher, ob es wirklich Zufall war, dass Babsi ausgerechnet in dem Moment in die Kabine stürzte, in dem ich in den Spiegel starrte. Und erstaunlicherweise blieb sie in der Tür stehen, glotzte selbstbewusst und unvermittelt auf meinen blanken Hintern und sagte laut, dass sie da jetzt hineinbeißen wolle. Das tat sie dann später am Strand auch. Ruck zuck, lag ich auf dem Rücken, niedergehalten des Gesäßes von Babsi. Babsi hat sich auf meinem Gesicht gesetzt, mit ihrem feuchten Schoss und bedient sich mit enormer Geschwindigkeit selbst. Doch jetzt tanzte ich auf ihr auf und ab, um meinen Schoss so weit wie möglich für ihre lebhafte Zunge zu öffnen. Für mich ist das Ganze besonders aufregend, weil ich mir sage, du musst mitnehmen, was du bekommst. Babsi macht einen enorm zufriedenen Eindruck, dann holt sie kräftig Luft durch die Nase und meint: „Dann wollen wir das alles noch einmal wiederholen, Roxane.“ Ich sagte nicht nein und ich konnte es auch nicht mehr, als sie mir in den Nacken kleine Küsse gab, die mit kleinen leidenschaftliche Bisse waren. Ochos Rios liegt etwa 108 km östlich von Montego Bay. Der Name geht auf das altspanische Wort „rauschender Fluss“ zurück, das auf neu spanisch „acht Flüsse“ bedeutet. Heute haben wir den sechzehnten Mai, einen Mittwoch. Der Aufenthalt hier wäre nicht komplett ohne einen Besuch bei einer der Hauptattraktionen der Insel, den Dunn’s River Falls. Der rauschende Wasserfall stürzt 200 Meter tief über glatte Steinkaskaden in eine malerische Bucht. Babsi und ich beobachteten ein Naturschauspiel der besonderen Art. Wie auf einer Bühne in einem Theater. Nach diesem Naturschauspiel sind wir auf dem Schiff eingetrudelt und kurz darauf hat mich der Kapitän des Schiffes in seinen Schiffsraum kommen lassen. Wie ich hereingehe, sieht er echt autoritär und elegant in seiner Uniform aus. Frau Care“, sagt er, wollen Sie Deutsch sprechen, das verstehen Sie. Ich sagte „Ja, ich spreche Deutsch. Können sie mir erzählen, wie sie Kapitän von diesem großen Schiff geworden sind.“ Na ja, das ist eine lange Geschichte und mit der will ich sie nicht langweilen“, sagte der Kapitän. Ich konnte mal durch die Scheibe sehen, direkt aufs offene Meer. Ansonsten bin ich jedenfalls ganz untröstlich. „Frau Care“, sagt er, „es tut mir wirklich sehr leid, ihnen nicht mehr von den Instrumenten ausprobieren zu lassen.“ Ich stehe einfach nur mit zusammengepressten Händen da, bis mir allmählich aufgeht, was das heißt, wenn ich an den Schiffsarmaturen herumspielen könnte. Mit der Vorführung ist es vorbei. Ich muss vom Kapitänsdeck. Womöglich sehe ich die anderen Typen nie wieder und Susan Dalon auch nicht, wenn sich die Katastrophe wie auf der Titanic wiederholt. Ich geh’ mit dem Schiff unter und von den anderen Passagieren kann nicht jeder gerettet werden, denn sie erfrieren. Ich habe mich jetzt in dieser Sache so hineingesteigert, dass ich es nicht gemerkt habe, wie mir die Tränen in den Augen stehen. Denn diesem Film habe ich mir sechsmal im Kino ansehen müssen. Dennoch sage ich keinen Ton und stehe bloß da und lass den Kopf hängen. Babsi steht auf, kommt zu mir heran und legt mir den Arm um die Schulter. Das geht schon in Ordnung, Roxane. Ich habe so etwas auch öfters und muss einfach darauf losheulen.“ Wie ich nun ganz verheult Babsi ins Gesicht schaue, hat Babsi auch Tränen in den Augen und schaut mich ganz fest an. Roxane“, meint sie, eine Frau wie dich hat es in meinem leben noch nie gegeben und so eine wird es auch nie geben. Du bist großartig. Ich bin in meine Kabine gegangen und habe mich aufs Bett geworfen und habe weiter geheult. Babsi ist hinterhergekommen mit zwei Bier und eins davon hat sie mir gegeben. Ich habe vorher noch nie Bier getrunken, aber ich sehe schon, wie man bei dem Zeugs auf den Geschmack kommen kann. Babsi legt sich mit mir aus das Bett und siehe da! Wir konnten unserer Leidenschaft nicht nachgeben und die Hände waren von Babsi so kalt, dass ich Babsi nicht widerstehen kann. Wir sind ganz still und ich ging langsam mit den Händen in ihren Schoss. Was Babsi sehr genoss und sie stöhnt nach mehr Zärtlichkeit von mir. Roxane“, sagt sie, „das machst du gut mit deinem Finger, mach weiter!“ Ja doch, mein Schatz“, sag’ ich. Dann kommt er, einer nach dem anderen Orgasmus, sogar bei mir ist es gekommen, wie ein Vulkan, wo sie mich mit ihrem Gefühl dabei mitreißt und unser Atem war dabei eins. Babsi will noch nicht aufhören, aber ich sage ihr, ich kann nicht mehr. Lass uns zusammen aufhören“, meint sie noch. Komm, vergiss es, sage ich ihr und steige aus dem Bett, dabei hole ich mir was zu trinken.

 

 

Kapitel  6

Am nächsten Morgen wachen wir zusammen auf. Den siebzehnten Mai, acht Uhr. Ich geh’ schon mal unter die kalte Dusche und zieh mich an. Babsi hatte es irgendwie schwer mit dem aufstehen, doch ich scheuchte sie ein wenig unter die kalte Dusche. Sie flehte mich an, dieses zu lassen und schreite mich an. Heute sind wir nördlich von Georgetown, dort liegt der Seven Miles Beach, ein fast 10 km langer Badestrand. Die Pflanzenwelt ist wie auf den anderen karibischen Inseln sehr vielfältig. Klar. Typisch für Grand Cayman sind Lilien und Orchideen. Die Halbinsel Yucatan ist das Herzstück der Hochkultur der Maya, Ruinen ihrer imposanten Bauwerke finden sich in diesem Teil Mexikos überall. So ging meine Reise weiter nach Cozumel/Mexiko. Besonders sehenswert sind die Ruinen der alten Mayastadt in Tulum, die sich majestätisch über der karibischen See erheben. Babsi und ich haben auch die weltberühmten Ausgrabungen von Chichen Itza besichtigt. Erholung auf See. Wer kennt das schon, wenn man auf Reisen ist? Haben Sie Ihr Schiff wirklich schon von Kopf bis Fuß erkundet, wenn Sie auf Reisen sind? Babsi und ich können heute ein letztes Mal unseren persönlichen Lieblingsaktivitäten nachgehen. Denn heute ist Samstag, der neunzehnte Mai. Wir machten eine Runde auf der 38 Meter langen Inline-Skatingbahn, dann gehen wir zum 9-Loch Golfkurs auf dem 13ten Deck, wo wir eine Menge Spaß haben. Vielleicht tummeln wir lieber auf dem Turnierplatz für Glücksritter, im Casino Royal, welches das größte interaktive Rouletterad der Welt beherbergt wird. So viel Spaß für wenig Geld, von München bis Miami/Florida. Meine Kreuzfahrt mit Babsi endet am Sonntag, den zwanzigsten Mai um 8 Uhr, in Miami, dem wichtigsten Passagierhafen der Welt. Babsi und ich hatten noch Zeit und Lust, um unsere Reise für vier Tage im Hotel Hollywood Beach Plaza zu verlängern. Nach der Ausschiffung findet der Transfer zum Hotel statt. Am nächsten Tag fliegen Babsi und ich nach München, wo wir uns dann auch verabschiedeten und uns versprachen, dass wir uns schreiben werden und den Kontakt behalten. Sie will mich zuerst anrufen. „Okay!“, dachte ich leise. Der Bus ist spätabends an der Bushaltestelle des Hauses, meines Apartments angekommen. Meiner Mutter habe ich noch nicht angerufen, dass ich da bin, weil ich nicht wollte, dass sie wieder gleich vor meiner Tür steht. Wie ich nun nach Hause komme, sehe ich, dass oben im Haus Licht brennt. Ich geh’ zu meinem Apartment und sehe wie meine Nachbarin total beim Heulen und fluchen ist, genau das hat mir jetzt auch noch gefehlt. Sie erzählt mir, ihr Mann hat schon mitgekriegt, dass sie es nicht geschafft hat essen zu kochen. Denn sie war mit ihrer Freundin beim Friseur. Also, wenn sie da schon gewusst hätte, was sie jetzt von ihrem Mann weiß, wäre sie nie nach Hause gekommen. Meine Mutter hat mich ein paar Tage später angerufen. Sie hat mir ein Schokokuchen gebacken, den ich immer so gerne esse. Ein ziemlicher Brocken von einem Mann brüllt seine Frau an und ein andrer großer, kräftiger Mann aus dem Haus geht zu ihm hin und sagt: „Hören Sie, geht das auch leiser? Keine Sau will das wissen, was Sie ihrer Frau erzählen und kein Schwein interessiert das hier im Haus.“ Der große Brocken dreht bloß den Kopf zu ihm um und meint: „Guter Mann, meinen Sie vielleicht, die anderen stehen an der Tür und drücken ihr Ohr daran, damit sie alles mitbekommen?“ und schon brüllt er wieder in der Gegend herum. Es dauert nicht lange, bis er auch mich anbrüllt und ich geh’ in mein Apartment zurück. Ab geht es, ich muss auch immer so neugierig sein. Permanent anschreien tut man mich nun schon auf dem Flur, seit ich von der Kreuzfahrt zurück bin. Aber das können Sie mir glauben: So laut und wüst wie diese Hausbewohner brüllt sonst keiner. Nie sind die zufrieden in ihrer Beziehung oder Ehe. Also, beim Studium hat man ja immer zu hören gekriegt, wie blöd und bekloppt man wäre, wenn man einen armen Mann heiraten würde. Das ist hier ganz anders, die Paare interessieren sich nämlich mehr für ihr Sexleben und ihren Stuhlgang und die Brüllerei fängt immer mit „Arschloch“ oder „Zicke“ oder irgendetwas Gemeines an. Auf jeden Fall werden die Tiere immer größer im Zoo. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn ich im Kloster gewesen wäre, bevor ich das Leben genossen hätte’. Das Apartment ist eine Idee besser als der Affenstall bei Mutter, das ist nämlich absolut zum Kotzen geworden, mit den Nachbarn von Mutter. Dafür kann ich mir das Essen kochen, was mir schmeckt. Dann habe ich eben ein paar Wochen lang einfach nur das gemacht, was mir Spaß macht und mir ist dabei nicht einmal langweilig geworden. Das hat man mir beigebracht, wie man am besten abhängen kann und nicht auf dem Bauch herumrobbt. Und wenn zufällig mal nichts von der Art angesagt ist, bin ich im Studentenclub herumgerannt und habe die Männer abgeschleppt. Interessant ist das gewesen, wie leicht die Männer an der Nase zu führen sind und ihre eigenen Frauen haben nur lange Nasen bekommen. Es gibt auch Frauen, die intelligenter waren wie ich und das war echt mal ganz nett zur Abwechslung. Ich bin noch nicht mal lange im Studentenclub gewesen, da habe ich schon den ersten Mann gekriegt, weil ich aus Versehen ihm auf die Füße getreten bin. Ich gehe also auf die Tanzfläche und da stellt sich heraus, der Mann hat sich verguckt in mich. Irgendeiner zeigt auf mich und sagt: „Hübsche, du machst heute das Baby, klar!“ Wen soll ich machen?“, frage ich. „Ich habe doch noch nie das Baby gemacht.“ Na und?“, brummt ein anderer. „Sind wir hier vielleicht in Hollywood?“ Wie wäre es mit etwas zu trinken?“, meint wieder ein anderer. „Damit kommst du erst richtig in Fad.“ Und was soll ich da trinken?“, frage ich. Guck mal in die Getränkekarte und komm an die Bar“, sagt der Typ. „Bestell einfach irgendwas, was du trinkst, ich lade dich ein.“ Aber, wenn das dann mich umhaut?“, frage ich noch. „Ist doch scheißegal. Hast du hier vielleicht schon mal was getrunken, was dich nicht umhaut?“ Da hat er nun auch wieder recht. Ich hole mir also einen Cocktail, der es wirklich in sich hat, mit Wodka, Curassao, Tabasco, Whisky, Sekt und so was, was da noch hereinkommt. Und zum Schluss wird der Cocktail noch garniert, mit einem Pfirsich und einer Banane darauf, ganz oben, mit einem Cocktailschirm und einem Strohhalm, damit die Prozente des Alkohols nicht entkommen können. Oh Gott ist mir wird schon schlecht, dass kann ich Ihnen sagen. Also, hau‘ weg den Scheiß“, sage ich und trank den ganzen Cocktail auf einmal aus. Da fragt ein Typ aus der Mitte der Bar: „Mensch, wo soll ich denn die Hübsche nachher abliefern?“ Wieso fragst du nicht die Kleine selbst, solange sie noch auf dem Barhocker sitzt?“ meint einer. Eins ist jedenfalls sicher“, sagt noch so ein Typ, „wenn die nach Hause kommt, hat sie ein Kopf, als wenn ein Presslufthammer die Straße aufräumt. Du lässt dir also besser was einfallen.“ Wie wär's denn damit?“, frage ich. Bevor euch die Köpfe um mich zerbrochen werden, kann mich jemand nach Hause bringen?“ Und wieso nicht?“, fragt ein Typ an der Bar. Weiß ich doch nicht. Aber ich würde die Finger davon lassen, wenn ich du wäre“ sagt ein anderer Typ. Mach doch, was du willst“, meint einer. „Einer muss sie nach Hause bringen, denn allein schafft sie es nicht mehr.“ Also nimmt einer von den Männern mich unter die Arme. Ich lächle ihn an und musste plötzlich Röpsen, aber dann versuchte ich mich zusammenzunehmen, damit der nette Mann mich nach Hause bringt.

Nach einer Stunde oder so bin ich dann in meinem Apartment angekommen. Na, was macht der Kopf?“, fragt der Typ. Ich versuche damit klarzukommen“, sage ich. Ich nahm den Schlüssel aus meiner Tasche und versuchte das Schlüsselloch zu finden, damit ich die Tür aufschließen kann. Ist das eine Prozedur mit diesem Schlüsselloch. Lass mich mal probieren“, meint der Typ und schließt die Tür auf. Kleines, das ist ja noch mal gut gegangen“, sagt er. Der Typ legt mich aufs Bett und ab da weiß ich auch nicht mehr, was geschehen ist. Eine halbe Stunde später wurde ich wach und öffnete langsam meine Augen. Jetzt muss ganz schnell was passieren, das ist klar, ich drehe also meine Augen auf, so weit es geht. Der Typ sitzt im Sessel und glotzt mich an und ich weiß vor lauter Aufregung nicht, warum ich hier auf dem Bett liege. Also, was tun und was ist passiert, wie ist der Typ in die Wohnung gekommen? Der Kaffee ist gleich so weit, Roxane“, sagt er. Und ziemlich genau in diesem Augenblick piept die Kaffeemaschine, dass das heiße Wasser durchgelaufen ist. Was geht hier vor?“, frage ich. „Wie bin ich hier hergekommen und wie sind sie hier hereingekommen? Und …“ Was alles passiert ist, weiß ich nicht so genau. Ich kann mich nur daran erinnern, dass sie es an der Bar voll weggepustet hat und die Typen gelost haben, wer sie nach Hause bringt.“ Die Kleidung haben sie mir auch ausgezogen, bloß meinen Tanga nicht, den ich noch an habe“, sage ich, verlegen. Oder auch nicht verlegen. Ich weiß auch nicht, was ich jetzt noch denken soll. Keine Ahnung, wie wir das hinbekommen haben, aber das war vielleicht ein Akt mit ihnen. Also, wenigstens haben sie dann den Mund gehalten von wegen ‚Wann wollen wir Liebe machen, süßer‘ und so“, sagt er. Was zum Teufel ist passiert?“, schreie ich. „Was ist passiert?“ Ich schaue dem Typen in seine Augen, ja, von dem ich noch nicht einmal seinen Namen weiß. Ich ging aus der Küche und er gießt zwei Tassen mit dem heißen Kaffee voll. Ich habe ihn dann verziehen und bin froh, dass er mich unversehrt nach Hause gebracht hat. Doch das muss er ja nicht gleich mitbekommen, denn seinen Namen kenne ich auch noch nicht. Irgendwann am Tag hat dann in der Wohnzimmer das Telefon geklingelt und Dirk ist dran gewesen. Der hatte Sehnsucht nach mir, weil es sich herausgestellt hat, dass er mich in dem Studentenclub verloren hat. Trotzdem fragt er, ob ich mich am Wochenende freimachen kann und mit auf den Dom nach Hamburg komm, wo wir mal wieder Karussell fahren und andere Dinge machen können. Aber ich habe schon etwas vor, wie jedes Wochenende. Ich kann also nicht mitfahren, aber beim nächsten Mal nehme ich mir nichts vor und fahre mit Dirk nach Hamburg und wir gehen auf den Dom. Da können Sie mal sehen, wie raffiniert Dirk ist. Der hat sich gedacht, diese Roxane Care, ist doch zu überrumpeln und komme schon an diesem Wochenende mit. Ich freue mich echt über das nächste Mal mit Dirk, in Hamburg auf dem Dom. Aber es würde mich eben interessieren, ob Susan Delon mitkommt. Aber wie sich bald herausstellt, ist es sowieso egal, weil ich einen Monat später eine weitere Reise geplant habe, ganz ohne Witz. Ich will noch Amerika entdecken, wie Christoph Colombos, aber ich weiß ehrlich nicht, was auf der Reise auf mich zukommt. Ist lange nicht so schlimm wie die Kreuzfahrten, die ich in letzter Zeit gemacht habe. Das ist allerdings ein Witz, das haben Sie schnell gemerkt. Stimmt’s?

Im November bin ich in New York am Hafen angekommen. Von da habe ich einen traumhaften Start auf eine unvergessene Kreuzfahrt. Ich erlebe an Bord der nagelneuen MS NORWEGIAN SUN die faszinierenden Metropolen Amerikas und die Traumziele der südlichen Karibik. St. Maarten lädt mich zum Bummeln und zum Schoppen ein. Aruba bietet mir mit seinen bunten Giebelhäusern „Klein-Holland“ in der Karibik und auf Virgin Island ist der Kontrast zwischen dem üppigen Grün der Vegetation und dem Türkisblau des Wassers besonders stark. Ich glaube, dass alle auf jeden Fall die traumhaften Strände und eine farbenfrohe Unterwasserwelt gemeinsam haben. Es ist eben ein Sonnenkurs durch die Karibik. Das können Sie mir glauben! Der Linienflug nach New York ging am Freitag, den zweiten November, von Frankfurt. New York ist eine der aufregendsten Metropolen der Welt. Nach der Begrüßung in New York erfolgt der Transfer zum Hotel, wo ich auch übernachte.

Am nächsten Tag, den dritten November, am Nachmittag um 16 Uhr, lädt man mich zu einer Stadtrundfahrt ein. Die Fahrt ging durch die schöne faszinierende Stadtmetropole und die Reiseleiterin zeigt die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt. Es war echt interessant: unter anderen den Times Square und den Broadway, die Börse an der Wall Street, das Rockefeller Center und das Empire State Building. Die Leute in dieser Stadtmetropole sind alle richtig freundlich gewesen und haben gewunken und so. Der Ausflug endet zur Einschiffung auf MS NORWEGIAN SUN. Die Kreuzfahrt geht weiter nach Norfolk/Virginia/USA, zum Sonntag, den vierten November. Schon fast den halben Tag, bevor wir Norfolk erreicht haben, war klar, wo die Stadt liegt. Norfolk ist einer der größten Flottenstützpunkte der Erde. Die Sehenswürdigkeiten hier stehen in jeder Beziehung zum Meer. Die Virginia Beach ist ein erholsames Seebad, das fantastische Strände besitzt. Die Reisegruppe besucht das Chrysler Kunstmuseum und ich bummelte über die neu gestaltete Hafenpromenade. Denn ich habe es nicht so, mit dem Kunstmuseum, bei dieser Hitze. Die Hafenpromenade von Virginia Beach hat auf mich dann aber einen ziemlich guten Eindruck gemacht, doch es sind mindestens 23 °C. Es hat nicht so ausgesehen, als wenn ich heute viel gelaufen wäre und alle Menschen hier sind sehr nett. Dass es so entspannend ist, liegt scheinbar an den Menschen, weil sie sich einfach Zeit nahmen oder wie das bei denen heißt. Ich bin total erleichtert, als ich wieder mit der Reisegruppe zusammengestoßen bin. Die Ruhe hat dann aber nicht lange gehalten. Erst hat die Reiseleiterin uns zu unserem Schiff geführt und dann bin ich auf meine Kabine geflüchtet. Die anderen Leute haben sich noch ein paar Eindrücke aus dem Chrysler Kunstmuseum ausgetauscht und gingen ins Mitteldeck an die Bar. Ich habe mich erst einmal bis auf das letzte Shirt ausgezogen und mich unter die Dusche gestellt, kalt musste das Wasser sein, denn ich bin den ganzen heißen Tag so nass, wie ein nasser Schwamm gewesen. Es ist nicht zum Aushalten bei dieser Hitze, doch besser als zu frieren, wie in Deutschland. Das kalte Duschen ist dann echt nicht schlecht gewesen, es hätte Eiswürfel tropfen können, weil die letzte Dusche heute Morgen gewesen ist und so langsam habe ich ganz schön gestunken. Ich stehe splitternackt da und schaue ganz blöd in den Spiegel.

Heute am Montag, den fünften November habe ich die Gelegenheit, die MS NORWEGIAN SUN in aller Ruhe zu erkunden. Großer Gott! Da liegen vier oder fünf Typen, die mit mir in der Hafen-Promenade bummeln waren. Man sieht kaum noch, dass das Menschen sind, so übel zugerichtet sind die. Sie sehen aus wie, wenn sie aus einem Glühofen kommen oder irgendeiner wurde von einem Feuerwerker ausgestrahlt. Ich habe vorher noch nie einen Hautkrebs gesehen und das ist für mich ganz schrecklich und entsetzlich. Schlimmer als Metastasen, wie alles andere, was ich vorher oder nachher erlebt habe. Ein junger gutaussehender Mann winkt mir zu, ich soll hinterherkommen, das tu’ ich auch. Von oben muss ich vielleicht ein bezauberndes Bild abgegeben haben. In seiner Fantasie, eine gutaussehende, splitternackte Frau, die auf dem Deck steht und in den Himmel schaut. Die Weitläufigkeit des Schiffes, das gehobene Ambiente und die unzähligen Bordaktivitäten sind bereits ein Erlebnis für sich. Die ganze Nacht ging die Party weiter, wir blieben in der Bar und haben uns einen Drink nach dem anderen bestellt. Getanzt habe ich auch, denn ein leidenschaftlicher, gekonnter Bühnentänzer ist auf der Party gewesen. Kurz vor Tagesanbruch hat die Stimmung der Leute nachgelassen, dann hieß es vom Barmann, bewegt eure Hintern, denn ich muss in einer Stunde wieder öffnen. Weil wir ziemlich neu gewesen sind, konnten wir nicht viel machen. Wir haben erst einmal nicht gewusst, wo wir die Hocker hinstellen sollen, aber dann hat der Barmann gemeint, wir sollen uns auf den Kabinen schieben. Um 8 Uhr erreichen wir das romantische Städtchen Charleston in South Carolina, das auf einer Halbinsel im Mündungstrichter von Ashley und Cooper River liegt. Alte Villen im Kolonialstil mit kunstvollen Balkongittern und traumhaften Gärten erinnern mich an den berühmten Film Vom Winde verweht“. Den ganzen Dienstag, am sechsten November, duften wir uns nicht von der Reisegruppe entfernen. Frühstück und Mittagessen waren gewöhnungsbedürftig. Und wie es dunkel wird, fangen die andern Frauen wieder mit den Männern eine Party in der Bar an. Also, bin ich auch wieder eingeladen. Mann, o Mann, das hat vielleicht Spaß gemacht.

Die folgenden Tage, den Mittwoch, der siebente November und den Donnerstag, der achte November, frönte ich mich dem herrlichen Nichtstun. Zwei Tage lang kann ich mich treiben lassen und mich einem Bedürfnis hingeben. Zum Beispiel zum Golfen, Volleyball spielen, mit den anderen, zum Aerobic oder ich werde mich animieren lassen zur Bewegung, der Wassergymnastik. Dann ist endlich jemand auf die Idee gekommen, wir können ins Restaurant gehen und uns von den kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnen lassen. Wir haben viel gelacht und betören uns von den karibischen Cocktails die Sinne. Das war so herrlich und ich fühlte mich endlich mal wieder wohl im Leben, wovon ich immer geträumt habe. Dafür ist im Restaurant die Gerüchteküche am Brodeln. Eine Frau, die vierzig, behauptet, ich würde mich von den Männern beturteln lassen. Eine andere ist überzeugt davon, dass ich das brauchen würde. Wieder eine andere meint, das ist nicht die Frau am Tisch, es sind die Männer, die ihr den Hof machen. Mir ist es ziemlich egal, was die für ein Zeugs daher reden. Ich scheiß’ auf die ganzen Gerüchte. Puerto Rico! Das bedeutet amerikanischer Lebensstil gepaart mit südamerikanischem Temperament und pulsierende Rhythmen, die die lebensfrohen Menschen hier prägen. Wir gingen in die Stadt in eine Erfrischungsbar, denn hier ist die Heimat des Bacardi Rums. Wenn man die Stadt jedoch hinter sich lässt, sieht man bezaubernde Buchten, Regenwälder, Haziendas und immer wieder endlose Strände. Nach diesem herrlichen Tag, dem Freitag, der neunte November, es ist 22 Uhr, habe ich mich in meiner Kabine gemütlich gemacht. Na ja, so blöd bin ich nicht, dass ich draußen etwas verpassen würde. Dafür habe ich mich diese Nacht mit alkoholfreien Getränken und eine Flasche Bacardi Rum eingedeckt und den Fernseher lass’ ich auch laufen. Einer von den Partygästen aus der Bar kommt in meine Kabine und sagt, du musst mit in die Bar kommen, weil da oben der Teufel los ist und sie alle mich vermissen. Nu ja, jedenfalls habe ich schon einen Bacardi Rum getrunken und Los ging's. Am nächsten Morgen sind wir in Thomas/ US Virgin Islands, es ist frühmorgens 7 Uhr. Die amerikanischen Jungferninseln, die ich am Samstag, den zehnten November besuche, mit einem schweren Kopf, von dem letzten Abend in der Bar, zu denen auch St. Thomas zählt, gehören klimatisch zu den angenehmsten der Karibik. Bei einem gemütlichen Streifzug durch das Städtchen kann ich in den unzähligen Geschäften zollfreie Waren wie Uhren, Kameras, Gold, Silber, T-Shirts und vieles mehr erstehen. Die Hauptattraktionen für mich sind alledem jedoch die vielen Jachthäfen rund um die grünen Hügel der Insel und der Puderzuckerstrand der Magens Bay, der zu den schönsten Stränden der Welt zählt.

Heute ist Sonntag und ich bekomme die Augen kaum auf, denn der Abend gestern ist sehr locker gewesen, wir hatten alle unseren Spaß, sogar der Barmann Mario, wurde lockerer mit dem Ausschankschluss. Eigentlich ist es ein sehr interessanter Mann, er sieht gut aus, wie ein Prinz, er ist klug, braun gebrannt von der Sonne und er bringt mich zum Lachen. Ich bin in Philipsburg/St. Maarten, am elften November, um 8 Uhr. Philipsburg ist eine Insel mit zwei Flaggen. Ja, die Insel kann sich zwei Flaggen leiten, nicht wie im kalten, grauen Deutschland, wo die Politiker die Leute mit ihren Steuern abzocken. Damit sie für ihre Pension rundum versorgt sind. Sogar für das öffentlich/rechtliche Fernsehen muss man Gebühren/Steuern zahlen. Es kommt noch, dass so ein Klugredner, Steuern für die Benutzung des Bürgersteiges anordnet oder für das Einatmen von Abgasen aus der Luft. Da frage ich mich. Warum arbeiten denn die Menschen aus der privaten Wirtschaft für ihre Rente, wenn sie nicht einmal den Bruchteil davon bekommen, von dem sie einzahlen. Doch im Moment bin ich auf eine Kreuzfahrt, wo ich die Leute lachen sehe und sie sind so freundlich zu einem. Es gibt doch noch Länder, wo ich schon überall war, die stolz auf ihr Land sind. Ach so, da fällt mir doch noch ein Witz ein „Ein Deutscher geht an die Bar und der Barkeeper fragt ihn ‚Warum machst du so ein langes Gesicht‘, da fängt der Deutsche mit dem langen Gesicht an, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.“ Glauben Sie mir, er ist nicht darauf gekommen. Oder kommen Sie darauf? Na? Und wenn der Deutsche heute noch an der Bar steht, dann ist er immer noch nicht auf die Pointe gekommen. Der Nordteil Saint Martin ist eine französische Überseeprovinz und Saint Maarten im Süden gehört zu den Niederländischen Antillen. Ich werde vor Philipsburg vor an Land gehen, der Hauptstadt des niederländischen Teils. So geht die MS NORWEGIAN SUN in Philipsburg auf Reede. Ich habe mich schon an Bord auf den heutigen Tag gefreut, denn ich habe endlich wieder Land unter den Füßen, schlender durch die Straßen und bestaune die bunten Holzhäuser im Zuckerbäckerstil. So um 18 Uhr gehen wir wieder auf die MS NORWEGIAN SUN und ich freute mich schon auf das Abendessen. Ich geh’ auf meine Kabine, dusche und so was, welches Frauen noch so machen, um schön auszusehen und ich werde mich auch etwas anderes, elegantes versteht sich, zum Abend anziehen. Der nächste Tag ist sehr ruhig. Erholung auf See, am Montag, den zwölften November. Von den sogenannten Inseln unter den Winden geht die Fahrt weiter nach Aruba, eines der Kleinode der Niederländischen Antillen. Also werde ich heute ein paar ruhige Stunden auf See genießen und ein Platz auf dem Liegestuhl auf die herrliche Sonne warten.

Dienstag, 8 Uhr, heute ist der dreizehnte November. Ich gehe heute in Aruba an Land. Die Straßen sind von Palmen und pastellfarbenen Gebäuden gesäumt. Es ist heute ein freier Himmel und bummle über die Märkte tropischer Früchte. Ich kann mir sogar ein paar Früchte mitnehmen und probieren und ich kann einmal richtig sehen, wie ein Künstler sein Kunsthandwerk entstehen lässt, wie zum Beispiel das Werken von Tontöpfen, Seidenmalerei und viele kreative, national künstlerische Sachen. Erholung ist auf dieser Kreuzfahrt ein großes Gebot für die Reisenden und mich langweilt es am Mittwoch, den vierzehnten November und den fünfzehnten November, den Donnerstag auf die MS NORWEGIAN SUN zu verweilen. Entschuldigen Sie, aber die Landgänge bringen mir mehr Abwechslung auf der Kreuzfahrt und wenn ich Ihnen mal was gestehen darf, so richtig Schiffs-tauglich bin ich auch nicht. Dennoch verbringe ich zwei wunderschöne See Tage an Bord von MS NORWEGIAN SUN. So koste ich die Vielfalt des schwimmenden Hotels noch einmal in vollen Zügen aus. Ich werde in die Bar gehen und mich betrinken, dann werden die zwei Tage bestimmt schnell vorübergehen. Die Bar ist ganz leer, die Leute liegen alle an Deck und genießen die herrliche Sonne im Liegestuhl. Der Barmann hört sich meine Probleme an, ein guter Mensch, ein Gott. Ich bestelle mir ein Glas Sekt, dann noch ein Glas und damit er mir nicht immer wegrennt, wenn ich ihm gerade von meiner Mutter erzähle, bestell’ ich mir eine Flasche Sekt. Ach, ist das nicht wunderbar? Ein gut aussehender, netter, höflicher und verständnisvoller Mann, der mir auch einmal zuhören kann.

Der nächste Morgen. Man ist mir schlecht, ich glaube, ich muss brechen. Und ich kann Ihnen sagen, ich muss brechen. Heute ist Freitag, der sechzehnte November, 7 Uhr. Am frühen Morgen erreicht die MS NORWEGIAN SUN den Hafen von Miami. Nach der Ausschiffung werden mir und den anderen Reisenden, im Rahmen einer Stadtrundfahrt die Sehenswürdigkeiten von Miami gezeigt. Ich habe mir meine neue Polaroid mitgenommen, womit ich schon auf den anderen Inseln und Städte, für zu Hause Fotos gemacht habe, um in Miami mir noch ein paar Fotos zu machen. Es hat sehr viel Spaß gemacht und ich habe dabei sogar meine Kopfschmerzen vergessen. So und nun? Die Stadtrundfahrt endet an einem Hotel in Miami. Toll. Hier kann ich die verbleibende Zeit für Strandspaziergänge nutzen. Ich werde aber auch noch letzte Einkäufe im hübschen Shoppingcenter Bayside Market Place“ erledigen. Welches ich vom Hotel leicht erreiche. Auf jeden Fall wahr der Shoppingcenter umwerfend, ich bin so beeindruckt gewesen, dass ich diese Kreuzfahrt so leicht nicht vergessen werde.

Samstag, der siebzehnte November. Heute ist der Tag des Heimfluges, ich bin auf der Transfer zum Flughafen und werde nachher den Flug nach Frankfurt nehmen. Der Flug war lang und den ganzen Flug habe ich auch nur geschlafen und an die schönen Momente auf der Kreuzfahrt gedacht. Meine Ankunft ist am Sonntag, den achtzehnten November, in Frankfurt und werde von hier aus meine Heimreise mit dem Zug antreten.

 

 

Kapitel  7

Dass Susan Delon ganz schön in der Scheiße sitzt, hat man schon gesehen, bevor ich die Kreuzfahrt in die Karibik machte. Aus dem Fick im Auto, mit diesem Typ, ist in diesem Dorf jede Menge Klatsch und Tratsch aufgestiegen und Susan hat eine mordsmäßige Wut im Bauch. Ich bin noch nicht einmal im Haus meiner Mutter gewesen, da haben die sich schon auf mich eingeschlagen und haben mir sinnlose Fragen gestellt. Einer von ihnen ist explodiert, in diesem Augenblick. Leute, was wisst ihr und was könnt ihr überhaupt, sagt er. Ich bin genau dieser Meinung und sie sollten sich ihr eigenes Toilettenpapier nehmen und daran riechen. Ich sag’ „okay“, das tut mir schließlich nicht weh, wenn ich Ihnen sage, dass die Leute den größten Scheiß am Hacken haben. Jetzt wäre es schon auch noch egal gewesen, wenn sich die alten Weiber aus dem Dorf auf mich gestürzt hätten, aber ich hatte keine Zeit mehr diesem Quatsch nachzugehen. Die Leute sollten sich demnächst informieren oder ob man einfach hinguckt, was bei der Antimissionarsstellung abgeht. Auf jeden Fall pfeifen mir die Männer hinterher, wie ich ins Haus gehe und ein Dutzend von ihnen ist schwer beeindruckt. Ich will grad zurückblicken, weil auch, ohne dass sich einer von den prüden Leuten über mich lustig macht, ist alles schon beschissen genug, aber da kommt auf einmal aus dem Nebenraum auf mich zu und ruft: „Roxane - Roxane, schön, dass du wieder zu Hause bist!“ Und siehe da, es ist Mutter. Ihr Fuß ist zwar verbunden, wegen Ihrer Thrombose, aber noch lange nicht kaputt genug, dass sie aus dem Nebenzimmer mir entgegenkommt. Ich setze meinen müden Hintern wieder in Bewegung und trage meine Sachen da hin, wo sie hinkommen. Und nach einer Weile kommt auch Dirk Jahnke und erzählen uns, was so passiert ist. Dirk hat gehört, dass Susan Delon viel Trapple im Dorf hat, wegen ihre Männer. Dann erzählt er mir noch, dass ein betrunkener Bauer den Dorfpolizisten vermöbelt hat, weil der ihm einen Strafzettel verpasst hat. Doch wie der Bauer Grad, mit seinem hoheitlichen Arsch, den Dorfpolizisten über den Zaun befördert hat, kommen andere Männer aus der Kneipe und werfen den Bauern auf einen Kieshaufen und schleifen ihn weg. Dafür hat ihm aber das Amtsgericht nach einer Gerichtsverhandlung eine deftige Strafe aufgebrummt. Ach ja, der gute Bauer Franz Barth. Im Flurvorraum des Hochhauses mit seiner hellen Wandverkleidung aus kirschhellem Holz und den Holzkettenvorhängen an der drei Stockwerke hoher Glasfront treffen sich zur Mittagszeit gewöhnlich die Rentner. So weit sie es sich nicht vorziehen, sich das Essen vom Sanitätsdienst bringen zu lassen. Da hocken sie dann wie die Hexen von Berlin“ inmitten der kühnen Konstruktion aus Kupfergestänge im Stahlmantel, die den riesigen Raum in verschiedene Ebenen aufteilt, zu zweit oder zu viert an einem Tisch. Hauptsächlich geht es darum, gemeinsam darauf herumzuhacken, wer mit wem, wer wie aussieht, wer wohin wechselt und wer mit wem schläft, auch ob der Mann nun schwul geworden ist. Flinke Kellner tragen liebevoll arrangierte Speisen auf, Speisen, die allerdings viel zu üppig sind für ältere Menschen. Ich war zufällig auch in diesem Raum und habe mich auf einer besseren Sitzebene platziert, allerdings an einem weniger guten Tisch. Beim Blick hoch zu einer jener Zwischenetagen, die fast schon als zweitklassig galten, entdeckte ich ein kantiges Gesicht mit einem schwarzen Kinnbart. Ich kann nur den Mann von der Seite sehen, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Jogger aus dem Park heute Morgen ließ sich nicht leugnen. Anderseits hatte ich seinerseits nur flüchtig wahrgenommen, aus fast zehn Metern Entfernung. Er saß mit einem Rothaarigen älteren Mann zusammen, seinem Vater, wie man sah. Ihr unrasiertes Gegenüber hieß Max Schiller und hatte unter Pseudonym als Künstler gearbeitet. Er trug immer zu dick auf, wie die älteren Frauen mir erzählten. Doch kürzlich hatte er eine gewisse Berühmtheit erlangt und deshalb blieben die Leute jetzt am Tisch stehen, um ihm zu gratulieren. Sie geben sich Mühe ihre feuchten Hände zu schütteln, bis sie wieder trocken waren und aufmunternde Zusprüche loszuwerden: „Weiter so, max. Wurde mal höchste Zeit, dass du aus dem Mustopf kommst.“ Weshalb er sich nun so hochschraubte und murmelte: „Nein, nein, also …“ Max Schiller hatte nämlich behauptet, anschließend allerdings sofort wieder geleugnet. Doch, zum Glück hat es weiter keiner von den Alten bemerkt. Und dann, kurz darauf fragte ich ihn: „Kennen Sie den Mann da oben auf dem Zwischengeschoss?“, als wir allein waren. Er hat früher mal für den Fernsehsender Pro Sieben gearbeitet, jetzt ist er … ach, ich weiß nicht wo. Und auf seinen Namen komme ich auch nicht.“ Max Schilling kratzte sich am Ohr, drehte sich um, bewunderte die karierte Wand und die weiße Decke und ist fündig geworden. „Mein Gott, das ist ja der Tisch, an dem Hilde Schmatzer die Herzattacke hatte! War das nicht wirklich eine nette, liebe Frau? Haben Sie Frau Schmatzer gekannt?“, fragte ich. Nein, ich bin erst zwei Tage später eingezogen“, fiel ihm ein. Der Kellner wieselte um mich herum, wollte die Bestellung für die Getränke aufnehmen. Ich schiele über den Kartenrand, wahrhaftig. Ich saß da, mit roten Wangen und roter Stirn. Dann nickte ich dem Kellner zu, mit einem unterkühlten Lächeln. Der Kellner nickte noch tiefer zurück. Dann brachte er mir ein Mineralwasser mit Zitrone. Max Schilling hob sein Glas. „Auf die netten Mieter des Hochhauses.“ Ich stieß mit an. „Was für ein Kauderwelsch erzählen sie da?“, fragte ich ihn. Ach, unken sie doch nicht“, schmollte er. Dann redeten sie über einen neuen Bundeskanzler. Ganz gut. Aber so gut auch wieder nicht. Und über den jüngsten BSE-Skandal in Bayern. Und darüber, dass die neue Rentenreform nichts Berauschendes versprach. Der Nachbar von meiner Etage kam lächelnd auf mich zu, gefolgt von seiner Frau. „Roxane!“, rief er. „Wie geht es ihnen?“ Martin!“, rief ich zurück. „Schön, Sie wieder mal zu sehen!“ Er beugte sich zum Wangenküsschen zu mir hinunter und sabbert meine Wange ganz voll, ieh gitte gitt. Und sagt: „Großartig sehen Sie aus.“ Dasselbe könnte man von ihrer Frau behaupten.“, sagte ich ihm mit einem kalten Lächeln. Seine grauen Augen wurden ein bisschen größer. Er ließ endlich meine Hand los. Ich sah ihn an, mein Gesicht verfärbte sich noch mehr und lächelte. Danke.“ Sie lächelte, rot bis über beide Ohren. Dann verabschiedete ich mich von Max Schilling und ging davon. Na ja, ich wollte sowieso vorbeischauen und hallo sagen, um die Mieter im Hochhaus einmal kennenzulernen. Ich wandte ich um. Durch das getönte Glas sah ich eine ältere Frau auf der breiten Treppe. Ein wenig mühsam quälte sie sich die Stufen hinunter, vorsorglich zum linken Handlauf. Schritt für Schritt entschwand sie meinem Blick. Ich brachte die Fenstermaße zu Karstadts Gardinenabteilung und bestellte Seidenvorhänge für das Wohnzimmer und blau weiß gestreiften Chintz für das Schlafzimmer. Auf dem Weg zur Möbelabteilung entdeckte ich einen schick gestylten Katzenbaum, für Bonnie. Eine riesige Chromröhre, ringsum mit Kork bezogen. Einmalig, super … Dann walkte ich mich im Fitnessclub durch, kämpfe schweißtriefend mit dem Bizepstrainer, den Beingewichten und dem Bauchspanner. Anschließend strampelte ich mich ein Weilchen auf dem Fahrrad ab. Ich kam aus dem Fahrstuhl und stand verdutzt vor einem Berg großer Pappkartons, der die Tür in den Fahrstuhl offen hielt, dafür aber meine blockierte, hinter der Bonnie kläglich miaute. Irgendwie schien meine Küche ins Appartement hinübergerutscht zu sein. Auf jeden Fall stand in vertrauter Umgebung ein fremdes junges Mädchen, in einem blauen Kostüm von Jil Sander und keifte ins Telefon: „Nein, ich meine es genau, wie ich es gesagt habe!“ Als sie mich sah, hob sie die Hand, spreizte die mit den großen Ringen beladene Finger und führt eine kleine Pantomime vor. Ein Gähnen, ein Blick zum Himmel, eine Grimasse, ja so voller Kummer, dass es einem das Herz zerreißen konnte. Sie sah blendend aus, wie ein Model, schlank, Anfang zwanzig und sehr schwarzes Haar. Ach, ihr könnt mich doch mal, alle beide!“ fauchte die junge hitzige Frau wütend ins Telefon und knallte den Hörer auf. So, jetzt räume ich ihnen das beiseite“, verspricht sie, drückt mir die Apartmenttür ein Stück weiter auf und stellte einen Koffer davor. Tut mir leid, dass ihr armer Kater sich so aufregen muss. Da hängt noch der Duft aus China drin, wahrscheinlich macht ihn das so verrückt.“ Sie stapelt die Pappkartons aufeinander. Wann sind sie eingezogen?“, fragt sie. Ich machte ein, zwei Schritte Platz. „Vor einer Woche.“ Lassen sie ihn raus.“ Silvia Antonanie ließ ein Lächeln über ihr Gesicht huschen. „Er will überall dabei sein. Ich kann es ihm nachfühlen, ich bin selber ein Katzenweibchen.“ Es ist ein er.“ Ich stellte ihre Tasche und die Tragetasche ab, räumte einen Koffer aus dem Weg und schloss mein Appartement auf. Bonnie kommt heraus gesaust und führte, während sie wie närrisch im Kreis herumschnüffelt. Oh, ist der schön! Wie heißt er denn? Bonnie.“ So ein schöner Name! Bonnie! Meiner ist Silvia Antonanie.“ Das klingt auch sehr hübsch.“ Meiner ist Roxane Care.“ Gefällt mir.“ Und wir freuten uns, als wir unsere Namen uns mitteilten. Ich nehme Bonnie auf, genug China-Stress für den Kleinen. Silvia Antonanie schleppte, mit einem Juchzen, den letzten schweren Pappkarton zu sich ins Apartment. Die bist ein Gewinn für das Haus, verglichen mit den armen anderen Mieter“, rief sie mir zu. Stand lächelnd da in ihrem blauen Jil Sander Kostüm, eins über das andere gekreuzt. Das Telefon läutet. „Oh, Scheiße. Dann ist es vorbei mit dem sonnigen Geplauder. Na, wir sehen uns noch.“ Und schon auf dem Sprung winkte sie Bonnie zu. „Ein Tschüßchen, Bonnie!“ Und zu ist die Tür und drinnen läutet das Telefon. Bonnie kratzte wie von Sinnen am Teppichboden, da musste wirklich noch der Geruch von dem letzten Mieter drin hängen. Ich baute das Bücherregal im Wohnzimmer auf und bohrte Löcher in die Küchenwand, überall, wo ich ein Kreuz hingemalt hatte. Danach schraubte ich den Katzenbaum zusammen und gab Bonnie so was wie eine Gebrauchsanweisung, indem ich ihre schwarze Pfote nahm und über den Korkbelag kratze. Na, da kam Freude auf. Das kann ich Ihnen sagen. Ich rufe zu Hause bei meiner Mutter an und bedankte mich für die Blumenvase und den Schokokuchen. Doch dann gab es wieder die übliche Diskussion mit Mutter, als sie sagt, ich soll wieder nach Hause kommen, das wäre doch finanziell günstiger. Ich legte mich auf das Bett, spielte mit Bonnie. Späte stand ich vor dem Schlafzimmerspiegel, hielt mir ein paar Kleider an. Na ja, die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Bonnie trieb sich in der Küche herum. Irgendwas an der Heizung unter dem Fenster schien sie mächtig zu interessieren. Bei all den vielen Restaurants, die es in der Stadt gibt, ich glaube, Tausende sind es. Wer hatte da gedacht, dass ich und Kim Bangs beim Mittag übereinander stolpern werde? Kim Bangs ist auch wie ich ein Model, nur sie hat es weiter gemacht und ich habe aufgehört und mich dem Kreativen Jobbusiness gewidmet. Obwohl, das „creative brain“ ist eben so eine Art Tummelplatz für Künstler geworden. Was ihm aber nichts von seiner Klasse nahm. Hier hat sogar schon ein älteres Designerehepaar ihr Silberhochzeit gefeiert. Ich schwärmte besonders von den Toiletten. Denn ich habe erfahren, wenn die Toiletten in Ordnung sind in der Gastronomie, dann ist auch das Essen in Ordnung. Das hat sich auch weiterhin bewährt. Achten Sie doch einmal darauf, wenn Sie in ein Gasthaus gehen! Tja, das Leben verblüfft einen immer wieder mit seinen Zufällen. So läuft es doch überall. Und erst recht bei den Männern, die hinter den Frauen her sind wie der Teufel hinter der armen Seele. Bleibe ganz ruhig, denk‘ ich. Kein Grund zur Panik. Ach so, ich weiß nicht, ob Sie es schon wissen. Meine Mutter wohnt in Brandenburg, irgendwo, auf einem kleinen Dorf, wo jeder weiß, wann man zum Klo geht und wie oft. Doch ich glaube, Sie wissen bestimmt, dass ich mir ein Apartment in Berlin genommen habe.

Es ist Sonntagabend, nein, Montagmorgen. Susan Delon fliegt erst Freitag. Um elf ab Frankfurt, auf die Bahamas. Also, lass dir was einfallen, denke ich mir so. Das mit dem Fahrrad ist vielleicht gar nicht so schlecht. Ich sehe es einfach positiv. Einen Tag in der Woche arbeitete ich am Mac zu Hause, Dienstag oder Mittwoch, je, nachdem, wie es mit den Terminen aussah und ob irgendwelche Besprechungen angesetzt waren. An so einem Tag schaffte ich, so viel wie an zwei Tagen in der Agentur. Auch Abends arbeitete ich meistens noch ein bisschen, so drei, vier Stunden. Diese Woche blieb ich am Dienstag zu Hause. An so einem strahlenden Morgen daheim zu sitzen und dann die Storyboards am Mac zu bearbeiten, das, was ich gerade vor mir habe, ist Knochenarbeit. Besonders für ein zartes Mädchen, wie mich. Ich drehe mich um, schob die Brille hoch und schaue aus dem Fenster. Ich drücke die Brille auf die Nase, drehte mich zurück und sah auf dem Laptop. Mache ein paar Anmerkungen. Japste erschrocken, als das Bild auf dem Bildschirm nicht mehr zu sehen war. Es ist der Bildschirmschoner, der mit einem schwarzen Bild anfängt. Daran habe ich nicht mehr gedacht, weil ich mit meinen Gedanken draußen im Park gewesen bin. Plötzlich sprang ich vom Hocker, nahm mir die Nike, die Jeans, das weiße Sweatshirt und die rote Jacke aus Schafwolle. Bonnie, ein fauler Klops auf dem Sessel, seine Blicke verfolgen mich. Halb bin ich schon um Häuserblock herum, immer dem matschigen Weg nach, der an der mit Graffiti bespritzten Wand entlangführte. Die klare Luft, der blaue Himmel, den depressiven, prüden Fußgängern und den witzigen Kindern, sind meine Begleiter. So wohl habe ich mich die letzten beiden Monate nicht mehr gefühlt. Als ich in eine Linkskurve einbog, das macht sich immer gut in der gymnastischen Dehnung, sah ich einen großen schwarzen Schäferhund mir entgegenkommen. Kopf hoch, genau wie ich, meine Beine entwickelten sich zu Froschschenkel und die Haare befreiten sich aus dem Knoten, auf dem Kopf. Ich werde langsamer, kneif die Augen zusammen und zitterte aus Angst am ganzen Körper. Der Schäferhund blieb stehen, machte unschuldige Augen, winselte und ging um mich herum. Ich wich zur Seite. „Ich bin’s. Hündchen.“ Er blickte mich an, als wenn er „Hi“ sagen wollte. Plötzlich blieb er einfach auf dem Weg stehen und wedelt mit seinem Schwanz. Ein Pärchen kam von hinten, dem Schäferhund angerannt, sie und er plattfüßig, mit nackten Waden. Sie nahm die Brille ab, als die beiden auf mich zukommen und die Sandberg am Wegrand hochkletterte. Was für ein Tag! Hat unser Hund sie belästigt?“ rief er. Nein, ist schon okay!“, erwiderte ich mit einer lauten Sprache. Es ist Rex und er tut keinem etwas, wenn man ihn auch nichts tut!“ pflichtet er mir bei. Ich mag nicht stehen bleiben, kommen sie beide mit, immer den Weg entlang“, sagte ich, „Es ist besser, wenn sie im Park den Hund an die Leine nehmen, es schadet nichts, wenn sie sich auch danach richten.“ Jetzt ist er dran, mit Lächeln und sie erst einmal. Die beiden Mitläufer fielen zurück, machten Platz für eine ältere Frau im Rollstuhl. Als sie wieder neben mir trabten, dachte ich, dass ich sie nicht mehr loswerde. Oh“, machte sie. Denn da war ein wenig Straßensplitt auf dem Weg. Ein paar Jogger laufen hinter uns auf. Ich fiel zurück, um drei Nonnen Platz zu machen. Ja, der gesunde Menschenverstand sagt mir das. Ein Schwarm Teenager mit lautem Gesang „Es ist geil, ein Arschloch zu sein …“ schwirrten herum, ein alter Mann versuchte sie mit hektischen Händeklatschen auf sich aufmerksam zu machen. Mein Blick verlor sich auf dem Weg. Es ist ein zauberhafter Morgen. Und plötzlich, ganz hinten, verabschieden sich die beiden Mitläufer mit Hund. Die Teens rückten an und ich hörte „Es ist geil, ein Arschloch zu sein …“, von Christian, der Nominator aus Big Brother. Ich komme endlich zum großen Parkplatz hinunter. Rechts auf dem Bürgersteig, hat ein Fernsehteam von Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ eine Minicam aufgebaut. Na, großartig!“ schnaufte ich. Ich komme ins Fernsehen und in einigen Wochen lachen die Leute sich halb tot. So schrecklich sehe ich ja auch wieder nicht aus. Nur keine Aufregung“, dachte ich, „es gibt immer eine Lösung.“ Doch als ich am Kameraobjektiv vorbeispaziere, hob ich locker beiläufig schon mal die Hand, den Mittelfinger steil nach oben gereckt. Man, war das vielleicht aufregend. Das kann ich Ihnen sagen. Ich gab noch ein Lächeln in die Kamera, dann war ich endgültig weg. Dann dreh' ich mich noch einmal um und wartete an der Ampel auf Grün. Ich tänzelte ein bisschen auf den Zehenspitzen und schickte ein Lächeln hoch zum blauen Himmel.

 

 

Kapitel  8

In der Präsentation am Mittwoch schlug ich ein Storyboard vor. Von dieser Präsentation waren die Leute vom Marketing der Parfümfabrik, für das Produkt Merlyn einverstanden. Anschließend trödelte ich eine Stunde bei Armani herum, kaufte mir ein bordeauxrotes Kleid und ein bisschen Unterwäsche. Plauderte am Abend mit zwei Freunde, die zwischen ihrer Geschäftsreise vom Flugplatz anriefen. Während ich mir die Beine rasierte und Bonnie auf der Badematte lag und sich leckte und putzte und sich putzte und leckte. Hörte ich Musik aus dem Radio, sie spielten gerade Your eyes“, von Simply Red. Oh, mein Gott“, hauchte ich. Diese Nacht war sehr unangenehm und wollte überhaupt kein Ende nehmen. Mich fröstelte es und ich nahm mir einen warmen Pullover aus dem Schrank und zieh ihn an. Ich bin eine durchgefrorene und  geschockte Frau. So entschied ich, umgehend in die Wanne zu steigen, in ein heißes Schaumbad zur Wiederbelebung meiner körperlichen Funktionen. Ich habe ein unkompliziertes Verhältnis zur Romantik. Daher kann ich mir jetzt gut vorstellen, dass ein Mann, ich sage „Ein Mann …“, mit der Gitarre „deine Spuren im Sand …“ spielt und ein bisschen Lagerfeuerromantik wäre auch schön. Ich werde jetzt sündigen und die Schokolade aus dem Papier befreien und essen. Schokolade ist für mich eine frei verkäufliche Arznei gegen PMS und PoMS (post menstruelles Syndrom). Bei Missstimmungen wie Arbeitsstress oder Parkplatznot in der Innenstadt greife ich instinktiv nach dem Riegel. Dass dieser Mechanismus zu Figurproblemen führt, ist ein echtes Dilemma, das nur durch Erfindung der Null-Kalorien-Schock behoben werden kann. Dann habe ich eine bequeme Stellung im Bett gefunden und bin dort geblieben, bis ich eingeschlafen bin. Dann auch noch die ganze Nacht, aber nichts ist mehr passiert. Wie es wieder hell wird, bin ich ausgehungert und übermüdet, aber was wildste machen. Mit anderen Worten: ich bin hier ganz allein und niemand macht mir ein Frühstück. Folglich muss ich meinen müden Hintern bewegen. Ich schnappe mir den Kaffee und fang an. Jetzt wäre es eigentlich am besten, ich freunde mich mit meiner Kaffeemaschine an und vergiss den ganzen anderen Scheiß, aber das ist nun mal nicht drin. Dann lege ich mit dem Toaster los und legte zwei Tost Schnitten rein. Bonnie liegt am Boden und krallt sich am Boden. O Gott, war das furchtbar, aber es ist noch schlimmer gekommen. Denn der Toaster hat gebrannt und der Tost sah aus wie Holzkohle. Jetzt bist de im Arsch, denke ich und dann riss ich den Stecker vom Toaster aus der Steckdose und entsorgte den Tost im Mülleimer. Ja, was jetzt? Ich habe keinen blassen Dunst und lauf einfach los und fang an zu heulen und all so was. Wie es aussieht, habe ich den Kopf verloren, weil ich mich nicht erinnern kann, wie der Toaster den Tost verbrennt. Alles ist total konfus für mich und plötzlich stehe ich in diesem Dilemma. Dennoch denke ich in diesem Moment nur daran, dass ich pinkeln muss und das stimmt auch.

Am Abend treffe ich mich dann mit Dirk. Wir verkriechen uns im Speiserestaurant und essen ein paar Burger und so was Leckeres noch. Hinterher zieh’ ich, das Handy aus der Tasche, was Dirk mir geschenkt hat, aus der Tasche und ich lasse das Klingelzeichen erleuten, was mit einer Melodie gespeichert ist „Hallo …“. Es klingt richtig unheimlich, mitten im Dschungel von Speiserestaurant. Dirk muss ja denken, ich hätte echte Absichten, mit ihm. Wie wir dann ein paar Burger gefuttert haben, wurde Dirk über sein Handy, von seiner Mutter angerufen. Plötzlich habe ich mich wieder an verschiedene Sachen erinnert, das können Sie mir glauben. Später ist dann ein Fan von Burgern an unseren Tisch herübergekommen und wollte wissen, wo die nächste Tankstelle ist. Ich sage ihm, dass er leicht in diesem Dschungel draußen eine Tankstelle finden wird. So circa eine Minute denke ich. Doch jetzt geht er raus zum Auto, um seine Straßenkarte zu holen, aber dann dreht er ruckartig wieder um, nickt er bloß und meint, wo das große Denkmal steht, ein großer Stein Die Hoffnung“ und dann bis zur Kreuzung, dann muss ich dort nach rechts abbiegen. Dirk meint, ja du hast es geschnallt, mein Freund. Der Gast lässt sich das ziemlich lang durch den Kopf gehen, weil er es wahrscheinlich nicht kapiert hat. Und so kommt es, dass Dirk und ich ihm den Weg zur Tankstelle draußen vor der Tür, auf seiner Straßenkarte noch einmal gezeigt haben. Die Wochen sind so langsam vorbeigegangen, dass es mir fast so vorgekommen ist, als wenn die Zeit rückwärts laufen täte. Immer irgendwo die Straßen rauf oder runter. Mal hat es geregnet, mal nicht. Ich glaube aber, das geht schon in Ordnung, weil in Wirklichkeit sich die Uhren vorwärts drehen. Ich laufe einfach raus in den Park, quer durch die Straßen. Im Dschungel der Stadt ist es total primitiv. Es gibt nicht mal öffentliche Toiletten, die Männer pinkeln an der Ecke gegen jede Häuserwand wie die Tiere. Die Obdachlosen trinken ihr Bier aus Dosen, sie haben kein Bad und nichts und ihre Klamotten sind am Verrotten. Ich bekomme jede Woche einen Brief von meiner Mutter. Sie schreibt, dass zu Hause alles bestens ist, aber es ist ruhig im Haus geworden, seit ich aus dem gezogen bin. Wenn ich kann, schreibe ich zurück, aber was soll ich ihr bloß erzählen, dass sie nicht gleich wieder anfängt zu heulen? Ich sage also einfach nur, ich habe es gut hier und die Mieter sind nett hier. Ja. Und dann habe ich noch einen Brief an Susan Delon geschrieben und meine Mutter sollte die Eltern von der Susan fragen, ob sie ihr den Brief nachschicken kann, egal wo sie ist. Aber ich habe keine Antwort bekommen. Ich habe schon Pläne für die Zeit nach meinen Kreuzfahrten durch die Welt. Ich will mir ein großes Kaufhaus kaufen und in die Modeszene einsteigen. Ich habe früh in der Modebranche als Model gearbeitet. Ich glaube, vielleicht kriege ich noch Sponsoren oder ein Darlehen von der Bank. Ich könnte abwechselnd Chef sein oder so. Ich habe alles schon genau durchgerechnet. Dabei kann ich mir das lebhaft vorstellen, wie ich der Chef im Modehaus bin. Oder besser, wie ich in Miami sitze und übers Handy alles manage. Aber wie ich, das Dirk erzähl, sagt er: „Mensch Roxane, du wirst dich um Haus und Hof verschulden, bevor du Gewinn machst.“ Na gut, klingt ganz realistisch, da habe ich auch Dirk nicht widersprochen. Irgendwann hat es dann angefangen in Deutschland zu regnen und zwei Monate lang nicht mehr aufgehört. Mal schien die Sonne, mal nieselt es nur, mal regnete es in Strömen. Ja, jede Art von Regen habe ich mitgemacht. Mal waren es winzige Tropfen wie aus dem Bestäuber und dann wieder mordsmäßige Tropfen, wie aus dem Eimer. Und mal ist der Regen schnurgerade heruntergekommen, mal von der Seite. Und manchmal hätte man meinen können, es regnet vom Boden rauf, wenn ich der Wasserpfütze nicht ausweichen konnte. Ohne Regenschirm, also, steh’ ich schon nach zwei Minuten ganz schön in der Scheiße, wenn ich auf den Bus warten musste. Niemand kann mir sagen, dass Dirk verletzt im Krankenhaus liegt. Und ich sage laut „Verdammter Mist“ und wie seine Mutter das hört, meint sie, „Roxane, du kannst da nicht hereingehen“. Scheiß darauf, ich muss zu Dirk und geh in das Krankenzimmer, wo er auf der Intensivstation liegt. Aber als ich auf das Zimmer bin, kommt eine Krankenschwester und macht mich darauf aufmerksam, dass ich nur fünf Minuten bekomme. Denn Dirk liegt in Koma und an vielen Schläuchen angeschlossen, die mit den Belebungsmaschinen verbunden sind. Er ist schwer verletzt, ein LKW hat ihn an der Verkehrsampel fünfzehn Meter über die Fahrbahn geschliffen. Dirk konnte nicht zu mir hochgucken und kein Arm ausstrecken und ich denke, Mist, was mache ich jetzt. Dann schnappe ich mir seine Hand und drücke sie so fest es nur geht an mich. Dauernd laufen mir Bilder durch meine Gedanken. Herrgott noch mal, warum muss das passieren? Ich verstehe es einfach nicht. Auto und zu Fuß gehen ist eine Sache. Aber so was! Es ist mir echt schleierhaft, wie ein LKW-Fahrer bei Rot, einen Passanten fünfzehn Meter über die Fahrbahn schleift. Ich bringe seine Hand in seine richtige Stellung und geh hinaus auf den Gang. Verdammt, da liegt ja schon wieder einer auf der Roll Trage! Er hat starke Schmerzen und jammert nach einem Arzt. Ich beuge mich runter und will mein Tempotaschentuch aufheben, aber wie ich das Tempo hochhebe, fällt seine Hand auf den Boden, weil seine Hand im Häcksler abgerissen wurde. Mist. Wie ich wieder ein bisschen, einen klaren Kopf bekomme, schaue ich an mir runter. Die Ärzte und Krankenschwestern haben heute voll zu tun, um die Verletzten zu versorgen. Jetzt ist mir aufgefallen, dass es nicht mehr regnet und der Himmel eine derart scheußlich rostrote Farbe angenommen hat, dass mein Gesicht ausgesehen hat wie der Tod selber. Weiß der Teufel, wieso. Ich frage Dirk seine Mutter, die in großen Tränen ausbrach, dabei kippt sie mir fast in die Arme: „Haben sie gehört, was der Arzt gesagt hat?“ Dirk ist gestorben an seinen Verletzungen und mehr haben sie nicht dazu gesagt.“ Diese Nacht ist die aller schlimmste gewesen, die ich erlebt habe. Es hat draußen auf den Straßen wieder angefangen zu stürmen und zu regnen.

Im Morgengrauen machte ich mir einen Kaffee und rauchte eine Zigarette. Mittendrin in diesem Chaos in der Küche bin ich ausgerutscht und, wie der Teufel es will, ausgerechnet auf meinem Arsch. Ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, wie das passiert ist. Ich bin in einem schrecklichen Zustand gewesen. Das könne Sie mir glauben! Ich habe den Kaffeefilter einfach liegen lassen. Dabei ist mir in diesen Moment alles scheiß egal gewesen. Ich habe mich in meinem Bett gelegt und angefangen zu heulen. Dirk ist tot. Und Dirk ist doch der einzige Freund, den ich je gehabt habe. Höchstens noch Susan Delon, aber das, denke ich, habe ich vermasselt. Wenn da nicht noch meine Mutter gewesen wäre, hätte ich jetzt genauso gut den Löffel abgeben können. Scheißegal an wen, von mir aus den Weisen und Witwen auf dieser Welt. Es klingelt an der Tür und Silvia Antonie kommt zu mir rüber. Bei ihr stehen die Haare zu Berge und die Klamotten sind total zerknittert, die sie anhat. Es musste ja auch kein gebügelter Jogginganzug gewesen sein, den sie anhat. Bonnie hat sie gleich verscheucht und flitzt gleich ins Schlafzimmer auf das Bett, wo sie sich es bequem machte. Man könnt meinen, Silvia hat gerade vor einigen Minuten, einen schönen Fick mit einem Typen gehabt. Du bist gestern echt gut gewesen, Roxane“, sagt sie und fragt, ob ich eine Zigarette habe. Wie ich sage, ja, hole ich die Zigaretten aus der Küche und Silvia meint: „Roxane, ich habe schon Typen als Nachbarn gehabt, die prüder waren als du, aber du bist eine spitze mäßige Nachbarin. Ich wäre froh, wenn ich eine Freundin wie dich hätte.“ Adrean Kaminskie rief an, das war ja vorauszusehen. „Grundgütiger Himmel, was für ein bodenloses Unglück!“ Nicht wahr?“, sagte er und stellte den Fernseher am Fußende leiser. „Ich kann es noch gar nicht glauben. Wir haben hin und wieder mal im Fahrstuhl ein Wort miteinander gewechselt. Mir kam er sehr nett vor.“ Adrean legte die Fernbedienung auf den Nachttisch, klemmte den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohren und knuffte das Kopfkissen zurecht. Und so was muss ausgerechnet Dirk Jahnke passieren.“ Er räkelt sich zu Recht und nippte am Kaffeebecher. Ich sage es ja nicht gerne, dass ich Dirk es immer schon gesagt habe, er soll auch einmal Rücksicht nehmen auf die Autofahrer, wenn die Ampeln rot sind“, sagte ich und fing aus Wut wieder an zu weinen. Denn Dirk hätte noch leben können, er musste noch nicht sterben, er ist zu jung gewesen. Ich weiß“, sagt er und verfolgt den Monatsbinden-Werbespot, wenn auch ohne Ton. Und nippt am Kaffeebecher. „Ich muss jetzt auflegen, es klingelt bei mir an der Tür, bis dann“, sagt er noch schnell. Er saß einen Augenblick da, lächelte vor sich hin, knipste das Fernsehen aus. Geht zur Tür, öffnete sie und eine verflossene alte Freundin steht da, unverhofft. Pumpte sich zuerst die Lungen voll, so viel wie hereingepasst hat. Wippte auf den Zehenspitzen. Schnaufte aus und fragt sie, was sie will. Jürgen rief an, das war vorauszusehen. Er ruft andauernd an und nichts Besonderes. Also, ich will fragen, ob du Roxane mit ins Kino kommst, wir können davor ja noch etwas essen gehen. Hast du Zeit heute Abend?“ Nein“, schwindelte ich. Nun, da ist nichts zu machen“, sagt Jürgen. Entschuldige Jürgen, ich habe noch zu tun.“ Oh, tut mir leid. Ich wollte nur hallöchen sagen und hören wie es dir geht.“ Gut“, sagte ich. „Ich habe über der Tür ein Kruzifix und an den Fenstern Knoblauchzehen aufgehängt und halte in jeder Hand ein Kreuz.“ Wie meinst du das?“, fragte Jürgen. Vergiss es“, sagte ich. Dann rief Susan an. „Kommst du mit auf einer Party?“ Ich wollte eigentlich „Nein“ sagen, doch ich hatte noch einen Trumpf oder Joker, wie man es sagen will. Und um Susan Mut zu machen: „Was man ja nie weiß, vielleicht komme ich doch mit, jetzt habe ich keinen ‚Bock‘.“ Silvia Antonie klingelt an der Tür, perfekt geschminkt, in Duftwölkchen von Joop und ein wunderschönes rotes Kleid von … Ach, was weiß ich. Ich lotse sie in das Schlafzimmer, wo wir das beste Licht und den größten Spiegel hatten. Nach vorn gebeugt, sah man den roten Seiden Stringtanga. Silvia drückt an ihren roten Fingernägeln herum. Bonnie widmete sich wieder ihrem Festschmaus aus Putenbrust und Krebstieren, nachdem er sich an Silvias Füßen satt schnupperte und genügend gestreichelt worden ist. Wo willst du denn hin?“, habe ich sie gefragt. In irgendeine Bar mit Tanz, in der Stadt“, sagte Silvia. „Da werden bestimmt wieder smarte Männer sein. Meine Freundin kommt auch. Ich habe richtig wieder Lust abzutanzen. Doch das letzte Mal ist erst ein paar Monate her. Ist das nicht schrecklich? “. Sie flocht einen kleinen Seufzer ein. Ich lächelte und Bonnie wurde es zu laut, verschwand in die Diele und putzte sich. Ja, ja, bevor ich hergezogen bin“, sagt Silvia. „Ich litt unter Depressionen. Wegen allem. Umweltprobleme, Männer, Beamte und Knalltüten, die alles besser wissen wollen, du weißt schon. Dann habe ich mit allem Schluss gemacht und mich von den Kakerlaken befreit.“ Sie seufzte. Das ist super, dass du es wieder aus eigener Kraft geschafft hast.“ Ich kämme mir das Haar durch und gönne mir einen Spritzer O la la, von einem, den ich nicht mehr lesen kann. Aber Sie wissen es sicherlich schon, den Duft habe ich mir in der Parfümerie Douglas gegönnt, wo die Verkäuferinnen mir den Wunsch von den Augen lesen und immer so nett sind. Richte noch einmal mein schwarzes Kostüm von Gucci hin und sagte: „Okay“, sagte ich und trat einen Schritt zurück vom Spiegel, „nun können wir in der Bar guten Abend sagen. Sehen wir nicht hinreißend aus?“ Ach so, ich weiß nicht, ob Sie es schon mitbekommen haben, ich gehe mit Silvia in die Bar und wir werden richtig viel Spaß haben. Das können Sie mir glauben. Auf dem Tresen der bar liegt eine Bar Karte für die Gäste. Die Schrift sah aus, als wäre ein Kalligraf am Werke gewesen. Wir grübeln über die Cocktails nach, als wir die Getränkekarte lesen. Zusammen mit Silvia bestellten wir eine Flasche Sekt. Ich kam mir vor wie … Ach was weiß ich, ist ja nicht mein Problem. Doch irgendetwas rieb sich an meinem Knie. Silvia schnurrte und wollte schmusen. Geht das schon wieder los, dachte ich leise. Bin ich denn für Frauen nur ein Sexobjekt? Ich lächelte Silvia zu. Silvia und ich schlendern auf die Tanzfläche, das zweite weibliche Pärchen, wie im Club der Lesben. Die Männer standen am Tresen und gaffen uns zu, doch keiner von den langweiligen Snobs kommt, mit uns zu tanzen. Plötzlich hatte Silvia und ich keine Lust mehr alleine auf der Tanzfläche herum zu eiern, dann gehen wir aufs Klo.

Am nächsten Morgen las ich eine Frisuren-Zeitschrift. Anschließend sitze ich beim Friseur, einmal Waschen und Tönen. Aß im Café ein Croucon und trank' einen Kakao zu Mittag. Heute steht eine Aushilfe hinter dem Tresen, wo neulich der Chef selbst stand. Diese Woche blieb ich Mittwoch zu Hause. Ein beschissener Tag, Nieselregen über den Straßen und über mich, zwischen triste Mauern und roten Dächern. Und trotzdem nein super Tag, weil ich ja zu Hause bin.

Der richtige Tag für die Wäsche wurde mir an dieser Stelle klar. Am besten geh’ ich gleich da rann und suche meine schmutzige Wäsche zusammen, wuchte den vollgestopften Wäschekorb aus der Ecke. Wo sofort Bonnie neugierig in die Diele gesaust kam. Ich sammelte die Handtücher im Bad und in der Küche ein und nahm aus dem weißen Schränkchen unter der Spüle das Waschpulver. Ich hatte Glück gehabt, denn ich habe eine Waschmaschine mit Trockner ins Bad gestellt bekommen, denn die Waschmaschine unten im Waschraum ist immer defekt. Ich stelle das Paket Waschpulver beiseite und fang an, den Korb auszuräumen, die farbigen Sachen in die Maschine, die weiße muss noch etwas warten. Dann streute ich das Waschpulver über die Buntwäsche und schloss den Deckel. Ich drücke ein paar Knöpfe und die Waschmaschine erwachte zu rumpelnden leben.

Freitagabend, 20 Uhr, waren ein paar Freunde bei mir, Kollegen aus der Agentur, dazu Susan und Nick Zander. Alle schwärmten vom neuen Apartment, von Bonnie und tranken Whisky, Soda, Sekt oder Rotwein. Redeten über die Gerüchte, dass es zur ersten Million schwere Wege sind, über die politische Lage auf der Welt und über die nächsten Urlaubspläne. Ein wunderschönes Deckengemälde“, sagte Nick beim Imbiss, „hast du es anbringen lassen?“ Alle gucken zur Decke hoch, wie wir da waren und mit Hähnchen und Salat auf den Tellern und den Gläsern mit Getränken in der Griffnähe im Wohnzimmer herumsaßen und ich selbst auch. Das gehört zur Ausstattung, einen Vincent van Gogh‘, sagte ich. „Hier ist alles vom Feinsten. Eigentlich sollten es für Spießbürger, Eigentumswohnungen sein, aber der Besitzer hat entschieden, dass die Apartments vermietet werden. Das Hähnchen ist spitze“, sagt Nadine. Von Rico‘, dem Italiener an der Ecke“, sagte ich. Susan nimmt einen Schluck Wein. Gebaut ist es aber erstklassig“, meinte Ralf. „Da sind vorhin Leute nebenan hereingekommen, dabei habe ich keinen Laut mehr von ihnen gehört. In dem brandneuen Mietshaus, in dem ich wohne, höre ich sogar, wenn die beiden gerade ihren Sex veranstalten und wenn sie dabei zum Höhepunkt kommt, zerspringen mir bald die Gläser im Schrank. Wir alle wunderten uns: „Solche Wohnungen trifft man eigentlich nur auf dem Dorf an, ansonsten wären diese Laute ganz schön peinlich.“ Ich ging herum, schenkte Rotwein nach. Und meine: „Das wäre mir auch ganz schön peinlich. Doch, wenn ich echt darüber nachdenke, ist es mir auch egal, ob man mich beim Sex hören kann. Denn wir leben im freien Land und in meiner Wohnung kann ich tun und lassen, was ich will. Die Leute, die sich beschweren, sind doch nur neidisch, weil sie schon eine Ewigkeit keinen leidenschaftlichen Sex hatten.“ Nick klinkte sich mit ein und sagt: „Als ich nicht verheiratet war, habe ich Sex jeder Woche mindestens siebenmal gehabt, doch als ich dann endlich verheiratet war, gab es Sex nur jeden Monat einmal, aber nur wenn sie von mir Geld haben wollte für einen neuen Mantel oder so was. Und jetzt bin ich geschieden, kostet mir ein Haufen Unterhalt für die Frau, doch ich habe jede Woche wilden Sex mit einer Frau.“ Dauernd haben die Frauen was zu meckern, weil sie wieder mal bluten und verletzt sind“, sagt Ralf. Und wenn du der Frau etwas Romantisches vorschlägst, hat sie grundsätzlich was auszusetzen, auch wenn es gar nichts auszusetzen gibt … Ralf“, sagt Nicke. Na, ein Schlückchen noch?“ habe ich die anderen gefragt. „Cindy, magst du noch?“ Ich schenkte Cindys Glas voll. Das Gesprächsthema änderte sich und wir redeten über Musik. Ich schenkte Sammy nach. Nimmt sich bitte, bitte jeder noch etwas von der kalten Platte!“, sagte ich noch. Nicke saß da und gaffte mit offenem Mund. Wiegte den Kopf. Gibt sich alle Mühe, ein verkrampftes Lachen zustande zubringen. Man soll ja alles mit Humor nehmen, nicht wahr?“ diese Frage stellte ich plötzlich in den Raum. Alle fingen an zu lachen: „Ha-ha-ha.“ Ralf steht auf, holt sich noch ein Jack Daniels, entdeckte bei der Gelegenheit einen Rest vom kalten Hähnchen. Dann saß er da, sah zu, wie sie ihr Schlabber Zeug tranken und Vanilleeis mit heißem Schokoladenüberzug löffelten und mir viel oooh und aah lobten. Nick brachte Susan bei, was es Neues in der Werbebranche gab. Sammy redete eindringlich auf die schüchterne Cindy ein. Plötzlich haben es alle eilig meine Party zu verlassen, denn sie mussten Morgen wieder früh aus den Betten sein. Ich begleitete die guten alten Freunde außer Susan in die Diele. Schlaft gut und kommt gut nach Hause“, sagte ich, „schönen Dank für euren Besuch.“

 

Kapitel  9

Fast zwei Monate war ich, danach bin ich wieder auf den Kanaren gewesen. Weit ist es ja mit meiner letzten Kreuzfahrt nicht her gewesen, aber immerhin gibt es für mich das passende Hotel und mein Hotelzimmer hatte ein Bad mit Dusche und Badewanne. An das Leben mit den Menschen auf den Inseln habe ich mich inzwischen dran gewöhnt. In dieser aufregenden Zeit habe ich Italien, Spanien, Portugal, Marokko kennen und entdecken gelernt. Dann auch noch das Mittelmeer bis zu den sonnenverwöhnten Inseln des Atlantiks. Ich habe drei Möglichkeiten nach Genua zu kommen, per Bus, Flugzeug oder PKW. Ein herrlicher sonniger Tag begleitet mich auf diesen Flug, denn ich bin mit dem Flugzeug von Berlin nach Genua geflogen. Ich fühlte mich auf dem Flug rundum wohl. Ich hörte mir die Bordmusik über Kopfhörer an und man spielte gerade eine Bauchtanznummer. Ich machte für einen Tag Zwischenstation in Genua. Dann ging es mit dem Flugzeug nach Malaga/Spanien, wo ich zwei Wochen geblieben bin. Am Südgipfel Spaniens liegt Malaga. Ich weiß nicht, ob sie es schon wussten, dort, wo Zitronen und Orangen blühen. Die Sie bei sich Zuhause, im Supermarkt kaufen können. Die arabische Gibralfaro-Festung thront hoch über der Stadt. Und der bezeugt die jahrhundertealte maurische Herrschaft. Ich besuchte das erste Mal die Costa del Sol. Für mich ist es traumhaft, die schönste und viel besungene Stadt Granada, das Zentrum des spanischen Flamencos. Ja, den Flamenco tanzte ich früher in der Tanzschule. Auf der Fahrt nach Granada sehe ich eine Landschaft, die von ausgedehnten Olivenhainen und Apfelsinenplantagen geprägt ist. Mein Höhepunkt war dann noch die berühmte großartige Alhambra, auch „Rote Burg“ genannt, zu sehen. Es ist auch ein Höhepunkt mittelalterlicher arabischer Baukunst. Ich kann auch sagen es ist einzigartiges und prachtvolles Gefüge aus Palast, Festung und Park. Genießen ist angesagt und Relaxen in den wärmenden Sonnenstrahlen von Spanien. Ich faulenze im bunten Liegestuhl und lese ein interessantes Buch.

Heute erwarte ich für zwei Wochen die schöne Blumeninsel Madeira. Allein die Hauptstadt Funchal ist ein Erlebnis für sich. Die Häuserreihen, überall kleine aufgelockerte Häuser habe ich gesehen, durch bunte Gärten, wie die Weinberge und Bananenhaine, klettern die hänge hinauf bis zu dem 550 m hoch gelegenen Ortsteil Monte. Von hier aus wagte und traute ich eine Fahrt mit dem berühmten Korbschlitten, mit dem „Carro de cesto“. Ich hatte viel Spaß, mit ihm, den Berg hinunter nach Funchal zu düsen. Da ist eine Achterbahn gar nichts gegen auf gerade Strecke, das kann ich Ihnen sagen. Später mache ich noch eine Tour zum Cabo Girao mit einem herrlichen Blick über die Bucht. Die anderen Leute genossen den Blick mit mir, das können Sie mir glauben. Da gab es Leute, die auch bestimmt Touristen sind. Weiße Füße und Hände, kurze bunte Shorts und weiße Socken. Wobei die einheimischen Leute ihren Bauch braun hatten, auch die Brust der knackigen Männer und im Gesicht haben sie ein lockeres, freundliches Lächeln. Bei Nacht hätte ich meinen können, ich bin im Horrorkabinett. Die Typen haben auf den Putz gehauen mit ihrem Geplapper und Gesabber, dass von den Palmen die Kokosnüsse von allein herunterfallen. Nach diesem Geplapper und Gesabber der Touristen, männlichem Geschlecht. Wo mögen die deutschen Knaller wohl hergekommen sein? Ich glaube, das muss ich Ihnen nicht mehr sagen, Sie ahnen es. Santa Cruz de la Palma/La Palma/Spanien, sowie San Sebastian/Gomera auch Spanien. Das hört sich gut an. Nicht wahr? Die Insel La Palma besuche ich, mit ihren Kiefernwäldern, Pinienhainen, Riesenfarnen, ihren bewaldeten Vulkankratern, schattigen Tälern, blühenden Obstgärten. Ja, ich denke, mit ihren Steilküsten und Lavastränden ist La Palma mit ihrer üppigen Vegetation sicher eine der schönsten Inseln unserer Erde. Ihr höchster Gipfel, der Roque de los Muchachos, ist stolze 2423 m hoch. Und damit, das können Sie mir glauben, ist La Palma die steilste Insel der Welt. Also, ich nehme ja bei so einer Höhe den Fahrstuhl. Und Sie? Ich mache noch diese Tage eine Rundfahrt über diese ursprüngliche Insel, deren Landschaft abwechslungsreich und voller Naturschönheiten sind. Morgen Vormittag, habe ich mir vorgenommen, bummeln zu gehen, durch den Hauptort Santa Cruz de La Palma. Ich freue mich darauf‘. Dann am Nachmittag habe ich vor, die Insel Gomera zu erreichen. Denn sie ist geprägt von windumtosten Steilküsten mit schwindelerregenden Klippen und üppig grünen Tälern. Dieses wird bestimmt eine aufregende Tour. Das Gebirgsinnere gehört größtenteils zum ausgedehnten Nationalpark Garajonay, der in 1487 m Höhe gipfelt. Merkwürdig ist für mich die Verständigung mit den Einheimischen, denn einmalig auf der Erde ist die Pfeifsprache Silbó, mit der sich die Einheimischen über weite Distanzen von Schlucht zu Schlucht verständigen. San Sebastian liegt malerisch am Ende einer Schlucht, hier Barranco genannt. Ach so, ich habe noch einen heißen Tipp für Sie. Wenn Sie mal in dieser Ecke sind, weil Sie gerade Zigaretten holen müssen, lohnt sich der Besuch des einmalig gelegenen Paradors Nacional, der im kanarischen Kolonialstil erbaut wurde. Auf die Bäume ihr Affen“, ich bin in Lanzarote, die Insel der Feuerberge. Lanzarote ist wohl die ungewöhnlichste Insel des Archipels und zeugt, mit ihren etwa 300 über die Insel verteilten Vulkankegeln, von ihrer feurigen Vergangenheit. Genießen tu’ ich sehr, die Strände mit gleißend weißem, rotem oder schwarzen Sand. Außerdem gehören diese Strände zu dieser Insel wie ein Kamelritt oder ein faszinierender Ausflug zu den Feuerbergen, wo die Erde direkt unter der Oberfläche glühend heiß ist, wie im Timanfaya/Nationalpark. Neben mir hat ein Typ mittleren Alters gelegen, am Strand von Lanzarote. Diese Knalltüte, sollte ich eincremen, so fett wie er wahr, ieh gitt, wollte wohl den Rest der Welt erschrecken. Dieser Typ war schon total verbrannt, der musste schon zum Arzt mit seiner Verbrennung. Ich denke, ende zweiten Grades, ist er schon, aber ich habe ihn noch nicht brüllen gehört, ganz klar, denn ich habe ihn auch nicht angefasst. Zudem hat er ganz leise geredet, sodass ich ihn nicht richtig verstehen konnte. Doch nach ein, zwei Tage habe ich Freunde gefunden. Marcel Ravel kommt aus Frankreich und ist Börsenmakler. Doch, weil er nicht dumm ist, hat er mich nicht von der Seite angemacht. Nein, ich habe ihn von der Seite angemacht. Die meisten Männer, die ich mitbekommen habe, sind ungefähr so einfältig wie der Papst. Aber bei Marcel Ravel war das ganz anders. Er hat eine eigene Philosophie darüber, wieso wir Frauen überhaupt auf dem Planeten sind. Und zwar meint Marcel, dass wir aus den richtigen Gründen, dass Kinder kriegen und Flasche machen oder vielleicht andersherum. Wie auch immer. Männer können es den Frauen nie richtig machen! Marcel findet es lächerlich, dass wir in einem Land oder sogar auf der Welt Krieg führen, wo Frauen und Männer ihre Waffen gegeneinander einsetzen, weil es hier ja praktisch nur „Schwänze in den Gruben bei Frühtau in den Bergen“ gibt und Frauen haben sowieso mehr Waffen als ihre Männer. Wie ich ihm von Dirk Jahnke erzähle, nickt er ganz traurig und meint, dass eines Tages wir alle sterben müssen, ob wir wollen oder nicht. du musst Abschied nehmen, von deinem besten Freund.

Nach einer Woche fuhr ich nach Agadir/Marokko, in einem Land wie 1001 Nacht. Agadir, ist das beliebte Seebad am Fuße des Hohen Atlas. Ich erlebte Agadir als eine blühende Handelsstadt. Das Klima ist tagsüber bei circa 14-23 °C, Nacht sank das Thermometer auf 8-16 °C. Marcel und ich sind oft am langen weißen Sandstrand, der jährlich tausende von Urlaubern hierherzieht. Im Labyrinth der berühmten Souks sind wir herrlich bummeln gegangen und den Duft der orientalischen Gewürze genossen. Es ist wunderbar, so wohl habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt, seitdem Dirk verstorben ist. Also, ich glaube, die Zeit, die ich mit Marcel gesessen und mit ihm geredet habe, die hat bei mir einen enormen Eindruck hinterlassen. Ich weiß schon, bei einer Zicke wie mich kommt keiner auf die Idee, der könnte so was wie eine eigene Philosophie haben, aber vielleicht hat sich auch nie ein Mann die Mühe gemacht, mit mir mal darüber zu reden. Nach Marcels Philosophie ist alles mit uns und mit allem andren passiert, von Naturgesetzen bestimmt, die das Universum beherrschen. Seine Ideen waren extrem für mich kompliziert, aber die Kernpunkte, die ich kapiert habe, haben allmählich meine ganze verdammte Einstellung verändert. Marcel hat beschlossen, diese Reise mit mir zu beenden und will mich weiter begleiten. Wir sind nun in Casablanca/Marokko. Ich denk‘ mir mal so, Sie kennen Casablanca nicht aus dem berühmten gleichnamigen Film mit Ingrid, mit Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart. Wo Sie die Zellstofffabriken in den Konkurs getrieben haben, weil Sie die ganzen Tempos für das Weinen verbraucht haben. „Schau mir in die Augen, Kleines …“, nah, da sind die Damen doch so hingeschmolzen, als Humphrey Bogart diesen Satz der Ingrid gesagt hat. Heute gehe ich mit Marcel durch die farbenprächtige Stadt, Casablanca. Casablanca ist eine Metropole, in der Neues neben Traditionellem gewachsen ist. Mein ganzes Leben lang habe ich bei allem, was so geschehen ist, immer nur Bahnhof verstanden. Es ist eben passiert mit Marcel, dann noch etwas und verdammt hat das überhaupt einen richtigen Sinn ergeben. Marcel meint zu mir, das ist alles ein Teil vom Leben. Doch am besten kommt man klar, wenn man herausbekommt, wie man hereinkommt in diesem Leben und versucht, sich danach zu richten. Seit ich das weiß, ist für mich alles irgendwie viel klarer. Wir sehen hier Frauen, die verschleiert sind. Außerdem begegnen wir genauso oft wie junge Studentinnen und Geschäftsfrauen, die chic und westlich gekleidet sind. In Casablanca haben wir darüber hinaus eine der schönsten Moscheen des Landes gesehen, ich meine die Sidi Mohammed. Auch von ihr ruft täglich der Muezzin zum Gebet. Interessant finde ich auch den Ausflug nach Marrakesch, der bekanntesten der vier Königsstädte. Auf dem riesigen Djemmael-Fna-Platz gibt es heutzutage, wie schon vor hunderten von Jahren, Gaukler und Tänzer, Wunderärzte, Wahrsager und Schlangenbeschwörer. Und in der alten Medina duftet es nach Weihrauch und Myrre. Marcel hat mich dann noch überredet zu einer Fahrt in die Königsstadt Rabat. Doch es ist ganz schön anstrengend für Marcel, mich zu dieser Fahrt zu überreden. Ich ließ ihn ein wenig zappeln, doch ich habe dann nachgegeben. Nach all den vielen Erlebnissen der vergangenen Tage, machen wir ein Tag pause und genießen eine lange Zeit im Bett. Und wie lang diese Zeit geworden ist, das erzähle ich Ihnen nicht. Ich hoffe, Sie verstehen das. Mir geht es jedenfalls nach ein paar Wochen in Casablanca, mit Marcel, schon sehr viel besser und meine Füße geht’s auch total gut. Der Marcel meint, ich hätte alte Socken anziehen sollen. Im Hotel hat es auch einen Erfrischungsbar gegeben. Und weil wir heute sonst nicht viel zu tun haben, gehen wir mal hin und da spielen zwei Musiker Gitarre. Nach einer Weile frage ich, ob ich mitmachen kann und die beiden sagen „okay“. Marcel ist ganz überrascht und sagte nichts. Erst verliere ich meine leichten Mokassins, aber dann spiele ich mit den Musikern. So eine zarte gut aussehende Frau und so schnell, alle Achtung“, meint der eine kräftige ältere Mann auf dem Podest und ich nicke' einfach nur. Es war eine neue Erfahrung für mich, auf der Bühne einmal zu spielen. Ich habe dann mit der Gruppe Gitarre gespielt und Marcel ist ein guter Zuhörer. Und ob Sie es glauben oder nicht, ich bin ziemlich gut geworden, das bestätigen mir die Gitarrenspieler.

Am nächsten Tag haben wir uns richtig ausgeschlafen und am Nachmittag geht unsere Reise weiter nach Barcelona/Spanien. Dort werden wir die faszinierendsten und architektonisch vielseitigen Städte Spaniens kennenlernen. Wie die katalanische Metropole Barcelona. Wir bewunderten die Kunstwerke Gaudis, die in der Stadt und in vielen Parks anzutreffen sind. Beeindruckend und einmalig ist das Wahrzeichen der Stadt, faszinierend die unvollendete Kirche Sagrada Família. Doch nun haben wir uns eine Pause auf dem Plaza Miró verdient. Der Plaza Miró, mit vielen wunderschönen Skulpturen des Künstlers verziert. Für Marcel gab es kein zurück, die weitläufige Sportanlage der olympischen Sommerspiele 1992, die auf Hügeln noch über der Stadt liegen, auf jeden Fall zu besichtigen. Aber ich brauche das nicht, lauf auf der Sportanlage bloß herum und schau mir alles an. Im Hafenviertel ist ein kleiner Markt, wo sie Fische verkaufen und Krabben und so. Und da sind wir mal heruntergegangen und habe mir ein Fischbrötchen gekauft, dass echt gut gewesen ist. Ganz neu erreichtet ist der moderne Jachthafen, den wir von der stimmungsvollen Innenstadt Barcelona bequem zu Fuß erreichten. In der letzten Nacht liege ich dann in meinem Bett und mach mir Gedanken, wie Marcel diese Reise gefallen hat und wie das geworden wäre, wenn ich ihn nicht getroffen hätte. Am nächsten Tag frage ich Marcel, wie es sein kann, dass ich sehr traurig bin. Und was für ein Naturgesetz das zulässt.

Er denkt eine Weile darüber nach und sagt dann: „Weißt du, Roxane, die Naturgesetze sind nicht unbedingt angenehm für uns, wie es uns gerade passt. Aber Gesetze sind es trotzdem. Wenn sich in der Gesellschaft ein gut aussehender Mann auf einer netten, sexy Frau stürzt, ist das schlecht für die Frau – aber gut für den Mann. Es kann auch andersherum sein. So ist das nun mal.“

Ein paar Tage später, fliegen wir nach Genua/Italien zurück. Marcel ist mit dem BMW hier angekommen, eine besonders kühne Kombination. Das X-Coupé, es ist nicht einfach nur ein neuer Sportwagen der weiß blauen Marke. Sehr viel üppiger ausgefallen, bleibt die Proportion im sportlichen Bereich. Dieser Sportwagen hat einen 184 PS starken Sechszylinder und eine Höchstgeschwindigkeit von deutlich über 200 km/h. Und mit diesem Sportwagen fahren wir auch nach Hause. Ich frage ihn, wo er den Sportwagen herhat und redet darauf los, weil er verliebt ist, in seinen weiß blauen neuen Sportwagen X-Coupé. Ich fange dann eben an zuzuhören oder so, nach einer Weile schnalle ich es. Im Radio hören wir Beethovens Fünfte Sinfonie. Ich drehte das Radio laut auf, sodass die Leute es im Umkreis hören können. Ich fand es geil. So richtig laut. Aber ich glaube nicht, dass können Sie mir glauben, dass ich auf Klassik oder auf Beethoven stehe. Mir ist nur so gewesen, es musste raus aus mir. Am liebsten würde ich jetzt Marcel in die Hose gehen, ihn hart und härter machen. Würden Sie es tun, wenn man beim Fahren ist? Ja. Und wer ist dagegen? Nimm die Hand runter! Du zählst nicht. Aber er ist permanent beim Lächeln, ich auch natürlich, Marcel bringt mich zum Lachen. Wir sind bestimmt schon einige Kilometer gefahren. An den ganzen Bäumen vorbei und am Strand entlang. Er bringt mich mit seinem schnellen Fahrstil zum Schwitzen, wobei wir ganz allein auf der Straße sind. Dann gibt er mir eine Zigarette und freut sich riesig.

Am Abend zeigen sie dann einen Film im Kino. Gleich nach der Ankunft in meinem Appartement, haben wir beide uns geduscht und wir haben entschieden, wir gehen hin. Doch fängt dann einer in der ersten Reihe wegen irgendetwas eine Massenkeilerei an und jemand flieht über die zweite Reihe, ja, damit ist für die Knalltüten eben der Film gelaufen. Hinterher liege ich im Kinostuhl und denk nach, dann auf einmal hab' ich es! Jetzt weiß ich, was ich mach’, wenn wir aus dem Kino gehen. Wir gehen nach Hause, suchen uns eine Bank im Park und da zieh’ ich mich … Dort werden wir es uns besorgen, das geht immer noch und das werde ich auch mit Marcel machen. Marcel hätte seine Freude daran.

Die nächsten paar sonnigen, warmen Wochen bin ich jeden Morgen in den Park heruntergelaufen, wo ich noch andere Jogger traf. Wie ich mit meiner Jogger runde fertig bin, laufe ich jedenfalls ins Haus und will zu Marcel. Aber sein Bett ist leer und seine Sachen sind auch weg. Ich habe schreckliche Angst, dass er mich verlassen hat und renne hinunter auf die Straße, um zu sehen, ober ich ihn noch erreichen kann. Aber Marcel ist auch nicht da. Vor dem Haus sehe ich eine alte Dame und die frage ich: ‚Haben Sie einen jungen, gut aussehenden Mann gesehen?‘ und die sagt einfach nur, er wäre nicht da“. Ziemlich verwirrt ist die alte Dame. Ich suche eine andere Person, eine junge Frau, die gerade aus dem Haus kommt und frage sie. Doch von ihr erfahre ich, dass sie einen Mann mit einem BMW wegfahren gesehen hat. Ich will noch wissen, in welcher Richtung er gefahren ist und sie sagt: „Nein, das kann ich ihnen nicht sagen, weil ich das nicht mehr beobachtet habe.“ Ich bedanke mich und geh. An diesem Nachmittag habe ich im Fitnessstudio sehr viel geschwitzt, weil ich sehr wütend auf Marcel bin. Wie kann er nur so still und ohne „Tschüs“ zu sagen, weggehen. Ich bin fix und fertig und lauf auf dem Laufband und würde immer schneller laufen, laufen von mir selber weg. Wie ich dann wieder auf mein Apartment komme, liegt da Post für mich. Meine Mutter hat mir einen Brief geschickt, wo drinsteht, dass unser Haus abgebrannt ist. Doch sie hat eine gute Versicherung und wohnt zurzeit im Hotel. Sie schreibt, das Feuer ist ausgebrochen, wie Frau Jackoby ihre alte Katze gewaschen und dann trocken geföhnt hat. Dabei hat dann der Föhn Feuer gefangen. Besser wäre es doch gewesen, wenn die alte Katze Feuer gefangen hätte und das war es dann. Meine Briefe, sagt sie, soll ich jetzt zum Hotel Cora schicken. Dann ist da noch ein Brief. Und in dem steht: „Sehr geehrte Frau Care! Sie haben das große Los gezogen und gewinnen einen nagelneuen Mercedes SLK 32 AMG. Sie brauchen nur die beiliegende Karte an uns zurücksenden, womit wir ihnen den Wagen, mit dem gewünschten Termin, liefern werden. Mein Führerschein habe ich schon früh gemacht und nun werde ich einen Mercedes fahren, einen tollen Sportwagen, mit 354 PS. Ich kann es noch nicht glauben. Da spiele ich einmal Lotto und habe die richtigen Zahlen. Ich glaube, ich „spinne“. Aber der dritte Brief ist an mich persönlich geschrieben und hinten auf dem Umschlag steht: „Susan Delon, Postfach, Leipzig.“ Ich bringe den Brief kaum auf, so zittern meine Hände. Wollen Sie mal fühlen? Liebe Roxane“, schreibt sie. „Meine Mutter hat mir den Brief nachgesandt, den deine Mutter ihr gegeben hat. Es tut mir leid, dass Du lange nichts mehr von mir gehört hast.“ Sie sagt, sie weiß, wie furchtbar die Zeit für mich sein musste. „Es muss dein Gewissen belasten, daran zu denken, obwohl ich sicher bin, dass Du gegen deinen Willen, deine Mutter verlassen hast.“ Sie schreibt, dass es schrecklich sein muss, wenn man die Kleider selber waschen muss und sein Essen selber kochen muss. Aber was ich damit meine, dass ich selbstständig bin und selber Entscheidungen treffen muss, das versteht sie nicht. „Eigentlich traut sie mir nicht mal zu, dass ich andere Leute zu etwas Ordinärem bringen kann“, schreibt sie. Na ja, diese Geschichte hätte ich wohl noch ein bisschen besser erklären sollen. Wir organisieren riesige Partys, damit die langweiligen Spaßbremsen gestoppt werden und die Leute mehr Fan haben“, schreibt sie. Dann geht das so über eine Seite, irgendwie hört sich das alles gleich an. Aber ich bin ja kein Schwein und habe trotzdem ganz sorgfältig gelesen. Denn wenn ich Susans Handschrift sehe, kribbelt es bei mir schon in der Magengrube. Ich vermisse Susan sehr. Am Schluss meint sie dann: „Wenigstens bist du mit Dirk Jahnke zusammen. Du bist bestimmt froh, einen Freund zu haben.“ Sie sagt, ich soll Dirk grüßen und dann steht da noch unter P.S., dass sie an ein paar Abenden pro Woche mit einer kleinen Band in einem Café in der Nähe von Berlin spielt und sich damit ein bisschen Geld verdient. Die Band, sagt Susan, heißt „The Sky“.

Am nächsten Morgen treffe ich den Postboten, als ich vom Joggen komm und bringt mir ein Kuvert mit meinem Namen darauf. Ich mache den Brief auf und er ist von Marcel. Ihm geht es also gut. Folgendes hat er mir zu sagen:

Liebe Roxane,

es tut mir leid, dass wir uns nicht mehr gesprochen haben, bevor ich gegangen bin. Die Entscheidung von mir kam ganz plötzlich, ehe ich mich versehe‘, habe ich schon meine Sachen gepackt. Aber ich wollte noch schnell dir ein paar Zeilen schreiben, da du während unserer erlebnisreichen und aufregenden Zeit so nett und lieb zu mir warst. Doch ich wusste nicht mehr, was ich dir noch schreiben sollte. Roxane, ich spüre, dass du an der Schwelle zu etwas sehr Bedeutsames stehst, zu einer Veränderung, einem Ereignis, das in deinem verrückten Leben eine ganz neue, aufregende Richtung geben wird. Du musst den jetzigen Augenblick nutzen und darfst ihn nicht verstreichen lassen. Wenn ich jetzt zurückblicke, denke ich daran, dass ab und zu in deinen großen Augen etwas aufblitzt, ein winziger heißer Funke, meist wenn du lächelst. Ich glaube, bei diesen seltenen abenteuerlichen Gelegenheiten habe ich beinahe den realen Ursprung unserer Freiheit, als Menschen zu denken, zu schlafen, zu sein. Roxane, ich habe auf dem tiefen Grund deiner Augen den Funken der Neugier gesehen, der in deinem tiefsten Innern glüht. Lass dich von der gewaltigen Strömung tragen, mein Mädchen. Nutze sie für dich, kämpfe gegen Seichtheit und Hemmnisse und lasse dich niemals unterkriegen. Also, gib nie auf Roxane. Du bist eine wunderschöne Frau, Roxane. Und hast ein großes Herz. 

Und tschüss

Marcel


Ich habe den kurzen Brief von Marcel zehn und zwanzigmal gelesen, aber so ganz habe ich ihn nicht verstanden. Also, ich glaube schon, dass ich es weiß, wo er darauf herauswill, aber hinter ein paar Sätze und Wörter komme ich einfach nicht. Also, damit will er mir sagen, damit ich verdammt gut aufpasse, dass ich nichts falsch mache, wenn die Männer mich anbaggern wollen.

 

Kapitel  10

Ich fliege über den Atlantik und gönne mir einen Inseltraum. Die Bahamas, einst sind es Inseln der Reichen und Schönen im Atlantischen Ozean. Ein Reisender sitzt neben mir im Flugzeug und erzählt mir, was ein toller, geiler Snob er sein würde, wenn wir erst auf den Bahamas sind. Die Inselbewohner werden uns nett empfangen, meint er und dass ich mir garantiert das Trinken und das Essen gut schmecken lassen kann. Dann sagt er noch, er möchte mich gern auf die Inseln begleiten. Dass ich aber zunächst abgelehnt habe. Wie wir auf dem Flughafen von Nassau landen, warten da schon jede Menge Inselbewohner auf uns. Ich schaue im Flugzeug zum Fenster raus und meine, ich wundere mich, dass ich nirgends einen traurigen Menschen sehe, die uns empfangen werden. Es stellt sich dann schnell raus, dass die Menschen unter blauen Himmel leben. Wie wir aus dem Flugzeug kommen, fangen die Leute erst einmal an zu singen und zu trommeln, dann fangen die Frauen an zu tanzen. Dann ist echt der Teufel los. Zur Begrüßung gibt es für jeden von uns, ein Cocktail. Der es sich ganz schön in sich hatte. Doch es ging für mich weiter, in Schwelgen auf Paradies Island. Der Himmel ist strahlend blau, gleißendes Sonnenlicht liegt über den weißen, kilometerlangen Stränden der Insel, die mit Recht „Paradies Island“ genannt wird. „The most exciting Place of the wold“, wie man auf Deutsch sagen kann „den aufregendsten Platz der Welt. Ja, das wollte hier einst Finanzier Donald Trump erschaffen. Und das ist ihm gelungen, denn das kleine, ist der Hauptinsel New Providence durch eine Brücke verbundenes Eiland, bietet jeden, auch mir, nur erdenklichen Luxus. Wie elegante Spielkasinos, Golfplätze, Fünf-Sterne-Hotels und die Erlebniswelt „Atlantis“. Hier liegt inmitten einer exotischen Wasserlandschaft ein nachgebauter Mayatempel. Gärten, dem französischen Versailles nachempfunden, laden mich zum Spazierengehen und das Café „Martinique“, Schauplatz des James-Bond-Films „Thunderball“, zum Verweilen. Ich glaube, Sie kennen den Satz „... aber nicht geschüttelt“, oder? New Providence selbst, praktisch gleichbedeutend mit der Hauptstadt Nassau. Die Pferdekutschen rattern mich fröhlich durch die palmengesäumten Straßen, die mit ihren bunten Kolonialbauten die Vergangenheit heraufbeschwören. Wie das herrlich altmodische „British Colonial Hotel“, wo ich reserviert habe. Auf einem Ausflug probiert ein Tourist sich den Saft der Kokosnuss aus dem Gesicht zu wischen, ohne bei den anderen Leuten aufzufallen. Aber er sagt sich, scheiß darauf, weil die anderen Leute sich dann auch bekleckerten. Wie es aussieht, haben die Leute bloß darauf gewartet, dass sich jemand eine Kokosnuss nimmt und daraus trinkt. Wie ich dann in dieses Flugzeug steige, sitzen da schon andere Touristen und ich suche mir noch einen Platz ganz vorne am Fenster. Wir sind noch nicht mal gestartet, schon muss eine Frau mit ihrem Mann herumzicken, weil sie gern am Fenster sitzen will. Aber sie beruhigt sich wieder, weil er sich auf den andern Sitz setzen will. Es war ihm ganz schön peinlich, dass sie im Flugzeug die erste Geige spielen will. Als wir landeten auf Abaco, wahr ich echt froh, denn solche langweiligen Spaßbremsen können einen den Tag ganz schön mies machen. Ich sage Citylife, ein karibisches Flair auf Abaco. Ganz im Norden der Bahamas liegen die Abaco Inseln. Hier ist es vor allem die romantische Hafenstadt Hope Town, die mich zum Verweilen reizt. Man kann farbenfrohe Holzhäuser mit knallbunten Fensterläden und weiß gestrichenen Veranden sehen, die das Bild des Ständchens prägen, das an einer tiefblauen Bucht liegt. Agaven, Mahagonibäume und Bougainvilleen zaubern grüne und rosafarbene Tupfer in den wolkenlosen Himmel. Überragt wird die fröhliche Hafenszenerie von einem 36 m hohen Leuchtturm, dem Wahrzeichen der Stadt. Und tolle Bodegas sorgen nicht für karibische Leichtigkeit. Ich setze mich an den Tisch, wo schon andere sitzen, bestell mir ein Mineralwasser. Dann erzählt mir einer von den jungen, braunen Inselfrauen zu erzählen, wie ich mich morgen vor der Hitze schützen kann. Mitten drin in diesem Gespräch kommt ein junger, hübscher Mann an unserem Tisch vorbei, ich schaue hoch und sie sagt zu ihm, er soll uns noch mal was zu trinken bringen. Scheinbar hat sie gedacht, das wäre eine Bedienung. Aber er schaut einfach auf uns runter und sagt: „Hol dir selbst etwas zu trinken, ich bin nicht dein Mann.“ Also, dann bin ich lieber ins Hotel gegangen und habe mir mein Getränk beim Zimmerkellner bestellt.

Am nächsten Tag bin ich ganz früh auf den Beinen und gehe rüber zum Flieger, um mich auf Long Island und Harbour Island zu bringen. Es ist für mich das aufregendste Strand- und Tauchparadies. Rund siebenhundert Inseln umfasst das Archipel der Bahamas, das zwischen der Ostküste Floridas und der Südspitze Kubas liegt. Ganz im Süden steuern wir Long Island an. Denken Sie mal, hier, am Cape Santa Maria, soll schon Columbus zum ersten mal den Boden der neuen Welt betreten haben. Nah? Ist das nicht toll? Und ich bin der millionste Reisende, der den Boden der neuen Welt betritt. Heute ist Long Island für mich ein Paradies, zum Tauchen. Schwärme von Barrakudas und Zackenbarschen durchziehen die stille Unterwasserwelt. Ich bin fasziniert von diesem Erlebnis unter Wasser, als wenn es ein Traum ist, diese Bilder von leuchtende Korallenriffe zu sehen. Die geheimnisvollen Höhlen und alte, versunkene Wracks machen die Ausflüge bis auf den Meeresgrund zu einem Abenteuer der besonderen Art. Ausgeprägt mutige Taucher, wie ich es bin, wagen sich sogar an das berühmte Shark Reef, wo Haie auf ihre Fütterung warten. Tja, auch das gibt es. Weniger beherzten sei das traumhafte Harbour Island empfohlen. Kilometerweit erstreckt sich der berühmte pinkfarbene Sandstrand. „Meilenweit bringen mich meine Füße auf dieser Insel“, meine Neugier duldet schon kein aufgeben. Diese Insel ist gerade für mich zu ideal, denn das Meer ist sehr seicht und beim Schnorcheln droht mir keine Gefahr. Ich kann Ihnen nur sagen: „Rosa Strand auf Harbour Island gibt es in voller Füllung und ein Haifischtreffen können Sie bei Long Island in Ihrem Terminkalender notieren.“ Ach so, was ich mir noch vor der Reise auf die Bahamas notiert habe: Klima, 340 Sonnentage, im Jahr, wenn ich länger bleiben sollte. Passatwinde sorgen für eine angenehme Brise, wenn es mir zu heiß wird. Auf den nördlichen Inseln ist es etwas kühler und feuchter, wenn ich mir einen Regenschirm mitnehmen sollte

Und das war es schon. Sie können dennoch selbst Ihre Informationen auf das Papier bringen. Aber vergessen Sie den Zettel nicht zu Hause, wie es mir immer passiert. Lachen Sie jetzt nicht, mir ist es passiert, dass ich meinen Notizzettel für die Reise auf den Bahamas vergessen habe. Da liest ein Typ von der Reisegruppe irgend so ein Bockmist vor, weil alle die Ohren spitzen müssen. Bloß ich nicht. Oder doch? Ich bin nämlich am Verhungern, weil ich noch nichts gefrühstückt habe. Wie der Typ endlich fertig ist, kommt er zu mir rüber, faltet die Zeitung zusammen und drückt sie mir an die Brust. Ich bin schockiert und sprachlos. Dann küsst er mir auf den Mund, die ganzen Leute knipsen mit ihrer Fotokamera in der Gegend herum und klatschen wie wild. Das hätte ich hinter mir, denke ich mir, nichts wie weg hier. Aber der Typ steht immer noch da und guckt mich irgendwie, wie ein Trottel, komisch an. Schließlich fragt er: „Ist das etwa dein Magen, was da so knurrt?“ Ich werfe einen Blick zum blauen Himmel rauf, aber der Typ verdreht bloß die Augen, also nicke ich und sag ja und der Typ meint: „Na, dann komm mal mit. Sehen wir zu, dass wir was zu essen kriegen. Ach so, wie heißt du denn?“ Roxane“, habe ich ihn geantwortet. Ich geh’ mit ihm mit rein und wir kommen in eine kleine, ziemlich runde Hütte. Dann fragt er mich allen möglichen Quatsch. Ich nicke immer bloß. Denn das habe ich in Hannover gelernt, in Niedersachsen. Das ist die einzige Kommunikation auf dem großen Dorf, Deutschland. Nach einer Weile hört er auf mit der Fragerei. Dann ist erst mal Sendepause, bis er meint: „Möchtest du ein bisschen fernsehen bis das Frühstück fertig ist?“ Ich nicke, das kann ich schon ganz gut. Toni, so heißt der Typ, der mir Frühstück macht, schaltet vor dem Couchtisch den Fernseher an. Und wir sehen Football. Toni amüsiert sich köstlich und meint, er schaut sich das jeden Tag an, wenn die Tiger spielen. Nach dem Frühstück fragt mich Toni, ob er mir seine Hütte zeigen soll. Ich sage ja, denn ich bin ja neugierig und wir machen uns auf die Socken. Ich bin erstaunt, so klein ist die Hütte nicht, es gibt ein Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer, wenn man es so sagen kann. Anders eben, klein und nicht so groß wie in Deutschland. Wie wir ins Freie kommen, haben wir gleich die Kinder auf den Fersen, aber Toni will, dass wir uns auf einer Bank setzen. Dann sagt er noch: „Nicht war, Roxane, du bist verwundert“ und wie ich nicke, meint er: „Wie klein meine Hütte ist. Anders als bei dir zu Hause.“ Die ganzen Kinder stehen sofort auf der Matte und kreischen umher.

Am Nachmittag ist Inselshopping bei mir angesagt. Jetons rasseln, ich höre die Würfel fallen und die Shows in den Luxushotels haben die Finesse und Klasse derer in Las Vegas. In Nassau, auf New Providence, auf Paradise Island oder Grand Bahama dreht sich alles um Nightlife, Glücksspiel und Entertainment. Ich sage Ihnen, das ist nur scheinbar. Denn die Bahamas, das sind auch die touristisch noch wenig erschlossene Out Islands. Was schon jeder wusste, dass die ehemalige Kolonie an die 700 Inseln umfasst. Doch perfekt zum Inselshopping, das kann ich Ihnen sagen. Zum Beispiel lande ich auf Treasure Cay und in den Abacos mit einem Motorboot ohne Führerschein. Doch ich habe einen Führerschein und das interessiert hier keinen, um spazieren zu fahren. Das sagen Sie mal den Behörden in Deutschland! Wie es auf den Bahamas abgeht! Ja, auf den Bahamas spazieren fahren, wie Hemmingway auf den Biminis Marlins jagen. Oder Robinson spielen auf den Exumas, im „Land & Sea Park“ abtauchen und zutrauliche Leguane auf Allan’s Cay beobachten, wie ich. Inagua ist die Heimat von Tausenden Flamingos, die mich beobachten. Zum Auftanken auf ein Bierchen Kalik und eine Portion Chonch Frittes aus frisch zubereitetem Muschelfleisch am pinkfarbenen Strand von Harbour Island vor Eleuthera anlegen. Diesen Tipp gab mir einmal ein Inselbewohner an der Strandbar. Ich stieg einfach für einige Tage aus und tauche im kleinen Quartier auf einer der 40 bewohnten Inseln unter. Es ist zum Entspannen und Abschalten von der Außenwelt, einfach die Zeit für sich nehmen zu können und seine Zeit den Lauf lassen, sich der Hektik der wirtschaftlichen Welt entziehen, wo man sich bald tot rennt und der Sklave seiner Zeit ist.

Wochen, Tage und Stunden sind vergangen und ich bin wieder in meinem Apartment. Junge, Junge, heute bin ich aber geladen! Ich brülle herum, tobe und knall die Zeitung auf meinem Bett. Roxane, Du Zicke“, brülle ich in der Wohnung herum. „Wie konnte mir das passieren? Ich bin ruiniert! Meine Karriere ist aus und vorbei!“ Ein Brief von der Werbeagentur, der mit der Post kam, hat mich gekündigt und sie teilten mir mit das sie meine Mitarbeit aus Kostengründen nicht mehr benötigen. Ich weiß nicht“, denke ich laut, „aber ich habe doch alles gemacht, was sie wollten.“ Vielleicht ist das auch mein Fehler gewesen. Also, jetzt hat die Werbeagentur bei mir mal wieder verscherzt, aber ganz haben sie mich glaube ich noch nicht aufgegeben. Die Werbeagentur hat nämlich beschlossen, ich gehe auf Talent spotting für die Werbespots. Da wollen bestimmt viele junge Leute mitmachen, denke ich mir. Aber mehr will ich nun erst einmal ich nicht sagen. Ich stehe also einfach bloß da im Stadtzentrum einer Großstadt, wie Leipzig, Köln, Düsseldorf, Hamburg und Berlin und spreche junge Leute an und die lachen, kichern und glotzen zurück. Dann ruft auf einmal ein junges Mädchen, mit langen schwarzen Harren und gut geschminkt, wie ein Vamp, ganz vorne in der Menschenmenge: „Was ist ihre Meinung, bin ich der Typ für einen Film?“ und ich sage einfach, was mir als Erstes einfällt, nämlich: „Einfach mitmachen, wenn ich Deine Personalien aufgenommen habe! Das ist schon einmal ein erster Versuch.“ Ein anderes junges gut aussehende Mädchen, 15 – 17 Jahre, glaube ich, reißt das Mädchen beiseite. Die beiden Mädchen sind total außer Rand und Band, beide streiten, um eine Möglichkeit bei mir auf die Liste zu kommen und zu brüllen, irgendetwas sich zu. Ich schaffe mich jetzt weg von den beiden hysterischen Mädchen, setz mich ins Auto und fahr raus aus der Stadt. Ich bin verärgert, wegen die beiden Zicken, aus der Stadt. Dann denke ich überhaupt nichts, ich rede bloß mit mir selber und lache vor mir hin, als wenn ich übergeschnappt wäre. 

Am nächsten Morgen bin ich noch spät im Apartment, aber dann klingelt das Telefon, doch ich bin nicht rann gegangen, ich muss jetzt weg. Den ganzen Tag und die halbe Nacht habe ich die Talente für die Werbeagentur auf einer Liste zusammengefasst. Der Chef der Werbeagentur ist ein ziemlich alter Typ gewesen, der noch viel Wind macht, um nichts. Er hatte gemeint, bis er die Agentur schließt, sind noch zwei Jahre und wenn nichts anderes dazwischen kommt, ist alles okay. Ich muss oft an meine Mutter denken und Susan Dalon in Leipzig. Irgendwann im nächsten Frühling werde ich mich bestimmt mit Susan treffen.

Eine Woche später beugt sich ein Typ sich vor, schaut mir direkt in die Augen und meint: „Roxane, ich glaube, du schaffst einfach alles, was du wirklich willst. Ich habe deine Werbeplakate und Werbespots gesehen. Roxane, du bist nun mal dazu bestimmt, die Beste zu sein.“ Ich nicke einfach nur, ich habe mich erschrocken und bin starr am ganzen Körper, als Marcel Ravel vor mir stand. Ungefähr drei Tage habe das Ganze gedauert und in dieser Zeit bin ich öfters mal mit Marcel zusammen gewesen. Ich bin mit ihm manchmal in den Park gegangen, dass wir auch an die Sonne kommen und am Abend habe ich ihm die schönsten Leckereien im Bett gezeigt. Aber meistens wollte er mit mir reden. Und zwar über alles Mögliche, über Leben und Tod und einmal auch über leidenschaftlichen Sex. Da habe ich mir dann ein paar neue Schachteln geholt, wovon die Frauen nicht dick werden. „Jasmin“ heißen diese Antibabypillen, sind schön klein und mir wird nicht schon vor der Schwangerschaft schlecht. Ach so, es sind ja Pillen, damit ich nicht schwanger werde. Ich habe auch keine Lust auf das Gekreische und die dreckigen Windeln. Es gibt Frauen die sind dazu bestimmt worden, das denk’ ich mir mal so, es sind Geburtsmaschinen, die haben gleich sechs, acht, zehn Kinder. Ich gehöre nicht dazu! Alles klar? Für die Emanzen, unter uns Frauen. Marcel guckt sich das an und sagt: „Roxane, du verblüffst mich immer wieder aufs neue.“ Wie ich wieder in Hamburg bin und der Werbeagentur Springer & Jakoby einen Besuch abstatte, taucht irgendwann ein Typ vom Fernsehsender SAT1 auf. Und der strahlt über alle vier Bakken und hat einen Haufen Ordner unter den Arm und sagt: „Roxane Care, ich darf Ihnen mitteilen, dass Sie in nächster Zeit in unserer Werbeagentur mitarbeiten werden. Dies ist für mich eine erfreuliche Mitteilung. Es geht um meine Karriere, dass ich bei vielen Agenturen mitarbeiten darf und vielleicht hängt die Zukunft des weiblichen Geschlechts davon ab. Können Sie mir folgen? Ich nicke und zucke mit den Schultern und das Herz rutscht mir in die Hose. Eigentlich habe ich ja einen Rock an, doch wie hört sich das an: „Mein Herz rutscht in den Rock“, ups. Und zweitens, ich habe damit überhaupt nicht gerechnet, dass man mir eine Stelle anbietet. Ich bin doch bloß eine unschuldige, schüchterne Frau und jetzt soll ich die ganze Menschheit umwerben.

 

 

Kapitel 11

Jetzt habe ich mich also wieder um den halben Globus geschickt, diesmal war ich auf den Bahamas, genauer gesagt in Nassau. Die anderen Kollegen in der Werbeagentur sind total nett. Die kommen aus allen Bundesländern und mit mir meinen es alle besonders gut, denn ich komme aus Berlin. Die Hamburger sind auch ganz nett, das sind überhaupt ganz andere Hamburger wie die, die ich bei Mac D kennengelernt habe. Erst mal sind sie fester und nicht so matschig und enorm mundet und dick machen wollen sie mich auch nicht. In Niedersachsen habe ich einen Typen kennengelernt, der mir erzählte, wie man sich Hamburgern gegenüber betragen muss. Doch der arrogante Typ ist als einziger nicht so nett. Also, offen gesagt, das ist ein schmieriges Arschloch. Dem seine größte Sorge ist, dass seine schwarzen Schuhe, von Deichmann, poliert sind und seine braune Hose gebügelt ist und sein weißes Hemd keinen Sabberfleck hat. Ich könnte wetten, der poliert sich nach dem Aufstehen erst mal mit Spucke das schmierige, stinkende Arschloch und beim Ficken legt er sich erst ein Handtuch darunter, damit seine Spermaflecke nicht im Bettlaken sind. Martin Krabbe, hieß dieser Typ, er sitzt mir dauernd auf der Pelle. Roxane“, sagt er, „wenn ein Hamburger sie mit „Moin Moin“ grüßt, müssen sie auch mit „Moin Moin“ grüßen. Roxane, sie können doch nicht einen Hamburger mit „Hallo“ grüßen. Was soll der Hamburger denn gleich von ihnen denken? Ich zuckte meine Schulter. Mit dem letzten könnte er vielleicht recht haben. „Was soll der Hamburger denn gleich von mir denken?“ Doch darüber mache ich mir eigentlich nicht den Kopf zerbrechen. Oder was meinen Sie? Hat der Typ recht? Aber was soll es. Auf jeden Fall finden jede Menge treffen der Berliner und Hamburgern statt und die verstehen sich verdammt gut, aber da können die Hannoveraner nicht mithalten. Am Abend ist dann praktisch irgendetwas angesagt. Essen gehen oder ins Konzert oder so. Ich ging erst einmal in mein Hotel Abtei, wo ich ein Einzelzimmer, eine Junior Suite bestellte. Ich hole mir erst mal etwas aus meiner Hausbar und lasse mir heißes Wasser in die Wanne ein. Es ist richtig entspannend und tut mir echt gut dieser Duft von Jasmin. Ein edles Lokal steht heute Abend auf dem Programm. Dort gibt es exquisite Gerichte für den Gaumen. Ja, ein Gourmet, „Anna“, wir haben eine angenehme Atmosphäre und als Extra die Aussicht aufs Wasser. Und das alles bei Nacht, mitten in der City. Roxane“, du hast ein gutes Zimmer im Hotel und du kaufst deine Klamotten in eine Luxusboutic?“, fragt mich einer aus der Gruppe. Ich bin im Hotel Abtei abgestiegen und habe eine Junior Suite, meine Klamotten sind nicht nur von Gucci, manchmal auch von Designerin Westwood, Joop oder Jil Sander, was mir gerade gefällt. Jeder bestellt sich was zu essen und zu trinken beim Kellner, reden über verschiedene Themen, auch über Serien wie Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“, wie schlecht sie geworden ist. Doch die Meinungen gingen auseinander, es liegt wohl an der Regie. Wir bezahlen einzeln beim Kellner, ein kleiner Sprinter, so wie er aussah. Wir gehen schon vor“, sagt Tom. Ein paar Leute von uns wollen schon vor Gehen, doch ich muss mir noch eine Schachtel Zigaretten aus dem Automaten ziehen. Dann zeigten mir die Hamburger das Nachtleben in Hamburg. Die erste Kneipe ist das Familien-Eck. … 'ne Flasch Bier, … 'ne Tass Kaff und laute Musik ist hier angesagt. In dieser Eckkneipe fühlt man sich als Leder-Rocker ebenso wohl wie wir Werbefutzis oder andere Leute. Wenn ich mal zum Wochenende komme, legt ein DJ auf, von Easy Listening bis Funk und House. Dann gehen wir ins Finnegan’s Wake. In diesem gemütlichen Pub am Rathausmarkt wird die Atmosphäre ganz vom irischen Charme bestimmt. Ich habe nicht nur Börsianer bei Guinness und Folk entspannen sehen. Auch ich habe mich nach dem guten Essen entspannen können. Je später der Abend, desto mehr buntes Volk tummelt sich bei „Rosi“. In Rosis Bar“ , unter den orangefarbenen 70er-Jahre-Platiklampen im Gruseldesign. Und heute scratchen wechselnde DJs am teppichbezogenen Pult. Danach gingen wir noch ins 439. Hier treffe ich die trotzigsten Barkeeper in Hamburg. Dies ist, steht's einer der Lieblingsnachtplätze für Journalisten, Grafiker sowie sämtliche andere Jazz- und Cocktailfans. In dieser Kneipe bin ich erst einmal hängen geblieben und ein paar Typen, mit denen ich essen war, sind auch noch geblieben. Die anderen haben schon aufgegeben und waren schon müde geworden. Ich unterhalte mich noch mit einigen von den Grafikern und später mit den Journalisten, von verschiedene Zeitungsverlage. Denn die Nacht ist ja noch nicht herum. Vor der Kneipe finde ich auch gleich ein Taxi und steig ein, der Taxifahrer fährt los, obwohl er noch nicht wusste, wohin ich will. Ich such’ überall nach einer Zigarette, die ich jetzt rauchen wollte, bis es mir dämmert, dass ich die Zigaretten aufgeraucht habe. Sind wir schon irgendwo mitten in der Stadt?“, habe ich dem Taxifahrer gefragt. Jetzt fragt er mich, wo ich hin will. Und ich sage „Ins Hotel Abtei.“ Doch er zuckt nur mit den Schultern und macht mit mir eine Stadtrundfahrt. Ich denke, der fährt gerne mit dem Auto, in der Nacht durch die Stadt oder so. Doch ich will ins Bett. Und das geht dann ungefähr eine Stunde lang so, dabei bekomme ich ganz schön etwas zu sehen, denn es wird ja schon hell in Hamburg. Schließlich tippe ich ihn auf die Schulter und wie er sich umdreht, sage ich „Hotel Abtei. Jetzt strahlt er auf einmal und nickt und fährt los. Ab und zu guckt er nach hinten und sieht mich an. Eine Stunde später oder so hält er an. Ich guck’ aus dem Fenster und – verdammt! Der hat es geschafft und ich steh’ fast vorm Hotel Abtei. Also, jedenfalls ist es schon ziemlich spät und ich muss in wenigen Stunden wieder aus dem Bett und so langsam bin ich klinisch tot. Wie wir am Hotel Abtei ankamen, sage ich ihm, er soll mich herauslassen. Ich gebe ihm ein Zwanziger von den Geldscheinen, die ich noch vom Kneipengang übrig habe. Er will mir noch Kleingeld zurückgeben, doch ich sage ihm, dass es so stimmt und weg ist er. Ich gehe in das Hotel und stehe an der Rezeption, aber ich hätte genauso gut aufn Mars sein können. Eine junge, müde Frau kommt zu mir und guckt ziemlich komisch aus ihrer Wäsche. Dann gibt sie mir den Schlüssel von meiner Suite. So weit ist dann aber alles ganz gut. Ich sage „Danke“ und mach mich auf die Socken auf meine Suite. Da bin ich wohl schon stundenlang durch die Gegend von Hamburg gelatscht, so wie sich meine Füße anfühlten. Und dann wird mir auf einmal klar, dass ich ins Bett muss. Doch vorher muss ich noch eine Zigarette rauchen und hole mir eine Schachtel Zigaretten aus dem Koffer, den ich nicht ausgepackt habe. Erst am nächsten Nachmittag haben sie mich rausgeholt, denn ich habe mich vom Service wecken lassen. Dann bin ich in meinen Wagen gestiegen und fahre total weit raus aus der Stadt zu einem breiten Fluss und steh dort, am Deich, so herum. Später bin ich in die Stadt gefahren, um ein Bummel zu machen und Geld auszugeben. Dann habe ich wie bekloppt einen Parkplatz in der City gesucht und fahre nun schon eine halbe Stunde um den Block. Plötzlich fährt eine ältere Frau aus der Parklücke, die ich mir gleich in Beschlag nehme. Doch diese Fahrerin hat wohl ihren Führerschein beim Kamelrennen gemacht, drei vor und fünf zurück, dass ist ihr Fahrtstil gewesen. Dennoch bin ich ohne Beule, in mein neues Auto, in diese Parklücke gekommen. Ich will mir neue Klamotten kaufen und flitze gleich in den Armani Boutique. Ich denke, es ist die erste Adresse für Designerklamotten. Hier finde ich die fantasievollen Kollektionen des Modepapstes Giorgio Armani. Hier kaufe ich mir eine pinkfarbene Bluse. Ich mache mich weiter, durch die Boutiquen und geh ins Hermes. Haute Couture und andere trés charmante Garderobe, direkt aus Paris. Ich bin Freundin des französischen Labels. Hier finde ich eine Palette von tollen Klamotten über Badetücher bis hin zu schönem Schnickschnack. Doch hier konnte ich nichts finden, für meinen Geschmack. Meine Kreditkarte kann ich aber im vorzeige Shop eines weiteren local hero zücken. Ich bin eine Liebhaberin von Wolfgang Joop. Also, lasse ich mir nicht diese Gelegenheit in der Joop Boutique nehmen. Bei meiner Fahrt ins Hotel hat es ein richtiger Menschenauflauf gegeben und die Leute haben gewunken und geklatscht. Wie ich mich ein wenig umschaue, sehe ich die Popdiva Madonna mit ihrem kleinen Jungen auf den Armen. Also, ich kann es einfach nicht glauben, Madonna, mitten in Hamburg, das muss ich unbedingt Susan erzählen. In der Tasche habe ich noch ein paar Zigaretten, ich nehme eine raus und zünde mir erst einmal eine an. Der Junge lächelt richtig schön und seine Mami, Madonna, hat auf einmal Tränen in den Augen und redet ganz aufgeregt mit ihrem Mann. Ich könnte Ihnen wohl noch ein paar Sachen erzählen, aber ich habe jetzt keine Zeit. Ich gehe also weiter und die Fans kreischen immer lauter. Wie es der Teufel will, finde ich gut, schießt genau in diesem Moment jemand ein Foto und das kommt natürlich in die Zeitung. Ich und Popdiva Madonna, wer hätte das gedacht. Na ja, jedenfalls kommt einer von den Leibwächtern, zerrt mich weg und bevor ich recht weiß, was los ist, bin ich auch schon auf der verkehrten Straßenseite. Einer von den Leibwächtern hat so ein fieses Grinsen in seiner Visage und er steht jetzt direkt neben mir. Ich schaue ihn nur aus dem Augenwinkel an und neben mir lässt so ein Typ den dicksten Furz seines Lebens. Der hört sich an wie eine Kreissäge. Die Augen vom Leibwächter springen beinah aus den Höhlen. Igitt!“, sage ich laut und wedle in der Luft herum. Die anderen Leute kommen und gucken, was der ganze Spektakel zu bedeuten hat. Ich bin am Husten und Würgen, wedle in die Luft weiter herum und halt mir die Nase zu. Die neugierigen Leute grinsen einfach nur und gehen wieder auf ihren Platz. Wie ich mich ein wenig abgeregt habe, fängt der Typ sich noch über seinen Furz zu amüsieren. Doch ich sage ihn: „Du Knaller, was du da gemacht hast, war echt Scheiße von dir. Wenn du auch so aus deinem Mund stinkst …“ Aber er grinst nur und guckt geradeaus. Jetzt muss ich mir bloß noch überlegen, wo ich hinfahre. Also, eigentlich wollte ich ja ins Hotel und mich ausruhen, wobei der Stadtbummel doch etwas anstrengend war und dann sage ich mir auch, ich sollte diese Gelegenheit nutzen und die Zeit nutzen, Hamburg noch etwas näher kennenzulernen. Zum Hotel bin ich dann mit dem Auto gefahren, um meine Einkaufstaschen abzulegen. Und wie ich dann so im Bad stehe und im Spiegel meine Haare richte, sage ich, ich will an die Alster. Leute sagten schon zu mir, ob bei Regen oder Sonnenschein, ist die Alster Hamburgs blaue Seele. Sie haben wirklich recht gehabt. Unterwegs sehe ich ein paar Promis, aus Funk und Fernsehen, sowie Normalsterbliche joggen, ein paar Türkenfamilien picknicken, andere Leute und ich, spazieren am Ufer oder die ganz harten Leute liegen in der Sonne. Mein Ausflug machte ich dann weiter nach Blankenese und weil ich so neugierig bin, musste ich auch einmal auf die Reeperbahn. Ich kann Ihnen sagen, ob sündig oder sittlich, auf diese berühmteste Meile geht jeder den Weg. Nun bin ich schon einmal hier und schlendere zwischen Sex-Shops, Spielhöllen und Schauspielhäusern. Natürlich locken die hipsten Bars, jede Menge heiße Clubs und Live-Musik-Highlights.

 

 

Kapitel 12

Nach diesem Aufenthalt in Hamburg, bin ich jetzt wieder in Berlin angekommen und genieße es in meinem Appartement zu sein, wieder im eigenen Bett zu schlafen und Bonnie hat mich auch schon sehr vermisst. Nach einer ausgiebigen heißen Dusche, zog ich mir blaue Jeans, dazu den grauen Pullover und flache schwarze Schuhe. Kämme mich, zieh die Lippen nach und trage Make-up auf. Kurzum, ich richte mich hübsch her und zerbrach mir dabei die ganze Zeit den Kopf, was das wohl für eine Sache sein könnte, die etwas mit meinem neuen Job zu tun hatte und sich nicht gut am Telefon besprechen ließ. Sollte ich wieder nach Hamburg kommen? Hoffentlich nicht, damit wollte ich möglichst nicht genervt werden.

Ich pfiff irgendetwas vor mir hin, als ich das Licht in der Küche ausschaltete, im Flur einschaltete, ins Wohnzimmer ging und mich dort für die Tischleuchten entschied. Joop Spray hing in der Luft. Ich gehe zum Fenster, öffne den linken Flügel. Er geht ohne Knarren auf. Bei ungefähr einer Handbreite rastete ich ihn ein. Dunkler Himmel, Sternklar. Unten, wo die Straßenleuchten rosa -mattgold schimmerten, bewegten sich die kleinen Matchboxautos. Anfahren und Halten, aber der Verkehr ist nicht so hektisch wie unter der Woche. Ich lausche nach den Fahrstuhltüren, als ich im Flur stehe, geh noch einmal zurück ins Schlafzimmer und öffnete auch dort das Fenster einen Spalt weit. Als ich in der Diele bin, spürte ich den Luftzug, kühl und vollgesogen mit Erdgeruch. Bonnie sieht aus der Küche zu mir her, steht auf den Hinterbeinen und kratzte am Katzenbaum. „Braver süßer Kater“, sage ich, „nein, was habe ich für einen klugen Kater!“ Ich nahm die Dose mit den Leckerchen aus dem Schrank, warf Bonnie eins hin und hole mir selber eins aus dem Kühlschrank: einen Erdbeerjourgut, der unbedingt gegessen werden wollte. Ich nahm einen Löffel Jogurt aus dem Becher, hielt die Finger unters fließende, kalte Wasser, wischte sie am Küchentuch ab. Ich gehe ins Wohnzimmer, machte mir den Fernseher an, machte mir eine große, dicke, weiße Kerze an, zieh die Jalousetten etwas runter und hakte sie fest. Stand da, schaute auf die rasenden Autos hinunter. Einer parkte vor und zurück in die Parklücke ein, auf der Straße staute sich der Verkehr, Hupen lärmten blökend und Bonnie miaute. Bonnie steht an der Apartmenttür und miaute. Weil da unten so ein Krach war. Als ich gerade zu ihr hingehen wollte, klingelt der Türgong an. Ich lehne mich vor, spitzelte durch den Spion, löse die Kette und öffnete. Hallo“, sage ich, lächelte und streckte ihr die Hand hin. Hallöchen“, sagte Agnes, schüttelt mir die Hand, lächelte und kam herein. Sie ist gerade in Berlin, bei einer Werbeagentur zu tun und hat sich gedacht, sie schaut bei mir mal rein. Blaue fast durchsichtige Bluse, ohne Büstenhalter darunter, ich konnte ihre Knospen der Brüste sehen und eine zerrissene Designerjeans, hatte sie an. Die schwarzen Stiefel sahen neu aus, Bonnie musste sie erst einmal gleich beschnüffeln. Agnes ging in die Hocke, fährt mit der Hand über den Kopf und die Ohren. Hier haben wir also den berühmten allzeit sprungbereiten Kater“, sagte Agnes und krault Bonnie den Hals, „Ist er nicht ein süßer, stattlicher Mann?“ Ihre Finger spielte unter Bonnie’s Kiefer, er hob wohlig den schwarzen Kopf und kniff die Augen zu. Ihr dunkles Haar mit dem Schuss ins Rötliche war noch feucht, denn es hatte plötzlich draußen angefangen zu nieseln. Wie alt ist er denn?“ Er wird bald drei“, sagte ich, lächelte, schloss endlich die Tür. Und wie heißt er?“ Bonnie.“ Seine grünen Augen blickten zu mir auf. „Kommt das von Bonnie?“ fragte Agnes. Ja.“ Ich lächelte zu Bonnie hinunter. „Du bist schon der fünfte innerhalb von nicht ganz zwölf Stunden, die mich darauf anspricht. Das ist erstaunlich, denn den meisten Leuten interessiert es überhaupt nicht.“ Ach wirklich?“ Agnes lächelt Bonnie zu, als er den Kopf an ihrer Hand rieb. Ich war gestern für ein paar Tage in Hamburg und habe ein paar interessante Leute kennengelernt“, erzählte ich. „Und da war einer drunter, der furzte mitten in der Menschenmenge, wo Popdiva Madonna ihren Auftritt gab. Natürlich ist dieser Knabe nicht interessant für mich gewesen. Erzähl! Madonna ist in Hamburg gewesen und hat ein Konzert gegeben?“ Ich sagte: „He, das ist großartig, wenn die Popdiva Madonna so den schmalen, langen Weg entlang schreitet und die Leibwächter schirmen sie von ihren Fans ab.“ Tatsächlich? Sie muss gut ausgesehen haben, da bin ich sicher.“ Agnes nimmt sich eine von meinen Zigaretten aus der Schachtel, zündet sich diese an. Das Eindrucksvolle ist gewesen, wie sie diese ... die innere Grazie eingefangen hat. Und dabei trotzdem nicht vergessen lässt, dass sie ein Mensch ist“, sage ich. Sie sagte: „Genau, das ist sie ...“ nahm einen tiefen Zug von der Zigarette und sah mich groß an. Agnes wendet sich zum Wohnzimmer. „Oh, das ist geil. Du hast das großartig eingerichtet. Eine hübsche Farbkombination.“ Ich kam hinter Agnes und Bonnie her. „Ein paar Sachen stehen noch nicht am richtigen Fleck.“ Agnes steht vor dem großen Dali Bild. „Gefällt mir auch sehr gut, geschenkt bekommen?“ Nein“, sagte ich, „von der Kunstausstellung, eine Galerie hier in Berlin.“ Agnes schlendert neugierig durch Zimmer und zieht an der Zigarette. „Sehr hübsch …“ Und bleibt vor dem Sofa stehen und schaut hoch zur Decke.“ „Wie würdest du diese Farbe nennen?“ Agnes sah noch einmal hin, reckte das Kinn ein wenig. „Apricot.“ Apricot …“ Agnes schien ganz in den Anblick versunken. „Wunderschöne Farbe …“ Mein Lächeln galt Agnes und dem Kater zugleich. Agnes beugte sich zu Bonnie hinunter, der an ihrem Hosenbein rieb und kraulte Bonnie den Kopf. Katzen sind nun mal so“, sagte Agnes. Sie sah sich weiter um, stand auf einmal wie erstarrt. „Wow! Sie geht zum Fenster, schaut hinaus. „Ist ja fantastisch, dieser Ausblick.“ Vorsicht, bitte“, sage ich, „die schwingen ganz leicht auf. Agnes stellt sich rechts am Fenster, ich ging zum linken Flügel. Und wir schweigen, starrten nur aus dem Fenster. Agnes pfiff eine Melodie. „Was für eine Aussicht!“, sagte sie. Bonnie spazierte über das Fensterbrett, Agnes hielt die Hand hin und ließ Bonnie daran entlangstreichen. So standen wir da und schauten hinaus. Auf die Hochhäuser mit ihrer großen Leuchtreklame und auf den fernen Schein über der dunklen Stadt.Da hinten muss der Flughafen liegen“, sagte sie. Ja“, erwiderte ich. Agnes wandte sich zu mir um, schnaufte laut und lächelt mich an. Ich könnte mir vorstellen, dass du zu den Leuten gehörst, die … die nicht aufgeben, bevor sie ein Rätsel gelöst haben.“ Ich gab ein Schulterzucken zur Antwort und starrte Agnes an. Ich bin halbwegs bei meiner Mutter aufgewachsen“, erzähle ich. „Meine Mutter hatte außer dem Haus und das anstrebende Selbstbewusstsein, sonst nichts. Na ja, manchmal auch einen Mann.“ Agens seufzte. Ein Lächeln als Zugabe. Ungefähr mit sechzehn habe ich schon eine Menge Geld verdient. Hier in Berlin habe ich mich immer am wohlsten gefühlt. Da bin ich also, hierher nach Berlin gezogen und habe mir Gedanken über die Zukunft gemacht.“ Kann ich das Fenster wieder schließen, mir wird kalt?“, fragt Agnes. „Es ist doch frisch, wenn man hier steht.“ Ja, natürlich, mach es ruhig zu. Und wir setzen uns am Tisch und trinken etwas.“ Agnes schloss das Fenster. Ich holte eine Flasche roten Wein aus dem Barschrank, goss den Wein in die beiden Gläser und setzte mich in einen Sessel. Agnes nahm in einem andern Sessel Platz und schlug die Beine übereinander. Bonnie legte sich auf ein Kissen, das auf dem Sofa bereitlag, ein anderes beäugte er. Agnes beugte sich vor, einen Ellbogen auf der Armlehne, die Hände im Schoss gefaltet. Und du bist immer noch in der Werbebranche, nicht wahr? So haben wir alle mal angefangen.“ Agnes lächelt. Ich frage: „Wohnst du im Hotel?“ Agnes nickte: „Ich habe es mit Hotel leben und immer in einer anderen Stadt, nicht mit wohnen im Appartement und bei Freunden wohnen und so. Oh, ich will nicht ausschließen, dass ich mir eines Tages was Eigenes aufbaue, mit Modedesign und vielleicht Kunstdesign, aber im Augenblick ist mir ein Hotelzimmer, in einer anderen Stadt, genau das Richtige für mich. Ich kann mich selbst um alles kümmern und brauche niemand, der mir sagt, was ich machen soll.“ Ich wäre gar nicht dazu gekommen, das Leben zu genießen. Also bin ich Freelancer geworden. Zumal die Bezahlung auch nicht schlecht ist. Du glaubst gar nicht, wie abergläubisch so manche Agenturen sind.“ Da hast du recht“, sagte ich. Agnes nickte und seufzte dazu. Ich lächelte Agnes zu. „Du hast recht. Es ist mir tatsächlich auch im Kopf herumgegangen und ich habe zunächst erst einmal die Welt bereist, Karibik und so.“ Ach ja?“, erwidert Agnes. „Ich finde es toll.“ Ich lächelte Agnes an, sie lächelte mich an. Möchtest du noch etwas trinken?“, fragte ich. Ja, warum nicht? Danke.“ Agnes ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. „Du hast wirklich eine Menge Bücher. Wie viele hast du denn als schon gelesen?“ Ich blieb abrupt hinter dem Sofa stehen, drehte mich zu ihr um. Zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich glaube, mindestens alle.“ Agnes lächelte mir zu und stellte die Füße nebeneinander, beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt.

Agnes dreht den Kopf zu mir hin. Lächelte schließlich. Sah mich an. Hast du mal was von Big Brother gehört?“ Ich sah Agnes stumm an. Agnes richtet sich auf, ihre dunklen Augen wurden starr, ihr Blick war wie elektrisiert. Oh, mein Gott. Jetzt begreife ich es erst. Natürlich habe ich von Big Brother gehört“, sagte ich. Bis zu diesem Augenblick habe ich mir gar nicht klargemacht, was Agnes von mir überhaupt wollte. Kopfschüttelnd stand Agnes auf, lächelte. Sie kam ein Stück näher und sagte: „Schon oft, wie? Na ja, in den letzten Wochen vielleicht nicht mehr so oft, nehme ich an.“ sagte ich. Agnes erwiderte nichts. Ich sagte: „Hin und wieder …“ Agnes lehnte sich übers Sofa, auf die prallen Polster gestützt und lächelte mit ihrem umwerfenden Lächeln. Ich blinzelte, lächelte und sah sie wieder nur stumm an. Hob das leere Glas. Und fragte: „Noch ein Schluck vom Wein?“ Ich atmete tief durch. „Hi, Bonnie, da bist du ja.“ Bonnie miaute, ging zum Wassernapf. Ich goss den Wein in die Gläser. Was hat dein Vater gemacht?“, fragte Agnes. Ich möchte nicht darüber reden, ich bin noch sehr klein gewesen, als meine Mutter sich von ihm trennte.“ Ich warf Agnes einen raschen Blick zu. Agnes lächelte. Ich weiß, was du denkst. Dass er sich seiner Verantwortung entzogen hat, damit er nicht die Vaterrolle bekommt. Aber das hat er nicht getan, weder noch, obwohl er auch eine Menge Geld geschickt hat. Aber er hat es nicht getan. Er hat sich, was meine Erziehung anging, nie eingemischt, aus Prinzip nicht. Das war zwischen ihnen so abgesprochen. Und er brauche auch keine Gewissensbisse zu haben, um eine gute Vaterrolle zu bekommen, er wäre bestimmt ein guter Vater für mich gewesen.“ Ich zündete mir eine Zigarette an. Frage: „Hast du Geschwister?“ Nein“, sagt Agnes. „Und du?“ Einen älteren Bruder.“ Bonnie kratzte am Katzenbaum, sah zu mir her. „Braver Kater“, sagte ich und war schon zum Schrank, wo die Leckerchen für Bonnie liegen. Du solltest ihn besser nichts dafür geben“, meint Agnes. „Wenn er kratzen will, soll er es tun. Aber nicht bloß, damit du ihn verwöhnen willst.“ Ach ja?“, fragte ich. Ja, es ist wie mit den Männern. Wenn sie von dir etwas wollen, dann sollen sie es tun, nicht weil sie Liebe dafür bekommen.“ Ich stand an der offenen Schranktür, war schockiert, über Agnes Worte, sah dann Agnes an, dann Bonnie, der auf den Hinterbeinen stand, die Pfoten am Kork, den Blick erwartungsvoll auf mich gerichtet. Bonnie kratzt noch einmal, als will er mir einen Wink geben. Ich schloss dann die Schranktür. Du hast recht. Tut mir leid, Bonnie.“ Bonnie sah mich an, ich ihn. Bonnie rutschte am Katzenbaum herunter und trollte sich, die schwarze Schwanzspitze schwenkend, in die Diele. Ich fürchte, jetzt habe ich es mir mit Bonnie verdorben“, sagte Agnes. Ich lächelte. „Er wird schon darüber wegkommen. Du hast recht. Er ist ein verflixt ausgekochtes Schlitzohr …“ Ich drückte meine Zigarette im Aschenbecher aus. Wir lächelten uns an, nippten am Weinglas. Dann dreh’ ich mich um, geh zur Tür. Glas splittert auf dem Fußboden. Rotwein schwappte darüber. Ich blieb stehen. Ach, Scheiße, ich bin ein Tollpatsch.“ Macht ja nichts, es ist nichts weiter passiert“, sagte Agnes. Sie stellt ihr Glas weg und ging schnell zur Rolle mit den Papiertüchern. Das ist wieder etwas, was mich auf die Palme bringen kann.“ Das Parkett hatte etwas abgekriegt, sonst nichts. Ich ging in die Hocke, wischte den Boden trocken und Agnes las Glassplitter auf. Bonnie kam und sah zu. Wir lächelten uns an, wischten mit den Papiertüchern weiter den Boden trocken. Agnes warf mir einen Blick zu. War es bei dir eigentlich purer Zufall? Ich meine, dass du gleich bei mir aufgetaucht bist?“ Agnes lächelte. „Ich verweigere die Aussage.“ Ich pickte einen Glassplitter auf, legte ihn auf ein benutztes Papiertuch. Dann sagte Agnes: „Ich glaube, es wäre nicht richtig, wenn ich näher darauf einginge, warum ich hier bin. Du bist schon immer in meinen Gedanken.“ Agnes sieht mich groß an. Oh.“ Ich hatte noch ein bisschen zu wischen. Nun, wenn es so ist“, sagte ich, gibt es, glaube ich, keinen Grund, warum du mir nicht die ganze Wahrheit erzählen solltest.“ Wir trugen die nassen Papiertücher mitsamt den eingesammelten Glassplittern in die Küche. Agnes brachte, während ich mir ein neues Glas aus dem Barschrank holte, den Abfalleimer zum Müllschlucker. Anschließend gingen wir in das Wohnzimmer. Saßen da, jeder in einem Sessel, sahen uns an, jeder ein Bein über die Sessellehne übergeschlagen. Streckten uns die vollen Weingläser hin, stießen an und lächelten uns zu. Agnes trank einen Schluck. Versenkt den Blick ins Weinglas. Ich sehe sie an. Sie atmete tief durch und nahm einen Schluck. Ich seufzte, schüttelte den Kopf. Ich habe mich ein bisschen umgehört“, fuhr Agnes fort. „Und ich habe erfahren, dass du nach Berlin verzogen bist, dann brauchte ich nur noch ins Telefonbuch zu sehen. Und jetzt bin ich hier.“ Ich sagte: „Das war - nein, das ist jetzt unglaublich. Agnes zuckt die Achseln. Wir lächelten uns an, tranken ein Schlückchen. Nun“, sagte Agnes, „jetzt sind wir vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Dabei wollte ich dich ja eigentlich nur fragen, ob ich bei dir eine Nacht bleiben kann. Ich habe kein Hotelzimmer so schnell bekommen.“ Aber das ist doch was …, natürlich!“, sagte ich. Ich wusste, dass du nicht ‚Nein‘, sagen würdest“, sagte Agnes. „Ich habe auf gut Glück bei dir geklingelt.“ Ich lächelte Agnes zu. Wir tranken ein Schlückchen. Bonnie sprang auf das Sofa, mitten zwischen den Kissen. Spazierte über die Sofalehne auf Agnes Finger zu, schnüffelte daran.

Ich sah sie an. Fragte: „Hast du gar keine Angst, dass ich dich verführen könnte?“ Agnes schüttelte den Kopf. „Nein. Ich steh’ auch auf Frauen. Und ich habe es bemerkt, dass du auf Frauen stehst.“ Woher weißt du das?“, fragte ich. Agnes hob die Schulter. „Ich weiß es und ich spürte es.“ Ihre lebhaften, großen Augen waren auf mich gerichtet. Du bist eben so. Oder schätze ich dich falsch ein?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte ich. Bonnie schmiegte sich mit krummen Rücken an Ihr Knie. Sie spielt mit seinen schwarzen Ohren, tätschelte sein Kopf. Was für ein hübscher Junge …“ Ich fragte: „Hast du Hunger? Ich habe knusprige Hähnchenkeulen und Salat im Kühlschrank. Später habe ich noch ein bisschen was von einer köstlichen Himbeermousse.“ Hört sich verlockend an. Agnes lächelt mich an. Und dazu habe ich noch eine schlummernde Flasche Wein im Barschrank.“ Ich lächelte sie leidenschaftlich an.“ Warum nicht?“, fragte Agnes. Noch heißer?“ Aber ja!“ Agnes nahm den Arm von meiner Schulter, langte halb hinter sich, findet den Temperaturregler und stellt das Duschwasser heißer. Sie leckte mir die Wassertropfen von den Augenbrauen, ich presste meine Lippen an ihre Kehle. Wir küssten uns. Und lachten. Wir steckten die Zunge dem anderen in den Mund und küssten uns immer noch leidenschaftlich. Oh, Gott …“ Wir drehten uns, ohne die Lippen voneinander zu lösen. Lehne dich an …“ Warte einen Augenblick auf mich!“ Ich nahm den Arm von ihrer Schulter, langte halb hinter mich, fand den Temperaturregler und stellte das Duschwasser heißer.

Die Sonne ist am nächsten Morgen aufgegangen. Im Halbschlaf suche ich mit der Hand nach Agnes, doch sie ist weg. Ich konnte keine Mitteilung finden und im Wohnzimmer, wo ich bin, finde ich auch keine Nachricht. Dennoch mache ich mir darüber keine Gedanken, denn Susan Delon schießt mir ein. Sie hat sich schon lange nicht mehr bei mir gemeldet. Ich habe keine Adresse von Susan, bloß ein Postfach. Aber sie hat mir ja einen Brief geschrieben und da steht drin, wo sie wohnt und die nächste Zeit verbleibt. Eigentlich bin ich mit dem Auto hingefahren, aber ich habe mich dauernd verfahren und dann habe ich den Stadtatlas genommen und nachgesehen, wo es zur Cora-Bar, in der Friedrichstraße geht. Dort hat Susan mit ihrer Band einen Auftritt. Das ist am Nachmittag gewesen und bis auf ein paar Putzfrauen war die Bar leer, aber auf dem Boden ist noch mindestens ein Liter Bier und alte ausgetretene Zigarettenkippen. Der Typ hinter dem Tresen konnte mir immerhin sagen, dass Susan so circa acht Uhr kommt. Ich frage ihn, ob ich hier warten kann und er meint „später“. Ich soll noch einen schönen Bummel durch die Friedrichstraße machen und dann kann ich wiederkommen und auf Susan warten. Nachdem ich noch eine Menge Geld in den Boutiquen los geworden bin, setze ich mich also am Tresen und mach' mir es für die nächste Zeit gemütlich. Die Bar füllt sich allmählich. Die meisten Gäste sehen aus, als wenn sie gerade im Büro Feierabend gemacht haben und die anderen wie Studenten. Aber angezogen sind sie wie die Geschäftsleute von der Wall Street. Alle haben sie Designer-Nadelstreifenanzüge an und die Frauen die besten Designer-Klamotten. Die schmucken Männer haben Dreitage Bärte im Gesicht und Brillen von Armani auf der Nase. Die Haare von den Frauen sehen aus, wie wenn sie gerade frisch vom Friseur gekommen sind. Dann kommt auch schon die Band zum Aufbauen auf die Bühne. Drei, vier Typen tragen haufenweise elektrischen Kabel, was sie dann überall hineinstecken. Mit dem, wie wir es damals als Schulband, in der Schule gemacht haben, hat das wenig zu tun. Susan Delon sehe ich nicht. Wie das elektrische Kabel verbunden ist, fangen sie dann an zu proben. Eins können Sie mir glauben, die haben vielleicht falsche Rhythmen gespielt! Dann gibt es jede Menge Lämpchen, die anfangen zu blinken und zu blitzen. Die Musik klingt jetzt ungefähr wie Rockpop. Die Typen können doch spielen und die Menge der Gäste findet es toll. Als dann der Song rum ist, kam so richtig Stimmung in den Laden. Dann geht das Licht aus, es wird ein Spot auf den Rand von der Bühne gerichtet. Ja, da kommt sie endlich, Susan Delon! Sie sieht jetzt aber anders aus wie das letzte Mal, als wir uns sahen. Die Haare gehen ihr bis zum Hintern und die Klamotten, wie im Madonna-Stil. Sie trägt enge Bluejeans und eine trägerlose schwarze Korsage. Die Band legt wieder los. Susan fängt an zu singen, als sie sich das Mikrofon geschnappt hat und dazu tanzt sie auch. Ihre Schritte sind professionell, dabei wirft sie die Arme in die Luft und die langen Haare hin und her. Ich würde gern mittanzen, denn es kribbelt schon in meinen Beinen und wollen bewegt werden. Zum Teufel. Susan erkennt mich nicht, habe ich gedacht. Dann macht die Band eine Pause, ich stehe auf und will Susan rufen. Doch dann merke ich, wie mich da so ein Typ von der Seite anspricht: „Du hast dir ja einen schönen Fummel zugelegt.“ Ich tat so, als wenn ich ihn überhaupt nicht bemerken würde. So langsam komm' ich mir mal wieder vor, wie ne‘ Nutte aus der Herbertstraße, in Hamburg. Ich geh weg von dem Typen, erst einmal aufs Klo und sage mir, vielleicht bemerkt Susan Delon dich nachher. Das mache ich dann auch, wie ich so circa zehn Minuten später wieder in die Bar hinkomme, hat sich am Tresen eine lange Schlange gebildet. Ich gehe vorne am Tresen hin und will dem Typen erklären, mein ganzer Kram ist da drin, aber der meint bloß, ich soll mich hinten anstellen und warten, bis ich dran bin. Man war der Typ höflich und nett gewesen. Was bildete sich dieser Knabe nur ein? Irgendwann ist es mir zu blöd geworden, bin durch die Menge der Leute durch und bin an meine Sachen. Dann habe ich mich wieder auf meinem Hocker gesetzt und zugeguckt. Die Band fing wieder an zu spielen und nah einer Eile, konnte ich schon Susans Songs mitsingen. Susan hat eine tolle Stimme. Das sollten Sie auch mal gehört haben. Vielleicht das nächste Mal! Auf einmal wird vor mir eine große Lücke gerissen und Susan Delon steht da. Wie es aussieht hat sie mich in der Menschenmenge gesichtet und ich habe gar nicht darauf geachtet, dass Susan Delon zu mir kommt. Ich steh’ auf und habe mich so sehr gefreut, dass ich dabei keinen richtigen Satz mehr aussprechen konnte. Ich bin’s, Roxane“, kroch mir über die Lippen. Roxane?“ Auf einmal nimmt sie mich und nimmt mich in ihre Arme. Dabei fingen wir auch noch an zu weinen. Und dann keine Tempos mit dabei. Susan und ich, wir haben uns hinter der Bühne gesetzt und haben uns die aller neusten Neuigkeiten erzählt, bis sie noch einmal auf die Bühne musste. Der Keyboard-Spieler kommt aus Kanada und hat sich in Deutschland abgesetzt. Susan ist eine Zeit lang in New York gewesen und hat gemodelt. Dann hat sie einen Typen getroffen und ist nach Miami. Da hat sie im Nachtlokal in einer Band gespielt. In einen Typen war sie besonders verknallt, aber dann stellt sich heraus, der Typ ist schwul, also trennt sie sich von den Typen und hat die Band verlassen. Dann lernte sie einen Typen kennen, der war Manager eines Hotels, das hat nicht funktioniert, denn wie sich herausgestellt hat, ist er verheiratet. Als Nächstes ist Susan mit einem schrägen Typen gegangen, der hat erst gemeint, er sei echt nett, aber der hat dann oft im Knast übernachten müssen. Und dann hat sich Susan gedacht, es wäre Zeit, sich einmal zusammenzureißen und die Männer links liegen lassen. Jetzt ist Susan mit einem Typen zusammen, der Modedesign studiert, sagt sie. Aber ich kann nach dem Konzert trotzdem mit zu ihnen kommen. Ich finde es super, dass sie endlich einen festen Freund hat. Aber ich weiß nicht, wo ich jetzt noch die ganze Nacht bleiben soll, zum nach Hause fahren, habe ich auch keine Lust mehr. Also, geh’ ich mit. Ihr Freund heißt Dave, ja, so ein schmächtiger Typ. Der wohl vielleicht 80 Kilogramm wiegt und Haare hat wie Mozart oder Beethoven. Um den Hals trägt er eine Goldkette und wie wir in die Wohnung kommen, gibt der mir fetten Zungenkuss. Dave“, sagt Susan, „das ist Roxane, eine echte Freundin von mir zu Hause. Sie wohnt 'ne Weile bei uns.“ Dave sagt keinen Ton, aber er macht Bewegungen mit der Hand, als sei er gerade auf 'nen Trip, wenn er sich „Schneewittchen“ in die Nase schnupft. Susan hat bloß eine große Liege, aber sie meint, das ich mit drauf kann. Und da schlaf ich dann, wie in einem Swinger-Club, oder so.

Wie ich am nächsten Morgen aufstehe, sitzt Dave neben mir und streichelt mir die Brüste. Susan macht uns was zum Frühstück, dass mit Dave und mir, so ist es eben bei Dave und Susan, man teilt sich die Liebe miteinander. Susan meint, wir gehen nachher erst einmal Schoppen, wie damals. Wir gehen also in verschiedene Boutiquen. Ich kaufe mir eine schwarze Levis-Jeans und eine schwarze, kurze Nappalederjacke, das ich mir dann auch gleich in der Umkleidekabine anziehe. Und nehme meine alten Klamotten in einem Plastikbeutel unterm Arm. Dann laufen wir prompt den Typen auf der Straße übern Weg, mit dem Susan mal etwas gehabt hat. Sie versteht sich auch noch ganz gut mit dem, wenn sie auch gern von einem stinkenden Arschloch spricht. Nu ja, mein Typ ist das nicht. Jetzt sage ich was, nämlich, „Nah, das klingt ja interessant. Wie war sie denn?“, und er meint. „Warum hältst du dich nicht raus aus unserm Gespräch?“ Vielleicht wollen wir heute noch weiter?“, sagte ich. Susan guckt uns beide irgendwie komisch an, aber sagen tut sie nichts. Wir gehen ins Café, Dave hockt zu Hause und bringt seine neuen Konfektionen aufs Papier. Im Café frage ich Susan ganz leise, ob Dave überhaupt Zeit für dich hat. Und sie meint, ja, früher oder später kommt er schon zu mir und wir machen was zusammen.

 

 

Kapitel  13

Am Nachmittag nimmt mich Susan mit, zu den Typen von ihrer Band und sagt denen, ich würde ganz himmlisch Gitarre spielen. Und wie wäre es, wenn Roxane sich heute Abend in der Bar einfach mal dazu hockt? Einer von den Typen fragt mich, was ich denn am liebsten spiel. Ich sage Fury in the Slaughterhouse“ oder INXS“. Er kann es gar nicht glauben, was er da gehört hat. Aber Susan mischt sich ein und meint: „Das macht gar nichts, das läuft bestens.“ Ich spiele also schon am selben Abend zusammen mit der Band. Und alle sagen, ich wäre echt ein Gewinn. Tja, und mir? Mir gefällt es total gut, mit auf der Bühne zu stehen, wie Susan singt und ich spiele die Gitarre.

Am nächsten Montag habe ich dann gedacht, mal in die Sauna gehen. Allein schon in der Sauna, mit den kräftigen, sportlichen Männern, gibt mir das Gefühl, jemand Wichtiges zu sein. Wir haben heute einen Gast, der gelegentlich mal hereinschauen wird. Bitte, heißen sie willkommen.“ Ich bin schon sehr erschrocken, über diese Anmache. Doch alle drehen sich zu mir, ich winkte kurz und dann fängt das große Schwitzen an. Vermutlich haben sie alles vom großen Pornostar geträumt, wobei es sich in der Regel um eine zurückhaltende, zierliche, schüchterne Frau handelte. Später hielt sich dann der alte Saunastamm zur eigenen Erheiterung Hofnarren. In vielen Fällen handelte es sich dabei um ein paar Saunatypen, die man auch als Clown oder Spaßmacher bezeichnete. So ist das dann eine ganze Zeit lang weitergegangen, ich hatte Spaß daran. Dabei ist mir klar geworden, dass hübsche, intelligente Frauen keine nutzlosen Personen sind. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, so ein bisschen wie Marcel Ravel gemeint hat, andere Leute zum Lachen zu bringen. Na ja, besser als nichts. Und das können Sie auch! Die meisten Schriftsteller verwenden die Figur des Narren für den Kunstgriff der Doppeldeutigkeit. Der Narr ist der Zwillingsbruder des Weisen“, sagte mir einmal ein Mönch, von meinen Karibikreisen. Der Narr macht sich zwar lächerlich, aber gleichzeitig öffnet sich dem Leser die höhere Weisheit seiner Narrheit. Gelegentlich lässt ein Dichter wie Shakespeare aber auch seinen Narren einer der Hauptfiguren zum Narren halten und verhilft durch diese Umkehr dem Leser zu einer erhellenden Einsicht.“ Also, so langsam ist mir das auch klar. In jedem Menschen ist ein kleiner Narr verborgen, die eine Person lebt ihn aus und der andere ist durch seine prüde Lebenseinstellung mit seinem Narren gefangen. Als Narr brauchen wir auch keine Kostüme, das können Sie mir glauben, denn der Narr macht sich nicht durch seine Kleidung bemerkbar. Es ist sein Witz und sein Charme. Also, ich weiß wirklich nicht so recht, wie Sie in dieses Buch hereingerutscht sind. Inzwischen hat sich bei unserer Band eine ganze Menge getan. So ein Plattenproduzent ist extra aus New York hereingeflogen, denn er hat uns im Radio gehört. Dieser Plattenproduzent meint, er will uns ins Studio bringen und unsere Musik neu auf Band aufnehmen. Die Typen von der Band sind alle ganz begeistert, Susan und ich natürlich auch. Jo Clark heißt der Plattenproduzent aus New York. Wenn alles gut geht, bringt er uns ganz groß raus, meint er. Trotz des spitzen Angebotes, wollten wir uns noch Bedenkzeit lassen, denn das wäre für jeden von uns, ein langer Schritt übern großen See. Jochen, der am Keyboard sitzt, hat mir ein bisschen was auf seinem Instrument beigebracht und Klaus, unser Drummer, lässt mich ab und zu auf seinem Schlagzeug rum klopfen. Ist eigentlich ganz witzig, dass die Jungs mich mal auf ihren Instrumenten spielen lassen. Wie ich dann einen Nachmittag von meinem Bummel durch den Ku’damm heimkomme, sitzt Susan ganz allein auf dem roten Sofa. Ich frage sie, wo Dave ist, sie meint, „er wäre abgehauen“. Ich frage, wieso denn, darauf sagt sie, „weil er ein beschissener Schweinehund ist, wie andere Männer auch“, Wieso gehen wir nicht irgendwo essen und reden da mal drüber?“, frage ich. Reden tut natürlich vor allem Susan und im Grunde ist es ein einziges Geschimpfe über die blöden Männer. Sie wären „Faule, verantwortungslose, egoistische, niederträchtige Scheißkerle“, sagt sie, aber laut. So geht das eine ganze deprimierende Weile, dann fängt sie an zu Heulen und gebe sie eine Packung Tempotaschentücher. Ach komm, Susan, wein doch nicht. Es gibt doch gar keinen Grund. Dieser Dave hat mir überhaupt nicht nach einem richtigen Mann für dich ausgesehen. Du hast etwas Besseres verdient! Glaube mir.“ Susan meint: „Wahrscheinlich hast du recht, Roxane. Ich möchte jetzt nach Hause.“ Wie wir zu Hause sind, fängt Susan an, sich auszuziehen. Dann hat sie nur noch ihr seidenen String-Tanga an. Ich sitze auf dem Sofa und tu so, als wenn ich sie nicht bemerke. Aber Susan kommt zu mir und stellt sich vor mir hin und sagt: „Roxane, ich will, dass du mich fickst.“ Wie vom Blitz gerührt bin ich! Ich sitze bloß da und schau sie tief in die großen Augen. Dann setzt sie sich neben mich und macht sich an, meine Bluse zu schaffen. Und dann habe ich auf einmal überhaupt nichts mehr an. Susan drückt mich und küsst mich leidenschaftlich am ganzen brennenden Körper, meine harten Brüste und meinen Bauchnabel bis runter in meinem Schoss, die Schamlippen sind ganz prall und feucht von ihrer Zunge. Ich ließ mich treiben, wie auf einer Wolke und genieße ihre Liebkosungen. Dann muss wohl etwas über mich gekommen sein, weil mir es total egal gewesen ist und wir haben uns heftig auf dem Sofa herumgewälzt und unsere Lippen ließen sich nicht los. Ich habe meine Hand an Susans Scham und rieb sie rauf und runter, dabei bekommt sie ganz große Augen und ruft ganz laut: „Ohhhh, ja, mach weiter!“ Ich konnte tief in ihre Augen sehen und bekam es mit, wie Susan ihren langersehnten Orgasmus bekommt. Ich kam dabei auch nicht zu kurz, denn ich wollte es auch wissen. Ich war leidenschaftlich, ganz heiß auf Susan, sie hat mich zum Explodieren gebracht. Also, an einem herrlichen, sonnigen Nachmittag haben wir Sachen gemacht, so etwas wäre mir in meinen wildesten Träumen nicht eingefallen. Alles Mögliche haben wir gemacht, da wäre ich im Augenblick nie und nimmer drauf gekommen. Im Kaufhaus haben wir es in einer Umkleidekabine gemacht, im Park auf einer Bank und sogar in der S-Bahn, im Stehen, wo die Leute um uns eng gestanden haben. Wir haben es einfach auf jede Art und überall probiert, bloß nicht auseinander! Und wenn die Leute gegafft haben, törnte uns das erst recht an. Im ganzen Wohnzimmer und in der Küche haben wir uns herumgewälzt. Dabei haben wir irgendwelchen Sachen um geschmissen, Vorhänge heruntergerissen und sogar habe ich mich in einem großen Kaktus herein gesetzt. Doch wem interessierte das schon, wenn nicht mir. Aber daran habe ich nicht gedacht, ich wollte nur Susan haben und spüren. Zum Schluss haben wir es unter der Dusche gemacht, aber fragen Sie mich nicht, wie. Wie es dann schließlich vorbei ist, liegt Susan eine Weile einfach nur da, schaut mich mit ihren großen dunklen Augen an und meint, etwas geschafft: „Verdammt, Roxane, wo bist du nur mein Leben lang gewesen, mit deiner heißen Votze?“ Meistens irgendwo und nirgendwo in deinen Gedanken“, sage ich. Wie ich dann nach mehreren Wochen, in Berlin, wieder zu Hause war, kam ich in die Werbeagentur gerauscht, wo ich zuletzt beschäftigt war. Sagte guten Morgen und lächelte Rick zu. Auch die anderen, wie Cindy, Sammy, Nicke und Ralf. Ich hoffte, sie sähen aus wie jeden Tag und nicht wie nach einer durchgezächten Nacht und einer Leidenschaft voll heißblütigem Sex. Mit einem knackigen Brasilianer oder einer rassigen Brasilianerin. Der oder die, wie das Leben so spielt, der blitzgescheites, empfindsamste und einfühlsamste Mensch war, der je ihre Wege gekreuzt hatte. Natürlich, jeder brauchte es nicht gleich zu erfahren. So gegen zehn Uhr schaute ich bei Rick rein, fragte, wie es denn hier so gelaufen ist, und bat ihm, sich nicht weiter wegen neuen Aufträgen zu bemühen. Ich habe inzwischen mit einer neuen Agentur gesprochen, die mir neue Aufträge gibt. Und unter den Umständen wolle ich doch lieber bei meinem Vorsatz bleiben, „leb` so wie du dich fühlst“. Tja, wie man sehe: Das wahre Leben habe eben doch nichts mit Abhängigkeit zu tun. Aber, Rick, ich sage trotzdem „Danke“. Es fiel mir nicht leicht, Rick zu belügen, auch wenn es nur ein harmloser Schwindel war. Aber ich fürchtete, wenn ich erst mal anfange zu „machen“, würde er nach und nach merken, wie ich das gemeint habe. Gestern Abend, als ich Susan am Telefon hatte, war mir sowieso im Bauch so eigenartig. „Sie hat so große, dunkle Augen. Und, ich schwöre es bei Gott. Susan Delon sieht mir mitten ins Herz.“ Und das ist nicht nur bei dir so, Roxane! Du glaubst nicht, wie feinfühlig du sein kannst“, sagte Susan. Dass es keine Beziehung von Dauer werden konnte, wussten wir selber. Und das wollte ich auch gar nicht. Aber wenigstens für eine Weile war es, für uns, sicher das Schönste, was uns widerfahren konnte. Susan hatte sich mit mir gefreut und war ganz meiner Meinung gewesen. Ich hoffte es. Und hoffte, dass Marcel Ravel recht bald genug Vertrauen zu mir hätte. Wie ich so an meinem Schreibtisch saß, den Blick aus dem offenen Fenster, hatte ich das Verlangen danach, Marcel anzurufen. Nur mal schnell „Hallo“ sagen, damit ich wieder wusste, dass es ihn tatsächlich gab, auf diesen Planeten. Nein, ich wollte ihn nicht stören. Bestimmt saß Marcel in seinem unaufgeräumten Zimmer mit all den Sachen aus dem Möbelmarkt am Rechner und tüftelt an dem Programm, das er für eine Sache ausarbeitet. Und ich hatte auch zu tun. Oder soll ich nicht doch kurz durchrufen und einfach ‚Hi …‘, tut mir leid, wenn ich dich störe, aber ich musste einfach anrufen, um zu wissen, dass du wirklich …“, sagen.

Erst ein paar Tage später wurde es mir klar. Ich komme aus dem Apartment, stolpre fast über einen pinkfarbenen Plüschschuh, von Christine, die im geblümtem weichen Kimono, auf dem Flur, nach ihm gesucht hat. Denn ihr kleiner, frecher Hund hatte ihn verschleppt. Ich fuhr im Fahrstuhl nach unten, richte mir die Haare im großen Spiegel, der extra im Fahrstuhl angebracht wurde. Und plötzlich wurde mir klar, dass Marcel Ravel alles wusste, über mich, wie mein Beruf, Einkommen, Alter, verheiratet oder nicht, denn er wusste auch, wer Susan ist. Macht Spaß, so was, wie?“, dachte ich laut. Und so ähnlich dachte ich darüber nach, abends, ungefähr um neun, als ich beim Burger King bin. Ich sitze da, zwischen zwei viereckige Tischchen, kaute, sah die Wand groß an. Schluckte trocken. Ich biss in den Chickenburger und griff nach meinem Mineralwasser. Nachdem ich mich mit der Serviette die Lippen abtupfte, sagte ein Typ zu seiner Freundin: „Na ja, Spaß würde ich nicht sagen. Es gibt einem

eine gewisse Befriedigung, über jeden das Wichtigste zu wissen. Zum Beispiel die Nachbarn, Arbeitskollegen oder auch der Chef, machen einen immer neugierig, das geht allen so. Schatz, es ist so was wie ein vorsorglicher Abwehrimpuls. Instinktgesteuert.“ Er pickt mit den Fingern eine Fritte vom Teller, der zwischen ihnen stand. Sie sagte: „In Wennigsen, auf dem flachen Land, ist es noch einfacher, dem Instinkt zu folgen, das kann ich dir versichern. Ich habe schon als Kind jeden in unserer Straße genau gekannt und die ganze Familiengeschichte dazu.“ Plötzlich erinnerte ich mich an Silvia Antonie, was sie so treibt. Im Haus erzählen sich die Leute, sie ist angeblich Model. Model oder Callgirl oder beides oder was weiß ich schon von Silvia Antonie, eine interessante und gut aussehende Nachbarin auf meinem Flur. Nicht dass ich etwas gegen diese Berufsbezeichnung Callgirl hätte, ich finde sie sehr lieb. Ich nahm einen Schluck vom Mineralwasser. Ehrlich gesagt mag ich es, wenn die Leute im Haus bunt gemischt zusammengewürfelt sind. So weit sich das in der Gegend und bei der Miete machen lässt. Ich will nicht nur Yuppie-Fuzzies um mich haben, nicht einmal im Fahrstuhl. Ich knabberte an meine Burger und lächelte die kahle Wand an. Draußen vor dem Fenster rauschte ein Ferrari vorbei. Ich schaue aus dem Fenster. Schob mir die Fritte mitsamt dem Häubchen Mayo in den Mund, wandte mich um und hielt nach der Bedienung Ausschau. Alle sagten mir, „sie haben noch nie so gut ausgesehen“. Im Fitnessclub dasselbe. Auf dem Weg in das Zentrum, wo ich noch einige gute Stifte bekommen sollte, schaute ich kurz im kleinen Supermarkt und im Buchladen rein. Später fuhr ich Fahrrad im Park. Machte mir Spagetti mit Tomatensoße. Holte mir eine Flasche Wein aus dem Schrank, machte den Fernseher an, steckte mir eine Zigarette an, legte mich auf das Sofa und nahm mir das neue Buch, um ein paar Seiten zu lesen. So fühlte ich mich wohl, in einer Decke eingemummelt. Ich stutzte mir die Haare. Dann nehme ich mir das Päckchen von Tiffany, das Papier so blau wie Terence Augen. Das goldene Herz, das große, an einem Kettchen. Danach ist natürlich zwischen Susan und mir alles ein bisschen anders gewesen. Wir haben zusammen im selben Bett geschlafen, was für mich zuerst sehr anstrengend war. Sie wissen schon, was ich damit meine, ja. Aber Sie glauben es nicht, an den leidenschaftlichen Sex mit Susan habe ich mich ganz leicht dran gewöhnt. In Berlin hat Susan Delon des Öfteren, Auftritte angenommen und ist immer mal bei mir vorbeigekommen und hat bei mir geschlafen oder wir haben den ganzen Tag heftigen leidenschaftlichen Sex gemacht. Alles ist auf einmal ganz anders, grad so, wenn das verrückte Leben für mich jetzt erst richtig anfangen würde. Dabei bin ich die glücklichste Frau von der bunten Welt.

Marcel rief an. „Wie geht es dir?“ Gut“, sagte ich, „und dir?“ Ganz gut. Ich war ein paar Tage in Miami. Ich hatte Geschäftlich zu tun. Dort wurde ich noch in einer Schießerei auf der Straße verwickelt.“ Oh, das tut mir leid zu hören …“ Tja, was will man machen, wenn man als Passant nur die Straße entlanggeht und an nichts denkt.“ Ich sagte nichts und stellte mir das bildlich vor. He, das nenne ich aber eine spannende, abenteuerliche Neuigkeit. Da freue ich mich wirklich, dass es dir gut geht.“ Ich schnappte nach Luft, da mir die Worte fehlten, was ich zu Marcel sagen soll. Denn die Sache mit Susan ist immer noch in meinem Kopf und arbeitet. Also, erzähle ich ihm irgendetwas. Ich erzählte Marcel irgendetwas und habe ihn gefragt, wann wir uns wieder sehen werden. Marcel konnte mir keine Antwort geben. Ich sagte, dass es ziemlich spät geworden ist und er nicht böse sein soll, wenn ich jetzt den Hörer auflege. Ich bin ins Bett gekrochen und setzte mich hoch. Bonnie ist zu mir gekommen und legte sich ans Fußende. Ich legte das Buch auf dem Nachtisch. Bonnie legt sich neben mir. Ich lächelte ihn an, streckte die Hand aus, streichelte sein weiches Fell.

Dann ist der Tag gekommen für mich, Susan gastiert mit der Band wieder in Berlin und sie hat versprochen zu mir zu kommen. Susan und ich, wir probten jeden Abend, sie mit Gesang und ich mit der Gitarre, mit der Band. Ansonsten lieben wir einander und gehen spazieren, bummeln in der City, machen Picknicks an der Spree am Ufer. Susan hat schöne, zärtliche, gefühlvolle Balladen geschrieben. „I believe, i can love“, und da begleite ich sie auf der Gitarre. Der ganze bunte Frühling und heiße Sommer ist herrlich gewesen, wir sind an die Ostsee mit den Wagengefahren und haben den Strand unsicher gemacht und den Frauen haben wir die Männer ausgespannt. Doch wir wollten nichts von den Weicheiern. Und ein paar Wochen später ruft Jo Clark an und meint, sie machen ein Album daraus. Joan Clark hatte nicht aufgeben, uns unter Vertrag zu bekommen. Wir bekommen dann bald von überall her Anrufe von Leuten, die wollen, dass wir in ihrer Stadt spielen und von dem Geld konnten wir schon schön leben. Und allem drum und dran sind wir dann auf Tournee nach Amerika gegangen. In dieser Zeit passiert noch was anderes, was dann in meinem Leben eine große Rolle gespielt hat. Wie die Band mal eine Pause machte, nimmt mich Oskar, der fast alle Instrumente spielt, zur Seite und sagt: „Roxane, du bist echt ein nettes und gut aussehendes Mädchen, aber ich kenne' da was, wovon du auf deiner Gitarre garantiert noch besser wirst. Das sollst du unbedingt mal probieren.“ Ich frage ihn, was das denn wäre, doch Oskar meint, „da“ und gibt mir eine Zigarette.

Ich sage: „Danke“ und Oskar gibt mir Feuer. Dann meint er: „Das ist keine normale Zigarette, Roxane, da ist ein guter Stoff drin, der erweitert den Horizont. Und du weißt ja, hinterm Horizont geht es weiter!“ Ich sage ihm, ich weiß nicht so recht, ob ich eine Horizonterweiterung brauche. Aber Oskar besteht darauf. „Probier’s“ wenigstens mal, meint er. Nah, ich kann Ihnen sagen, der erste Zug von der Zigarette, hat es ganz schön in sich gehabt, mein Kopf wurde frei. Überlege hin und her, dabei komme ich dann zu dem Ergebnis, eine Zigarette kann wohl nicht schaden. Also, ich muss schon sagen, mein Horizont hat sich echt erweitert. Alles hat sich quasi verlangsamt und richtig rosige Farben angenommen. Nach der Pause habe ich so gut gespielt, wie in meinem Leben noch nie. Ich habe gespielt, als wenn ich auf einer Wolke bin und die Töne, die ich auf der Gitarre gespielt habe, mit einem Echo zurückbekomme. Hinterher ist Oskar zu mir gekommen und hat gemeint: „Roxane, das ist noch gar nichts, du musst das mal beim Ficken probieren.“ Das habe ich auch mit Susan gemacht. Also, ich kann Ihnen sagen, Oskar hat recht. Dumm ist an der Sache bloß, dass ich davon nach einer Weile keine Konzentration mehr hatte. Aber wem interessiert das schon?

Am Morgen schon stehe ich auf und zünde mir einen Joint mit Susan an. Ja, Joint, denn so heißen die Dinger nämlich. Und dann liegen wir einfach nur den ganzen Tag herum, bis es Zeit ist zum Musik machen. Susan hat erst einmal nichts gesagt, weil sie sich auch mit mir einen Joint gegönnt hat. Aber irgendwann sagt sie: „Roxane, meinst du nicht, wir rauchen zu viel von diesem Dreckzeug?“ Ich lächelte. „Ich weiß nicht'“, sage ich. „Ab wann ist es zu viel, Susan?“ Und Susan meint: „So viel, wie du rauchst, ist zu viel.“ Aber ich will heute nicht aufhören. Irgendwie verschwindet da nämlich alles davon, worüber ich mir Sorgen machen könnte. Obwohl, viel Sorgen gibt es da ja um die Zeit gar nicht.

Am Abend bin ich in den Park gegangen, habe mich auf die Bank gesetzt und zu den Sternen draufgeschaut. Wenn es keine Sterne gab, habe ich trotzdem hochgeguckt. Plötzlich ist Susan nachgekommen und wir haben in den Regen draufgeschaut. Dann kam es über uns und lachten und rannten und rannten und lachten laut durch den Park. Susan küsste mich. Roxane, wir müssen endlich aufhören damit“, sagt sie. „Ich mache mir Sorgen um dich. Du tust überhaupt nichts mehr, außer Joint rauchen und den ganzen Tag herumliegen. Das ist verdammt ungesund. Ich glaube, du musst mal raus aus dem Ganzen. Morgen noch das Konzert in herby-Disco, dann haben wir erst mal keine neuen Termine. Ich finde, wir sollten irgendwohin fahren und Urlaub machen. In den Bergen vielleicht.“ Ich nicke einfach nur. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich alles mitgekriegt habe, was Susan gesagt hat.

Am nächsten Abend in der herby-Disco guck’ ich, wo der Hinterausgang ist. Ich geh‘ raus und zünd mir einen Joint an. Ich sitze da ganz allein, doch jetzt nicht mehr, denn da kommen zwei junge Männer her. Der eine sagt: „He, bist du nicht die Gitarristin von der Band?“ Ich nicke‘. Der eine lässt sich mich einfach auf den Schoss plumpsen. Der andere ist beim Grinsen und plötzlich nimmt der mich an die Brüste. Der andere junge Mann fummelt an meinem Reißverschluss herum und ich soll ihm seine Hose herunterziehen, aber ich sitze bloß ganz weggetreten da. Auf einmal geht die Tür auf und Susan ruft: „Roxane, wir machen …“, dann kommt einen Augenblick gar nichts mehr, doch dann sagt sie: „Au, Scheiße“ und knallt die Tür zu. Ich springe auf und schrei ganz laut. Der eine Mann auf meinem Schoss fällt auf den Boden. Der andere ist beim Fluchen und so. Aber ich gehe rein. Doch dann sehe ich Susan, sie hat sich gegen die Wand gelehnt und weint. Ich gehe zu ihr hin, aber sie sagt: „Bleibe mir bloß vom Leib, du geile Votze! Ihr Frauen seid doch wie wilde Katzen. Du spielst mit den Kerlen, wie sie, mit den Mäusen. Oh Gott, so schlecht wie jetzt ist es mir noch nie gegangen. Ich kann mich kaum daran erinnern, was wir nach der Pause noch gespielt haben. Auf der Heimfahrt hat sich Susan ans Steuer gesetzt und kein Wort mit mir geredet. Susan hat dann auf dem Sofa geschlafen. Am nächsten Morgen meint sie, es wäre an der Zeit, dass ich mir ein Hotel suche. Susan packt ihren Kram zusammen und geht, ohne ein Wort. Ich lasse den Kopf weit herunterhängen, denn das wollte ich nicht. Ja, ich konnte ihr nichts erklären, rein gar nichts.

 

 

Kapitel  14

Susan ist dann irgendwohin verschwunden. Ich habe in ein Hotel herumgefragt, aber keiner hat mir eine Auskunft über Susan Delon geben können. Vielleicht sollte ich allmählich mal meine Mutter besuchen. Trotzdem ist es eine schöne Zeit mit Susan gewesen und vermutlich bin ich doch zum Rockstar geboren. Ich packe meinen ganzen Kram zusammen und bin weg. Wie ich dann nach Brandenburg mit dem Auto herunterkomme, ist dort der Teufel los. Überall Polizei, die Leute brüllen auf der Straße herum und schmeißen den Politikern irgendwelches Zeugs zu, wie bei einer richtigen Demonstration. Das Auto musste ich an der Straße stehen lassen und zu Fuß weitergehen, denn es ist nicht mehr weit gewesen. Die Polizei nimmt Leute in Haft, die Sachen schmeißen und versuchen, die Demonstration unter Kontrolle zu halten. Ich gehe zu der Adresse, wo Mutter vielleicht noch wohnen könnte, aber da ist keiner zu Hause. Ich warte praktisch den ganzen Nachmittag auf der Treppe, holte mein Wagen und abends, so gegen zehn, hält ein Wagen, wo eine Frau aussteigt. Und tatsächlich, da ist Mutter. Ich stehe von der Treppe auf und gehe auf sie zu, aber sie dreht sich um und läuft zum Auto, denn sie hat noch ihre Tasche drin. Mutter kommt direkt aus dem Kino. Gestern hat sie es mit ihrer Freundin beschlossen. Mutter war beim Friseur und hat sich richtig flott gemacht. Wie es aussieht, freut sie sich, dass ich da bin. Mutter sagt keinen Ton, doch dann erzähl’ ich ihr, wie sehr mir das leid tut, was passiert ist. Und dass sie mit den Haaren und ihrem Kostüm gut aussieht. Dann gehe ich zur Treppe zurück, wo meine Sachen stehen und gehen in ihre Wohnung. Wir sitzen uns ins kleine Wohnzimmer auf dem grauen Sofa und unterhalten uns. Mutter machte uns einen Tee, der noch ganz schön heiß ist. Sie erzählt mir, was sie morgen macht. Doch dann sieht sie mich an und meint: „Das ist ja ein Geschenk des Himmels, dass du bei mir bist, Roxane!“

Am nächsten Morgen kommt Mutter ins Wohnzimmer, wo ich auf dem Sofa schlaf, und sagt: „Roxane, ich möchte, dass du heute mitkommst und ziehe dir ein Kleid oder Kostüm an.“ Ich frage wieso, und sie meint: „Wenn du schon mal da bist, stelle ich dich meinen Freundinnen vor.“ Ich ziehe also mein blaues Kostüm an. Doch wieder frage ich, warum, aber Mutter meint bloß: „Mach es einfach. Das bekommst du dann schon mit. Du willst mir doch eine Freude machen, oder?“ Nachdem wir uns richtig schick gemacht haben, machen wir uns auf den Weg. Wir steigen in den BMW, der wie es scheint, von der Demonstration nichts abbekommen hat. Es ist ein total, sonniger und klarer Tag. Dann sehe ich Typen in Uniform, die beieinander stehen, gehörten bestimmt zu der rechten Szene. Einer von den Typen kommt dazu und tippt den anderen auf die Schulter und haut ihn auf den Kopf. Vielleicht begrüßen sie sich so? Wer kann das schon wissen? Ich sehe‘ nach Mutter, wie sie mir zunickt, verlasse ich die Hauptstraße und biege rechts ab. Wir reden nicht viel miteinander, dennoch bin ich gespannt auf Mutters Freundinnen. Ich denke mir, ich muss mein Bestes geben. Dann muss ich plötzlich an Marcel denken und irgendwas überkommt mich. Aber ich muss die Zeit bei Mutters Freundinnen überstehen. Ein paar Sekunden später sagt sie: „Du kannst dort parken!“ Dummerweise bin ich schon an dieser Stelle vorbeigefahren. Jetzt ist echt der Teufel los. Ihre Freundinnen haben es echt übertrieben, mit den Komplimenten und Bewunderungen. Auf einmal stürzen zwei von ihnen auf mich zu und stellen mir so bescheuerte Fragen, vom Heiraten und Kinder kriegen. Noch mehr von Mutters Freundinnen belagern mich und schon sitze ich in den Fängen der Hexen von Brandenburg. Ich komme mir vor, wie in einer Frauenkommune. Die ganze Nacht bin ich bei Muttern, am Morgen Frühstück ich und setz mich in den Sportwagen. Doch Mutter musste noch einige Tränen vergießen und meint, dass ich bald mal wieder kommen soll. Das kenne ich ja schon. Mir wurde klar, dass ich nicht einkalkuliert hatte, dass Marcel sich in mich verlieben könnte. Eine erstaunliche Sorglosigkeit, wenn man bedachte, wie wunderbar er war: warmherzig, klug, ehrlich, fröhlich und sexy. Und dass er aussah wie ein Gott. Und das alles hatte er fast vom ersten Augenblick an gewusst, gleich wo wir uns sahen. Was natürlich so gut wie nichts gewesen war, verglichen mit dem, was ich mit Susan gelebt habe. Und trotzdem, hat er sich in mich verliebt, daran hatte ich anfangs nicht mal flüchtig gedacht. Und nun war es so gekommen. Ich machte alles kaputt. Ich sitze auf dem Sofa und setze mir die Brille auf die Nase. Meine zarten Füße legte ich auf dem Couchtisch und lese einen spannenden Roman von Steven King, das mir ein Kollege, irgendwann unbedingt schmackhaft gemacht hat. Ein Thriller, tödlicher Augenblicke. Ich dreh' den Kopf, sah über die Brille in das Buch. Das Buch gefällt mir gut, dachte ich mir. Die Szenen sind sehr skrupulös zum Gruseln. Mir tut es ganz gut, wenn ich allein bin und nicht auf irgendeiner Party. Ich schiebe die Umschlagklappe in die aufgeschlagene Seite, um ins Bad zu gehen, denn ich muss mal pinkeln.

Ich denke an Marcel Ravel, wie er mich küsst und mir sagte: „Ich liebe dich.“ Marcel streichelt mir die Wange, wenn er mich ansah. Ich sah in den Spiegel und sah mich, habe festgestellt, ich habe mich verändert und bin älter geworden, ich muss zum Friseur. Dann ging ich um das Sofa, auf die Diele zu und rief: „Gute Nacht, Bonnie, wo immer du stecken magst.“ Ach so, während ich auf Reisen gehe, schaut ein Nachbar von der Etage nach Bonnie, und gibt ihm etwas zu fressen. Nicht dass Sie denken, das Tierheim ist für Bonnie, das zweite Zuhause. Mein Blick folgte Bonnie. Bonnie miaut, stolziert ins Schlafzimmer und legt sich auf das Bett. Ich atmete tief durch. Bückte mich, hob Bonnie vom Bett auf, hielt ihn mir vor die Nase, sah ihn, Auge in Auge, an. „Freunde?“, fragte ich. Ach, wie schön würde es sein, wenn Marcel bei mir wäre. Ich würde seine weichen Lippen küssen, ihm seine Haare verwuschelt und mit ihm reden. Ja, ich küsse seinen Mund, seine Lider und ich schließe dabei selber die Augen. Marcel dringt zärtlich und gefühlvoll in mich ein, bewegt sich leidenschaftlich mit großen und starken Stößen in mir. Mein Gefühl ist, dass ich unter irgendetwas zerbreche. Da kann ich mich nicht rühren, nicht schreien, nichts sagen, nichts tun. Ich bin komplett machtlos. Wenn ich aus dem Fenster sehe, sieht man bloß blauen Himmel. Keine Wolke am Himmel. Etwas später habe ich das Gefühl, dass ich ein bisschen langsamer werde und alles, was ich tue, wird schwerer. Bonnie sieht mich böse an. Offenbar ist er total sauer und niedergeschlagen. Vielleicht will er sein Mittagessen oder so. Ich gehe in die Küche, am Schrank und hole für Bonnie ein paar Leckereien heraus. Nicht, dass er wütend wird und irgendetwas Schlimmes anstellt. Ich mache die Schachtel auf und schüttel drin herum, such nach etwas, wo Bonnie sich darüber freut. Also, wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, einige Tage in seinem Appartement zu bleiben, ist es eigentlich ganz witzig. Ich bin klarer und habe Zeit nur für mich. Ich frage mich, wo Susan jetzt ist. Ich fliege immer rund um die Erde. Also, ich fliege fast um die Erde. Nicht das Sie denken. Ich übertreibe. Und wenn circa jede Stunde, jeder Tag und jede Nacht vorbeigeht, bekommt man irgendwie für alles einen anderen Blickwinkel. Ich meine, jetzt mache ich also eine Weltreise, zum Beispiel, wenn ich zurückkomme – oder soll ich sagen: „Falls ich zurückkomme“ -, was ist dann? Soll ich mich umbringen? Soll ich dem Bundeskanzler eine auf die „Schnauze“ hauen? Oder, den Beamtenstaat Deutschland zum Schwulenclub der Nation machen? Vielleicht soll ich mir überlegen, wie ich mich nicht umbringe und wie ich mir einen reichen Ölscheich angele, damit ich weiter durch die Welt reisen kann. Äußerst merkwürdig ist das alles.

Ich mache so oft wie möglich ein Nickerchen, aber wenn ich grade nicht schlafe, grüble ich rum. Herrgott, wir haben sowieso nur ein Leben. Ich will mich ja nicht großartig beschweren, aber ich finde, eine glückliches und zufriedenes, gesundes Leben, hat sich doch jeder Mensch verdient. Und eins kann ich Ihnen sagen: „Ein inkompetenter Klugscheißer, der alles immer besser weiß, ist auch kein Goldkind, im Gegenteil, er hat nur auf der ganzen Strecke seines Lebens, Pech. Zuerst gebe ich dem einen arroganten Menschen die zierliche Hand – okay. Er schnappt sie sich und fängt mit drücken an, aber dann lässt er sie los. Meine zierliche, kraftlose Hand hängt an meinem zarten Körper rum, ich kann sehen, wo ich sie finde. Ich gebe sie dem arroganten, inkompetenten Menschen noch mal in seine schwitzige Hand, dieser Blödkopf von Mensch vermatscht sie total und schmeißt den Matsch einfach weg und ich kann sie dann suchen. Und die ganze Zeit muss ich ihn bei Laune halten. Sobald man ihn allein lässt, weiß e nicht mehr, was er machen soll und sitzt nur hinter seinem Schreibtisch und macht Kreuzworträtsel. Oder, er klappert mit den dritten Zähnen, wie ein Plastikgebiss zum Aufziehen. Nach einer Weile macht ihn das total verrückt und geht mit fünfundfünfzig in Pension. Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Schließlich habe ich meine Gitarre rausgeholt und ein bisschen gespielt. „Angel, ist, es glaube, ich gewesen. Ich habe mich etwas beruhigt und habe Sachen wie „next to youund „milk and honey“. Jetzt liegt der Bonnie da und sieht mich an, friedlich wie in Baby. Dass ich eine Fotokamera zu Hause habe, womit ich jetzt ein paar Fotos machen könnte, habe ich ganz vergessen.

Wie ich am nächsten Morgen aufwache, fällt mir ein, dass ich mich bei der Werbeagentur in Hamburg, mal melden muss. Im Grunde läuft es aber ganz gut, nur merke ich, die Leute draußen, gucken mich dauernd irgendwie komisch an. Sobald sie in meine Nähe kommen, werden sie plötzlich munter. Es dauert nicht lange, bis ich um mich eine neue Mauer gebaut habe. Dann dämmert mir langsam, wo das Problem liegt. Ich könnte platzen vor Wut. Ich gehe zu einem Tai-Chi Kurs, den man letzte Woche ins Leben gerufen hat. Diese Übungen bringen mich im Einklang von Körper und Geist. Ich besuche diesen Kurs öfter und ich merke, wie ich mich wohler fühle. Also, die Chinesen machen es ja jeden Tag, vor Beginn ihrer Arbeit, in ihrer Heimat. Die Übungen geben mir jedes mal, mehr Kraft für den Alltag. Und andere Leute lerne ich auch kennen, wir waren schon in einem chinesischen Restaurant, um nach dem Training etwas zu essen. Irgendwie ist es mir gelungen, mein Leben in den Griff zu bekommen. Ob Sie es glauben oder nicht, die asiatischen Weisheiten, sind für mich in Ordnung. Sie lehren auch: Kummer und Leid sind deine Lügner, sie verdrängen die Freude im Leben. Denk daran, habe ich mir gesagt, du bist ein Gewinner, wenn die ganze Kacke ausgestanden ist.

Ein paar Tage später auf dem Fernsehturm von Berlin, Alexanderplatz, sagt mir eine Stimme: „Wenn sie nicht sicher sind zu springen, warum schauen sie dann runter, sie blödes Weibsstück?“ Herrgott, was will der von mir, dachte ich und geh weg. Die Leute drücken sich ihre Nasen an der großen Scheibe platt und schauen runter. Ich schaue ganz scharf runter, alle Leute sind wie kleine Stecknadeln zu erkennen und alle glotzen zu uns rauf. Sie tragen kurze Hosen mit weißen Socken und karierte Röcke und die Pank’s haben wilde Frisuren. Verdammt“, sage ich, „was soll das sein?“ Eine Anna flog vorbei, ein Transportflugzeug, noch aus der Zeit, wo es den Osten gab. Sie haben sogar primitive Landebahnen angeflogen, hat man mir erzählt. Eine Stimme erzählt: „Das ist bestimmt ein Fan von alten Flugzeugmodellen.“ Also, für mich sehen die Dinger immer gleich aus“, sagte ich. Stimmt, irgendwie schon“, sagte eine andere Stimme. Hören können wir im Fernsehturm nichts, aber unsere Fantasie reicht völlig. Ich bekam einen Gehaltscheck, von einer Werbeagentur. Kaufte ein Kostüm. Marcel rief nicht an. Diesmal, nahm ich mir vor, es abzuwarten. Knetete mich im Fitnessclub durch. Nahm an einer Präsentationsbesprechung, in einer Werbeagentur teil. Ging zu einer Party. Anschließend nach Hause, wo ich den Anrufbeantworter abhörte. Ich buk mir eine Thunfischpizza, Bonnie machte große Augen.

Gleich am nächsten Morgen, rief ich meine Mutter an. Ein wohltuender Anruf, keine Diskussionen über Menstruationsproblemen, keine Fragen nach Männern. Und sie freut sich auf Weihnachten, wenn ich komme. Ja, ich auch. Der knusprige Truthahn war ein wenig trocken, aber die Beilagen waren lecker. Mehr Leute am Tisch als letztes Jahr, vertraute Gesichter und neue Freunde von Mutter. Alle stellten sich vor. Die Bohnen, ein undefinierbarer Brei, der von einer Freundin mitgebracht wurde. Sie war die Einzige, die diesen Brei, sich schmecken lassen hat. Ich ging, fuhr nach Hause, hörte den Anrufbeantworter ab. Marcel hatte nicht angerufen. Der kalte Freitag war trostlos, wer hätte das gedacht? Grau verhangener Himmel, Schneeflocken. Ich erledigte ein paar Rechnungen, putzte ein bisschen und wechselte die Bettwäsche. Nahm ein schönes Buch, las ein paar Kapitel und ging joggen im Park. Ein Pärchen, um die dreißig, Schulter an Schulter. Sie stritten sich offenbar. Sie hob abwehrend die Hand, er drohte mit dem Finger. Schade, dass ich es nicht von den Lippen ablesen konnte. Ich versuchte ein wenig zu arbeiten. Bonnie, auf dem Fensterbrett, rieb die Nase an seine Pfote. Ich skizzierte auf dem Blatt Papier einige Figuren herum. Merkte aber, dass es nichts wurde. Was mochte es treiben? Ich kuschelte mich aufs Sofa und sah mir eine Trickserie an: der Pinky und der Brain. Hoffte, dass die beiden mutierten Mäuse, aus dem Laboratorium, diesmal die Weltherrschaft übernehmen würden. Susan rief an. Ich hielt eisern den Mund. Sagte nur, dass alles in Ordnung wäre. Wie gehabt. Viel zu tun. Ich sah mir jetzt „Raumschiff Enterprise“ an. Bonnie schlief auf meinem Schoß. Ich aß einen Heidelbeeren-Joghurt. Nahm ein Bad.

Am Samstag war ich dann wieder in der Reihe. Schiebe den Fernseher in die Ecke. Putze den Rest der Wohnung. Ich ging einkaufen. Setzte mich vor dem Schreibtisch und kämpfte mit dem Mac-Computer. Vor drei Wochen hatte alles angefangen. Ich polierte den Bildschirm. Ging an die Arbeit. Es lief sehr gut, ich kam schnell am Mac voran. Sauber gedruckt, Gott sei Dank. Eine halbe Stunde brauche ich noch für die Storyboards. Da klingelt das Telefon. Sechzehn Uhr, zeigte die Uhr. Ich starrte aufs Telefon. Es läutete weiter. Ich nahm ab. Hallo?“ Hi, Roxane.“ Ich nahm die Brille ab. „Hi“. Wie war es bei deiner Mutter?“ Kalorienreich“, sagte ich. „Lustig. Und bei dir?“ Ich habe gearbeitet. Ich habe dich beschwindelt. Aus Angst, dass wir zu tief hineinrutschen. Jetzt tut es mir leid.“ Ich streichelte mir mit der Hand, den Nacken. Musste grinsen. Mir auch“, sagte ich. Ich liebe dich, Roxane.“ Oh, Marcel …“ Ich schloss die Augen, atmete tief durch. „Ich liebe dich, mein kleiner. Und wie …“ Oh, Roxane … mein Gott, du hast mir so gefehlt. Da ist etwas, darüber würde ich gern mit dir reden. Am Telefon geht das nicht. Kommt dir das bekannt vor?“ Lächelnd sagte ich: „Wann kannst du kommen, heute noch, morgen?“ Nein“, sagte Marcel, „diesmal, mach mal die Tür auf. Oder kannst du das nicht mehr?“ Na – und wie!“, sagte ich. „Ich fliege.“ Ich brauchte nicht lange, bis zur Tür. Marcel, dieser Schuft, stand überraschend vor der Tür. Ich bin ihm gleich in die Arme gefallen und wir haben uns leidenschaftlich geküsst, bis wir im Wohnzimmer waren. Du, Marcel …, du erkennst mein Appartement nicht wieder. Dir zu Ehren habe ich saubergemacht. Das war geschwindelt. Und das wissen Sie ja!

 

 

Kapitel  15

Was immer es sein mochte, wir bekamen das schon in den Griff. Jetzt, nachdem Marcel sich dazu durchgerungen hatte, mit mir darüber zu reden. Vermutlich ging es um den verdammten Sex, dass ich auch Frauen liebe. Ich duschte und trimmte mich feminin, für Marcel. Ich rasierte mir die Beine, dann meine Schambehaarung und unter den Achseln. Ich zog mir ein tailliertes blaues Kleid, Schuhe mit Pfennigabsätzen an und legte die Perlenkette um den Hals. Als I-Tupfer, gab ich dem Ganzen, ein paar Spritzer vom Gucci-Parfüm. Plötzlich klingelt das Telefon. Walter Flachmann rief an, völlig überkandidelt, überschüttet mich mit kuriosen Ideen, für den Werbespot einer Käsefirma. Drei Minuten brauchte ich, um ihn abzuwimmeln. Ja, Montag, gleich als Erstes. Und tschüss! Ich habe den Anrufbeantworter nicht eingeschaltet, denn ich habe den Telefonstecker aus der Buchse gezogen, um für heute keine weiteren Störungen zu haben. Und dann ist später noch Zeit, wenn es für den Anrufer wichtig und dringend ist. Lange nach dem Schlüssel, stell schnell Bonnie Futter und frisches Wasser hin und sage ihm, ich käme bald wieder. Die Fahrstühle waren im zehnten und siebten, beide nach unten unterwegs. Ich nahm die Treppe. Ich hüpfte die Stufen hinunter, eine halbe Treppenlänge, dann kam der Treppenabsatz mit der Stockwerksnummer. Meine Schritte hallten vom Beton des Treppenhauses wider. Ich drückte auf die automatische Türöffnung des Wagens, bevor ich einsteige und räumte ich die Gummibärchen von dem Sitz. Ich fahre zuerst einmal in die Innenstadt und dann zu Marcel. Hoffentlich war es meine bisexuelle Neigung. Und nicht etwa, ich habe eine andere Frau kennengelernt oder ich mache Schluss oder weiß Gott was … hier in diesem Leben. Der Dreizehnte, ich stieß die Tür auf. Marcel pusselte in der kleinen Küche herum, graues T-Shirt und blaue Jeans, die Apartmenttür stand weit offen, Udo Lindenberg sang Hinterm Horizont geht’s weiter“ . Er drehte sich um, lächelte sein umwerfendes Lächeln. Zwei Martinis, ungeschüttelt“, sagte Marcel und wischte sich am Küchentuch die nassen Hände ab, „aber, so leid es mir tut, fremde hübsche Frau, erst muss ich mich davon überzeugen, dass Sie es wirklich sind.“ Wir küssten uns leidenschaftlich, verlangend durch die letzten Takte von „Hinterm Horizont …“, durchs Disk-Jockey-Geplapper und durch den Anfang von „I want your Sex“ (George Michael). Unterwegs ins Wohnzimmer kämmte ich Marcel mit den Fingern durch das Haar. Die Rollos waren nicht heruntergelassen, an der Decke scheint das Licht von der beleuchteten Werbereklame, doch die Deckenlampe bis auf einen schwachen Schimmer, ist abgedunkelt. Das weiß tapezierte Zimmer sah ein wenig verspielt aus, der Charme von herumliegenden Kleidungsstücken und verstreutem Krimskrams war perfekt verteilt. Aber hübsch hatte er es, die braune Ledercouch fast in der Mitte, davor der Fernseher, links die Stereoanlage, rechts an der kahlen Wand der Schreibtisch mit dem Computer. Alles in Braun und Weiß, blaues Rollo vor dem großen Fenster, den Blinklämpchen der Stereoanlage und dem schwarzen Fernseher. Sieht ja großartig aus“, sage ich. Oh, ich habe noch nicht aufgeräumt“, meint Marcel. Er trug die Gläser zum Couchtisch. Ich lächelte ihn an und sah ich zu, wie er seine Gläser auf den Tisch stellte. Ich warf einen neugierigen Blick auf das große Bücherregal an der Wand. Romane, Fachbücher und einige Fotoalben. Er stellte die Stereoanlage aus, die „Wilden Herzbuben, aus dem Triolerland“, verstummten. Ich fing an, mich bei Marcel wohl zu fühlen. Lächelte und ging zu ihm, damit er mich in die Arme nehmen kann. Wir setzten uns auf die weiche Ledercouch, Knie an Knie, Hand in Hand. Wie es Verliebte so machen. Stießen an. Tranken und lächelten dabei mit den Augen weiter. Stellten die Gläser auf die Korkuntersetzer ab. Marcel nahm mich an beiden Händen, sah mir in die Augen. Zuallererst will ich dir sagen, dass ich dich liebe“, begann Marcel, beugte sich vor und küsste zart meine Lippen, die ihm ohnehin gerade entgegenkamen. „Und nur deshalb erzähle ich dir das alles. Bitte, vergiss das nicht. Denn du wirst böse auf mich sein, sehr böse. Ich sag’s dir jetzt schon. Man ist das kompliziert. Roxane, denk daran, dass ich es dir nur erzähle, weil ich dich liebe. Du hast mal gesagt, ich könnte dir alles erzählen. Jetzt nehme ich dich beim Wort.“ Wenn du eine Frau und Kinder hast, kratze ich dir die Augen aus, darauf kannst du dich verlassen.“ Nein, nein“, sagte Marcel, schüttelte den Kopf. „Nein …“ Er atmete tief ein, senkte den Blick. Ich sah ihn stumm an. Sag‘ schon und lass mich nicht betteln“, sagte ich. Marcel atmete schon wieder so gequält. Ich bin nicht verheiratet und habe keine andere Frau. Dennoch bin ich nicht allein. Ich habe vier Kinder, von vier verschiedenen Frauen, denen ich Unterhalt zahle.“ Na und. Wie alt sind sie und was sind es für Chaoten?“ sage ich. Also, ich war mit zwanzig verheiratet, aus der Ehe habe ich einen Sohn, er heißt Dennis. Meine Exfrau bekommt keinen Unterhalt, da die Ehe damals 1989, in Ostdeutschland geschieden wurde und dort gab es kein Gesetz für die Frau, dass der Mann ihr Unterhalt zahlt. Doch davor hatte ich eine Freundin, mit der ich einen Sohn habe, er heißt Christopher, aus der amerikanischen Serie „Dallas“, nahmen wir diesen Namen. Wir trennten uns, weil sie mir die Luft nahm und katholisch war sie auch. Davor warnte meine Mutter mich. Was soll’s? Denn 1990, bin ich mit einer Frau spontan in den Westen gegangen, sie hat blondes Haar. Mit ihr habe ich eine Tochter, Nadine heißt sie, sie sieht so aus, wie ich, ansonsten habe ich schon lange nichts mehr gehört von ihr. Ansonsten hab ich immer an eine Familie geglaubt, bis ich dann meine Traumfrau traf. Wir verstanden uns wie ein Traumpaar, doch dann sind wir aus der gewohnten Umgebung gezogen, eine Flucht, vor ihren Eltern ist es gewesen. Wir zogen dann in diesem langweiligen Dorf, es entwickelte sich zu einem Horrortrip. Sie bekam dann 1997 unseren Sohn, Pascal. Ich war neun Monate, schwanger, auf jeden Fall hatte ich dieses Vatersyndrom und sie hatte sich keine Gedanken gemacht, ich war mit den Nerven fix und fertig. Dann waren es noch ihre Eltern. Horror, Terror waren da, wenn sie uns zu Hause besuchten. Ich sollte immer meinen Mund halten, damit Ruhe in der Familie bleibt, doch damit, war ich nicht einverstanden. Kompromiss voll oder verständnisvoll sein und Rücksicht nehmen, auf die Tyrannei ihrer Mutter, das war zu viel für mich. Und ihre Eltern stellten sich immer mehr in unsere Beziehung, dabei habe ich echt Angst vor dem Heiraten bekommen. Ich wollte nicht mehr und habe die Beziehung beendet, damit sie mit ihrer Mutter in einem Napf essen kann. Seit dem habe ich Angst vor feste Beziehungen, ich will nicht mehr verletzt oder ausgenutzt werden. Diese Frau ist auch mein Alptraum gewesen. Das kannst du, Roxane, mir glauben.“ Und das ist das große Problem, was du hast?“, sagte ich. Ja, denke ich, denn ich möchte keine Kinder mehr in die Welt setzen und nur der Zeuger sein. Ich will eine interessante Frau, die mich auch versteht und mich zum Lachen bringt, die für mich da ist, wenn ich sie brauche und ich will für sie da sein, wenn sie mich braucht. Und das Geld soll nicht immer zwischen uns stehen.“ Aber, Marcel, hör mal gut zu …“ In seinen Augen funkelt es, er umklammerte meine Hände und zittert am ganzen Körper. Angenommen, ich würde dir sagen, dass ich die Frau für dich sein möchte, die du dir wünscht“, sagte ich. Nahm seinen Kopf in meine Arme, der weich auf meinen Brüsten liegt. „Was würdest du dazu sagen?“ Ich sah ihn stumm an. Was würdest du zu mir sagen?“, drängte ich. Marcel sagte: „Ich würde zu dir sagen: Hör sofort damit auf. Es wäre toll, aber …“ Du kannst Gott auf den Knien danken, dass wir uns getroffen haben“, sagte ich. Mal angenommen, ich mache es. Sofort die heiraten, meine ich. Was dann?“, meint Marcel. Doch ich frage wieder nach: „Was meinst du damit. Was dann?“ Was würdest du tun, wenn ich damit aufhöre, dich zu lieben? Fragte Marcel. Ich schnaufte. „Ich würde dir, so gut ich kann, bei stehen. Ich würde versuchen zu verstehen, warum du dich überhaupt mit mir eingelassen hast. Und dass du nie wieder, dich in eine Frau richtig verlieben kannst.“ Würdest du mich hassen?“, fragte Marcel. Natürlich nicht“, sagte ich. „Sei doch nicht albern. Hast du vergessen, wie sehr ich dich liebe?“ Marcel nickte, beugte sich vor, küsste meine trocknen Lippen. Sah ihn an. „Ich kapiere nicht“, sagte ich. Nein“, sagte er. „Sind dir nicht die Kinder zu viel, obwohl wir mit ihnen nichts zu tun haben werden. Ich bin nur der, der dem Kind und der Frau, nebst Mann, ihren Lebensstandard finanziert, bei diesen hohen Unterhaltsforderungen.“ Ich starrte ihn an. Marcel nickte. „Ja, darum handelt es sich, Roxane.“ Aber wenn ich dich nicht kennengelernt hätte, säßen wir dann jetzt hier? Das kann doch jeden Mann passieren, von dem die Frau mit List ein Kind haben will, dagegen kannst du nichts machen. Wenn eine Frau von dir ein Kind haben will, dann bekommt sie es auch, auch wenn der letzte Mann es tausendmal probiert hat, mit ihr Kinder zu bekommen und sie es nicht will, dann bekommt sie es nicht. So einfach ist es. Ihr Männer kennt' uns Frauen nicht, auch wenn ihr es denkt“, sagte ich und lege seine Hände in meinen Schoss. „Überlege doch, hätte es all diese wunderschönen Dinge gegeben, die wir gemeinsam erlebt haben? Und ist es nicht so, dass ich dich jetzt wirklich kenne, durch und durch, besser als irgendjemand sonst? Weil du mir es gesagt hast, sind wir uns doch noch näher gekommen, das fühle ich. Ich will mit dir leben, so wie du es willst, mit mir.“ Ich hatte vor, so leid es mir tun würde und wie sehr ich dich auch liebe, unsere Beziehung einschlafen zu lassen“, sagte Marcel. Zur Gemeinsamkeit gehört, dass man sich alles anvertrauen kann …“ Marcel zuckte die Achseln, lächelte. „Tja, nun weißt du, woran du bist. Wenn du mich willst, dann nimm mich. Doch wenn nicht, dann bitte ich dich, geh. Und geh jetzt sofort.“ Ich starrte ihn an. Sah weg, aufs Glas. Griff danach. Meine Hand zitterte. Versuchte, einen Schluck zu trinken. Ich schluckte. Stell das Glas ab. Sah Marcel an. Frage: „Du meinst es ehrlich?“ Marcel nickt. Ich schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das alles nicht.“ Ich schaue an die Decke und dann ihn fest in seine Augen. „Wie kannst du denn ... wie machst du’s, dass du …?“ Ich mache eine hilflose, fahrige Handbewegung. Er stand auf. „Komm, ich will nicht, dass du gehst.“ Er langte nach seinem Glas, trank einen Schluck. Ich soll nicht gehen?“, fragte ich. Marcel stellte das Glas weg, fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Er ging zur Tür, blieb stehen, wartete. Ich starrte ihn an. Stand auf, stützte mich mit einer Hand auf die Rücken lehne. Er schloss die Tür zu, steckte sich den Schlüssel in die Hasentasche. „Wenn du den Eindruck hattest, dass ich dich jetzt gehen lass, dann musst du dich geirrt haben.“ Die Diele war in blasses Grün getaucht. Marcel stand hinter mir, spielt mit dem Dimmer. Ich trat ein paar Schritte zurück, stand da und starrte ihn an. Er stellte sich links neben mir, stützte sich mit einer Hand an die Wand, drehte sich um, sah mich lauernd an. Ich dreh‘ den Kopf, sah ihn an. „Soll ich bleiben?“, fragte ich. Er nickte. „Sage ich doch.“ Ich starrte ihn an. Ich gebe zu, ich habe ein wenig über reagiert“, sagte er. „Ich Liebe dich.“ Ich lächelte. Sah ihn an, atmete tief durch. „Es ist dir doch klar, dass das die unmoralische und feigste Weise ist, mich zuhalten bei dir?“ Ich schlang die Arme um beide Schultern, ging zu ihm. Ich liebe dich wirklich“, sagte Marcel zu mir. Marcel hielt mich ganz fest, sah mir in die Augen. Ich weiß, ich muss mich entscheiden. Ganz oder gar nicht. Und ich entscheide mich für dich“, sagte ich. Wir sahen uns an. Marcel seufzte, sah mir in die Augen. „Es tut mir leid, dass ich dir weh getan habe. Ich habe mit dir nie etwas getan, was nicht wunderschön gewesen wäre. Oder irgendetwas sagen hören, was sich dumm angehört hat.“ Er ließ mich los. Drehte sich um, sah mich an. Er faste mich mit beiden Händen an der Taille, lächelte mich an. Dann küsste er mich leidenschaftlich lange auf den Mund. Das hast du ja nicht ernst gemeint“, sagte ich und holte tief Luft. „Das mit dem ‚Gehen‘ und jetzt sofort?“ Aber ja. Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich nicht gehen lasse“ Wir sahen uns tief in die Augen. Umarmten uns. Küssten uns. Ich hielt ihn fest, seufzte, schüttelte den Kopf und schielte in Gedanken, über seine Schulter. Meine Hand berührte seinen Penis, in der Hose. Ich wandte mich mehr in seinen Armen. „Du verdammter Mistkerl machst es mir sehr schmackhaft.“ Er küsste mich auf den Mund, dann riss ich ihm sein Hemd auf und küsste ihn die Brust, runter bis zu seinem Schanz. Ich küsste sein bestes Stück, was nur mir gehören soll. Plötzlich stieß ich ihn weg, sah in den Spiegel, zupfte mir das Haar zurecht. Er schloss das Appartement auf, kam auf den Flur. Ich küsste ihn, kurz, auf den Mund. Du spielst zu viele Rollen auf einmal“, sagte ich. „Den aufrichtigen. Den mit der Leidensmiene, weil die Frauen dich enttäuscht haben. Und den, der weiter seine kleinen Sexabenteuer haben will. Wenn ich überlege, was du alles gesehen und gehört hast! Ganz zu schweigen, mich noch ganz nackt!“ Was erwartest du von mir? Soll ich mich in Sack und Gelübde hüllen? Ich will dich!“ Ich erwarte nichts. Du musst dich nicht in einem Sack verstecken. Bleibe so, wie du bist. Ich mag‘ deine Art, wie du mich verzaubern kannst, deinen Sex und deine Leidenschaft zu mir.“

ich dreh‘ mich um, ging zum Fahrstuhl, drücke den Knopf, sah Marcel mit weinenden Augen an. Komm ja nicht auf die Idee, mich heute Nacht anzurufen“, sagte ich. Tue ich nicht“, sagte er. Wir sahen uns an. Marcel, wenn ich es recht überlege ... besser, wenn ich mich um dich kümmere. Ich bleibe heute Nacht bei dir.“ Lächelnd gingen wir zur Tür rein. Und grinse nicht so zufrieden“, sagte ich, „ich habe mich verdammt verliebt in dich.“ Mal so gesehen hat dieses Geständnis auch was Gutes für sich“, sagte Marcel. Er lag hinter mir, eng angeschmiegt. Beide Hände auf meine Brüste, das Gesicht in mein Haar gewühlt. „Besonders, wenn beide einen sturen Kopf haben.“ Marcel fängt an zu grinsen und ich lache laut los. Plötzlich sind wir still. Gute Nacht, Marcel“, sagte ich. Gute Nacht, Roxane.“ Er küsste mich auf den Nacken, drückte zärtlich meine Brüste. Wir kuscheln uns enger aneinander, liegen stumm da. Zu Hause drehte sich Bonnie auf den Bettlaken um die eigne Achse, direkt am Fußende. Nebenbei gesagt“, murmelte er, „du duftest fantastisch“. Wir lagen stumm da. Gute Nacht, Marcel!“ Ich finde es super, dass du, Roxane, hier geblieben und nicht gegangen bist.“ Hältst du jetzt bitte den Mund und schläfst?“ Gute Nacht“, sagte er. Küsste mich auf den Nacken. Wir lagen stumm da. Ein dumpfer Schlag, die Zimmerdecke dröhnt. Mein Gott!“, sagte ich, „was machen die da oben?“ Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, sagte Marcel. Oh, scher dich zum Teufel!“ Marcel küsst mich auf den Nacken.

 

 

Kapitel  16

Unsere Fahrt zum kleinen See war eigentlich ganz okay. Kinder schreien ihre Emotionen heraus, die Mütter sonnen sich auf der Decke und ihre Männer halten sich an ihre Bierbüchse fest. Richtig ruhig ist es auf einmal, Marcel und ich, wir gucken zum See hinaus. Eine fünfköpfige Familie steht circa zwei Meter weg vom Wasser und glotzt. Die sehen alle wie die Ruderer, in ihren zwei Booten, ihre Angeln auswerfen. Sie machen ganz finstere Gesichter, als ob am Leiden wären und beugen sich vor, wollen sehen, was da plötzlich in den See geplumpst ist. Marcel meint, vielleicht sind die sauer, dass die Mutter nicht so aussieht wie du. Pass auf Marcel, sage ich, sie setzt sich jetzt hin und überlegt, was sie als Nächstes machen. Denn mit der Übergröße, kommt die Mutter bestimmt, nicht weiter, sie japst doch jetzt schon, bei diesem herrlichen sonnigen Wetter. Drei oder sechs besonders große braun gebrannte Typen springen vom Bootssteg ins Wasser und schwimmen an Ufer. Die Mutter sitzt immer noch auf da und überlegt. Wir schauen uns das an und Marcel zischt: „Was hat die Dicke nur vor?“ Ich sage: „Womöglich wird sie wütend, wenn wir sie weiter anstarren.“ Wir sehen nicht mehr hin“, meint Marcel. „Vielleicht glaubt sie dann, wir glotzen nicht mehr und die gehen weg.“ Wir warten also, aber schon kommen sie zu uns. Wenn sie uns fragen …, sagen wir nichts“, sagt Marcel. Ich sage: „Marcel, das ist unhöflich!“ Sei ruhig, du blöder Kerl! Siehst du denn nicht, dass diese Leute sympathisch sind? Dann kommt der Mann von der Familie zu uns her, fragt wie spät es ist und wo das nächste Gasthaus ist, sie wollen etwas essen gehen. Die Mutter kommt mit den Kindern dazu. Der kleine Junge hat einen Popel in der Nase stecken, einen Stock in der Hand, um den Hals eine Silberkette. Seine Haare sehen ein bisschen so aus, als wollten sie geschnitten werden. Wie es aussieht, ist der Vater total verdutzt, dass er plötzlich Auge in Auge uns gegenübersteht. Er ist sogar dermaßen perplex, dass er wie tot aussieht. Marcel und ich, wir schauen auf dem See, wie die ganze Familie unter sich, richtig laut wird, zanken sich die Kinder. Wahrscheinlich wollen sie erst mal sehen, was nun kommt. Marcel sagt: „Geht das auch leise, wir sind hier nicht bei euch zu Hause.“ Aber einer von den Kindern schnappt sich irgendwo einen Stock, schreit los und wirft ihn uns mit einer Wut entgegen. Von wegen artige und ruhige Kinder geben uns Mut, selber Kinder zu gebären. Die Mutter setzte sich dann auch schlagartig auf und hustet, prustet und schüttelt sich wie ein begossener Pudel. Mit dem Aufstehen hat es also echt gut geklappt, bloß was der junge uns an den Kopf geworfen hat, ist, ein dicker Knüppel gewesen, den wir gerade so ausweichen konnten. Wie der Blick von dem Jungen wieder auf mich fällt, wirft er die Hände in die Höhe, lässt sich vornüber mit dem Gesicht in den Sand fallen und katzbuckelt wie ein tollwütiger Hund. Die anderen gingen auf den Jungen zu. Die haben wohl einen ziemlichen Schreck bekommen, glotzen wie Autos und wissen nicht, was sie machen sollen. Der Junge auf dem Boden hört kurz mit seiner Verbeugerei auf und guckt hoch. Wie er den Vater sieht, ruft er ihn zu: „Ich will nach Hause!“ Jetzt wirken sie ganz friedlich“, meint Marcel. „Ich würde sagen, wir fahren nach Hause und ziehen uns an. In ein paar Minuten wollen …“ Wie sich herausstellte, ist das der größte Bockmist, den ich von Marcel je gehört habe. Marcel und ich, wir steigen jedenfalls ins Auto und ein paar fröhliche Kinder machen „oooh!“ und „aaah!“ Ein Junge steht bloß da, vor der Motorhaube und glotzt, wie wenn wir vom Himmel gefallen wären. Ich sage also, „wir wollen fahren“ und gleich bekommt er leuchtende Augen und meint: „Was Sie nicht sagen!“ Mir kommt es immer noch komisch vor, dass so ein kleiner Stift sich vor das Auto stellt und uns zur Abfahrt hindert. Ich werfe’ Marcel einen Blick zu, aber ihm hat die Sprache verschlagen, also sagte er nur: „Ja, das wäre prima, wenn du vom Auto weg gehst und uns fahren lässt.“, dann findet Marcel die Sprache wieder. Und fragt den Jungen in einem ziemlich schrillen Ton: „Du hast nicht zufällig Eltern, die wir mal anrufen könnten, oder?“ Der Junge macht ein finsteres Gesicht und schwenkt seinen Körper vom Auto weg. So konnten wir endlich fahren. Mitten im Kino haben die ein richtiges kleines Restaurant mit Kellnerin und dem ganzen Drumherum, genau wie auf der Straße. Und das Kino von der Stadt Berlin ist das größte von allen. Der Stuhl vor dem Eingang sieht ein bisschen aus wie ein Thron und eine alte dicke Frau versucht mit einem kräftigen keuchen, die Kinokarten abzureißen. Dann zeigt sie auf ein paar Stuhlreihen, wo Marcel und ich uns da hinsetzen sollen. Eine junge Frau ist die ganze Zeit hinter uns her gelatscht und hat ihren Blick von mir nicht losgelassen. Ich glaube, sie ist neidisch, habe ich mir gedacht. Neidisch darauf, wie Marcel und ich zusammen lachen und uns küssen. Plötzlich sagte sie etwas, was ich nicht akustisch verstanden habe. Dann wurde es dunkel im Kino und man fängt an, die Werbung zu zeigen. Doch plötzlich wurde es wieder hell, ein Eisverkäufer kam durch die Reihen und will seine Snacks verkaufen. Ein lauter Gong ertönt und der Film beginnt, man zeigte den Film „Speed“. Marcel erzählt mir, wo er das letzte Mal im Kino war, da drehte sich eine Scheibe in der Mitte. Das habe ich nicht richtig verstanden, in was für ein Kino, er gewesen ist oder wann er das letzte Mal im Kino war.

Der nächste Tag, es ist später Nachmittag. Marcel fragt: „Wollen wir es uns gemütlich heute Abend machen?“ Ja, warum nicht“, sagte ich. Der ganze Nachmittag war von Anfang an etwas Besonders mit Marcel. Wir liebten uns leidenschaftlich, irgendwie magisch, genau die richtige Mischung aus Gier und Gunsterweisen. Ja, Marcel war schamlos, dass mich immer mehr geiler machte. Wir ficken nicht nur zwei Mal oder dreimal, wir zeigten uns einen Wunsch und diesen viele, viele Male. Wir ließen im Liebesspiel keinen Körperteil unbeteiligt. Was nun ausgerechnet diese geile Nacht so besonders gemacht hat, war die Dauer und Vollkommenheit unserer Genüsse. Ich war mal leidenschaftlich-heftig, er ruhig und zärtlich. Aber wir waren immer in Aktion. Ich hatte viele Orgasmen und Marcel spritzte seinen ganzen heißen Sperma in mich. Als es draußen hell wurde, haben wir richtig gestaunt. Wir haben dann noch einige Stunden geschlafen, bis wir selbst aus dem Schlaf gerissen wurden. Ich und Marcel, wir wissen nicht recht, was wir von dieser heißen geilen Nacht halten sollen, aber ich war scheinbar im Bilde, weil Marcel ganz nieder-geschlagen in der Ecke vom Bett sitzt. So circa um neun oder zehn haben wir uns immer noch nichts zum Essen gemacht und ich meine, vielleicht sollten wir etwas essen gehen. Ich will zur Tür gehen, aber Marcel springt vor mir, ich habe mich erschrocken und schrie. Doch dann nimmt er mich in die Arme, streichelt meinen Rücken und wir küssten uns. Er sagte mir ganz leise ins Ohr, dass er mich liebt. Und das kitzelte in meinem Ohr so, dass ich grinsen musste. Ich schrie und lief ins Bad. Schöne Aussichten sind das!“, sagte Marcel. Einen Augenblick lang ist alles ganz still, aber dann stellt Marcel das Radio an und die Ruhe war vorbei.

Am nächsten Morgen sitze Marcel in der Küche, ich komme rein und sag: „Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?“ Bonnie schlich sich dazu. Nein, Herrgott!“ beschwerte er sich. „Wie um alles in der Welt soll man bei dem Heidenspektakel da draußen schlafen?“ Ich machte ein müdes Gesicht und meine: „Ach, das tut mir aber leid. Nur müssen die Straßenarbeiter zum dreizehnten Mal die Straße aufreißen, mit dem Presslufthammer. Es soll eine neue Kabelleitung gelegt werden. Wir warten schon seit 1945 darauf, dass die Stadt das Geld dafür bekommt.“ Du willst mich verarschen, mein Liebes“, sagt Marcel. Aber nein, ganz im Gegenteil“, sagte ich. „Weißt du, man kann dieses Tal der Lügner und Ahnungslosen nicht als zivilisiert bezeichnen. Jedenfalls nicht nach ihren Maßstäben. Es hat nämlich eine ausgesprochene Vorliebe, ihre eigenen Leute abzuzocken. Speziell im Steuersystem.“ Soll das etwa heißen, das sind Verbrecher, die Politiker, im Bundestag?“ Ich zucke die Schultern. „So könnte man das nennen.“ Das ist ja widerwärtig“, sagt Marcel. „Diese Politiker haben für unsere Sicherheit und unsere soziale Gerechtigkeit zu sorgen in dieser Welt zu sorgen, Priorität hat doch das eigene Land und seine Bürger.“ Nun“, meine ich, „Genau das sagen die Leute in unserer Straße auch.“ Ach ja?“, sagt Marcel. „Was für ein Glück.“ Also, du trinkst zunächst mal dein Kaffee, ich habe das Gefühl, den könntest du jetzt gut gebrauchen“, sage ich. Der Kaffee steht in der Kaffeemaschine, er ist gerade durchgelaufen“, sagt Marcel. „Trotzdem, ich glaube, du würde mit mir auch etwas frühstücken.“ Ich mache ein erleichtertes Gesicht, denn ich habe gedacht, darauf kommt er nie. Nicke langsam und starrte auf die Tür. Und dann“, fährt Marcel fort, „Würde ich sagen, wir gehen ins Hallenbad schwimmen oder in die Sauna.“ Okay. Da kannst du deinen süßen Knackarsch drauf verwetten, mein leidenschaftlicher Ficker“, sagte ich. „Eine halbe Stunde.“ Marcel schloss die Tür auf, als wir aus dem Hallenbad wiederkommen, schaltet das Licht in der Diele an. Hoffentlich läuft was Hübsches im Fernsehen“, sagte er und hielt die Tür auf. Manchmal bringen sie einen richtigen spannenden Action-Film. Ach? Vorhin hat sich es angehört, als wäre es jedes Mal, Seifenopern.“ Ich ging hinein. Schöne Sonntagnachmittage sind nicht gerade die beste Zeit. Und es ist das Familien-Wochenende, vergiss das nicht. Da sind alle zu Hause und möchten keine Action-Filme sehen. Die Fernsehsender bringen eher Familiendramen und was da noch so gibt.“ sagte ich. Ich stand unter der Tür zum dunklen Schlafzimmer. Zögernd tastete meine Hand nach oben, fand den Dimmer, drückte ihn, drehte den Regler voll auf. Die Leuchte warf das grelle Licht auf das nicht gemachte Bett. Ich komme gleich“, rufe ich. Marcel stand da und starrte auf den riesigen, schwarzen Fernseher. Ich ging näher heran, die Hände in die Tasche der blauen Jeans gestemmt. Stehe hinter dem dunklen Sessel und schaute Marcel an. Eine große Design-Digitaluhr, die blau leuchtende Ziffern nach oben gerichtet, 15:55. Auf dem Tisch steht das Telefon, in Schreibblock an der Seite. Dazu ein Schälchen mit den roten Äpfeln. Appetitlich. Marcel drehte sich zu mir um. „Hast du etwa einen Wunsch, was du gerne sehen möchtest?“ Er stürzte die Hände auf die breite dunkle Sofalehne. Egal“, sagte ich. Als ich in die Küche gegangen bin, um den Champagner zu holen, hat er einen Sender gefunden. Ich sah ihn an. Atmete tief durch. Marcel rückt den Sessel so zurecht, so das der Blick auf dem Fernsehschirm fiel, beugte sich über mich, küsste mir aufs Haar. Dann ging ich zur Tür, drehte den Dimmer in der Küche auf. Ich habe noch Mineralwasser und alles Mögliche hier“, sagte ich, „möchtest du was?“ Er schüttelte den Kopf, senkte den Blick, zappte mit der Fernbedienung durch die Fernsehkanäle. Doch sie zeigten überall Werbung. Ich setzte mich in einen Sessel, die Beine übereinandergeschlagen, die Arme gekreuzt. Das dauert jetzt einen Moment“, sagt er, „ich suche ein anständiges Programm.“ Im bleichen Licht sah ich seine Hand dem Schatten hinter herhüpfen. Die privaten Sender waren dran. „Falls es dich stört, Roxane, stelle ich irgendeinen Sender an.“ Nein, schon gut.“ Ich beobachtete seine konzentrierte Miene. Mal sehen, was Bonnie macht“, meinte ich. Und er drückt noch ein paar Knöpfe. Ich starrte auf meine Einrichtung, auf die Fenster, auf die Modezeitschrift, die im Schlafzimmer herumlag, auf meine Bücher, die Grünpflanzen, die Bilder an der Wand. Ah, da ist er ja! Hi, Bonnie!“ Bonnie spazierte über das Schafsfell, am Bett entlang, unter seinen Pfoten raschelt das Zeitungspapier. Er stolziert jetzt zum Fenster, springt aufs Sims, rollte sich in der Abendsonne zusammen, reckte die Hinterpfoten nach vorn und putzte sie. Ich lächelte. Drehte mich zu Marcel und blickte auf das Fernsehbild. Man zeigt eine Reportage über einen Transsexuellen. Vor der operativen Umwandlung. Die Hormonbehandlung hat er schon hinter sich. Aber als die Ärzte ihn dann tatsächlich unters Messer nehmen wollten, hat er sich es noch mal überlegt. Seit fast einem Jahr streiten er und sein Freund sich deswegen. O Gott“, sagte Marcel. Er drückte verschiedene Knöpfe. Ich wandte mich Marcel zu, beugte mich vor, nahm seine Hände in meine. Marcel, ist es aufregend?“, fragte ich, „ganz egal, wie interessant, spannend und aufregend es ist. Komm, wir gehen raus!“ Wir sahen uns tief in die Augen. Er seufzte, nickte. „Denke ich auch.“ Ich ließ seine Hand los. Er sah mich an. Ich stehe einen Augenblick ganz still da, sah ihn nur an. Dann schüttelte ich den Kopf. „Nein. Wie lange brauchst du noch?“ Er lacht und nahm mich bei der Hand, küsste mich auf dem Mund. Und ich küsste ihn auch. Wir lachten beide über uns, das war sehr witzig. Er griff nach meinen Händen, küsste sie. Stand da, sah mich an. Also, dass ich das Naschen an dir ganz lasse, kann ich nicht versprechen. Aber ich werde es einschränken. Und so bald wie möglich aufgeben. Darauf gebe ich dir mein Wort.“ Du Mistkerl, du wirst noch mehr an mir rumänischen, bis du platzen wirst. Davon kann ich nicht genug bekommen, wenn du an mir naschen tust.“ Er lächelte mir zu. Hand in Hand gingen wir zum Fahrstuhl. Als Erstes rief ich meine Mutter an. Ich fragte, wie es ihr ging. Ihr ging es gut. Hab‘ ich mir schon gedacht“, sagte ich. Aha. Wie hast du das Erraten Roxane?“ fragte Mutter. Du bist meine Mutter. So etwas habe ich im Gefühl.“

Eine halbe Stunde später musste ich zum Friseur. Uwe hieß er, bei ihm fühlte ich mich wohl, denn er ist ein Typ, mit dem ich mich intensiv unterhalten kann. Ich saß im hinteren Teil, einem kleinen Platz, ungestört. Antik eingerichtet, acht Plätze. Das Ambiente war überdurchschnittlich, die Lautstärke des Föhns auch. Wir hatten einen eckigen Tisch, nicht ganz in der Ecke, trank Sekt. Ich kann die Locken jetzt nicht ganz entfernen“, sagte Uwe. „Du müsstest die Haare herauswachsen lassen. Aber wir können etwas von den Spitzen schneiden. Heute habe ich hinter keinem Mann nachgeschaut, den ganzen Tag nicht. Nun sind die Männer allerdings auch nicht so toll. Über den Tag, meine ich. Abends schon. Das verstehen Sie sicher. Was hast du so getan, den Tag?“, fragte Marcel. Bisschen durch die City gebummelt. Aber, um es dir gleich zu sagen, ich habe keine Mark ausgegeben.“ Ich wollte dich nicht aushorchen. Ich war nur neugierig, wie du den Tag verbracht hast.“ sagt Marcel. „Ich sehe, du warst beim Friseur, siehst gut aus.“ Und man weiß ja nie, wann ich das nächste Mal hinkomme“, sagte ich. Ich seufzte, nippte vom Kaffee. Am Abend sind wir im Restaurant. Der Kellner trug auf, Schellfisch und gedünsteten Lachs, sehr hübsch garniert, auf echtem bunten Designerporzellan. Delikat. Ich ließ ihn kosten, er ließ ihn kosten. Marcel erzählte mir dies und das. Das elegante Paar aus der Snob-Galerie kam herein. Ein Kellner begrüßte die beiden, führte sie zu einem freien Tisch. Der dritte neben uns. Die glotzen so blöd“, murmelte er, „die verrückten Hühner.“ Meint der uns?“, fragte ich Marcel. Uns?“ Keine Spur. Wir glotzen doch nicht wie die Hühner!“, sagte Marcel. Auf dem Heimweg schauten wir in den koreanischen Delikatesswarenhandlung, der so hübsch mit bunten Blumenkästen geschmückt war. Wir überquerten die Hauptstraße, warteten an der Ampel. Schauten hinauf zum Himmel, Sternklar. Ein merkwürdiges Gefühl all die Leute hinter den Fenstern zu sehen“, sagte ich und schmiegte mich, den Blick weiter nach oben gerichtet, enger in seinen Arm. Marcel sah mich an, lächelte. „Und ich dachte, dass einem, das so einen richtigen Kick gibt, wenn man die Leute vielleicht nackig sieht.“ Ja, sicher. Das auch.“ Wir lächelten uns zu. Kuschelten uns einer an den anderen, küssten uns leidenschaftlich. Überquerten die Einkaufspassage. Fahrstuhl Eins kam. Wir fuhren schweigend nach oben. Wir sahen uns tief in die gierigen, leuchtenden Augen. Marcel“, sagte ich, „du weißt, was passiert, wenn …“ Wir lächelten und sahen uns weiter an. Ich sagte: „Ich streite ja nicht ab, dass ich gerne …“ Ich gab Marcel einen langen leidenschaftlichen Kuss. Ich seufzte. „Na gut. Ich will dich!“

Wir rissen uns die Sachen vom Leib. Wir trieben es im Fahrstuhl, wir sind so heiß aufeinander, dass der kalte Scheiß auf die salzige Haut war, nur an uns herunterlief. Sein heißer Atem, hauchte mir in die Ohren, seine Hand ging zwischen meinen heißen Schenkeln und wir hörten nicht auf, uns zu küssen. Es wurde immer gewaltiger, perverser und abtrünniger, unsere Leidenschaft. Später besuchten wir noch eine Disco „XXL“. Die Marcel nicht besonders gefiel, mir um so mehr. Die Großeltern wären damit zurechtgekommen. Ein junges Mädchen, die sich die Ohren zuhielt, offensichtlich, weil sie nicht hören wollte, was ihr Freund zu ihr in die Ohren schrie. Die Beiden hörten sich das eine Weile an, während zwei Go-Go-Tänzerinnen nackt auf dem Podest tanzten. Ich stand mit verschränkten Armen an der Bar, schaute hinunter auf die große Tanzfläche. Ich seufzte, hob den Blick. Eine junge unauffällige Frau an einem Tisch, drüben auf der andern Seite, sah schnell weg. Roxane“, fragte Marcel, „gibt es irgendwelche Probleme?“ Ich drehte mich um, lächelte. „Nur das übliche … “.

Als wieder mal Tag gekommen war, an dem wir zu Hause nur Sex hatten, um ein bisschen unsere Säfte auszutauschen. Schau an“ meinte Marcel, „irgendwie haben wir uns verdoppelt.“ Wir sahen uns an und blieben stumm. Jetzt ficken wir also jeden Tag. Und zwar da, wo es uns gerade überkommt, bergauf und bergab. Also, wenn wir je so weitermachen, dann weiß ich ein, mit Sicherheit: Knochenmarkspender will ich in meinem ganzen Leben nicht werden.“ sagt Marcel. Ein paar Sachen sind schon passiert, seit dem ersten Tag im Bett. Marcel und ich, wir haben erst einmal über alles geredet, dass wir keine Kinder wollen und dass ich die Pille nehme. Wir haben uns klargemacht, dass ein gutes Essen genauso viel wert ist, wie der Sex in der Beziehung. Marcel ist heute im Jogginganzug zu mir gekommen und hat gemeint: „Roxane, sag mal, spielst du Tennis?“ Nein“, sage ich. Nun“, du bist doch eine sportliche und intelligente Frau, vielleicht willst du es lernen“, meint er. Ich nicke und lerne dann eben Tennis. Jeden Abend, wenn wir mit der Arbeit fertig sind oder so. Marcel holt mich ab und wir fahren ins Fitnessstudio und spielen bis spät. Er zeigt mir die ganzen Aufschläge, die ersten Tage bringt er mir auch die Strategie bei. Damit hört er aber schnell auf, weil ich in zwei Sätzen schlage. Bald werden die Matches länger, manchmal dauern sie sogar ein paar Stunden. Denn Marcel kann gegen mich einfach nicht verlieren. Er setzt sich hin und ruht sich etwas aus. Dann macht er endlich einen harten Schlag, aber ich schlage ihn dann doch jedes Mal. Manchmal wird er total wütend auf sich selber und haut sich mit dem Tennisschläger aufs Bein oder rammt den Kopf gegen den Tennisschläger oder irgend so was. Für eine Anfängerin spielst du ziemlich gut Tennis“, sagt er immer wieder oder: „Hör mal, Roxane, warum hast du diesen Schlag gemacht?“ Ich habe dann aber nie was gesagt und bloß mit den Schultern gezuckt. Und dann hat Marcel gekocht vor Wut. Doch ich hatte jeden Tag mit meinem Muskelkater zu kämpfen. Einmal hat Marcel gemeint: „Weißt du, Roxane, es freut mich wirklich, dass du hier bist und ich jemanden zum Tennisspielen habe. Nur möchte ich wenigstens ein einziges Mal gegen dich gewinnen.“ Wie er das gesagt hat, habe ich noch einen Schlag draufgelegt. Da braucht man nun wirklich keine Frau sein, dass einem ein Licht aufgeht. Sobald Marcel einmal gewonnen hat, ist ihm das genug, dann verspeist er mich auf der Stelle zu Abendessen. Ich sagte mir: Holzauge, sei wachsam. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Marcel und ich, wir schauen uns an, dann laufen wir zu der Stelle in der Halle hin, wo wir am Anfang waren. Ich bin als erster da, doch wie ich mich auf die Bank stürzen will, hält Marcel mich zurück. So circa eine Stunde später taucht der Tennistrainer mit einem kräftigen Typen auf, er strahlt über beide Backen und meint: „Marcel, ich möchte euch Ben vorstellen“. Hallo“, sagen wir. Ich habe den Ben schön öfter mal im Fitnessraum gesehen. Ben strahlt und nickt. Ich nicke‘ zurück und der Fitnesstrainer kratzt sich am Sack.

 

 

Kapitel  17

Die Tage und Monate kommen und gehen. Ja, sogar die Jahre. Langsam komm' ich mir vor wie Mutter Teresa oder so. Wenn ich mich am Abend mit Leuten unterhalten habe, erzählen sie mir ihren Kummer und die Sorgen, die diese Typen mit ihrem Partner haben. Wir können inzwischen quasi miteinander reden. Aber auch nur mit einer Mischung aus Kichern, Gestikulieren und Grimassen schneiden. Irgendwann kann ich mir dann einige Lebensgeschichten zusammensetzen und ein Buch darüber schreiben, über Schicksale von traurigen Leuten. So erzählte mir einer, wie er noch ein kleiner Junge war, ist seine Mutter mal mit seinem Vater in den Park spazieren gegangen, plötzlich tauchen irgendwelche Typen auf, schmeißen ein Fischernetz über sie und schleifen sie weg. Er konnte sich seinem Vater und seiner Mutter anschließen, bis die ihn rausschmissen, weil er denen zu viel geschrien hat. Dann musste er zusehen, wo er bleibt. Er ist einfach durch die Straßen geirrt und hat die Leute gefragt, bis einen Polizisten die Neugier gepackt hat, was wohl mit mir los sei. So ging er mit dem Polizisten, von einem Polizeirevier zum anderen Polizeirevier, bis er zu einem Sonderdezernat kommt. Er kriegt Durst und der Polizist holte ihm ein Becher Brause. Und dann kommt ein Typ vom Sonderdezernat angeschlichen. Er hatte noch nie so eine Pistole im Halfter gesehen, er bleibt also sitzen und schaut die sich an. Der Typ kommt auf ihn zu. Er glaubt, er darf mit dem Typen mitfahren, aber von Wegen! Der Typ schaut ihm ins Gesicht und schüttelte den Kopf. Und bevor er das richtig geschnallt hat, was los ist, hat man ihn schon einem anderen Typen übergeben, wo noch mehr Kinder sind. Zu dem Kinderheim gehörten auch noch andere Jugendliche. Sabine heißt sie und ist eine der bestaussehenden Mädchen, die er jemals gesehen hat. Und nach einer Weile verliebte er sich auch in Sabine. Der Typ vom Kinderheim schleppt ihn durch das ganze Haus, egal wo er hingeht, er ist für die Bewohner die Hauptattraktion. Dann kam es ihm so vor, dass er und Sabine in demselben Zimmer gesteckt werden, wo ihnen dann alle beim Bumsen zugucken können. Ob es so ein Heim gewesen ist, hat er nie herausbekommen. Doch irgendwie war das peinlich für ihn, aber sonst haben sie ja nie eine Gelegenheit dazu bekommen. Dann hat man ihn mal bei Adoptionseltern vorgeführt, so ein Pärchen kommt zu ihm her und will ihn adoptieren. Und schon wird er weggebracht. Sabine hat keine Ahnung, wohin man ihn bringt und er ist wieder ganz alleine. Das hat Sabines Einstellung radikal verändert. Er ist jetzt immer total schlecht gelaunt, bei den Adoptiveltern brummt und faucht er bloß noch und irgendwann fängt er damit an, ins Bett zu pinkeln und die Scheiße durch die Wohnung auf die Adoptiveltern zu schmeißen. So geht das dann eine Weile, bis die Adoptiveltern die Schnauze voll hatten und ihn wieder ins Heim brachten. Ich kann mir schon ein bisschen vorstellen, wie er sich gefühlt hat, weil, er sehnt sich immer noch nach Sabine. Kein Tag vergeht, wo er sich nicht fragt, was wohl aus seinen Eltern geworden ist. Aber bis heute nicht, hat man ihn über die Situation und den Verbleib seiner Eltern informiert.

Die Monate vergehen und ich habe grad mein Auto aus der Werkstatt geholt. Marcel hat den Auflauf so gut wie fertig, am Abend sollen einige Freunde kommen und da wollte er unbedingt kochen. Die ganzen Gäste sitzen am Tisch rum und sind gespannt. Marcel und ich, wir haben eine große Auflaufpfanne ran geschleppt und auf den Tisch gestellt. Und die ist am Dampfen, aber Marcel meint, das wäre seine magische Kochkunst. Wir sitzen da, erzählen über den neusten Klatsch und Tratsch, natürlich nippen wir auch vom Glas Wein. Ich kann Ihnen sagen: Ich könnte platzen vom Essen. Der gute Walter weiß scheinbar auch, was angesagt ist, weil, der sitzt da und strahlt über beide Backen und kitzelt sich in der Achselhöhle. Tja, bei Leuten aus Hannover ist das so, sie verstehen erst spät den Witz. Denn sie schnüffeln zu oft den Kuhfurz. Ein Glas oder zwei Gläser Sekt habe ich schon getrunken und die anderen bedienen sich beim hochprozentigen Alkohol, wie Konjak, Whisky und Rum. Und grad sind wir am Ende von der Party, wie ich auf einmal auf das Bett sehe’. Und da schau her! Marcel bietet mir Sex an. Er grinst so was von breit, dass ich im Dunkeln nichts als seine Zähne sehe. Und ich sage mir, aus dieser Zwickmühle, mein Schatz, musst du wieder raus, sonst kotzt er dir das ganze Bett voll. Das Dumme ist nur, da ist absolut nichts zu machen. Weil ich mich zu früh gefreut und nichts als Faxen im Kopf gehabt habe, sind wir schon im Bett, in einer unmöglichen Position und nirgends ein Ausweg. Ich überlegte noch eine Weile, meine gerunzelte Stirn runzelte sich immer mehr, bei dieser Anstrengung. Dann sag’ ich: „Äh Marcel, Augenblick, ich muss mal eben pinkeln.“ Marcel grinst, nickt und rollte sich von mir runter. Ich geh’ also ins Bad pinkeln, aber nachher geh’ ich nicht wieder ins Bett, sondern aufs Sofa, wie es aussieht. Dann schleiche' ich mich ins Schlafzimmer rüber und hole mir eine Schlafdecke aus dem Bettkasten. Ich komme raus, frag mich leise, was passiert ist, legte mich auf das Sofa und kuschelte mich gut in.

Wir waren am nächsten Morgen beide nicht gut gelaunt und waren uns einig, dass wir versuchen den anderen nicht laut anzusprechen. Also, hör mal, Marcel“, meine ich, „hast du wirklich geglaubt, du kannst mich austricksen?“ Und er sagt: „Äh, wir wollten nur eine kleine, schnelle Nummer machen. Verstehst du?“ Ich meinte, „ja“, das verstehe ich „sehr wohl“. Tja, Marcel“, sage ich, „die Party hat in der Tat allen Spaß gemacht. Aber schau! Als Trost bleibt uns der Abwasch, wobei sich doch alle satt essen konnten. Und das muss ihnen der Neid lassen. Sie sind zweifellos die besten Esser, denen ich je begegnet bin.“ Nein, das weiß ich nicht, du Nervensäge“, sagt Marcel. „Was willst du überhaupt?“ Vielleicht können wir sie das nächste Mal wieder einladen“, sagte ich. „Ein bisschen helles und ein bisschen dunkles Fleisch. Also, ich werde einen Schenkel nehmen oder vielleicht auch eine Brust. Doch, doch, das gibt dem Ganzen eine hübsche Note.“ Du willst kochen?“, fragte Marcel. „Der Festschmaus möge dann beginnen, wenn es so weit ist!“ Dann sind wir ins Badezimmer gegangen. Erst habe ich mich geduscht, weil ich gemeint habe, ich wäre schneller. Aber als ich schon unter der Dusche bin, kommt plötzlich Marcel wie aus dem Nichts. Marcel nimmt das Duschbad und seift mich zärtlich ein und ich konnte ihn nicht widerstehen. Dann prasseln die heißen Wassertropfen nur so auf uns runter und ich bekomme plötzlich eine Panik. Roxane!“, ruft er. Und ich ging schnell aus der Dusche. Marcel und ich, wir haben keine Eile und wollen wieder zu Bett gehen, aber wir sind noch nicht lange als drei Minuten drinnen, wie wir plötzlich kopfüber uns leidenschaftlich begehren. Wie die Kletten sind wir einander und ich kriege mich nicht ein vor Lachen, wie er Marcel auf dem Mund küssen möchte. Wir machten wilde Geräusche, aber nach eine Weile wird es ruhig. Plötzlich nimmt mich Marcel hoch und sagt: „Roxane, im fliegen haben wir noch nicht gefickt.“ I believe, i can fly“, sagte ich. „Für uns sieht das ganz schlecht aus.“ Am Abend gingen wir essen mit anschließendem Tanz im Restaurant Romeo, ich habe überraschend für uns einen Tisch reservieren lassen. Unterwegs im Taxi, die Friedrichstraße hinunter, in perlenbesticktem schwarzen Samt, mit tiefem Dekolleté und einem Webpelzjäckchen um die Schulter, sagte ich: „Ganz im Ernst, Marcel, mach dich auf anzügliche Blicke gefasst, möglicherweise auf schmutzige Bemerkungen.“ Ich kenne das. Männer im gefährlichen Alter, können ganz schön bestieg werden, speziell, wenn die Frau, um die es geht, nicht gerade hässlich aussieht. Es ist ein animalischer Instinkt. Hirsche tragen es mit dem Geweih aus.“ sagt Marcel. Ich sagte: „Marcel, du musst dir nicht darüber deinen schönen Kopf zerbrechen! Frauen sind nicht anders, als die Männer. Schau dir doch einmal die langweiligen Frauen im Fitnessstudio an! Sonst würden sie doch nicht ins Schwitzen kommen. Du weißt schon …“ Hör schon auf damit“, sagt Marcel. „Alle werden sehr nett sein. Ich wette mit dir um eine Massage.“ Ich drehte den Kopf zum Wagenfenster. „Du bist sowieso dran.“ Marcel lächelt. Kriechender Verkehr, die Ampeln sind dauernd „Rot“. Und doch war es atemberaubend, als wir schließlich, vor dem Eingang aufgereiht, Zoll um Zoll vorrückten, hinter uns die unzähligen Lichter des Platzes. In der Vorhalle fasste ich Marcel an der Hand. Jetzt geht es los“, sagte ich. Und wir steuerten ein grauhaariges Paar an, das in der Schlange vor einer der Garderoben stand. Guten Abend“, sagte die ältere Dame. Hi“, sagten wir und lächelten das Paar an. Die Cocktails wurden in der Night Bar ausgeschenkt. Alle waren sehr nett. Pinkfarbenes Licht flutet von der Kuppel in die Bar, verebbte in gedämpften Violetttönen, alles ein bisschen wie ein Farbtopf. Die runden Tische waren in Purpur und Violett gehalten, die hohen Kerzen in Pink. Ein DJ spielt heiße Rhythmen, vom Schlager bis zum Rockpop. Die Konversation an der Bar beschäftigte sich mit Parkplatzproblemen, der architektonischen Infrastruktur, amerikanischen Investmentstrategien, Männer und Erbstrategien. Nach dem Cornwall-Rebhuhn fragte Marcel: „Roxane?“ Ich lächelte meinem Tischpartner zu, während ich Marcel zur Tanzfläche folgte. Ich sagte hallöchen nach links und rechts, dann noch einmal nach links und nach rechts und tanzten mit knisterndem Abstand I love Männer“. Dein Tischpartner hat eine bemerkenswerte Auffassungsgabe“, sagte Marcel, „und ist in allem sehr beschlagen.“ Nicht wahr?“, sagte ich und tanzte. Ich hoffe, dass dieser Typ in seinem Gefühlsleben beständiger ist als sein Vater. Siebenmal verheiratet, sagte er. Immer mit Frauen, die ihm das Geld aus der Tasche zogen. Ich frage mich, ob …“ Wir tanzten inmitten anderer Paare. Was?“, hakte ich nach. Eine seiner Frau ist bei einem Unfall ums Leben gekommen“, sagte Marcel. „Auf der Brücke auf einer Autobahn. Ich frage mich, ob es ein Unfall war.“ Ja“, sage ich, „sie ist am Straßenrand gestolpert und übers Brückengeländer gefallen, sie ist dabei abgerutscht und konnte sich nicht halten.“ Er soll sie hinuntergestürzt haben, wird erzählt.“ Wird erzählt?“, fragte ich. Und lächelte einem Typen zu, der mir über blonde Locken und ein paar Tanzpaare weg, zuwinkte.“ Ach, hallo!“, rief Marcel irgendjemandem zu. „Na ja, gewisse Gerüchte, machen immer die Runde.“ Wäre es recht, wenn wir mal tauschen?“, fragte ein Typ neben uns, an seinem Arm eine Rothaarige. Nein, ich tanze mit meinem Feuer und bin zufrieden“, sagte ich und grinste. Der Typ hatte keine Ahnung, dass Marcel mein Begleiter ist, denn der baggerte mich so an, dass Marcel gleich ausgerastet wäre. Der Typ fing an, mit seinen Händen, an mir rumzugrapschen. Ich drehte mich um, knallte ihm eine mitten ins Gesicht. Der Typ ist ziemlich baff gewesen, denn damit hätte er nicht gerechnet. Marcel stellte sich auch gleich vor mir und beschützt mich. Es fließt Blut aus seiner dicken Lippe. Egal, er hätte es ja nicht darauf ankommen lassen. Marcel legte mir den Arm um die Taille, lächelte mich an. Ein Typ im edlen Designeranzug sagte, „Ach, was sind wir aber auch heute Abend wieder gelaunt!“ Ich schaute ihn an. Plötzlich sagte ich zu diesem Typ, im Designeranzug: „Keine Ahnung.“ Marcel führte mich eng, seine Wange an meine geschmiegt, schwenkte mich herum. Wer ist jetzt, wem eine Massage schuldig?“ Und so tanzten wir inmitten all der anderen, unter der Glaskuppel mit ihren verchromten Stahlstreben und mit der pinkfarbenen Lichtflut, die in gedämpften Violetttönen verebbte. Wie die Leute sich auf der Tanzfläche zum Kochen und zum Schwitzen gebracht haben, haben wir eine Pause gemacht und uns an unseren Tisch gesetzt. Was werde ich vorhaben, was glaubst du?“, sagte ich. Keine Ahnung. Ist mir auch scheißegal!“ erwidert Marcel. Marcel klang etwas müde und genervt von den Lauten auf der Tanzfläche, denn sie stoßen und schubsen ein von einer Seite in die andere. Er hat die Schnauze voll von dieser Kacke. Irgendwann ist einfach genug“, meint Marcel.

Nach einem Tag oder zwei ich jedenfalls ins Hotel Jagdhof. Ich befinde mich in atemberaubenden 3000er-Kulisse des Stubaier Gletschers. Und wie Sie sich vielleicht denken können, hat es exklusiven Luxus, eine erstklassige Küche, ein harmonisches Ambiente und natürlich ein traumhaftes Angebot rund um Schönheit und Wohlbefinden. Für mich ist das Hotel ein belebendes Märchenland wie aus 1001 Nacht. Hier finde ich eine Vitalwelt mit Aqua-Meditation, meine Stube mit Wasserbett, Tepidarium, Laconium, Zisterne, Kräuterbadl, Wilderersauna mit offenem Feuer, Wirlpool mit Unterwasser-Liquid-Sound, Eiskristallturm und vieles mehr. Ein alter zahnloser Mann mit weißem Bart kommt mit einem knochigen Holzstock auf dem Weg ins Hotel entgegen. Plötzlich fällt er auf dem Weg, ich komm' den alten Mann zu Hilfe, klopf ihn seine Klamotten sauber und der alte Mann aus dem Tal, quasselt irgendwelchen Quatsch daher. Will wissen, ob ich Junge oder Mädchen bin?“, fragt er. Ich meine: „Also, da müsste es ja eine nettere Methode geben, um das herauszufinden.“ Ich denke mir, weiter gehe ich darauf nicht ein. Der alte Mann schaut mich ganz scharf an, dann fragt er was. Was meinen sie?“, will er wissen. Ich blieb stumm, sagte nichts, ging nur meinen Weg weiter. Es wurde mir echt zu blöd, mit dem alten Mann. Ich zieh’ mein Workman aus der Tasche und steckte mir die kleinen Lautsprecher-Ohrstöpsel in die Ohren. Ich hörte mein Lieblingssong BEAUTIFUL GIRL, von INXS. Der alte Mann guckt ziemlich dumm aus der Wäsche und sagt nichts mehr. Dann habe ich es endlich gefunden, den Eingang vom Hotel Jagdhof. Wie ich das Hotel komme, begrüßt mich eine Hotelfachfrau an der Rezeption. Und so tauche ich ein … und genieße die wohltuenden Spezialbäder und attraktive Verwöhn Pakete in Diana’s Beautywelt. Nun, jedenfalls werde ich genießen und mich freuen auf die betreuten Fit- und Funprogramme. Ja, Herrschaften, abends treffe ich mich im „Nachtkast’l", dem Insidertreff für mich und jung gebliebene Nachtschwärmer. Bestimmt kann jeder von ihnen seine Geschichte an eine Zeitschrift verkaufen und ein Vermögen verdienen. Halten Sie das für möglich? Die Typen, die hier im Hotel wohnen, werfen mir verdutzte Blicke zu, aber sie raffen es nicht. Denn ich habe eine Entscheidung getroffen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Mann gefunden, der mich wirklich versteht und ich werde Marcel nicht ziehen lassen. Fast jeden Moment bin ich mit ihm glücklich gewesen und ich werde mit ihm alt werden. Wir werden uns im Dschungel der Gesellschaft ein neues Leben aufbauen und eine Familie gründen und glücklich sein bis ans dramatische Ende unserer sonnigen Tage. Aber diese Männer sind alle Schweine“, meint eine Frau mittleren Alters, mit der ich im Fitnessclub trainierte. Eine Emanze! Du bist ja nur neidisch, mein Fräulein“, sagte ich. Bevor die Emanze neben mir verschwindet, dreht sie sich noch mal um und winkt mir kurz zu, dann ist sie endgültig weg. Ich gehe in die Sauna und setz mich neben der Emanze und sie fragt mich: „Woran denkst du?“ Ich sage gar nichts, aber in ihren Augen stehen winzige Tränen. Ich lege meine Arme um ihre Schultern, drück' sie ganz fest. Die Emanze schüttelt den Kopf und weint.

Und was ist mit dir, du "Heulsuse"? Hat dich dein Kerl verlassen, bevor du dir ein Zimmer im Hotel reserviert hast?“ fragte ich. Ich schaue sie eine Weile an und sie sagte: „Jaja“. Und wurde immer lauter mit ihrem Gejaule. Ehrlich gesagt ist mir das schon peinlich, für die anderen Hotelgäste. Also, mit dem Gedanken habe ich schon im Fitnessraum gespielt, aber ich wollte nichts sagen. Ich habe selber Probleme, da muss ich mich nicht noch mit anderen ihrer Probleme auseinandersetzen.

 

 

Kapitel  18

Es war schon in der Firma durch die Tagträume gegeistert, während der Arbeit. Wie entsetzlich, dass sich das alles im Appartement ereignet hatte, ausgerechnet vor der Abreise in die Schweiz, nach Tirol, ins Hotel Jagdschloss. Da musste er ja zu Hause sein und alles miterleben. Zumal die Party gerade anfing. Und jetzt, als sie, Petra hieß, die Emanze, wie Lucia den einen Koffer packte und dicke Margit, die gute arme Margit, den anderen Koffer packte, musste sie wieder daran denken. Er, Paul, wartete drüben auf den Lieferfahrer von „Gut und Schön“-International. Aha, da kam er schon im Fahrstuhl nach oben, zusammen mit dem Beifahrer. Falls es sehr warm ist, nahm sie einige Badeanzüge und Sommerkleider mit. So entstand bei ihrem Paul, im Kopf das Gerücht, ein neuer Mann. Was einen neuerlichen Schluss zuließ. Petra sagte zu Paul: „Du hast zu viele Seelenklempner besucht und Talkshows gesehen. Im wirklichen Leben steckt da mehr hinter, sonst gar nichts.“ Sie hatten ja noch ein Haus in Spanien gehabt, das Pauls Reiseziel gewesen, bevor ich in die Schweiz gefahren bin. Dahin sind Petra mit Paul hingefahren. Doch Paul hat es noch nachträglich so dargestellt, als wäre nichts gewesen. Weil sich das, wenn jemand so kurz entschlossen das Haus aus Panik verließ, besser anhörte. Andererseits, in ihrem Haus in Spanien haben, für sie bestimmt genug Badeanzüge und Sommerkleider bereitgelegen, damit die knackigen braun gebrannten Männer sie beachten. Die Tür wurde von Paul geöffnete. Petra drehte den Sessel herum und riss die Vorhänge vom Fenster auf. Paul lächelte und er drückte hinter sich die Tür zu. Was möchtest du zuerst?“, fragte er. Irgendwas, Darling“, sagte Petra und lächelte ihn an. Petra ging in die Küche und in die Diele. Paul saß im Sessel und sah zu, wie sie sich abmühte, beide schweren Koffer ins Schlafzimmer zu tragen. Und wie Petra die beiden Koffer in den Wandschrank stellte. Paul ging in die Küche. Er packt gerade aus, legte alles auf die Arbeitsplatte. Petra drehte sich um und sagt: „Ich mach‘ das schon, Schatz.“ Paul meint: „Ich brauch' ein bisschen Bewegung und geh' nach dem Essen zum Strand, schwimmen.“ Petra nahm die Teller vom Geschirrbord, stellte sie neben die Arbeitsplatte. Mhm“, machte sie, „Duftet gut.“ Warum sie die Dinger bloß nie beschriften …“ Paul mühte sich mit der Alufolie auf einer der Warmhalteschalen ab. Petra nahm Gabeln und Löffeln aus der Schublade, legte ihm die Löffel hin. Paul drehte sich um. Petra fasste nach seinem Arm, sah ihn an. Plötzlich zuckte sie zusammen, presste seinen Arm. Das Lächeln verhuschte. Paul atmete tief durch, drückte mit beiden Daumen an der Alufolie herum. Ich glaube, das sind die marinierten Heringe“, sagte Petra. Sie stand dicht neben ihm, hielt seinen Arm umklammert, sah auf seine Hände. „Wohin wolltest du?“, fragte er. Zu meinen Eltern“, sagte sie, „in Schaffhausen. Bist du da mal gewesen?“ Nein, zu unserer Hochzeit sind sie ja auch nicht gekommen“, sagte Paul. Petra meint: „Die Eltern haben uns ein paarmal besucht, wir sind nie dort gewesen.“ Sie küsste ihn auf die Backe. Ja, ja. Ich glaube, Sie verstehen mich jetzt falsch. Nicht auf den Arsch, auf die Backe im Gesicht hat sie ihn geküsst. Kapiert? Also, sie küsste ihn auf die Backe, ließ seinen Arm los und zog Papierservietten aus dem Behälter, während er den marinierten Hering auf die beiden Teller verteilte. Was möchtest du trinken?“, fragte Petra. Er blinzelte, schürzte die Lippen … „Bier“, sagte er. Gute“, sagte sie. Legte die Gabeln und die Servietten auf das Tablett. Ging zum Kühlschrank, zog ihn auf. „Kannst du nicht mal ein Mineralwasser trinken? Immer diese Bierfahne an dir zum Kotzen.“ Was geht es dich an?“, fragte er. Sie nahm eine Dose Bier und einen Orangensaft heraus, schob die Tür mit dem Ellbogen zu. Ach komm“, sagte sie. Sie holte Gläser, stellte sie auf dem Esstisch. Er ging hinüber. Es war Samstagnacht. Sie saßen da und guckten Fernsehen. Bis kurz nach zwei. „Die Nacht hat's in sich, ein super Abendprogramm“, sagte Petra, rutschte auf seinen Schoss herum und schlang die Arme um ihn. Er ließ den Sessel kreisen, während er sie von sich weg stoß. Deine Samstagnächte haben’s immer in sich“, sagte Paul. Sie stand auf, erschrocken, stumm. Ich werde die Scheidung einreichen“, sagte er. Das glaube ich dir nicht“, sagte sie, während sie sich die Tränen aus dem Gesicht wischt. „Paul, du bist ein Mistkerl.“ Sie nahm den Teller vom Esstisch, wirft ihn an die Wand. Nein, tu es nicht“, sagte er. „Im ersten Jahr unserer Ehe ich es ja mitgespielt, deine Launen. Die anderen Jahre wahren für mich noch schlimmer gewesen, besonders, wenn deine Eltern da waren. Es war immer so viel Spektakel gewesen, wo ich nicht wusste auf welcher Seite ich stehen soll.“ Paul zündet sich eine Zigarette an. Petra hört mit Interesse Paul zu. Doch dachte, sie hätte alles richtig gemacht in ihrer Ehe. Paul sagte: „Jetzt mach’ ich mir die Mühe und fahre mit dir in unser Haus, in Spanien, wo wir eigentlich ungestört wahren und auch diesmal sind. Doch wenn wir zu Hause sind, hängst du schon mit deiner Mutter am Telefon und unterhaltet euch über unsere Ehe. Ich frage mich, mit wem bin ich verheiratet? Mit deiner Mutter oder mit dir?“ Mit dir, Paul“, sagte sie und wischte mit einer zerknüllten Serviette ihre Tränen ab. Richtig“, sagte er lächelnd. Paul schaltet alles, bis auf das Licht im Wohnzimmer aus. Sie räumte noch die Küche auf. Petra verstand das alles nicht, Paul will sich scheiden lassen und schuld sind ihre Eltern. Tja, nun denken Sie bestimmt, ich bin in der Sauna eingeschrumpft oder ich bin verendet. Nein, ich kann Sie beruhigen, es ist nicht so weit gekommen. Petra hatte mir diese Geschichte erzählt, die sie mit ihrem Paul, kurz vor der Abreise ins Hotel Jagdhof hatte und fragt mich jetzt, was sie machen kann, um die Ehe zu retten. Denn sie liebt den Paul über alles. Oder hat sie Angst, allein zu sein? Tja, da bin ich sprachlos und kann ihr kein Rezept dafür geben, weil ihre Eltern in dieser Sache verzwickt sind.

Nach einigen erholsamen und entspannenden Tagen dann, bin ich nach Berlin, in mein Appartement gefahren. Und unterwegs habe ich noch einige interessante Leute kennengelernt, aber das haben Sie doch bestimmt schon mal gehört. Wie ich zu Hause ankam, lagen viele Begrüßungsgeschenke vor meiner Tür und man hat echt meinen können, die freuen sich, dass ich gekommen bin. Dann sitze ich auf dem Sofa und gehe meine Post durch. Alles nur Werbung und Rechnungen. Also, wie ich dann ins Schlafzimmer ging und mich ausgezogen habe, bin ich ins Bad gegangen. Ich schaute in den großen Spiegel und zupfte mit den Händen mein Haar zurecht. Dann ging ich ins Wohnzimmer und holte mir aus dem Barschrank eine Flasche Sekt. Ich machte sie auf und goss mir einen Schluck ins Glas. Mit dem Glas ging ich ins Bad und ließ mir heißes Wasser in die Badewanne. Ich trank einen Schluck vom Sekt. Nahm den Badezusatz und brachte es in der Wanne zum Schäumen. Ich holte mir die Flasche Sekt aus dem Wohnzimmer und stellte sie mir auf dem Wannensims, dann stieg ich in die Wanne und lass es mir gut gehen. Ich atmete, rief ein und wieder aus. Tauchte mit dem Kopf unter Wasser. Natürlich bin ich auch irgendwann wieder aufgetaucht. Ich schloss die Augen und streichelte mit der Hand, langsam meinen zarten und zerbrechlichen Körper. Ich unterbrach dieser Hingabe von Streicheleinheiten, nahm einen Schluck aus dem Glas und goss das Glas wieder voll. Das ist die erste vernünftige Idee, von der ich den ganzen Tag geträumt habe. Ich musste noch an die Geschichte von Petra denken, ein trauriges Schicksal. Na ja, das ist ja inzwischen Geschichte, der Scheißkerl ist nämlich gestorben, während er auf seiner neuen Freundin lag, an Herzinfarkt. Ich ging ins Wohnzimmer und schalte mir den Fernseher an, obwohl ich ihn zurzeit nicht oft anhatte. Zu viel schlechte Nachrichten. Ab und zu sehe ich mir „Der Prinz von Bel-Air“, mit Will Smith. Doch das kommt später. Und was kommt jetzt?

Die Stunde der Wahrheit, aber das schaut man sich besser nicht an. Lauter Scheiße. Ich frage mich, was soll das. Dann bin ich einfach eine Weile in der Stadt, durch die City gegangen. Vor einem Geschäft haben ein Haufen Leute, ganz unbekleidet, also nackte Leute, gestanden. Sie standen, mit irgendwelchen Transparenten in der Hand. Also, das hat mich echt überrascht, Leute, ganz nackig auf der Straße, das hat bestimmt einige langweilige Spaßbremsen, Leute gefallen. Oder denken Sie nicht? Die beiden Bücher, die ich mir vor einigen Tagen gekauft habe, hatte ich nur durchgeblättert, zu mehr Lust war ich nicht gekommen. Bonnie schlich sich um meine Beine und schnurrte. Marcel, der von seiner Geschäftsreise aus Brasilien kam, saß auf dem Sofa, den Mantel neben sich über die Sofalehne gehängt und las die Tageszeitung. Er schielt über die Halbbrille zu mir rüber, lächelte und stand auf. Er gab mir einen Kuss auf die Wange, nahm die Brille ab und legte mein Buch aus der Hand. Dann grinst er mich an. Hatte rote Wangen, was seine Gesichtskonturen und die Backenknochen noch mehr betonten. Ich habe einen dicken Fisch in Brasilien, auf meiner Geschäftsreise, an Land gezogen“, sagte Marcel. Ich bekomme sofort einen Vorschuss und noch mal einen, wenn ich die erste Hälfte abliefere.“ Ich wusste, dass du es schaffst“, sagte ich. Ich nahm ihn in die Agentur, ließ vom Praktikanten zwei Kaffee bringen. Wir saßen am Fenster. Marcel ließ den Blick über die Glaswände der Bürogebäude auf der anderen Straßenseite gleiten. Roxane, das ist ein Paradies für Voyeure“, sagt er. Ich lächelte, rührte meinen Kaffee um. Marcel lächelte, trank von seinem. Besser als mit Russo hätte ich es nicht treffen können. Er ist im Filmgeschäft aufgewachsen“, sagte Marcel. Ja und denk daran, wenn einem das, was man zum Leben braucht, jeden Monat automatisch ins Haus geflattert kommt, verführt das dazu, furchtbar faul zu werden und sich selber zu verhätscheln“, sagte ich. Marcel sagt: „Es ist anders bei mir. Ich habe nur die Schreiberei, bei der ich übrigens merke, dass sie mir immer leichter von der Hand geht, ich berate meine Kunden in Film, Funk und Fernsehen.“ Ich lächelte ihn an. Marcel schaut mich ernst an und sagt: „Ich fange sogar schon an, von Talkshows zu träumen. Und davon, dass ich vielleicht die Moderation mache.“ Ich lächelte. „Das ist ja toll. Ich hoffe, die Träume erfüllen sich“. Wir tranken ein Schlückchen Kaffee. Wir peilen die nächste Filmproduktion an“, erzählt Marcel. Ich fragte: „Würdest du mir wohl einen riesigen Gefallen tun?“ Raus damit“, sagte Marcel, sah mich erwartungsvoll an. Eine Antwort auf eine sehr moralische Frage?“ Er lächelte. „Warum nicht? Was ist Moral? Ich will dich jetzt und hier“, sagte ich, „willst du mit mir schlafen?“ Marcel zuckte zurück, aus dunklen Höhlen blinzelten seine Augen mich an. „Wie, in Gottes Namen, kommst du denn auf die Idee?“, fragte er. Marcel seufzte, starrte auf die Tasse. Wir sind zusammen, getrennt und wieder zusammen, eine lange Zeit ging das so.“, sagte ich. „Und ich mag das Kribbeln im Bauch, wenn wir miteinander ficken, egal wo und wann.“ Ich richtete mich auf und ging zu Marcel, setzte mich, mit meinen Brüsten zugewandt, ihm auf den Schoss. Küsse seine Lippen, meine Zunge steckte ich ihm tief in den Mund, unsere Zungen kreisten leidenschaftlich um sich. Nun, ich bin keine von denen, die gern ein Risiko eingehen. Ich wollte Marcel jetzt ficken und spüren, ich hatte das Bedürfnis auf seine Leidenschaft und das Kribbeln im Bauch. Ich knöpfte sein Hemd auf, ganz langsam und küsste seine nicht behaarte Brust. Mit der Hand zog ich Marcel die Hosen runter, wo er ein wenig nachhelfen musste. Ich war schon vor Gier und dem Gelüsten ganz feucht zwischen den Beinen. Ich nahm seinen Penis und steckte ihn in mein Verlangen. Ich fing laut an zu stöhnen, so genoss ich das, wenn Marcel versuchte, sich zu bewegen. Doch ich hatte ihn in meiner Gewalt, wo ich den Takt angeben konnte. Schneller und langsamer rieb ich seinen Penis in mein Verlangen, die Stöße wurden heftiger. Ich küsste ihn mit heftiger Leidenschaft und gier, wenn ich ihn dabei tief in die Augen sah. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, nahm er mich im Stehen und besorgte es mir auf dem Schreibtisch. Dann kam er laaangsam, leidenschaftlich, gewaltig, laut und auch wieder leise, der kleine Tod. Marcels Hände hielten die Kaffeetasse und nahm ein Schlückchen Kaffee. Ließ sie langsam tiefer sinken. Setzte sie ab. Ich saß da und sah ins Leere. Die Anderen aus der Agentur waren gerade zu Mittag, im Café. Teufel auch …“, sagte Marcel. Kratzte sich am Ohr. Sah mich an. Weißt du, das war der Fick des Jahrhunderts. Ich habe gedacht, du willst mir dein Knochenmark transplantieren.“ sagte ich. Er lächelte und schüttelt den Kopf. Da dachte ich, es wäre Zeit für eine Reise, mit Marcel. Marcel warf mir einen raschen Blick zu. Ich sah ihn stumm an. Er blickte zurück, lächelte. Ich fragte ihn, wohin denn seine Reise hingehen würde, wenn er jetzt losfahren könnte. Ich lächelte. „Kein Kurzurlaub“, sagte ich. Und er erzählte mir, während der letzte Schluck Kaffee von ihm getrunken wurde, dass er gern New Zealand entdecken würde. Hör mal“, sagte er beim Aufstehen. „Freitag nächste Woche schmeiße ich eine Party. Die meisten bekannten Leute haben schon zugesagt.“ Gut“, sagte ich, als wir zur Tür gingen. Ab acht. Roxane, bringe deine Freundinnen mit, wenn du willst.“ Ich lächelte ihn an. Vor ein paar Tagen habe ich ein Liebespärchen unten an der Ecke schmusen sehen. Tja, so ein großes Fenster im oberen Stock macht eben einen wie mich verflixt neugierig.“ Wen nicht? Das Frage ich Sie. Hoppla. Habe ich mich jetzt verplappert? Ich habe das halbnackte Pärchen nur einmal gesehen. Und da gibt es nichts zu lachen, das kann ich Ihnen sagen. Ich sah mir ein Videofilm an. Wandte den Kopf und blicke auf kastanienrot getönte Haar der Frau. Diva – Eine eiskalte Frau, die ihre Liebhaber tötet“, hieß dieser Streifen, aus der Videothek. Als diese eiskalte Frau den Mantel weghängte, läutet bei mir das Telefon. Ich las Bonnie auf, setzte ihn auf mir auf die Schulter, küsste und streichelte ihn. Schaltete in der Küche das Licht an und erwischte den Telefonhörer, bevor es zum dritten Mal läutete und der Anrufbeantworter sich eingeschaltet hätte. Hallo“, sagte ich. Hallo, Roxane! Was machst du so?“ Du hättest mir erzählen müssen, dass du fest leiert bist“, sagte Susan. „Das mit Marcel Ravel.“ Ich weiß nicht so recht, was du meinst ...“, sagte ich. Denn, wenn ich ehrlich bin, wusste Susan von mein Verhältnis, mit Marcel. Warum ruft sie mich eigentlich an? Ich schmuste mit Bonnie. Susan, was soll das?“ Ich nahm den Hörer vom rechten ans linke Ohr. Bonnie stürzte sich von mir weg. Plötzlich ging ich in die Hocke. Du glaubst doch nicht etwa, es wäre irgendeine große Affäre gewesen, was ich dir anvertraute? War es ganz und gar nicht, Susan.“ Und warum hast du mir dann nie von ihm erzählt?“, wollte Susan wissen. Weil es nichts zu erzählen gab. Hast du mir etwa von jeder Tussi erzählt, mit der du dich durch die Betten gefickt hast?“ Ich sah Bonnie zu, wie er auf den Hinterpfoten stand und am Korkbelag kratzte. Susan sagte: „Du hättest mir davon erzählen müssen. Ich verstehe nicht, wieso du es mit keinem Wort erwähnt hast.“mEs ist ja nicht so, als ob ich dich belogen hätte, Susan. Du bist damals von mir gegangen und hast mich nie danach gefragt, ob da noch etwas anderes wäre. Schau, Susan, es ist nicht gerade mein Lieblingsthema.“ Vielleicht hätte ich dir aufmerksamer zuhören sollen, hätte dann das eine oder andere Begriffen und irgendwann verstanden.“ Roxane seufzte. „Für so was kannst du dich nicht verantwortlich machen …“ Ich weiß“, sagte Susan, „aber so habe ich eben nun mal empfunden. Ich nehme an, deshalb habe ich versucht, die ganze Sache zu verdrängen.“ Lass das, Susan“, sagte ich. Ich bückte mich und langte nach dem Wassernapf, als Bonnie sich gerade darüber beugen wollte und hielt ihn über die Spüle. Ich liebe dich immer noch und ich will dich nicht aus meinem Leben streichen“, sagte Susan. Ich ließ das Wasser laufen. „Es ist besser, doch wir können Freunde bleiben. Susan, über unsere schöne Zeit ist Gras gewachsen“, sagte ich. Und spülte den Napf aus. Für mich hört sich es genau nach dem an, wovor du mich gewarnt hast. Eine alte intime Freundin, die eifersüchtig ist und biestig wird“, sagte Susan. Bei Marcel ist heute eine Party. Willst du auch kommen?“ sagte ich, während ich frisches Wasser in den Napf laufen ließ. Susan fragte: „Hast du ihm erzählt, wer ich bin?“ Nein, natürlich nicht“, sagte ich und bückte mich mit dem Wassernapf. „Aber er wird es vielleicht mit uns auch so erfahren. Sobald er dich kennenlernt.“ Warum willst du es ihm nicht lieber von dir aus erzählen?“, fragte Susan. Bonnie schlabberte das frische Wasser, ich streichelte sie. Ich sagte: „Es ist jetzt noch nicht die Zeit, doch wenn ich so weit bin, dann sage ich es Marcel.“ Ich stellte das Wasser ab. Oh, Susan“, sagte ich. „Lass mich mal machen!“ Du bist immer noch böse auf mich, gibt’s zu“, sagte Susan. Ich streifte mir die Schuhe ab. Nein, nein. Wirklich Susan.“ Ich liebe dich“, sagte Susan. Wir schmatzten Küsschen, legten auf. Ach so, ich glaube, das habe ich vergessen, der Fitnesstrainer heißt Christian, Ihnen zu sagen. Marcel fragt mich: „Roxane, gehen wir noch in die Sauna?“ Ich nicke. Er nimmt unsere Tennissachen und zieht mit mir in die Sauna.

 

 

Kapitel  19

Die in der Agentur haben zwar gesagt, ich bekomme kein Geld, aber einer von diesen Knalltypen hat mir dann doch ein paar Mark für meine Arbeit gegeben, bevor ich aus der Agentur gegangen bin. Bei der nächsten Gelegenheit ruf’ ich also meine Mutter an und will ihr sagen, dass es mir gut gehe. Doch ich habe sie nicht erreichen können. Ich muss sie noch diese Tage erreichen, sag’ ich mir. Aber besonders eilig habe ich es damit, ehrlich gesagt, nicht. Denn ich höre sie schon heulen und jammern und ein Mordstheater machen, weil ich von Zuhause weggegangen bin. Ja, das ist so sicher wie es gleich zum Regnen anfängt. Und wie der Regen anfängt! Gießt es in Strömen. Ich stell’ mich unter eine Markise, bis so ein betrunkener Typ aus der Kneipe herauskommt und mich voll quatscht. Ich bin klatschnass und friere. Plötzlich, wie ich an einem großen Kaufhaus vorbeikam, sehe ich einen großen Plastikmüllsack mitten auf dem Gehweg zum Haupteingang kurz vor der Tür liegen. Dieser Sack bewegte sich ein bisschen, wie wenn da was drin wäre. Ich geh’ hin, nahm meinen ganzen Mut zusammen und stupst mit der Fußspitze diesen Plastikmüllsack an. Plötzlich springt der Sack einen guten Meter zurück und eine Stimme sagt: „Scher dich zum Teufel und lass mich in Ruh!“ Wer ist denn da drin?“, frage ich. Die Stimme antwortet: „Das ist mein Gitter. Such dir ein eigenes!“ Wovon reden sie denn?“, frage ich. Das ist mein Gitter“, sagt die Stimme. „Runter von meinem Gitter!“ Was für ein Gitter?“, will ich wissen. Plötzlich wird der Sack ein bisschen angehoben. Und, ein unrasierter, streng riechender Typ steckt den Kopf raus und blinzelt zu mir rauf, als ob ich einer von seiner Sorte wäre. Du bist wohl neu in Berlin, oder was?“, fragt er. Eigentlich schon und auch wieder nicht“, antwortete ich. „Ich versuche bloß, aus dem Regen zu kommen.“ Der Typ unterm Müllsack sieht ziemlich mitgenommen aus. Er hat eine Glatze und total blutunterlaufene Augen und fast keine Zähne mehr und seit Monaten hat er sich nicht mehr rasiert. Er suchte Unterschlupf in der Kirche, doch die wurde ihm verwehrt. Ganz klar, er zahlt ja auch keine Kirchensteuer und die Sonne scheint auch nicht. Na ja“, sagt er, „wenn das so ist, dann geht das erst mal in Ordnung. Da!“ Er streckt mir einen richtig schön sauberen zusammengefalteten großen Müllsack hin. Und was mach’ ich jetzt damit?“ frag’ ich. Falte ihn auseinander und hocke dich darunter, mei‘ Dirn. Hast du nicht gesagt, du willst aus dem Regen kommen?“ Und dann zieht er seinen Müllsack wieder auf den Boden runter. Ich habe dann gemacht, was der Typ gesagt hat. So übel war es ehrlich gesagt gar nicht. Aus dem Gitter ist warme Luft geströmt, unter dem Müllsack ist es richtig schön warm geworden und den Regen hat er auch angehalten. Wir haben also Seite an Seite auf diesem Gitter gehockt, mit den Säcken über uns darüber. Nach einer Weile fragt der Typ mich: „Wie heißt du denn überhaupt?“ Roxane“, sagte ich. Ach ja? Ich habe mal eine Frau gekannt, die Roxane hieß. Das ist schon lange her und da hatte ich noch einen Job, in der oberen Etage, bei einem großen Autokonzern. Dieser Konzern lebt heute noch in Glanz und Glimmer, doch ich lebe auf der Straße.“ Und wie heißt du?“, frage ich. Ach, wer weiß das schon? Meine Freunde nennen mich Black Man“, meint er. Seine Frau ist mit einem Fernsehproduzenten abgehauen, der wohl in New York lebt. Sie hat die Scheidung eingereicht von wegen „Vernachlässigung in der Ehe“. Er fängt an zu trinken, verliert seinen Job und macht erst mal eine Weile überhaupt nichts. Dann räumen ihm Einbrecher sein Haus aus, ihm bleibt gar nichts und die Versicherung hat den Schaden auch nicht bezahlt.

Nach ein paar Jahren, sagt er, hat er einfach aufgegeben und nun lebt er eben wie ein Penner. Jeden Monat gibt es ein bisschen Geld vom Sozialamt, was nicht hinten und nicht vorne reicht. Also, ich weiß nicht, Roxane“, sagt er, „Wahrscheinlich war ich nur noch auf den Tod oder so. Doch der kommt auch nicht vorbei.“ Ich drück’ ihm ein paar Geldscheine in die Hand und meine, gleich um die Ecke ist ein Imbissstand und sie können sich etwas Warmes zu essen besorgen. Roxane! Sieh mal genau hin. Wozu tauge ich denn noch? Ich bin ein gottverdammtes Monster. Ein Penner. Ein Säufer. Ein achtunddreißigster Stadtstreicher.“ Könnte alles noch schlimmer sein“, sag’ ich. Ach ja? Nämlich wie?“ fragt er. Und weil ich nichts darauf zu sagen weiß, sagte ich nichts mehr und verstummte. Aber wie kommt es dann, dass du hier mit mir unter einem Plastiksack auf diesem Gitter hockst?“, fragte er mich. Weiß ich nicht“, sag’ ich, „aber ich habe nicht vor, lange zu bleiben.“ Hast du was Bestimmtes im Sinn?“ Sobald es aufhört zu regnen“, sage ich, „setze ich meinen dicken Hintern in Bewegung und mach mich auf den Weg und setze mich in die U-Bahn.“ Wo ist sie?“, fragt er. Weiß ich auch nicht, aber ich werde das schon herauskriegen.“ Das klingt, wie wenn du ein bisschen Hilfe brauchen könntest“, meint er. Seine Augen glänzen hinter seinem Bart vor. Also, irgendwas sagt mir, wenn einer von uns beiden Hilfe braucht, dann er, aber das geht schon in Ordnung. Er ist über Nacht ins Obdachlosenasyl gegangen, weil es überhaupt nicht aufgehört hat zu regnen. Ich bin dann gelaufen, habe einen anderen Passanten gefragt, wo eine U-Bahn in der Nähe ist und habe mich sofort dorthin begeben.

Am nächsten Morgen leiht mir Marcel ein paar Mark. Dann habe ich Susan angerufen. Sie ist total überrascht, wie sie meine Stimme hört. Roxane! Ich kann es gar nicht glauben!“ ruft sie. Ich fragte sie, ob sie nun mit zur Party kommt. Doch sie konnte sich noch nicht entschließen. Ich sage ihr, sie soll auf sich aufpassen, falls sie nach Berlin kommt, soll sie unbedingt vorbeischauen. Spielst du noch Gitarre?“, will sie wissen. Ja, ab und zu“, sag’ ich. Ich bin zu Marcel gegangen und habe ihm alles erzählt. Also, ich war zwar noch nie in New Zealand, aber da soll es übers Jahr ganz schön sein, hab ich mir sagen lassen.“, sagte ich. Ich saß da, starrte ins Buch, las Worte und konnte den Gedanken nicht loswerden, dass Susan mich womöglich schon wieder belog. Dass sie sich darauf verstand, ohne Stottern und durchaus überzeugend, hatte sie ja bewiesen. Was, wenn wir dem Wesen nach doch zusammengepasst hätten? Wenigstens recht und schlecht? Und ich doch nur eine Affäre mit Marcel gehabt hätte? War Susan von mir genauso fasziniert gewesen? Ja, fasziniert, das war das richtige Wort. Fasziniert davon, das wahre Leben zu leben wie der liebe Gott. Einen Splitter davon. Ich schlug die Seite um. Ich konzentrierte mich auf den Text. Der bis jetzt nicht gerade berauschend war. Schon wieder einer, der hysterische, emanzipierte Frauen vergewaltigt und umbrachte. Konnte kaum den Drang unterdrücken, nach einer Zigarette zu greifen. Kratzte mich aber stattdessen nur im Genick, während ich nach dem Glas Wein griff. Das Telefon läutete. Nahm beim zweiten Läuten ab. Hallo?“, fragte ich in den Hörer. Bedeutet das etwa, dass ich nicht den absurden Anrufbeantworter dran habe? Gott im Himmel, wenn du mich hörst, ich kann es kaum glauben.“ Hi, Agnes“, sagte ich. „Tut mir leid, ich habe bis über beide Ohren in Arbeit gesteckt.“ Kann ich mir vorstellen.“ Rate mal, wer nächstes Jahr im April eine Ausstellung in New York hat?“ O Gott, Agnes, das ist ja super! Herzlichen Glückwunsch! Erzähl mal!“ Agnes erzählte es mir. Und auch vom Unfall, den sie vor einigen Monaten hatte. Und von den Plänen für Weihnachten. Dann von dem Liebesfilm, den sie gesehen hatte. Sag mal, dir geht es gut?“ Ja, prima“, sagte ich. Bis auf den Umstand, dass mir vor Arbeit der Kopf in der Schleuder steht.“ Du liebe Zeit, warum hast du denn nichts gesagt? Tschüßchen, Tschüßchen! Und grüß Marcel von mir.“ Wir legten auf. Saß da und las. Kratzte mich im Genick. Ging in die Badewanne. Sah auf einmal hinter der beschlagenen Glastür eine Bewegung. Die Tür wurde aufgeschoben. Und Marcel kam mit einer Flasche Schampus und zwei Gläsern herein. Nackt. Lächelnd. Überraschung!“, sagte er, stieg in die Wanne, zuckte etwas, weil das Wasser so heiß war und schob mich mit den Füßen nach oben an den Wannenrand. Owwweee …“ Ich schnappte nach Luft. Ich komme ganz gut ohne dich in der Wanne aus“, sagte ich. „‘Entschuldigung.“ Er nahm mich an sich heran, küsste mich auf die Wange. Guck mal, habe ich gedacht, du musst bloß dich noch ausziehen und kannst gleich mit hereinschlüpfen. Ich konnte einfach nicht widerstehen.“ Ich sagte: „Ich wusste, dass du kommen würdest.“ Ich wusste, dass du es wusstest“, sagte er. Lächelte und goss uns den Schampus in die Gläser. Ich sah weg. Er küsste mich, gibt mir das Glas und jeder von uns nahm einen Schluck von den teuren Tropfen. So saßen wir in der heißen Wanne und leidenschaftlich küssten wir uns, meine Zunge spielte mit seiner und seine mit meinen.

Am nächsten frühen Vormittag versuchte ich mit dem Auto durch die City von Berlin zu fahren, habe aber kein Glück. Zuerst einmal fährt vor mir so ein Typ mit einem großen LKW in einem Stau in der Hauptstraße, aber dann will einfach keiner mehr weiterfahren. Wahrscheinlich sieht das eben total merkwürdig aus, wie ich hinter dem LKW stehe. Wieso habe ich nicht die U-Bahn genommen, habe ich mir immer wieder gefragt. Ich habe, ehrlich gesagt ein schlechtes Gefühl, dass ich hier noch zum Ziel komme. Doch irgendwie sage ich mir, ich will ja mit dem Auto in die City. Ich bin also mit dem Auto hinter dem LKW gefahren, sogar einen Parkplatz habe ich dann im Parkhaus bekommen. Auf der ganzen Fahrt habe ich geflucht und sagte immer wieder, wie beschissen dieser Straßenverkehr doch ist und diese Sonntagsfahrer in der Stadt haben wohl ihren Führerschein beim Schneckenrennen gemacht. Vielleicht hatte ich ja recht. Woher soll ich das wissen. Schließlich bin ich bloß eine Frau. Und wie ich am Parkhaus noch herumstehe und überlege, was ich jetzt mache, kommt ein kleiner Türkenjunge angelatscht und fragt, „willst du Rose kaufen?“. Ich frage eine ältere Dame, wie ich zum Einkaufszentrum komme. Und sie erklärt mir, dass das Einkaufszentrum einhundert Meter die Straße entlang ist. Ich mache mich gleich auf den Weg. Nach einer Weile hören die Gehwege auf und es erscheint ein Tunnel, der in die verschiedensten Straßen verläuft. Eine junge Frau kommt mit einem Kinderwagen nicht mehr weiter, da fasse ich eben mit der Frau an den Kinderwagen und weiter geht es im Takt. So ungefähr um Mittag rum sehe ich eine große Weltzeituhr, wo die Uhrzeit aus verschiedenen Ländern draufsteht und auf dem Alexander Platz sind auch noch verschiedene Einkaufhäuser.

Einige Männer wollen lieber draußen warten, weil ihre Frauen immer so lange brauchen, um etwas zu kaufen. Ich geh’ rein und frage die Frau an der Information, wo das Kundenrestaurant ist. Sie sagt, dass es sich ganz oben befindet. Also, ich fahre mit der Rolltreppe ganz nach oben zum Kundenrestaurant und holte mir eine grüne Götterspeise mit Vanillesoße und einen schwarzen Kaffee. Eine ganze Menge Leute stehen dort an der Ausgabe. Dann sehe ich einen gut aussehenden Mann an der Kasse stehen. Ich suchte mir einen schönen Platz, wo ich ihn mir besser betrachten kann. Ich gehe rüber und schleiche mich quasi an. Er setzte sich an einem Tisch, wo noch drei Stühle frei waren und ich setzte mich dazu, ohne ein Wort zu sagen. Doch dann nahm ich meinen Mut zusammen und sagte: „Das sieht aber recht nach einem guten Mittag aus.“ Er schaute nicht einmal an. Er starrte einfach geradeaus und meint: „Das ist meine erste sensationelle Anmache heute, drängeln sie immer so, den Männern beim Mittagstisch, ein Gespräch auf?“ Nein, ich bin ja nicht jeden Tag hier“, erwiderte ich. Ich kann ihnen sagen, das ist das peinlichste Erlebnis in meinem ganzen Leben gewesen. Der Typ steht auf und stellt sich vor, ich mache genau dasselbe. Er sagte: „Jacky Kohlmann“. Ich sagte: „Roxane Care“. Jacky sagt, in so circa eine Stunde hat er Feierabend. Jacky und ich wollen dann in so eine kleine Bar gehen und was trinken. Dann will Jacky mich noch überraschen und ich liebe Überraschungen. Wir gehen in die Bar, Jacky trinkt ein Glas Whisky, denn Wein trinkt er nicht. Ein Haufen anderer Typen, haben sich auch noch angetroffen, alles Bürohengste aus der Verwaltung, wie es nach ihrer konservativen Kleidung aussah. Die haben sich erst einmal zwei Flaschen Sekt bestellt. Erzählten über dies und das. Roxane“, flüsterte Jacky nach einer Weile, „was meinst du, kann das Riesenbaby da drüben, es mit dem hübschen Mädchen aufnehmen, so wie der sie anbaggert?“ Ich sage, weiß ich nicht. Dann meint Jacky: „Wir wetten um einhundert Mark, dass er es nicht schafft.“ Ich gehe also rüber und frage das Mädchen: „Hat der Dicke hier, eine Chance, bei dir?“ Sie schaut hoch, grinst und meint: „Nein, das ist mein Bruder.“ Ich setze mich also hin und wir reden noch über dies und das und dass ich jetzt einhundert Mark verloren habe. Ich war nicht gerade begeistert, aber ich habe Jacky die einhundert Mark gezahlt, bin vom Tisch aufgestanden und auf das Klo gegangen. Jacky“, sagte ich, „du hast Glück gehabt, dass ich so die Wette durchgelassen habe. Eigentlich steht es ja unentschieden.“ Ich frage ihn, ob wir noch etwas trinken wollen und diesmal sollte er zwei Gläser Champagner bestellen. Jetzt weiß ich, dass Jacky Kohlmann ein Spielertyp ist.

 

Kapitel  20

Wir sind nach dem Glas Champagner zu meinem Auto gegangen, denn Jacky war mit der U-Bahn ins Büro gefahren. Er wohnt in einem kleinen Apartment, wo die nicht armen Leute zu Hause sind. Jacky hat alles richtig nett eingerichtet, mit Designermöbeln wie Sofa, Sessel, Couchtisch und Schreibtisch. Natürlich bin ich auch neugierig und habe mir sein großes Schlafzimmer angeschaut. Ein Märchentraum, von einem Bett. Sein Kühlschrank ist leer und er machte den Vorschlag, dass wir einkaufen gehen und holen uns ein Hähnchen. Jacky kocht für uns und erzählt mir alles, was er so macht und gemacht hat, seit er in Berlin lebt. Vor allem interessiere ich mich für seinen beruflichen Werdegang. Ich meine, für mich wäre das Leben die letzten zwei, drei Jahre auch nicht grade ein Honigschlecken gewesen. Jedenfalls arbeitet er mit circa fünfzehn Leuten in der Firma zusammen und die sind nicht gerade auf seiner Wellenlänge. Die Frauen tragen keine Unterwäsche und nichts unter dem Rock und die Klospülung ist auch andauernd verstopft. Weißt du, Roxane“, sagt er, „ich habe sogar versucht, mich in eine Frau zu verlieben, aber da war nichts zu machen, weil ich immer daran denke, dass sie keine Unterwäsche trägt.“ Na ja, Jacky war jedenfalls pleite, bevor er nach Berlin kam. Seitdem hat er einfach auch nur an sich selbst gedacht und nur ans Arbeiten gedacht. Ich nehme ihn in die Arme und halt ihn ganz fest. Jacky meint, er muss mal pinkeln und geht ins Bad. Wie er im Bad und beim Pinkelt ist, frage ich, ob er beim Pinkeln Hilfe benötigt. Nein“, sagte er ganz erschrocken. Er schüttelte den Kopf und er schüttelte seinem Penis die letzten Tropfen ab. Was soll ich Ihnen sagen? Es ist nun ein geiler Anblick, wenn ein Mann sich von einer Frau beim Pinkeln den Penis halten lässt und das empfindliche Stück in das Klo hält. Wir deckten uns den Tisch, Jacky kochte uns Hühnerfrikassee. Beim Essen unterhielten wir uns. Irgendwann gehe ich nach Hause, denn Jacky ist wie eine Schlaftablette gewesen. Obwohl er gut aussieht und zum Anfang einen sehr intelligenten Eindruck gemacht hatte. Doch der Sex mit ihm muss sehr prüde und langweilig sein. Herausbekommen wollte ich es jetzt nicht mehr und ich musste die ganze Zeit an Marcel denken. Gleich in der ersten Woche, passiert, was andres, was mein Leben total verändert. Irgendwann kommt nämlich ein Typ mit schwarzem Anzug, weißem Hemd und einem Haufen Goldklunkern um den Hals zu uns nach Hause. Ich bin Kevin Sabatinie“, sagt er, „und ich habe viel von dir gehört.“ Was denn“, fragte ich und Kevin meint, „du sollst das kreative Potenzial besitzen, was ich suche, für meine Filmproduktion.“ Und was heißt das?“, fragte ich. Ich glaube, ich habe ein Auftrag für sie, wobei sie verdammt, viel mehr Geld verdienen können, als mit diesen Kinkerlitzchen von Aufträgen, den ihnen die Werbeagenturen gaben.“ meint Kevin Sabatinie. Nämlich, was für einen?“, fragte ich. Ein Drehbuch schreiben, für einen amerikanischen Erotikthriller.“, sagt Kevin. Ich lächelte und hörte Kevin Sabatinie interessiert zu. Er meinte dann: „Also, ich bin sicher, in kürzester Zeit wird man von ihnen sprechen, weil die Leute ihre Arbeit im Fernsehen sieht. Ich weiß nicht recht“, sage ich. „Eigentlich habe ich mir gedacht, ich mache meine eigenen Sachen, solange ich noch die Ideen und das kreative Potenzial habe.“ Mensch, mit dieser Sache können sie fünfzigmal mehr Kohle machen. Sie brauchen das ja nicht ihr ganzes Leben lang zu tun. Nach ein paar Jahren haben sie ein schönes Polster auf ihrem Konto. Es ist beruhigend, glauben sie Frau Care, ein gefülltes Bankkonto, oder einen anständigen Notgroschen zu haben. Vielleicht sollte ich erst mit Marcel darüber reden und eine Nacht darüber schlafen“, sage ich. Roxane, hören sie mal“, meint Kevin, „ich komme hierher und biete ihnen eine einmalige Chance. Wenn sie nicht interessiert sind, brauchen sie es nur zu sagen, dann sage ich tschüss und bin weg.“ Nee, nee“, meine ich. Dann schaut er mich an. Marcel kommt aus dem Bad und sagte: „Schau mal, Roxane, das ist nicht ganz falsch, was Herr Sabatinie sagt. Ich meine, wie willst du denn sonst Erfolg in deiner Branche machen, wenn du nur die kleinen Aufträge an Land ziehst?“ Wissen sie was?“, meint Kevin. Sie können sogar ihren Marcel mitnehmen, wenn sie Berlin verlassen müssen. Und Sie können jederzeit aussteigen. Na, was sagen sie?“ Ich lasse mir das eine Minute durch den Kopf gehen. Zündete mir eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Ich goss uns frischen heißen Kaffee aus der Kaffeemaschine nach und nahm einen Schluck vom Kaffee. Klingt echt nicht schlecht, aber in der Regel ist bei solchen Sachen irgendwo ein Haken. Ich mach’ trotzdem meine große Klappe auf und sag das verhängnisvolle Wort: „Ja.“ Dann werde ich eben copy Chief. Cheftexter in einer Filmproduktion. Der Laden von Kevin Sabatinie ist ein großes Studio im Zentrum von Hamburg und fast jeden Tag nehme ich Marcel mit ins Studio. Kurz gesagt, ich konnte eigentlich nichts mit Marcel im Studio anfangen, aber nachdem ich abends das Studio verlassen habe, bin ich nur für ihn da gewesen. Ich bekomme alles Mögliche bei den Aufnahmen zu sehen, wie die Darsteller, den Regisseur, den Aufnahmeleiter und viele andere.

Großer Gott! Soll das ein Witz sein?“, ruft Kevin und schüttelt den Kopf. Kevin schaut mich an, lächelt mich an und meint: „Na ja, das musst du noch einmal überarbeiten.“ So circa eine halbe Stunde später kommt Kevin Sabatinie ins Arbeitszimmer gelaufen. Ich hab's!“, ruft Kevin. Was?“, fragte ich. Die lesbische Szene! Roxane, da muss mehr Leidenschaft rein und sie müssen sich aktiv bewegen! Die Mädchen sind doch nicht im Kloster und haben ein Gelübde abgegeben. Und sie sollen sich Zeit bei dieser Lesbenszene lassen!“ Ich lasse mir das durch den Kopf gehen. Ich weiß nicht recht“, sagte ich dann, „irgendwie gefällt mir das nicht. Klingt so, als wolltest du einen Pornostreifen aus dem Liebesfilm machen.“ Das ist doch bloß für die Szene“, meint Kevin. „Der Dreh wird doch noch für das Kino geschnitten und so ungefähr muss die Spannung schon sein. Das machen alle großen Filmproduktionen. Und was wäre besser als das Kribbeln im Bauch, wenn man einen Film im Kino sieht!“ Dabei ist es dann eben geblieben, nach dem ich das Drehbuch neu überarbeitet habe, ist endlich auch Kevin mit der bestimmten Lesbenszene zufrieden. Wie ich am Abend nach Hause komme, gehe ich ins Bad, zieh’ ich meinen grauen kurzen Rock, die weiße Bluse, den weißen Büstenhalter und meinen weißen Nylon-String-Tanga aus und ging nackt ins Wohnzimmer. Marcel sitzt am Schreibtisch vor dem Computer und Bonnie liegt auf dem Sofa und macht sein Schläfchen. Doch Marcel sieht auf, wie ich nackt zu ihm heran stolzierte. Roxane, was zum Teufel … ?“, sagt Marcel. Das ist ein Kostüm“, sagte ich. In diesem Kostüm siehst du aus, wie ein Engel“, meint Marcel. Du musst das anders sehen“, sage ich. „Das ist, genauso, wie ich in deinem Traum der sexuellen, perversen, zügellosen Leidenschaft mitspiele oder so.“ Trotzdem siehst du aus wie ein unschuldiger Engel. Ich glaube es einfach nicht. Du schaust seelenruhig zu, wie du mich zum Schmelzen bringen kannst.“ Ich will, dass du mich zum Teufel machst und mich richtig durchfickst“, sage ich. Statt mit einem Tuch bindet Marcel mir mit seiner Krawatte die Hände auf den Rücken. Dann greift er um meine Hüften und küsst mich am Hals. Über den Kopf stülpt er mir einen Büstenhalter, der auf dem Sofa lag, der die Augen mit den Büsten verdeckte. Plötzlich ging er mit seiner Zunge in meinen Bauchnabel und strich mit der nassen Zunge meinen Bauch hoch zu meinen Brüsten, er liebkoste meine Brustwarzen, sodass sie hart werden und ich ganz wild wurde, ein teuflischer Augenblick. Mit der Zunge nahm er sich den Weg in meinen Mund und unsere Zungen gingen rechts herum und einmal links herum. Marcel drückte mich auf den Boden, genauer gesagt auf den weichen Plüschteppich, er zog sich nackt aus. Dann spürte ich seinen Atem auf meinen heißen Körper. Mit meinen Beinen umschlinge ich seinen Kopf und drückte ihn in meinen Schoss, er biss mich ganz kurz in die glattrasierten Schamlippen, sodass ich einen lauten geilen Schrei gab und ich ließ ihn aus meinen Zwängen wieder heraus. Eine ganze Weile kochte ich vor leidenschaftliches, gieriges Verlangen auf dem Teppich, denn von Marcel ist nicht zu hören und zu spüren gewesen. Er war in der Küche und sah, nach was wir noch im Kühlschrank hatten. In der Kühltruhe fand er Himbeereis. Mit dem Löffel verteilte er das kalte Eis auf meinen heißen Bauch. Es war sehr erregend für mich, denn Marcel schleckte es gaaaaanz laaaaangsaaam von meinen glühenden Bauchnabel, meinen harten Brustwarzen und wir küssten uns sehr leidenschaftlich. Er legte sich auf mich und ich spürte, wie langsam er in mich eindrang. Eine Wonne von Gefühlen spürte ich in meinen ganzen Körper. Ich spürte seinen Atem, seine Gewalt, seine Zärtlichkeit und seine Begierde. Bonnie kam uns dazwischen und wollte mitspielen. Ich versuchte Bonnie klarzumachen, dass er nicht dabei sein kann. Diese Sache gefällt mir gar nicht. Doch ganz im Ernst hätten Sie jetzt aufgehört? Ich nicht und Marcel wollte es auch nicht, Bonnie wurde es zu wild, miaute und sprang davon. Wie die anderen es machen, interessiert mich nicht die Bohne. Ich ging ins Bad und stellte mich unter die heiße Dusche. Marcel kommt mir nach und machte die Tür zum Badezimmer zu, sodass uns Bonnie nicht noch einmal stören könnte. Also, unter der heißen Dusche war alles ganz anders. Irgendwie heißer. Ob Marcel mich zum Teufel gemacht hat? Weiß der Teufel, wie das geht. Wir sahen bei den Freunden rein, wie Nicke, Ralf, Susanne, Cindy und Sammy, der diese Woche sein neues Appartement im Linden-Allee-Viertel bezogen hat und zufällig gerade Gäste hatte. Ich sah Sammy an, er warf mir einen kurzen Blick zu. Ich lächelte. Sagte: „Kannst du dir denken, was ich jetzt gerne trinken möchte?“ Was?“, fragte er. Ein Glas Schampus“, sagte ich. Sammy grinste. „Ich dachte schon, du würdest mich nie danach fragen.“ Er ging zum Tisch hinüber, zwingt mit den Augen mir zu. „Einen Augenblick!“ Ich bin neugierig auf Sammy's neue Wohnung, das bemerkte Marcel. Doch das störte mich nicht. Ich schaltete das Licht an. Sammy’s Schlafzimmer aus dem Möbelmarkt, unaufgeräumt wie immer. Es war so, wie Sammy es uns immer erzählt hatte. Ich überflog, was in den anderen Zimmern zu sehen war. Sammy war wieder da. „Jetzt kommen die besseren Sachen“, sagte er. Ich machte ihm ein Zeichen mit der Hand. Willst du bitte ein einziges Mal still halten?“, fragte ich, während er einen Schwabs Sahne in meine Tasse gab. Sammy setzte sich im Sessel und sagte zu Susanne: „Du könntest es glatt auf vier-, fünftausend bringen und sogar noch mehr. Und steuerfrei.“ Sammy raucht dann in Ruhe seine Zigarette. Ich schaute ihm zu, wie er den Rauch seiner Zigarette einatmete. Nun sahen wir uns alle gegenseitig an. Gott im Himmel, bin ich dick“, stöhnt Cindy. Bist du nicht“, widersprach Marcel, „du siehst blendend aus.“ O Gott, Baby, das tut gut“, keuchte ich, quer auf dem Sofa ausgestreckt. Mit der Hand streichelte Marcel meine rechte Brust, mit den Lippen verwöhnte er meine Lippen. Er zog mich am Arm. Ich stand auf und setzte mich auf seinen Schoss. Und so haben wir dagesessen und grinsten die anderen an.

Ich beschloss am nächsten Tag, einem Montag, zu Hause zu bleiben. Das war nicht eingeplant, aber ich war zu müde, um früh aufzustehen. Ich lümmelte mit den Ellbogen auf der Tischplatte, sah zu, wie das Knack- und Back-Brötchen in dem Backofen aufblühte und wie Bonnie sich auf die Hinterpfoten stemmte und schnupperte. Ich muss heute Nachmittag mal kurz weg“, sagte Marcel. Kommt mir gerade recht“, sagte ich, schenkte mir Kaffee ein. Für mich wird es weiß Gott Zeit, dass ich mit meiner Arbeit vorankomme. Wo willst du denn hin?“ Oh. In die Stadt. Mein Schatz“, sagte Marcel lächelnd. „Nur ein bisschen Schoppen gehen. Hat aber nichts zu tun mit jemanden, den du kennst.“ Marcel half mir beim Abräumen. Wir küssten uns unter der Tür. Ruf mich an, wenn du später kommen solltest“, sagte ich. Marcel lächelt mich an. „Ich liebe dich“, sagte er. Ich liebe dich, Marcel“, sagte ich und sah ihm in die Augen. Wir küssten uns. Ich rief in Hamburg an, habe für heute alle Termine abgesagt. Dabei sind mir ein paar passende Ausreden eingefallen und habe gleich neue Termine vereinbart. Plötzlich hatte ich Kevin Sabatinie an der Strippe, was ich unbedingt vermeiden wollte. „Geht es Ihnen gut?“, fragte er. Danke, ja“, sagte ich. „Ich liege nur noch weiter zurück, als ich bisher schon befürchtet hatte.“ Ganz zu schweigen davon, dass ich allmählich durchdrehte. Ich saß am Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Bonnie schlief auf dem Bett. Das Telefon klingelt, es ist dreißig Minuten nach eins. Na, wie geht es denn so?“, fragte Ralf. Ganz prima“, sagte ich, „ich bin ein tüchtiges Stück weitergekommen.“ Schlechte Neuigkeiten. Cindy ist gefeuert.“ O verdammt“, sagte ich, „diese Knalltüten von Managern …“ Praktisch die ganze Abteilung, in der Bank.“ Wie hat sie es verkraftet?“ Sie trägt es gelassen. Die Abteilung wurde schon informiert, wenn sich die beiden großen Banken zusammenschließen, dann gibt es Entlassungen.“ Ich sagte: „Mir ist gerade so durch den Kopf gegangen, ob ich nicht ins Café gehe und einen Cappuccino trinke, während ich an meinem Drehbuch arbeite.“ Hast du Lust? Ich kann ja später nachkommen“, sagte Ralf. Ja, bitte“, sagte ich, „ich glaube, ich tu’s. Wo das Café International‘ ist, weißt du ja.“ Ja“, sagte ich. Dann bis später“, sagte Ralf. Ich legte auf. Saß da und starrte auf den aufgeschlagenen Terminkalender. Zwei Minuten las ich noch im Terminkalender und schrieb mir die neuen Termine ein. Stand auf, ging ins Bad, duschte mich. Für den heutigen Tag, zieh mir die blaue Jeans und ein weißes T-Shirt an. Sagte zu Bonnie, ich wäre bald zurück. Nahm den Fahrstuhl hinunter zum Ausgang. So schlecht sah ich, alles in allem, gar nicht aus. Ich sah im Spiegel, vom Fahrstuhl Innenraum, richtete mir die Haare und zupfte mir den schwarzen Fussel von der Schulter. Ein paar Sonnenstrahlen tasteten sich durch die schmalen Gänge, fielen auf den Bürgersteig und blendeten die Leute auf der Straße. Ich ging zur nächsten Straßenkreuzung, wo die Ampeln „Grün“ geworden sind. Zwängte mich durch die Haufen Leute, drückte die Typen von mir und stand plötzlich auf der anderen Straßenseite. Ich ließ den Blick durch die Hauptstraße schweifen. Überall laufen hektische Leute herum. Ralf?“, rief ich laut. Ich ging zum Café International“, wo Ralf schon gewartet hatte. Sah mich im Café um. Warf einen Blick auf dem Klo. Die braune Ledercouch. Wo sich schon Ralf für uns einen Platz ausgesucht hat. Zurück ins Café. Ich ziehe mir die schwarze Lederjacke aus und setzte mich am runden Tisch, zu Ralf auf der Ledercouch. Das dunkle Holz vom Tisch fühlte sich glatt an, nirgendwo ein auffälliger Spalt. Ich drückte, presste. Ich wollte irgendetwas zerstören, mir ist eben in diesem Moment so gewesen. Ich fühlte mich einfach zum Kotzen. Oder nicht? Doch ich kann Ihnen sagen, da rutschte nichts seitwärts weg, da kippte nichts hoch. Ich probierte es mit Ralf. Ein Stück von meiner Hand legte ich auf seinem Schenkel. Ich hakte die Fingerspitzen nach. Ralf schrei nicht auf, oder es störte ihm nicht. Ich gab nicht nach. Ich kniff ihn an seinem anderen Schenkel. Keine Regung vom Ralf. Doch dann wollte ich es wissen und kniff ihn in seinem Penis. Er schreit erbärmlich laut. Die anderen Leute dachten, ich hätte ihn gefoltert. Versuchte, mich an diese Blicke zu erinnern. Probierte, diesen Blick nachzustellen. Ich fand es lustig. Ein italienischer Kellner bringt uns dann endlich unsere zwei Tassen Cappuccino, den Ralf schon seit einer halben Stunde bestellt hatte. Ich zündete mir eine Zigarette an und gab Ralf auch eine, obwohl er mir gesagt hatte, dass er nicht mehr rauchen würde. Doch ich bin der Meinung, dass er wieder anfängt. Und warum jetzt nicht? Ich rauche nicht gern allein. Ich spürte, wie er nach dieser Zigarette schmachtete. Ralf war mir auch nicht mehr böse, wegen meines Fehlgriffes an seinem empfindlichen Körperteil. Ich glaube, er kann ihn wieder gebrauchen. Vielleicht war ich doch ein wenig sadistisch gewesen. Ich hätte mit mehr als dreißig Minuten rechnen sollen, an einem Montag, nach einem heißen Wochenende. Die italienischen Kellner krochen im gewaltigen Krebstempo durch das Café. Schon fünfzehn vor vier, zeigte die Uhr.

Aber immerhin brachten sie schmeichelnde Musik im Radio. Ralf lächelte, die Füße hoch, die Hände auf dem sportlichen Bauch gefaltet. Wer hätte gedacht, das Ralf je eine interessante Frau fände, die das alles mit ihm teilte. Der er sein Auto, einen Jaguar F-Type, mit 240 PS starker Dreiliter-V6, sogar für eine Weile zu treuen Händen anvertrauen konnte. Eine, die durch und durch Frau war, mit ihren Kleidern, ihrer Taille, ihren vollen Brüsten. Und leidenschaftlich mitging. Wie recht hatte er doch daran getan, das Risiko einzugehen und ihr alles aus seinem Leben zu zeigen. Er seufzte tief. Gab es irgendjemand, der glücklicher sein konnte? Da werde ich ja noch neidisch, wenn ich mir Ralf so ansehe.

Am Abend wieder zu Hause. Marcel war nicht zu Hause gewesen. So habe ich mir die Tageszeitung genommen und schaute mir die Schlagzeilen an. „Die Frau von dem Tennisprofi Boris Becker lässt sich scheiden“ und „Der Papst hat jetzt endlich eine Frau kennengelernt und will unbedingt heiraten“, ein Bild vom Bundeskanzler, wie ein Steckbrief aus Amerika. Skandale, Skandale, nur Skandale bei der Zeitung, egal welches Blatt erscheint und welchen Tag ich diese Zeitschrift aufschlage. Da bekommt ich ehrlich schon Alpträume, wie „ich sitze auf einem Strommast und es rauben mich die vogelartigen Menschen. Sie bringen mich dann auf einen anderen Planeten und rauben mich meinen Augen, meiner Zunge und meinen Gefühlen.“ Ich glaube, sie sind überall. Der Bundeskanzler, die Steuerbehörden und die Juristen, ja, auch die Bischöfe wissen, wer diese Vögel sind. Drehte den Kopf und schaute hinaus auf die Straße.

Aus dem offenen Fenster einer dunklen Limousine, glotzte ein Dobermann, die Pfoten auf die schwarz schimmernde Metallic-Lackierung gestemmt. Er drehte sich zur anderen Seite. Sah einen alten Opa im Schneckentempo vorbeischleichen. Die Tür zum Appartement ging auf, Marcel kommt herein und begrüßte mich mit einem dicken Kuss. Ich schaute weiter aus dem Fenster. Marcel ging ins Badezimmer. Die Dusche rauschte. Seine schwarze Jeans und die Leinenschuhe legte er auf die Kacheln am Boden. Das schwarze Hemd legte er dazu. Marcel unter der Heißen Dusche. Mein großer Schatz. Meine große Liebe. Ich schloss die Augen. Machte ich schnell wieder auf. Sah, wie die Tür der Duschkabine aufgeschoben wurde und Marcel das Badetuch vom Haken nahm. Schnell entfernte ich mich vom offenen Fenster, bis Marcel, das Badetuch um die Hüften geschlungen, aus der Duschkabine gehoppelt kam. Er schlich bis zur Badematte, blieb stehen, starrte mit gesenktem Kopf nach unten. Beugte sich vor, knickte mit dem linken Bein ein, reckte den rechten Fuß nach hinten in die Luft und langte mit der linken Hand nach unten. Und dann fuhr sein Kopf zur Tür herum. Ich atmete tief durch. Ging zu Marcel ins Bad, stehe vor dem Spiegel, ließ den Kopf sinken und wühl mir ganz wild in den Haaren. Richtete mich auf, fuhr mir mit beiden Händen durchs Haar, atme tief durch. Grapschte nach Marcel und küsste ihn auf seine warmen Lippen. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich machte kehrt. Haste in das Schlafzimmer. Als ich die Tür aufriss, kam er mir hinterher. „Was ist los?“, fragte er. Ich machte eine ahnungslose Grimasse, rieb mir den Nacken. „Ich weiß nicht.“ Meine Stimme zitterte. Oh, mein Gott“, sagte ich, „ist dir was passiert?“ Ich weiß nicht, was du meinst?“, fragte er. „Ich glaube nicht.“ Tut es dir im Genick weh?“, fragte er. Ja, ein bisschen“, sagte ich. Er drehte sich herum, fasste nach meinem Nacken. Als er anfing, ihn abzutasten, gab ich ihn einen Kuss auf die Wange. Marcel kann das gut, wie ein Gott und ist immer noch knetend und massierend mit meinem Nacken beschäftigt. Du solltest lieber zum Arzt gehen und dich untersuchen lassen“, sagte Marcel. Ich drehte mich um. „Wenn Morgen noch was weh tut, geh’ ich“, versprach ich. Kennst du einen guten Arzt in der Nähe?“ Ich nickte. Wir sahen uns an. Ich legte die Hand auf seinen Penis. Marcel, mein Prinz“, sagte ich und lächelte ihn an. Nahm ihn in die Arme. Er drückte mich an sich. Wir lächelten uns laut an. Küssten uns leidenschaftlich.

 

 

Kapitel 21

Die Rückfahrt nach Hamburg war ziemlich ungemütlich. Marcel und ich haben praktisch gar nichts gesagt und ich habe total verwirrt und abgeschafft am Lenkrad gesessen. Der Abend, den wir gestern Abend hatten, da war Spitzenklasse, Roxane“, sagte Marcel. „Besonders der Sex am Schluss. Ich war ganz leidenschaftlich besessen von dir!“ Das ist leidenschaftliche und gefühlvolle Liebe“, sagte ich. Ach Quatsch“, sagte Marcel. „Einer muss nun mal zeigen, was er für den anderen fühlt. Weißt du was? Ich sehe zu, das nächste Mal, Roxane, werde ich dich überraschen. Na, wie findest du das?“ Ich werde es dann erleben“, sagte ich. Ich habe heute den ganzen Tag gute Laune, oder?“, fragte Marcel. Na ja, das, wer die erste Runde. Aber hör mal her! Das nächste Mal gib ich alles von mir und du wirst dich wundern“, sage ich. Und wie wär’s, wenn du unter den Rock keinen Slip trägst, statt dieser String-Tanga in der Jeanshose und keinen Büstenhalter?“, fragte Marcel. Ich bin schockiert, aber ich lächelte, damit er davon nichts mitbekommt. Davon wäre ich ganz begeistert“, meint Marcel. „Das gibt dir die besondere, geile Note.“ Ach ja? Was würdest du das auch sagen, wenn du keine Unterwäsche tragen müsstest?“ fragte ich.

Ich bin schließlich keine Frau“, antwortet Marcel. Halt bloß die Schnauze und komm nicht mit so was“, fauchte ich. Ich habe jedenfalls Wort gehalten. Das nächste Mal bin ich nackig bei Marcel angetreten. Marcel steckt nackt in seinen Klamotten, mit einem steifen Rüssel in der Hose. Ich schmeiße ihn gleich auf das Bett und am Schluss setzte ich mich mit nacktem Hintern auf seinem Gesicht und mit seinen kalten Lippen gibt er mir den leidenschaftlichen Rest meiner explodierenden Gefühle. Ja. Und die ganze Zeit stöhnte und brüllte ich vor Lust. Das war eigentlich kein schlechter Deal. Aber noch was anderes muss ich Ihnen erzählen: So langsam war ich bei Marcel, mit meinen obszönen Sexpraktiken, enorm beliebt. Ich habe das doppelte wiederbekommen, wie ich es mag, mit ihm zu schlafen. Marcel und ich, wir kommen eigentlich ganz gut klar miteinander. Wenn man von einigen Meinungsverschiedenheiten absieht. Wenn ich am Abend nach Hause komme, kochen wir uns immer was. Manchmal gehen wir auch chinesisch Essen. Und dann sitzen wir im Wohnzimmer rum und schmieden Pläne. Wir wollen nach New Zealand, wo das Paradies in den Tropen ist. Wir müssen aber noch ein bisschen Arbeiten und alle möglichen andere Sachen erledigen. Und dann, meint Marcel, müssen wir auch noch sehen, dass wir für die Zeit, für keinen Menschen erreichbar sind. Alles in allem, schätzt er, brauchen wir so einhundertzwanzig tausend Mark, um für die erste Zeit alles geregelt zu kriegen. Dann müssen wir sehen, wie wir klarkommen. Jetzt bekomme ich allerdings Schwierigkeiten mit Marcel. Er sagt, wir haben doch schon einhunderttausend, wieso packen wir nicht unsere Sachen und fahren los? Da ist schon was dran, aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, muss ich sagen, dass ich noch nicht recht wegwill. Das Geschrei hätten Sie mal hören sollen, wie ich das zu Marcel gesagt habe. Zuerst mache ich Marcel ganz scharf auf die Reise, am besten noch heute losfahren, nach New Zealand, dann sagt er: komm wir fahren. Und ich sage jetzt nicht. Doch er beruhigte sich wieder. Marcel hatte aber recht und es wahr berechtigt, sich aufzuregen, wenn ich etwas verspreche, sollte ich es auch halten. Aber irgendwann meinte ich, wie ich von der Agentur nach Hause komme: „Marcel, wir müssen mal miteinander reden.“ Wir gehen also in den Park, an einem kleinen Bach spazieren und Marcel sucht einen Platz, wo wir uns hinsetzen können. Und dann meine ich: „Marcel, diese Streiterei, ich finde, das reicht jetzt allmählich.“ Wie meinst du denn das?“, fragt er. Obwohl er sich es schon denken kann. Na ja, wir zerreißen uns bald wegen jeder Kleinigkeit, also mehr als sonst. Und ich frage mich eben, warum du, trotzdem noch bei mir bleibst, obwohl ich dich dauernd anzicke.“ Ich liebe dich“, sagt er. „Ich muss an unsere schönen Sekunden, Minuten und Stunden denken. Schließlich bin ich dein Freund und dein Geliebter. Ich kann nicht einfach alles hinschmeißen und abhauen.“ So’n Blödsinn!“, rufe ich. „Was meinst du denn mit Freund und Geliebter? Die ticken doch alle nicht richtig? Erwachsene Männer, die so tun, als ob sie dich verstehen würden. Und wo gibt’s denn so was, dass sich Frauen mit den Männern verstehen?“ Was ist denn da dran auszusetzen?“, fragte Marcel. Nun, was glaubst du wohl? Weit und breit kennt jeder den fantastischen, gut aussehenden Mann, den ich liebe.“ Und alle Frauen beneiden dich um mich“, meint Marcel. Scheiß darauf!“, sage ich. „Wir brauchen keine ahnungslosen, verstaubten und prüden Weiber, damit bei uns etwas losgeht.“ Marcel lächelte nur. Vielleicht bringen wir es sogar zu einem kleinen Haus mit einem Garten und legen uns einen Hund zu oder irgendwas“, sagte ich. Roxane, Kinder möchte ich keine in unserem Leben haben, das sagte ich dir schon. Ich möchte einfach nur mit dir das Leben genießen und mit Kindern ist alles vorbei, dann sind wir uns nicht mehr wichtig. Außer du kommst immer zu mir und möchtest Geld haben“, meint Marcel, „Unglücklich war ich, als das Kind sich bei der Exfrau angemeldet hat. Ich will ein glückliches Leben führen …“ Also, ich finde, das ist meine Sache, ob ich ein Kind haben will oder nicht“, sage ich, „ewig warte ich auch nicht, aber ich hätte nicht gedacht, dass du das ernst meinst." Wir gingen ins Apartment. Er schloss die Tür auf. Hast du schon deinen Jogurt gegessen?“, fragt er, während er den Trenchcoat auszog. Oh“, machte ich, half ihm mit dem Trenchcoat. „Nein, ich bin dazu noch nicht gekommen. Kevin, aus Hamburg, hat kurz angerufen. Ich muss nachher noch zurückrufen.“ Ach wirklich?“ Er drehte sich um, nahm mir den Trenchcoat ab. „Ich wollte dir deswegen einen Zettel schreiben. Er hat heute schon einmal angerufen und hat mir mitgeteilt, dass er dich wegen des Drehbuches sprechen möchte, dass er laufe des Tages zurückrufen wird.“ Ich stand da und hörte ihn zu. Du bist sicher ein Gewinn für ihn“, meint Marcel, massiert sich die verschwitzte Schulter. „Nicht wahr? Er glaubt, dass die Chancen gar nicht so schlecht stehen.“ Ich ging in die Küche. Gib mir auch einen, Schatz.“ Ich sah in den Kühlschrank. „Blaubeere oder Cocos?“, fragte ich. Cocos.“ Ich weiß.“ Ich nahm die beiden Jogurts heraus, drückte die Kühlschranktür mit den Ellbogen zu, holte zwei Löffel und zog zwei Servietten aus dem Behälter. Als ich ins Wohnzimmer kam, saß Marcel im Sessel, mit dem Telefonhörer am Ohr. Er lächelte mir zu, als ich ihm den Jogurt hinstellte, den Löffel und die Serviette dazulegte. Hier ist Marcel Ravel“, sagte er ins Telefon. „Ich war heute für siebzehn Uhr bei ihnen verabredet ... richtig.“ Ich setzte mich, stellte den Jogurt weg und sah wie er mich angrinste. Ich bin in einen Unfall herein geraten“, sagte er, klemmte den Telefonhörer zwischen Kopf und Schulter fest, „auf dem Weg zu ihnen. Hat mich ein bisschen mitgenommen. Könnten wir einen neuen Termin ausmachen? Sagen wir ... für Mittwoch, gleiche Zeit?“ Ich öffnete beide Joghurtbecher, behielt aber Bonnie im Auge. Tut mir leid wegen heute, auf Wiedersehen.“ Marcel hängte auf. Notierte was auf einem Zettel. Die haben’s vielleicht wichtig mit ihren Gemälden“, meinte Marcel. Ich pfiff leise durch die Zähne. Wir aßen unseren Jogurt. Ich muss noch mal weg“, sagte ich und stand auf. Ich sammelte die leeren Becher ein, stopfte die Servietten hinein und steckte die Löffel dazu. Geht es dir auch wirklich gut?“, frage ich. Bestens“, sagte er, nahm die Hand vom Nacken, blinzelte mich an. Er nickte. Ich werde gegen acht zurück sein“, sagte ich, „es sei denn, wir gehen irgendwo noch was trinken.“ Ich beugte mich zu ihm hinunter, küsste ihn auf die Wange. Er wandte mir sein Gesicht zu. Und wir küssten uns auf die Lippen. Ich ging in die Küche, warf die Becher und die Servietten in den Abfall, spülte die Löffel ab und legte sie in den Besteckkasten. Ging in die Diele, hatte schon die Tür in der Hand. Oh, dein Schlüssel, wenn du auch noch wegwillst“, fiel mir ein. Behalte ihn, Schatz“, rief er mir zu. Die Hände in die Hosentasche gestemmt, betrachtete ich ihn, wie er sich die Zigarettenschachtel nimmt und sich eine Zigarette anzündete. Ich warf ihn ein Küsschen zu. Er warf mir ein Küsschen zurück. Du solltest ein heißes Bad nehmen. Möglichst lange. Sonst kann es passieren, dass du nachher mit einer Grippe im Bett liegst.“ sagte ich. Du hast recht“, sagte er. „Mach’ ich. Ich will nur noch meine Zigarette rauchen.“ Wir lächelten uns zu. Ich öffnete die Tür, ging hinaus. Zog die Tür hinter mir zu. Ging zu den Fahrstühlen, drückte den Knopf. Atmete tief durch. Eine Ausrede zu erfinden war für eine, wie mich, die sich so meisterhaft aufs Lügen verstand, ein Kinderspiel. Doch das war in diesem Fall, absolut nicht nötig, Marcel zu belügen. Gott sei Dank hatte er mich nicht gefragt, wohin ich gehe. Und Gott sei Dank wahr das auch kein Anlass, wieder mit Marcel zu streiten. Er würde wohl kaum auf die Idee kommen, mir hinterherzuspionieren. Vermutlich war Marcel es egal gewesen, wohin ich gehen würde. Jetzt kam es darauf an, ganz ruhig zu bleiben und so tun, als hätte ich wirklich vor, mich bei Freundinnen zu treffen. Und eine Auseinandersetzung mit ihm war das Letzte, was ich mir wünschte. Ich ging zurück ins Apartment. Dabei hatte ich kaum den Türknauf gedreht, da war auch schon Bonnie da und rieb sich an meinem Fußgelenk. Hi, Bonnie“, sagte ich leise, hob ihn hoch, küsste ihn auf die Nase und setzte ihn mir auf die Schulter. Der Fernseher lief und es kam ein Krimi Mord ist ihr Hobby“. Ich ließ Bonnie auf das Bett purzeln, zieh meine Sachen aus und ging nackt, wieder ins Wohnzimmer.

Ich stellte das Radio an, man spielte „milk and honey“, von Fury in the Slaughterhouse. Ging zum Fenster. Hängte den Blick in den grauen Himmel über die beleuchteten Straßen von Berlin. Bonnie, auf dem Fenstersims, rieb die Nase an seinem Knie, ich kraulte ihn den Kopf. Ich ging ins Bad. Marcel hörte Musik mit seinem Walkman. So konnte er mich auch nicht hören. Ich deckte von hinten, mit den Händen, seine Augen zu. Erschrocken, zuckte er zusammen. Ich freute mich und musste laut loslachen. Ich beugte mich nach vorn, er griff nach mir und wir verursachen eine enorme Überschwemmung im Bad. Möglicherweise war zu Wasser für uns zwei in der Wanne. Ich prüfte die Wassertemperatur, stellte das Wasser für die Wanne heißer. Legte mich in Marcel seinen Armen. Doch vorher legte ich schon mal ein paar Badetücher auf den Fußboden. Und grübelte, während Marcel mich einseifte, ob er, den ich liebe, meine spontane verrückte Überraschung gelungen ist. Denn eine Überschwemmung im Badezimmer war nicht eingeplant. Wir mussten Stunden gebraucht haben, um das Badezimmer wieder trocken zu bekommen. Ein Ereignis besonderer Art. Ich wischte mit der Hand über das Fensterglas, späte nach draußen. In ein leeres Stadtviertel. Was ich mir immer einbildete … wir spülten uns unter der heißen Dusche noch einmal ab. Ganz ruhig. Alles, was ich vorhatte, mich mit Marcel zu versöhnen und zu überraschen. Ich schob die Tür auf, nahm das Badehandtuch vom Haken und gab es Marcel und ich nahm mir ein anderes Badehandtuch vom Haken. Wir trocknen uns ab. Ich gebe Marcel einen langen leidenschaftlichen Kuss auf seine Lippen. Wir gingen ins Schlafzimmer, setzten uns aufs Bett. Zog den seidenen Kimono an, stand auf, zupfte und schob, bis er richtig saß. Marcel langte nach meinen Brüsten, streifte mit den Händen über die Brüste, sodass ich gleich Gänsehaut bekam. Gingen, während ich es genoss, zum Fenster. Hängten unseren Blick in den grauen Himmel und Marcel berührte mich leicht am ganzen Körper. Eine Gewitterwolke, ja, das konnte stimmen. Der Wind blies Runzeln und alte Aldi-Plastikbeutel in das große Viertel, nur wenige Jogger waren unterwegs. Ich ging ans Fensterende, zog die Vorhänge zu. Marcel drehte mich um, küsste mir auf dem Nacken, dann biss er leicht in das Ohr und küsst mich auf meine Lippen. Meine Zunge ging in seinem Mund und unser Verlangen wurde heftiger. Er streift mir den Kimono runter, streichelt den Rücken und wühlte mir mit den Händen im Haar. Wir küssen uns, mal rauf, mal runter. Es war wie eine heiße Lawine, die über mich kam, als ich seinen heißen Atem auf meine Haut spürte. O guter Gott im Himmel, ein kräftiges und gewaltiges Eindringen mit seinem Penis in mir, mit dem Marcel mich willenlos machte. Was mich glücklich gemacht hat.

Ich sehnte mich danach, mit Susan darüber zu sprechen. Marcel lag geschafft, halb zugedeckt, im Bett. Ich ging ins Wohnzimmer, bürstete mir unterwegs das Haar, stellte mich ans Fenster, dicht an den Sims, die Stirn an die kalte Scheibe gedrückt. Tief unten kreisten die roten Lichter. Feuerwehrwagen ein paar Straßen weiter, vor dem Asylheim für Ausländer. Winzige Spielzeugmännchen, die hektisch ins Haus hoch wanderten, bis aufs Dach. Keine Flamme, kein Rauch. Falscher Alarm? Ich ging ans Fenster, zog die Vorhänge zu. Ein paar Falten bauschten sich auf dem Sims. Zurück ins Schlafzimmer. Nach einem Abstecher in die Küche, wo ich einen Schluck Orangensaft getrunken habe, weiter ins warme Bett, zu Marcel. Während ich die Hand um Marcel legte, ging mir durch den Kopf, dass ich noch gar nicht richtig befriedigt wurde. Andrerseits, ist Marcel so müde, dass ich ihn, in diesem Augenblick, zu nichts bewegen könnte. Ich lag sanft neben ihn. Mit wild hämmernden Herzen. Starrte auf die Vorhänge. Auf die offene Tür. Bonnie hatte ich nicht mehr gesehen, seit ich …, seit ich zu Marcel in die Wanne geschlüpft bin. Ich holte tief Luft, ließ mich tiefer in das Bett sinken. Marcel, bitte …“, flüsterte ich. Ich tue es nicht, mich zu dir umdrehen. Ich brauche ein bisschen Zeit, um ein paar Dinge zu Ende zu denken.“ Gut, du kannst so viel Zeit haben, wie du willst“, sagte ich, drehte mich um. Was ist los, Marcel?“ Bevor ich was sagen kann, meint Marcel: „Ich will jetzt nicht darüber reden.“ Na ja“, sagte ich, „das kann ich verstehen. Schlaf dich erst mal richtig aus. Ich komm’ Morgen früh gleich zu dir, wecke dich und dann können wir bei einem schönen Frühstück darüber sprechen, okay?“ Geht in Ordnung“, meint Marcel. Ich gehe ins Wohnzimmer und lege mich aufs Sofa.

Am nächsten Morgen gehe ich ins Schlafzimmer. Und ich traue meinen Augen nicht. Marcel ist weg. Seine ganzen Sachen hat er mitgenommen. Ich finde auf dem Wohnzimmertisch einen Zettel und lese ihn mir laut vor.

Liebe Roxane,

ich hallte es einfach nicht mehr aus. Ich habe versucht, mit dir über meine Gefühle zu sprechen, aber du scheinst dich nicht dafür zu interessieren. Was du heute mit mir machst, ist besonders schlimm, weil es unredlich ist. Ich glaube, ich kann nicht länger mit dir zusammenbleiben. Vielleicht liegt das zum Teil an mir, da ich ein Alter erreicht habe, wo man in einer Beziehung ehrlich miteinander umgeht. Ich kenne dich schon einige Jahre, Roxane. Also, habe ich miterlebt, wie du zu einer hübschen, charakterstarken und intelligenten Frau wurdest. Als ich endlich merkte, wie sehr ich Dich liebe, war ich der glücklichste Mann der Welt. Dann hast Du mit mir gespielt und Dich mit diesen lesbischen Frauen eingelassen. Oft habe ich Dich vermisst und war froh, als Du zu mir zurückgekommen bist. Liebe Roxane, Du hast Dich auch verändert. Nicht bewusst, glaube ich, denn Du warst schon immer eine besondere Frau, aber offenbar haben wir nicht mehr die gleichen Vorstellungen. Dir stehen beim Lesen dieser Zeilen Tränen in den Augen. Trotzdem müssen wir uns trennen. Versuche mich bitte nicht zu finden.

Ich wünsche Dir alles Gute, meine Rose – Tschüs.

In Liebe

Marcel

Ich stehe einfach nur da und lass diesen Brief aus der Hand fallen. Zum ersten Mal in meinem Leben ist mir wirklich klar, was es heißt, einen Menschen zu verlieren.

 

 

Kapitel  22

Danach war ich nur ein seelisches Frack.

An diesem Tag bin ich in dem Apartment geblieben, aber am nächsten Morgen steckte ich mich in viel Arbeit, die noch liegen geblieben ist. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugetan. Dauernd ist mir durch den Kopf gegangen, dass Marcel drauf und dran ist abzuhauen. Er hat getan, was er konnte. Es ist einzig und allein meine Schuld, dass Marcel mich verlassen hat. Wie auch immer“, dachte ich, „ich halte es jedenfalls nicht mehr für richtig, dass Marcel mich im Stich gelassen hat.“ Das Telefon klingelt. Hallo, ich bin’s!“ Susan? Schön, dass du mich anrufst. Marcel hat mich verlassen.“ Ich fange an zu weinen und holte mir ein Tempotaschentuch aus der Küche. Wir haben dann noch lange geredet, schließlich fühlte Susan mit mir. Ich sagte ihr, dass Marcel seine ganzen Klamotten mitgenommen hat. Sag Roxane, hast du schon gegessen?“ Ich erzähle ihr, dass ich vor eine Stunde ein Apfel und eine‘ Banane gegessen habe. Susan meint: „Wie wär’s, ich bin im Hotel Merkur, wenn ich dich zum Essen einlade?“ Ich sag’, das finde ich okay. Und wir gehen ins Restaurant vom Hotel. Beim Essen sagt Susan: „Also, um sicherzugehen, müsstest du mich noch einmal kneifen, aber wenn wir zusammen heute Abend nach Hause fahren, sind wir vielleicht einer der größten verliebten Paare, ich würde gern bei dir sein heute Nacht, um zu sehen, was passiert.“ Ich erzähle ihr, dass ich was ganz Großes vorhabe und ins Modebusiness einsteigen will und überhaupt. Aber Susan sagt: „Roxane, womöglich wäre das für dich eine einmalige Chance. Du könntest viel Geld verdienen in diesem Geschäft“ Susan meint, ich soll mal darüber schlafen. Dann nimmt Susan meine Hände und wir schauen uns tief in die Augen. Nachdem wir lecker gegessen und einen Schwips vom Wein haben. Lächelten wir uns den Kellner heran und bezahlten. Wir gehen raus auf die Straße. Susan und ich gehen eine Weile in der Gegend rum, doch in Berlin gibt es viel zusehen. Und schließlich setzen wir uns in ein Café. Ich denke nach, wobei ich ja so meine Schwierigkeiten habe. Ich muss herausbekommen, welche meine stärksten Eigenschaften sind. Ich weiß. Sie denken bestimmt an … Nein, diese Stärken meine ich nicht. Vor allem denke ich immer noch an Marcel, wo er jetzt wohl ist. Er hat ja geschrieben, ich soll nicht nach ihm suchen und nichts. Aber irgendwo ganz tief drin, bin ich mir sicher, Marcel hat mich nicht vergessen. Ich habe ihn eingeengt und die Pistole auf die Brust gesetzt, weil ich Kinder haben möchte. Das ist mir klar. Das kommt wahrscheinlich davon, dass ich mich nicht bemüht habe, das Richtige zu tun. Aber jetzt weiß ich wieder nicht, wie ich es richtig anfange. Also, ich bin praktisch ohne Mann. Und ohne Mann kann ich keine Familie haben. Bloß könnte man meinen, ich verbrenne mir jedes Mal meinen dicken Arsch, wenn ich mir was andres vornehme, wie mit Susan eine Modefabrik aufzumachen. Da stehe ich nun wieder und weiß nicht, was ich mache. Ich komme aber gar nicht groß zum überlegen, weil schon der Ober kommt und uns zwei Gläser Rotwein bringt. Und Susan will wissen, woran ich jetzt gegrübelt habe. Ich sage, ich sitze bloß da und denk nach. Und sie meint, bei Nacht draußen im Café zu sitzen und nachzudenken, das ist eine Sünde. Ich nippte am Glas Wein. Es ist noch keine Minute vergangen, bietet Susan mir eine Zigarette an. Du rauchst wieder?“, fragte ich. Wieso? Ich rauche schon immer und habe noch nie aufgehört.“ Okay“, sagte ich. „Was machst du denn so, seit dem wir das letzte Mal telefoniert haben?“ Gar nichts“, sagt sie. Und ich meine: „Das habe ich mir doch gleich gedacht. Du kommst nachher mit zu mir und kündigst dein Hotelzimmer. Das ist auch für dich billiger.“ Wir gehen zu mir ins Apartment, Susan fühlt sich wohl.

Am nächsten Morgen sage ich ihr, sie kann sich bei mir fühlen, als wäre sie zu Hause und Telefongespräche kann sie auch führen. Sie sagt: „Ich kenne sowieso keinen, wie dich.“ So circa eine halbe Stunde später decken wir uns den Tisch. Ich besorgte uns ein delikates Frühstück und meine: „Susan, wie wäre es, wenn wir nachher in die Sauna gehen. Ich zahle. Mir scheint, wir können eine Entspannung gebrauchen und mir würde es ehrlich gesagt auf andere Gedanken bringen. Na, was hältst du davon?“ Ich habe schon Lust, aber ganz nackt in der Sauna, mit den Männern?“, sagte Susan. Hey, bist du jetzt Prüde geworden oder hast du ein Keuschheitsgelübde abgegeben?“, sage ich und lächelte. Nein, es ist nur …“, meint Susan. Die Männer baggern dich schon nicht an, wenn sie ‚Hallo‘ zu dir sagen. Ich pass’ auf dich auf, damit dich keiner von den Männern entführt.“ Ich nehme Susan in die Arme und sie sagte: „Ja, wir gehen und werden ganz heiß schwitzen.“ Ich klappte das Buch zu. Nahm die Brille ab. Schaute hoch zum Deckenlicht. Ich sagte: „Susan, es ist schön, dass du wieder bei mir bist.“ Saß da, starrte hoch zum Licht. Starrte auf das Buch in meinen Händen, von vorn, von hinten. Das Telefon läutet. Ich drehte mich zur Wand. 10:55 zeigte die Uhr. Susan legte den Abwasch in den Automaten. Das Telefon läutete weiter. Ich legte die Brille auf den Couchtisch, das Buch daneben, richtete mich auf. Das Telefon läutete weiter. Bonnie schlich sich um meine Beine. Ich nehme den Telefonhörer ab. Hallo!“, sagte ich. Es meldete sich keine Stimme, weil der andere am Telefon wieder aufgelegt hat. Ich legte den Telefonhörer neben den Apparat, stand auf. Ging in die Küche, sah Susan an. Wir küssten uns. Dann starrte ich auf den Fußboden, auf den Wasser- und den Futternapf in der Ecke. Auf den Katzenbaum an der Wand. Der Telefonapparat an der Wand, das Haustelefon … Susan ließ Wasser in den Teekessel laufen, stellte ihn auf die Elektroplatte, drehte auf zwölf. Löffelt den grünen Tee in die Teekanne mit dem großen Teebaum. Ich stand da, schaute auf den summenden Kessel. Schiele auf das Messer im Bord mit den Küchengeräten. Susan trug die Teegläser ins Wohnzimmer. Griff nach dem Telefonhörer, setzt sich in den Sessel und hält sich den Hörer ans Ohr. Ich rief: „Susan, es tut mir leid, ich brauche Zeit. Verdammt noch mal, ich weiß noch nicht, was ich machen soll …“ Sie dreht sich zur Seite, schob ein Bein unter, sah mich mit großen Augen an. Schüttelte den Kopf. Seufzte. O Gott, Roxane …“, sagte Susan, „ja, weil du Angst hast?“ Sie saß da, schaute mich nur an. „Ist das der Grund, Roxane?“ Ich seufzte, setzte mich auf das Sofa. Ja“, sage ich. Susan sitzt da und schaute mich verliebt in die Augen, in der einen Hand das Teeglas, in der anderen die Zigarette. Ich glaube, ich sollte dazu nichts mehr sagen. Sonst könnte ich womöglich dich nachher nerven.“ Ich nahm einen Schluck heißen Tee. Schaute zu Susan, auf die Zigarette. Roxane“, sagte sie, „du weißt, dass du nicht so weitermachen kannst wie bisher. Früher oder später wirst du es bereuen. Und je später es ist, desto schwieriger wird es für dich.“ Du willst, dass ich es tue …“ Ja, ich glaube, das wäre vernünftig“, sagte Susan. „Die größte Gefahr im Leben ist, dass du zu vorsichtig wirst.“ O ja, an Motivation würde es nicht fehlen, das stimmt. Kannst du dir eigentlich vorstellen, wir beide …?“ Susan seufzte, zuckte mit den Schultern. „Trotzdem glaube ich, dass es das Beste ist, was du tun kannst“, sagte sie. Susan trank einen Schluck. Schaute hoch an die Decke. Natürlich ist es das“, sagte ich. „Lass uns in die Sauna gehen“. Susan saß da, lächelte. „Gut“, sagte sie, „gut, wir gehen unsere Säfte austauschen.“ Für Bonnie ist genug zu fressen, im Futternapf. Es hatte zu regnen begonnen. Unten in der Lobby prasselt beim Hereinkommen der Regen herein. Susan setzt sich auf dem Sofa, ganz rechts in der Ecke, inzwischen in trockenen Jeans, die angezogenen Knie umschlungen, die nackten Füße auf dem Polster. Sie aß ein Stückchen Kuchen. Beobachtete, wie ich mich im Schlafzimmer umgezogen habe. Ich lege die Brille auf den Coutschtisch. Susan schaute, immer noch die Knie umschlungen, zu mir. Atmete seufzend ein. Ich setze mich in den Sessel und lehnte mich zurück. Spielte mit einem Knopf an der Bluse. Was Susan, als ich ein bisschen daran zerrte, einen hübschen Einblick verschaffte. Susan setzte sich hoch, stützte sich auf die Rückenlehne, reckte den Kopf und schaute zu mir. Plötzlich, senkte ich den Kopf, saß da, ohne mich zu rühren. Ich lehnte mich zurück. Streckte die Beine aus, kreuzte die Füße. Spielte mit dem Blusenknopf, während Susan mich weiter betrachtet. Die engen Jeans spannten sich an meinen Hüften und Schenkeln. Straffen sich über dem V dazwischen. Ich streckte die Arme aus und lehnte mich zurück. Ich spiele mit dem Blusenknopf, liege auf dem Sessel, die Füße gekreuzt. Ich schaute zu Susan. Susan beobachtete mich. Roxane“, sagte sie, „Vielleicht habe ich eine Idee, wie wir das Beste aus uns machen.“ Was für eine?“, frage ich. Bist du auf alles gefasst?“, fragte Susan. „Du wirst ziemlich verblüfft sein, aber ich glaube, wir sollten ganz im Ernst darüber nachdenken.“ Ich bin auf alles gefasst“, sagte ich. Wie wär’s, wenn wir heiraten?“ Wir starrten uns an und grinsten. Du hast recht“, sagte ich, „ich bin ziemlich verblüfft.“ Sage es mir, wenn ich das falsch sehe“, sagte Susan. Ich weiß nicht“, sagte ich, „ich habe noch nicht über alle Aspekte nachgedacht. Aber – mein Gott, Roxane, wird denn einer von uns je wieder jemanden finden, der so gut zu uns passt? Denk doch nur an den Spaß, den wir miteinander hatten, an den fantastischen leidenschaftlichen Sex. Und du bist immer noch du, egal, was passiert ist. Ich kann meine Gefühle nicht einfach ausknipsen. Und ich habe auch ein bisschen in mich hineingehorcht. Du musst nicht glauben, dass mir Geld völlig gleichgültig ist. Nein, so ist das nicht. Und dann möchte ich mit dir ein geräumiges Apartment nehmen, mit drei knackigen süßen Angestellten...“ Ich lächelte. „Was hältst du davon?“

Susan sagte: „Hört sich großartig an. Aber woher soll ich wissen, ob du es wirklich ernst meinst? Könnte ja sein, dass wir uns wieder trennen.“ Ich seufzte, spielte mit dem Blusenknopf. Klar, dass du so was denkst“, sage ich, „aber – Susan, je mehr ich über dich nachdenke und über Marcel … Mein Gott, es wäre wunderschön. Und wenn ich daran denke, dass uns ein Stück mehr harmonische, leidenschaftliche Liebe geschenkt würde … was geschehen ist, ist geschehen, niemand kann es ungeschehen machen.“ Susan seufzte, schüttelte den Kopf. Sah mich verliebt in die Augen, kommt auf mich zu und küsste mich auf die Lippen. Ich werde wenigstens über deinen Vorschlag nachdenken“, sagte ich. Wir müssen freilich in Kauf nehmen, dass wir unser Leben eher mit Katzen als mit Kindern verbringen werden“, sagt Susan. Ich nahm den linken Fuß vom rechten, zog das Knie an, schaute, mit verblüfften, großen Augen, zu Susan. Ich spielte mit dem Blusenknopf. Susan beobachtet mich. Bonnie schläft im Schlafzimmer, auf dem Bett. Ich lächelte. Massierte mir den Hals. Susan zuckte zusammen. „Oh“, stöhnte sie, „das alles hat mich ganz schön mitgenommen, ich bin richtig verspannt.“ Und faste sich am Genick. Ich sagte: „Warum nehmen wir uns denn nicht ein entspannendes Bad?“ Susan schaute mich an, lächelte. „Gute Idee.“ Susan beobachtete mich, als ich mich auszog. Wie in den alten Tagen. Was Susan unheimlich anmachte. Mich auch. Du da im Schlafzimmer, mit den wunderschönen Titten!“, rief Susan. Susan zieht sich im Wohnzimmer aus und ging ins Bad. Sie lächelte mich an. Ich ging zur schau-knisternden Wanne, drehte das heiße Wasser ab. Drehte mich zum Waschbecken um. Susan und ich steckten uns nackt vor dem Spiegel, das Haar hoch. Wir nehmen ein Bein hoch, den Fuß in den warmen Schaum gesetzt. Und Schwabs. Ich bin’s“, sagte ich. Susan nahm die Kopfhörer ab und blickte zu mir rüber.

Ich trug einen hellen Seidenpyjama, setzte mich mit gekreuzten Beinen auf dem Sofa. Stocherte im Becher, ich brachte zwei Becher Eiscreme und zwei lange Löffel zum Vorschein. Lächelte Susan an. Wir schleckten die Eiscreme mit dem Löffel, schauten uns lächelnd an. Haben wir was zu feiern?“ Ich weiß nicht“, sagte ich, „Morgen früh sag‘ ich es dir.“ Ich stocherte im Becher. Schaute zu Susan und schleckte meine Eiscreme. Susan lächelte und sagt: „Ich glaube nicht, dass wir diese schöne Nacht ungenutzt verstreichen lassen.“ Ich schaute zu Susan. Ich liebe dich, Roxane“, sagte Susan. Tu nichts, was dir hinterher leid täte“, sagte ich. Du auch nicht“, sagte sie.

Am nächsten Morgen sagte ich, ich brauche noch mehr Zeit. Ich verstehe nicht, warum“, sagt Susan. Weil ich immer noch glaube, dass es nicht gut gehen wird mit uns, sobald wir verheiratet währen.“ Susan spielt mit ihrer Haarsträhne, die sich zwischen ihren prallen Brüsten kringelt. Ich sagte: „Ich möchte gern was einkaufen gehen.“ Das kannst du morgen tun. Heute regnet’s sowieso. Ziemlich heftig sogar. Heute lässt man kein Hund auf die Straße.“ Ich setzte mich aufrecht hin. Schnitt eine Grimasse zu Susan, streckte die Zunge heraus. Stand auf und ging zum Fenster. Zog mit beiden Händen an der Gardinenschnur. Mit gekreuzten Armen stand ich da, schaute auf die harten großen Tropfen, auf die nasse, mit großen Pfützen belegte Straße. Gestern Abend habe ich in deinen Notizblock geschnüffelt und erfahren, dass du heute Geburtstag hast“, sagt Susan, „warum hast du mir nichts gesagt?“ Oh. Habe ich ganz vergessen“, sagte ich. Wollen wir eine Party geben und du ladest noch ein paar Freunde ein“, sagte Susan. Susan beobachtete mich, wie ich mit dem Staubsauger im Wohnzimmer hantierte. Heute Abend um acht Uhr dreißig, kommen sie“, meine ich ganz desinteressiert, nur ein Dutzend interessante Leute oder so. Ich weiß, dass du dich freuen würdest, wenn du meine Freunde kennenlernst …“ Susan sagt: „Wird mir Spaß machen, mal wieder über irgendetwas anderes zu reden als nur übers Wetter.“ Da hast du recht“, sagte ich lächelnd. Susan atmete tief durch. Streichelte Bonnie, der auf dem Sessel schlief. Sah zu, wie ich mir im Bad, vor dem Spiegel, meine Brüste betrachtete. Susan versuchte, sich in Geschenk einfallen zu lassen, das sie für mich besorgen könnte. Etwas, was nicht zu aufwändig, aber persönlich ist, dabei doch jenes Maß an Witz und Geschmack aufwies. Ich stand am Coutschtisch, schaute zu Susan. „Was zu viel ist, ist zu viel“, sagte ich zu meinem kleinen Ego. „Es ist, verdammt noch mal, acht Uhr dreißig. Und mir fällt allmählich die Decke auf den Kopf und von den Dutzend Freunde ist auch noch keiner da. Susan, lass uns gehen und einen Hamburger essen oder irgendwas.“ Bonnie lief im Wohnzimmer, schaute sich um und miaute. Ich schloss die Augen, atmete tief durch. Öffnete die Augen und sah, wie Bonnie Richtung Küche tapste. He, Dummerchen, wart auf mich“, rief ich und lief hinter ihn her. Bonnie bleibe stehen, drehte den Kopf, sah mich an. Bonnie reckte sich wohlig. Ich öffnete den Schrank, nahm eine Dose heraus. Bonnie miaute neben mir. „Nur Geduld“, sagte ich, während ich den Öffner aus der Schublade nahm. Warf Bonnie rasch einen Blick zu, als er unter dem Tisch auftauchte. „Hi“, sagte ich.

Hallihallo.“ Susan lächelte und sah sich, die Hände in die engen Jeanstaschen gestemmt, in der Küche um. Unter dem leichten weißen Hemd sah ich ihre schönen Brüste. Sieht aus, als wär’s meine Küche“, sagte sie. Ich hantierte mit dem Dosenöffner und sagte: „Ob du es glaubst oder nicht, dein leichtes weißes Hemd gefällt mir. Ist schon alt“, sagt sie. Ich kniete mich auf den Boden und löffelte Futter in den Napf. Von Bonnie, der dabeistand und mich aufmerksam beäugt. Ich schaute kurz zu Susan hoch. Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Ich löffelte weiter. Und zu welchem Entschluss bist du gekommen?“, fragte Susan. Ich warf die leere Dose in den Abfall, legte den verschmierten Löffel in die Spüle. Wie wär's mit einem Hamburger bei Mc Donald?“, fragte ich. „Ich halte es in der Wohnung nicht mehr aus.“ Susan sagte: „Lass uns erst über alles reden, Roxane! Ja.“ Ich spülte den Wassernapf aus, füllte ihn, stellte ihn Bonnie hin. Ging zu Susan, lächelte, küsste sie auf die Lippen. „Möchtest du einen Drink?“ Sie schüttelte den Kopf, küsste leidenschaftlich lang zurück. Wir gingen, die Finger ineinander verhakt, ins Wohnzimmer. Ließen uns am Sofa los. Susan setzte sich, ich ging zum Fenster. „Es fängt wieder an zu regnen“, sage ich, „ich würde trotzdem gern ausgehen.“ Susan saß in der rechten Sofaecke, ein Bein untergeschlagen, eine Hand auf dem Knie. Und beobachtete mich. Ich steuerte auf die andere Sofaecke zu, blieb aber am Couchtisch stehen. Stand da und sah Susan an. Susan saß da, sah mich an. Du unterschätzt, wie viel du mir bedeutest. Und wie sehr mir das … das mit der Heirat Angst macht. Ich sage ja nicht, dass ich in Glückseligkeit schwimme und nicht manchmal innerlich daran nage.“ sagte ich. Oh, komm!“, sagte Susan. Trat einen Schritt zurück, bis zum Sessel, setzte sich auf die Lehne, schüttelte den Kopf. „Nein, du hast bloß Angst, dass ich dich einengen würde.“ Bonnie spazierte vor mir über den Teppich, schwenkte die gekrönte Schwanzspitze. Wir sahen zu, wie Bonnie sich auf dem bunten Kissen unter dem Fenster niederließ, sich die schwarzen Pfoten leckte und am Kopf kratzte. Wir sahen einander an. Susan saß da, die Hand auf dem Knie, sah mich an. Ich beugte mich vor. Sie atmete tief durch. Ich lächelte. Susan saß da und sah mich stumm an. Ich saß kerzengerade da, kreuzte die Arme vor der Brust. Saß da und sah sie an, wie sie ihre Zunge zu mir raus steckte. Ich löste die Arme und lächelte. Dann seufzte ich jammernd, warf einen Blick auf die Uhr. Susan lächelte mich an. „Mach schon“, sagt sie, „küss mich!“ Susan schloss die Augen und ich griff nach ihr. Das Licht im Schlafzimmer war eingeschaltet. Die Vorhänge waren zu gezogen. Wir gingen ins Schlafzimmer, standen da und starrten. Küssen uns. Lehnten uns an den Türrahmen. Schlossen die Augen. Unsere Gefühle ließen wir laut vor Verlangen heraus stöhnen. Flüchteten ins Zimmer, lassen uns ins weiche Bett fallen. Ich lag da, umklammerte Susan mit beiden Händen den Hintern. Und spürte, beim Küssen, wie ihre Augen feucht wurden. Mit der trocknen Zunge wischte ich ihre Tränen aus den Augen. Susan ging zum Fenster. Schob die Gardinen nach rechts, öffnete das Fenster. Der kalte nasse Wind bläht ihre leichten Haare zur Seite, breitete die Arme aus und stützte die Hände auf das kalte Außensims. Beugt sich hinaus in den Wind und den harten Regen. Starrte hinunter auf die nasse Straße. Und als der stürmische Wind für einen Augenblick den Atem anhielt, hörte ich, wie die Falttür am Schrank aufgestoßen wurde.

 

 

Kapitel  23

New Zealand, das war schon was!

Susan und ich sind schon vor eine Woche auf den Fiji Inseln angekommen. Ein Paradies in den Tropen, kann ich Ihnen sagen! Bula!“, mit diesem freundlichen Gruß wurden wir von den herzlichen und lebensfrohen Fijanern willkommen geheißen. Die lächelnden Bewohner des Archipels sind für uns das große Plus, der Fiji Inseln. Neben den melanesischen Ureinwohnern gibt es viele Fijianer, die von Einwanderern aus Ostindien abstammen und die im späten neunzehnten Jahrhundert als Arbeiter für die Zuckerrohrplantagen nach Fiji kamen. Ich weiß nicht, ob Sie es schon wussten, das Fiji Archipel besteht aus über dreihundert Inselparadiesen, von denen mehr als einhundert bewohnt sind. Susan und ich gehen baden, am herrlichen Sandstrand, mit kristallklarem Wasser, spektakuläre Korallenriffe mit einer Vielfalt an farbenprächtigen Fischen. Wir sahen hoch aufragende vulkanische Berge, eine üppige tropische Vegetation. Und die malerischen Dörfer verkörpern das einzigartige Flair Fijis. Wir stellten fest, dass die beiden größten Inseln, wie Viti Levu, mit der Hauptstadt Suva und dem internationalen Flughafen Nadi und Vanua Levu, mehr als achtzig Prozent der Landfläche Fijis ausmachen. Im Reisebüro erstreckte das touristische Angebot sich vom preiswerten Hotel bis zum luxuriösen Inselressort. Die Fiji lohnt sich auch für Sie! Ein kurzer Stopp nach Ihrer Neuseelandreise bietet sich aber auch für einen mehrwöchigen Ausflug an. Neben Aufenthalten auf verschiedenen Inseln, machten wir eine siebentägige Kreuzfahrt mit dem Schiff der Blue Lagoon Cruises. Das Schiff hat einundzwanzig Kabinen, die über mehrere Decks verteilt sind, wie auch die Lounges, Cocktail Bar und Sonnendecks. Unsere Kreuzfahrt ging zur Inselgruppe der Yasawas, die sich nordwestlich der Hauptinsel über eine Länge von 180 km erstreckt. Faszinierend für uns, denn jede der kleinen Inseln ist ein Tropenparadies für sich. Es wäre schön, wenn Deutschland auch ein Tropenparadies für sich ist. Doch Deutschland ist ein kaltes, computergesteuertes Wirtschaftsparadies. Und wer kann denn da schon „Nein“ sagen, wenn man hier Mercedes fahren kann. Ich kann Ihnen sagen. Susan und ich haben eine blaue Atolle, palmenbestandene Lagunen, unberührte Strände, Korallengärten im glasklaren Wasser und freundliche Dörfer entdeckt. Das alles versprach uns unvergessliche, schöne Südseetage. Wir hatten genug und somit viel Zeit zum Baden, Schnorcheln und für interessante Inselabenteuer. Abends geht das Schiff in ruhigen Gewässern vor Anker. So genossen wir die herrlichen tropischen Nächte und einen ungestörten Schlaf. Weiter haben wir die Gastfreundschaft der Fijianer genossen. Sie bereiteten für uns, inkompetenten Exoten, die kulinarischen Spezialitäten und brachten uns abends zum Tanzen, begleitet von Gesängen, die für Stimmung und legerer Atmosphäre sorgten. Und das Beste daran war, wir mussten uns noch nicht einmal im Abendkleid bewirten lassen. Dann haben wir uns in der Hauptstadt Suva umhergetrieben und uns alle schönen Sachen angeschaut. Besonders die selbst geflochtenen Halsketten sind interessant gewesen. Wie wir uns das anschauen, kommt ein Typ her und fragt: „Entschuldigen sie bitte, sind sie aus Deutschland?“ Hä?“, mache ich und Susan sagt: „Nein, wir sind Berliner.“ Und dann sagt der Typ: „Ach, das ist jammerschade.“ Dann fasst er mir an die Brust und meint, „Mann o Mann, was für Brüste.“ ich habe ihn mit der Hand eine gescheuert. Was soll das? Deine Frau lässt dich wohl mit Ihren kurzen Titten nicht spielen“, sagte ich. Welche?“, freut sich der Typ. „Wo dran?“ Großartig, mein Schneewittchen“, sagt er, „einfach großartig. Ist das Silikon? Was für Dinger? Wo haben die dich bloß die ganze Zeit versteckt, Schneewittchen?“ Ich meine: „Schau dich doch nur mal an! Genau, wie ein Bauer aus Niedersachsen. Echt zum Kotzen.“ Von wegen Flittchen“, brummte er. Na, um so besser! An die Titten lässt dich deine Marie nicht rann, da kann deine Alte nicht mithalten, was“, sagte ich, „Ich heiße Pflaume und komme aus Ronnenberg, kurz hinter Hannover“, meint er. Ich und Susan grinsen uns an. Ich möchte Probeaufnahmen, mit dem Polaroid, von dir machen. Das könnte immerhin den Durchbruch zum Modeln bedeuten, auf den sie gewartet haben und meint zu Susan: „Warum kommen sie nicht auch, hübsche Frau, mit ihnen mache ich auch Probeaufnahmen.“ Wir wollen mal sehen“, sagte Susan, „komm jetzt, Roxane, wir haben noch was vor.“ Pflaume gibt uns seine Visitenkarte. Also, bis später, ihr Hübschen“, ruft Herr Pflaume, „nicht vergessen!“ Ach so, diese Visitenkarte entsorgten wir später in den Abfalleimer.

Am nächsten Tag ist dann draußen auf dem Flugplatz eine fröhliche Stimmung. Ich bin mit Susan schon ziemlich viel zu früh dort. Sie sorgte dafür, dass wir den ganzen Tag im Flieger sitzen werden. Eine Reise, die ich schon immer `mal selbst zum Abheben bringen wollte. Ich hatte schon einmal den Gedanken das Fliegen zu erlernen und in diesem Urlaub will ich einfach `mal was ganz anderes machen. Natürlich eignete sich diese Reise auch ausgezeichnet für mich als Pilotin, die neben ein paar zusätzlichen Flugstunden im Logbuch die großartigsten Safarieindrücke nach Berlin mitnehmen will. Nun brauchen Sie keine Angst bekommen, ich bin nicht abgestürzt. Nein. Jedes Flugzeug wird von einem erfahrenen Fluglehrer begleitet, der auch jederzeit der Pilot bleibt. Ich und Susan haben dem Fluglehrer das Starten und eine weiche Landung, sowie auch das Fliegen überlassen. Jedoch sprach nichts dagegen, dass auch ich, als vollkommener Neuling, zwischendurch das Flugzeug steuern konnte. Uns hat das so viel Spaß gemacht und es gab uns das Gefühl, dass Susan das Steuer gar nicht mehr loslassen wollte. Ich habe mich dann lieber auf die fantastische Aussicht konzentriert. Auf jeden Fall war das ein interessantes und aufregendes Erlebnis für uns gewesen. Nach einer Einführung ging es dann gleich los. Der erste Flug von circa zwanzig Minuten führt uns von Ardmore auf die Coromandel Halbinsel, wo wir in der Puka Park Lodge übernachteten. Ich kann Ihnen sagen, wir haben versteckt im Busch gelegen.

Am nächsten Vormittag ging unser Flug über Tauranga nach Rotorua. Besonders der Blick auf die aktive Vulkaninsel White Island und Krater des Mount Tarawera ist unvergesslich. Nach der Landung in Rotorua, haben wir versucht, am Nachmittag eines der Thermalgebiete von Whakarewarewa, Waimangu oder Waiotapu oder ein traditionelles Maori Hangi, das Festessen und Konzert zu besuchen. Und wenn Sie mir jetzt nicht glauben wollen, dass wir diesen Nachmittag nicht alles geschafft haben, dann empfehle ich Ihnen diese Flugreise zu machen. Weiter geht es mit unserem Flug über den Lake Taupo, Neuseelands größter Binnensee, den Tongariro National Park und Palmerston North nach Wellington. Tja, hier landeten wir und haben Zeit für einen Rundgang zu den Parlamentsgebäuden, zum botanischen Garten und zum Arts Centre. Unsere interessanten Eindrücke sind so stark in unserer Faszination eingegangen, dass wir zum vereinbarten Zeitpunkt, im Stadtzentrum, es gerade so geschafft hatten. Denn wir wurden zum Flugplatz gebracht, was unseren zarten Füßen sehr gutgetan hat. Der folgende Flug bringt uns über die Cook Strait von der Nord- zur Südinsel Neuseelands. Die Marlborough Sounds der Südinsel sind besonders aus der Vogelperspektive ein traumhafter Anblick. Wir landeten in Nelson. Einen Besuch bei einem hervorragenden Winzer der Region haben Susan und ich nicht entgehen lassen. Ich habe bemerkt, dass ich noch nicht aus dem Flieger gestiegen bin, nachdem wir uns vom Winzer freundlich verabschiedet hatten. Man hatten wir einen Schwips gehabt. Das können Sie uns glauben. Der Weiterflug ging am nächsten Tag an der Ostküste der Südinsel entlang nach Süden. Über Kaikoura haben wir viel Glück und konnten die Wale und Delfine beobachten. Später machten wir eine Zwischenlandung in Christchurch. Bei einer neuseeländischen Gastfamilie auf einer Farm übernachten wir, nachdem wir aus Christchurch unseren Flug in Richtung Süden bis Timaru fortgesetzt hatten. Am nächsten Morgen fliegen wir in die Südalpen hinein und landen in Mt. Cook, am Fuß des höchsten Berges Neuseelands. Doch weiter geht es an der Ostseite der Alpen entlang nach Südwesten bis Wanaka, wo Susan und ich die nächsten drei Nächte verbringen. Wir fühlten uns prima, diese Luft, diese Gastfreundlichkeit und Sie wissen schon, was ich meine, sind einfach super.

An den folgenden Tagen nutzen wir das an einem Bergsee gelegene Wanaka als Basis und fliegen hier aus nach Queenstown und in den Fiordland National Park. Einen der schönsten Parks des Landes bekommen sie für kein Geld der Welt. Für den Piloten ist die Landung am Milford Sound keine besondere Herausforderung gewesen. Doch die Landungen waren sehr gewöhnungsbedürftig für Susan und mich. Ich war immer kurz vor dem Kotzen. Am nächsten aufregenden Tag fliegen wir an der rauen Westküste der Südinsel entlang nach Norden. Über dem Westland National Park haben wir einen guten Blick auf die Gletscher, die hier bis in den immergrünen Regenwald hinabreichen. Am letzten Tag verrät uns der Flugpilot seinen richtigen Namen, er heißt Andy Joky. Ein lustiger Name, so wie unsere Flugreise mit dem Piloten gewesen ist. Während des Fluges haben wir ihn einfach „Max“ genannt, was ihn auch nicht störte. Der Rückflug führt uns über die Marlborough Sounds, Paraparaumu und Wanganui zum Flughafen Ardmore. Die letzten beiden Tagen verbringen wir in Auckland. Ich lernte mit Susan die größte Stadt des Landes kennen. Dadurch haben wir auf diese Weise noch einen Puffer für schlechtes Wetter in Deutschland gehabt. Im Grunde ist das aber keine große Sache für mich gewesen. Ich brauche nur eine Zeit, mich an das Unbekannte zu gewöhnen. Doch dazu hat man im Leben keine Zeit. Ich muss das Leben eben nehmen, wie es auf mich zukommt. Immerhin bin ich mit dem Flugzeug geflogen. Als Nächstes kommt ein junger süßer Mann auf mich zu, den ich erst gar nicht für voll genommen habe. Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, als ich einen richtigen Wutanfall bekommen habe, dann fange ich auch noch an zu flennen und Susan muss mich zwischen den Haufen Leuten wegholen.

An diesem und am nächsten Tag habe ich gut in der Stadt Schoppen können, nur ein junger Kaufmann wollte absolut nicht mit dem Preis für eine weiße Perlenkette heruntergehen und das hat mich so wütend gemacht. Denn sobald er mir noch eine andere Halskette anbot, hat der angefangen zu bescheißen und die weiße Perlenkette weggeschoben. Ich geh’ mit Susan ins Hotel zurück. Und da liegt eine Nachricht für mich von Marcel Ravel. Ruf mich bitte heute Nachmittag in mein Hotel SAFARI an“, heißt es da, drunter steht seine Handynummer. Also, ich weiß nicht recht, Susan“, sage ich. „Was hältst du davon?“ Ich weiß auch nicht recht“, sagt Susan. Aber ziemlich aufregend finde ich es ehrlich gesagt schon, Marcel wiederzusehen. Ach, schaden kann es ja eigentlich nichts“, sage ich. Ich würde meinen, du rufst ihn an und vereinbare ein Dad.“, sagt Susan mit beleidigter Stimme. Ich rufe Marcel an und er sagte mir, wo wir uns treffen können und wann, dann fragt er mich über Susan aus und fragt mich plötzlich: „Roxane, können wir uns bei mir, allein im Hotelrestaurant, treffen?“ Und ich sage „ja“. Er sagt: „Ja? Das ist ja super.“ Wie ich aufgelegt habe, frage ich mich, wieso er wissen wollte, ob ich allein kommen kann. Und das mit Susan, das weiß ich auch nicht, aber ich werde es wohl herausfinden, wenn wir uns treffen. Im Hotelrestaurant ist es anders als sonst. Ein Ober bringt mich zum Tisch. Ein eifersüchtiger Ehemann streitet sich grade mit seiner Frau, die wirklich nicht so aussah, als wenn sie die knackigen braunen Männer fressen würde. Aber wie er mich sieht, strahlt der geile Bock übers ganze Gesicht. Und schon steht überraschend Marcel hinter mir. Ah, Roxane“, sagte er, „toll, dass du da bist. Du siehst bezaubernd aus.“ Wir gehen auf mein Zimmer“, sagt Marcel, „ich habe eine Überraschung für dich.“ Und da stehen auf der Treppe zwei Frauen rum und sehen uns nach. Marcel öffnete die Tür mit einer Hotelscheckkarte, wir gehen hinein. Hübsch hast du es hier“, sagte ich und lächelte. Okay, zieh dich aus.“, sagte Marcel. Also, mal wieder die alte Leier, aber ich tu, was ich gesagt bekomme. Wie ich fertig bin, drückt er mir eine schwarze Augenbinde in die Hand, wo so viele weiße Sterne drauf sind. Diese Augenbinde soll ich mir um die Augen binden, meint er. Marcel ließ mich in Richtung Bett losmarschieren. Und wie ich da hinkomme, muss ich mich auf das Bett setzen. Zwei, drei Frauen und so ein Typ kommen leise ins Zimmer, was ich nicht genau hören konnte. An einer Stelle habe ich mitbekommen, wie sie sich die Kleidung vom Körper streichen, aber es wird übertönt von der Musik aus dem Radio. Jetzt sind sie fertig und setzen sich nackt um mich auf das Bett. Ich kann mit dieser Augenbinde kaum etwas sehen und einer von den Typen versucht mir die Hände zusammenzubinden, aber schließlich klappt es. Und auf einmal steh‘ ich mitten im Zimmer, mit den verschiedenen aromatischen Düften und alle mit so 'nem animalischen Scheiß. Marcel ist da und wie er mich da stehen sieht, kommt er zu mir her und sagt: „Klasse, Baby! Die unmoralische Rolle ist dir wie auf den Leib geschrieben.“ Ja, was für eine unmoralische Rolle ist das nun eigentlich?“, frage ich. Und Marcel meint mit einem Grinsen im Gesicht: „Hab ich dir das nicht gesagt? Ich habe eine Überraschung für dich.“ Also, auch einer Lesbe wie mich braucht keiner zu erklären, welche unmoralische Rolle ich dabei spielen soll. Marcel winkt die nackten Damen her. Roxane“, sagt er, ich möchte dir Maren und Julia und den Paulo vorstellen.“ Also, ich bin echt total von den Socken. Da stehen die Weiber direkt vor mir ganz nackt und all so was. Denn ich kann ja nichts sehen. Freut mich sehr“, sag’ ich und versuchte vergebens durch meine schwarze Augenbinde etwas zu sehen. Was hat sie gesagt?“, fragte ich Marcel. „Irgendetwas über meinen Busen, stimmt’s?“ Aber nein, mein Schatz“, sagt Marcel. „Sie hat bloß gesagt, dass du einen fantastischen nackten Körper hast. Man versteht dich nicht so gut wegen deiner Sprache.“ Ich will den nackten Damen die Hand geben und strecke meinen Arm aus, aber sie machen einen Satz nach hinten und die eine zischt: „Komm las uns loslegen, ich bin geil wie Puma, verdammt noch mal.“ Marcel erklärt, was Sache ist: „Roxane, du musst nichts tun, du brauchst einfach nur dazuliegen. Ich komme von unten rauf und leck dich bis zu deinen Brüsten. Ich genoss es und hatte keine Angst und eine von Ihnen fängt an zu kreischen. „Ja. Mach weiter und hör nicht auf!“ Ich darf sie aber nicht dabei unterbrechen, sagt Marcel, weil es eine Orgie verzauberte Lüste sein wird. Auch wenn ich noch so erregt von den leidenschaftlichen perversen Aktionen sein sollte, muss ich warten, bis ich an die Reihe komme. Dann haben wir die erotischen Aktionen gemeinsam genossen und uns voll unseren Gefühlen, mit lauten Stöhnen, ausgelassen. Mal habe ich mich Mitsterben lassen, das klappt echt gut. Und außerdem ist es schon ziemlich aufregend, alle auf meinem heißen Körper spüren. Sogar, wenn alle laut stöhnen und sagen: „Lass mich in dir sein und ich will dich schmecken, riechen und spüren.“ Aber Marcel meint, das war nicht gut genug, wir sollen es noch mal machen. Das ist ihm dann wieder nicht gut genug und dann ficken wir uns das ganze Gehirn heraus, so zehn oder fünfzehnmal. Jetzt liegt Marcel auf mich und stößt seinen Penis in mir, sodass ich vor Geilheit aufschrie und sagte immer bloß: „Sehr schön, Baby, ganz prima, bleibe‘ so!“ und solche versauten Sachen noch. Ich habe jetzt aber so langsam ein echtes Problem, weil ich schon fast fünf Stunden in diesem Bett herumflicken tu und zwischen meinen Beinen ist auch schon alles wund. Zum Pinkeln muss ich auch einmal, sonst platz ich dann gleich. Aber ich sage lieber nichts, weil Marcel sonst beim Stoßen aus dem Takt kommt. Und ich will nicht, dass er wütend wird. Aber irgendetwas muss passieren, ich sage mir also, ich muss weg. Ich spring’ auf, löse die Fesseln am Handgelenk, reiß mir die Augenbinde runter und verschwinde ins Bad. Dann pinkle ich einfach in der Dusche, das läuft dann an meinem Bein runter in den Abfluss, dabei stellte ich mich unter die Brause und dusche mich heiß ab. Marcel und seine Sexboten sind geschockt von meiner Aktion, doch das störte mich nicht die Bohne. Unter der Dusche komme ich zu mir, stürme aus dem Bad, dresche auf Marcel ein und brülle: „Du Mistkerl, was willst du damit beweisen.“ Die drei Anderen nahmen ihre Sachen und flüchteten aus dem Hotelzimmer. Roxane, hat es dir nicht gefallen?“, fragt Marcel. Marcel hat mich immer noch in den Arm, stoppt mich und sagt erst mal gar nichts. Plötzlich schüttle ich den nassen Kopf und sag, „nee“. Das ist nicht das erste Mal in meinem ganzen Leben gewesen, dass ich gelogen habe. Wie kannst du es wagen, mir das Gefühl zu geben, ausgeliefert zu sein?“, fragte ich. Dann hämmer’ ich mit den Fäusten auf Marcel ein und brülle: „Lass mich endlich los!“, und: „Geh weg!“ Jetzt geht es weiter, denk’ ich und renne wieder ins Badezimmer. Wie ich schon ein Stückchen ins Badezimmer hereingelaufen bin, bleibe ich stehen und dreh mich um und guck, ob Marcel wohl gleich mir hinterherkommt wie bisher immer, aber er ging ans Fenster und sagt: „Perfekt, da wollte ich dich haben.“ Plötzlich kreische ich: „O Gott! Mein Kleid!“ Ich habe das zerknitterte Kleid in der Hand und ich bin noch splitterfasernackt. Ich blieb stehen und mach „ach … äh“, und sage: „Guck mal, du Scheißkerl! Ich kann doch nicht so zurück. Was wird Susan sagen?“ Marcel saust an mir vorbei und duscht sich. Ich lege das Kleid auf das Bett und stellte mich neben ihn, unter die heiße Dusche. Wir seiften uns gegenseitig ab und lächelten uns dabei zu. Ich bin nicht verärgert über Marcel, ich bin froh, dass wir uns hier in Neuseeland wiedertrafen und es ist ja ein Reiseziel von ihm gewesen. Das Schicksal hat uns wieder zusammengeführt. Obwohl ich ja nicht an das Schicksal glaube. Doch wie sollte ich es Susan erklären?

 

 

Kapitel  24

Marcel guckt mich irgendwie komisch an, fragt mich: ‚Also, mein Engel, was wollen wir Susan sagen?‘, es wird eine Geburt werden“, sage ich. „Frauen sind untereinander bösartig, angriffslustig und gemein.“ Später erfahre ich dann, dass Susan sich mit anderen Typen aus der Hotelbar ihren Spaß geholt hat. Wie sie mich damals das erste Mal verführt hatte. Im Moment habe ich aber keine Zeit zum Denken, weil Susan schon wieder mosert, kreischt rum und meint: „Du musst doch irgendwie Verantwortung haben, wobei du nur auf meine Gefühle herumtrampelst.“ Wir zicken also einfach weiter und hoffen, dass irgendetwas passiert. Auf einmal stehen wir stumm da. Und ich sage mir, ich werde jetzt einfach nach draußen gehen und in den Modebutiken Schoppen. Susan findet ihren Büstenhalter unter dem Sofa. Aber sobald ich mit ihr reden will, merk’ ich, ich rede ins Leere. Tschüs!“, sage ich. Und ging. Ich gucke mich draußen um und winke nach einem Taxi. Doch es war schon besetzt. Ich schau’ hoch ins Leere und Susan kommt in großen Sätzen die Stufen heruntergesprungen. Schließlich ist sie unten, sie verzeiht mir und will mit. Und was machen wir jetzt?“, frag’ ich. Ein Taxi hält vor uns. Ich muss noch unbedingt Wechselgeld von der Bank holen“, sage ich, „Ich brauche unbedingt was Neues zum Anziehen!“ Wo wollen wir denn hin?“, fragt Susan. Egal wohin!“, sage ich, „wir laufen dann eben die City runter.“ Nach einer Weile sehen wir ganz oben in der Hauptstraße ein großes Schild, wo „MODERN FASHION“ draufsteht. Susan meint: „Wir müssen dort runter. Dann kann ich mir was Süßes zum Anziehen kaufen.“ Wir gehen stracks gerade aus, zwischen den Haufen Leuten. Müssen uns die Leute hinterher starren?“, fragt Susan. Ich zuckte mit den Schultern und sagte nichts. Susan und ich gehen jedenfalls weiter und immer noch schauen uns die Leute hinterher. Irgendwann kommen wir dann zu einer breiten Straße. Ich sage: „Großer Gott, da ist ja schon der Beach Boulevard!“ Ein paar Autos, die an der Kreuzung stehen, hupen die Leute. Wie wir die Straße überquert haben, biegen ein paar Autos ab. In dieser Stadt kriegst du immer einen Mann ab, das verspreche ich dir“, sagt Susan zu mir und lächelt mich an. Wir gehen noch ein Stück weiter, dann seufzt Susan: „Endlich, wir sind da.“ Ich schaue in die Budike, gleich um die Ecke ist der Stand für Damenmode. Susan tippt mir auf die Schulter und zeigt rüber, ich lächelte laut und sage: „Wirklich!“ Zu Papagallo doch nicht! Wen soll ich denn heute noch aufreißen? Da falle ich lieber, gleich splitterfasernackt, dir um den Hals.“ Wir gehen also noch ein Stück weiter. Und dann meint sie: „Da! Vivienne Westwood! Die haben wirklich ein paar hübsche Sachen.“ Da gehen wir dann auch hin. An der Tür steht eine hübsche Verkäuferin, mit einem Papagallo, mit einem tiefen Dekolleté. Susan konnte nicht ihren Blick von ihr lassen. „Süß, das Mädchen“, sagte sie. Womit kann ich dienen?“, fragt sie. Wir wurden ganz rot im Gesicht, als sie uns ansprach und ich hoffe, die süße, hübsche Verkäuferin, dunkelbrauner Hautfarbe und schwarze Haare bis zum Hintern, hat unsere peinliche Verlegenheit nicht mitbekommen. Ich kann Ihnen sagen, das wäre ganz schön peinlich für uns. Wir möchten ein Kleid kaufen“, sagten wir im Chor. Woran dachten sie denn?“, wollte sie auch noch wissen. Denn so richtig wussten wir es selber noch nicht. Irgendetwas Hübsches und nichts Ausgefallenes!“, sagte Susan. Die Verkäuferin zeigt auf ein paar Kleiderständer und meint, da müssten sie eigentlich etwas in ihrer Größe finden. Susan geht also rüber und guckt die Kleider durch. Es waren Designerklamotten, die hier auf dem Ständer hängen und so billig. Ein paar Kinder drücken sich am kleinen Schaufenster die verschnupften Nasen platt. Susan und ich nehmen an die acht oder neun Kleider zum Anprobieren in die Umkleidekabine mit. Nach einer Weile kommen wir wieder raus und ich frage Susan: „Was hältst du von dem?“ Das Kleid hat eine Elfenbeinfarbe, und tief ausgeschnitten ist es. Ach, ich weiß nicht recht, meine Liebe“, sagt Susan. Also, irgendwie sitz das heute nicht an meinem zerbrechlichen Körper“, sage ich. Ich gehe wieder in die Kabine und probiere was anderes an. Die Verkäuferin meint zu Susan: „Großartig! Das weiße Kleid steht ihnen fantastisch, die Männer werden bei ihnen Schlange stehen.“ Was soll das heißen?“, fragte Susan. „Ich liebe Frauen.“ Die Verkäuferin starrte Susan an und blieb stumm. Ich war unzufrieden und hatte keine Lust, noch die anderen Kleider zu probieren. Ich ziehe mir meine Klamotten an und komm enttäuscht aus der Kabine. Die Verkäuferin fragt uns: „Wie möchten Sie das Kleid bezahlen?“ Ich sah Susan an, denn sie war damit gemeint. Nur, mit Bargeld, Scheck oder Kreditkarte?“, fragte die Verkäuferin. Mit Kreditkarte“, sagte Susan. Susan sah sich die kleine Verkäuferin genau an und fragt sich, ob es noch jemand gibt, die solche Brüste hat. Jetzt sitze ich also wieder mal im Safari-Fahrzeug. Susan und ich wollen diesmal auf versteckten Pfaden, die Flüsse, Täler und Ebenen durchqueren. Wir werden traumhafte Strände und einsame Seen, verlassene Goldgräberstädte und von Menschenhand unberührte Regenwälder entdecken. Susan und ich wollen hautnah die Natur, Menschen und Tiere dieses faszinierenden Landes erleben. Große Teile der abenteuerlichen Strecke führen durch privates Farmgebiet. Drei robuste Safari-Fahrzeuge kommen angerast. Einer von den Fahrern fragt uns Touristen: „Nun, was liegt an?“ Wir Ahnungslosen gucken uns nur verwirrt an und stehen stumm da. Kommt und setzt euch hier rein, mit nichts als eine Wasserflasche – und euer Gepäck kommt in die Gepäckablage.“, sagt der Fahrer. Zu den zwei andern Fahrern kann ich eigentlich nichts sagen. Ich bin Jeano!“, brüllt er. Und ich bin Joe, der gute Mann, der schon auf seinen dicken Hintern sitzt, ist Bad“, sagt Joe. Die Fahrt beginnt in Auckland und führt zunächst in die Bay of Island, wo wir einen freien Tag in Russel haben. Hier machten wir einen unvergesslichen Bootsausflug in die Inselwelt. Über Auckland geht es zur Coromandel Halbinsel, mit Stopp am Hot Water Beach. In Rotorua besuchen wir das Thermalgebiet und abends wird an einem traditionellen Hangi teilgenommen. Sie glauben, es hat uns nicht gefallen. Nein, uns hat es gefallen. Wir haben viele interessante Bewohner aus dem Ort kennengelernt. Am nächsten Tag begann unsere aufregende Fahrt im Geländegang. Jeano brachte uns an den Kraterrand des Mt. Tarawera. Anschließend sind wir in den Wangani Nationalpark gefahren. Per Jetboot erreichten wir dann unsere Unterkunft. Wo wir dann einige Tage verbracht haben. 

Nach einer Woche erreichen wir wieder in Wellington und setzen auf die Südinsel über. Sehr aufregend ist es gewesen, als wir die Gelegenheit hatten, Wale zu beobachten. Über die größte Rinderfarm und einem Gebirgspass erreichen wir den Nelson Lakes Nationalpark. Auf Allrad-Terrain mit steilen Tracks durch Prähistorische Rimuwälder und eine Kohlebergwerk-Geisterstadt geht es durch den Park. Doch ich bin noch nicht ganz geschafft, denn Susan bringt mich immer wieder auf Trab, indem sie mich nur ärgert. Dabei durchqueren wir die Insel und erreichen die Westküste bei Punakaiki, wo die berühmten Pancake Rocks besichtigt werden. Also, vorbei an den Gletschern der Südinsel geht es über den Haast Pass nach Wanaka. Und kein Telefon, damit ich meine Mutter anrufen kann. Doch wer wollte das Wissen, denn die Männer waren froh, einmal von ihren Frauen unerreichbar zu sein. Bei manchen Männern konnte ich das wirklich verstehen, als sie mir ein Bild ihrer leblosen Hüllen zeigten. Ich glaube, eine Frau hält ihren lieben Mann, wenn sie in der Küche wie seine Mutter ist. Doch im Bett sollte sie wie eine Hure sein. Wenn sie mich fragen, ich versage immer, wenn ich in die Küche muss. An diesem Tag erreichen wir das berühmte Queenstown. Hier steht ein Tag für diverse Aktivitäten zur Verfügung. Dazu gehört auch, dass ich meine Mutter anrufen werde. Am nächsten Tag befahren wir die Geländewagenstraßen, die die meisten Schlaglöcher zählen können, mein demolierter Hintern, mit Hämatomen gesät, kann ich später beim Orthopäden abgeben. Ich hoffe das dieser Schaden, die Krankenkasse zahlt. Susan muss andauernd grinsen und macht sich lustig über meinen kaputten Hintern. Echt, wir fahren in die Einsamkeit des trockenen Hochlandes, bis wir den türkisblauen Gletschersee Lake Tekapo erreichen. Mäh, Mäh, Mäh. Hier übernachten wir auf einer Schaffarm. Ist das nicht super? Ich bin froh gewesen, als wir am letzten Tag die Fahrt durch die Rakaia-Schlucht und die Canterbury Plains nach Christchurch machten. Wir übernachteten dort noch einmal und dann nahmen wir einen Flug zurück nach Auckland. Komm, Susan“, sage ich. „Wir zwei haben noch eine Menge zu erledigen.“ Wie wir wieder im Hotel sind, setzt sich jeder in einen Sessel und sagten kein Wort. Also, problematisch ist das schon, mit Marcel in einer Stadt von Neuseeland“, meint Susan. „Denk nur daran, dass ihr ein Liebespaar gewesen seit und jetzt bist du, Roxane, mit mir wieder zusammen. Mit einem eifersüchtigen Mann zu reisen, ist sehr schwierig, machen wir uns da nichts vor.“ Ich erzähle Susan, wie sehr ich an sie hänge und wie Marcel mich psychisch und masochistisch gerettet hat und so. Nun, das kann ich verstehen“, sagt sie. „Ich bin bereit, einen Versuch zu machen. Aber Marcel muss sich benehmen, sonst bekommen wir wirklich die größten Schwierigkeiten.“ Er wird sich benehmen“, sage ich. Susan nickt und grinst richtig affig.

Am nächsten Tag ist dann die große Begegnung. Ich treffe auf Marcel Ravel. Marcel ist mit mir und Susan in einen Klamottenladen gegangen und hat sich einen weißen Leinenanzug gekauft. Susan beobachtet mich wie eine giftige Schlange, nah ihrer Beute, ich darf also keinen Fehler machen. Wir drei gehen dann weiter in die Boutiquen und schnörkeln ein wenig rum. Und Marcel sitzt schon am Tisch, im Café und starrt mich bitterböse an. Als wenn er mich gerne töten würde. Wie ich hin geh und Platz nehme, brummt er bloß irgendwas, was keiner von uns verstehen kann. Der Marcel bestellt sich einen Bacardi, mit viel Eis. Und das macht er auch ganz gut. Ich und Susan zünden uns erst einmal eine Zigarette an. Wir machen beide noch ein paar Züge und bestellen beim Kellner jeder ein Mineralwasser, mit viel Eis. Marcel zieht sich eine Zigarette aus der Zigarettenschachtel und zündete die sich an. Glücklich ist Marcel gerade nicht darüber, aber wie es aussieht, kommt er ganz gut damit zurecht, dass Susan und ich ein Paar sind. Da lasse ich mich aber nicht drauf ein, denn er macht sich immer noch Hoffnungen, mich zurück zu bekommen. Marcel macht irgendwie einen frustrierten Eindruck und verknotet seine Finger und beißt sich auf die Unterlippe. Ich schaue zu ihm rüber, Susan lächelt mich an und sagt in Lippensprache, „Jetzt“. Ich weiß, was sie damit meint. Ich habe nämlich ein paar Tricks auf Lager, die mir Susan gezeigt hat. Die stehen in keinem Sprachbuch. Marcel sagt nichts. Er muss den Braten schon vorher gerochen haben. Und ich habe ernste Probleme. Ich habe ganz arg gehofft, dass es klappt mit uns Drei. Susan schaut zu mir rüber und nimmt meine feuchte Hand. Marcel ist jetzt total still. Man könnte eine Stecknadel fallen hören und ich könnte platzen vor Aufregung. Wie ich zu Marcel herüber schau, guckt er nach oben. Mein Herz schlägt zum Zerspringen und Marcel sieht mir direkt in die Augen. Wie das dann passiert ist, kann ich ehrlich nicht sagen. Wahrscheinlich, weil die Luft zwischen uns gebrannt hat oder so. Susan ist erst mal ganz baff und wirft die Servietten in die Luft. Die anderen Gäste um uns rum fangen an zu maulen und ich werde rot wie eine Tomate. Aber wie es wieder ein bisschen ruhiger wird, schaue ich zu Susan und sie blickt mir tief in die Augen. Marcel holte sich eine Tageszeitung und blätterte darin rum, bis er eine Schlagzeile findet, die heißt: „Junge Mutter erstickt ihr eigenes Kind in der Wäscheschleuder“. Er blättert noch ein bisschen in den Sportseiten rum und findet eine Stelle, wo steht: „Die Fußballspieler schauen sich ihr Spiel immer dreimal an. Weil sie es nicht glauben können, dass sie verloren haben“. Marcel kratzt sich eine Minute lang am Kinn und grinst dabei. Plötzlich stürzt ein junger eleganter Mann rückwärts über einen Stuhl und im Fallen reißt er einer dicken Frau, um die dreißig, die aussieht, als wenn sie für einen Juwelierladen Reklame machen würde, ihr halbes geblümtes Kleid vom Leib. Sie fängt an, um sich zu schlagen und brüllt wie am Spieß: „Hilfe. Hilfe, ein Perverser will mich vergewaltigen!“ Als ob die jemand anfassen würde. Es herrscht eine richtige Panik und ihre dicken Brüste wippen wie das Euter einer Kuh. Ich dachte mir, vielleicht braucht sie Schlagsahne für ihre Geburtstagsfeier. Marcel packt mich und Susan am Arm und sagt: „Los, verschwinden wir hier.“ Da muss ich ihm recht geben. Wir gingen zurück ins Hotel. Doch Marcel meint, ich gehe in mein Appartement. Roxane“, sagt er, „es hat mich gefreut, mit euch den Tag zu verbringen.“ Was heute Nachmittag so alles passiert ist, war, gelinde gesagt, bizarr“, meint Susan. Ich nicke, doch Marcel macht einen ziemlich geknickten Eindruck. Er lässt ein Taxi kommen und fährt ins Hotel. Also dann, viel Glück, Roxane“, sagt Marcel und gibt mir die Hand. „Hier, meine Karte. Meldet euch doch mal und berichtet mir, wie ihr angekommen seid, ja!“ Ich nehme seine Karte und gib ihm noch mal leidenschaftlich die Hand und bin richtig traurig, dass er weggeht. Weil Marcel ein echt guter Mann ist und ich habe ihn enttäuscht. Susan kommt uns entgegen und verabschiedet sich von Marcel. Dann setzt er sich ins Taxi, schaut noch einmal aus dem Fenster und fährt weg. Susan und ich sind wieder auf Achse. Und in dieser Nacht träume ich von allem möglichen, wie vom Heimfahren, von meiner süßen Mutter, vom enttäuschten Marcel und vom Modebusiness und natürlich auch von Susan Delon.

Und mehr als alles in der Welt wünsche ich mir, ich wäre so gerne Millionär.

 

 

Kapitel  25

Nun sind wir also tatsächlich wieder zu Hause.

Das Flugzeug ist circa um drei Uhr früh auf dem Flughafen gelandet, wir haben unser Gepäck geholt und in der Gepäckaufbewahrung stehen lassen. Kein Mensch war zu sehen, wie bloß ein Typ, der den Boden fegt und ein anderer, der im Wartesaal auf einer Bank döst. Susan und ich gehen in Richtung Innenstadt und schließlich finden wir ein Nachtcafé, wo wir uns noch einen Kaffee bestellen konnten. Zu essen gab es nichts mehr, doch wir konnten zwei, drei Stunden bleiben. Am frühen Morgen besorgen wir uns im Restaurant ein großes Frühstück, mit Müsli, Eiern mit Speck, Brötchen und allem drum und dran. Dann sage ich mir, jetzt musst du aber endlich in die Gänge kommen und wir machen uns auf den Weg. Unterwegs kommen wir auch an dem Alexanderplatz vorbei, wo früher mal ein Straßenmusikant mit seiner Gitarre gestanden hat, aber jetzt ist da nichts mehr als ein Haufen Leute, die in der Hektik ihres Einkaufsrausches untergehen. Ich bekomme ein mulmiges Gefühl, wir gehen sofort weiter. Wie wir zu der U-Bahn-Station ankommen, sage ich zu Susan, sie soll mit dem Gepäck warten, damit ich uns ein paar Fahrkarten kaufen kann. Ich hol’ Susan und wir steigen in die U-Bahn. Ein paar Nonnen sitzen auf der Sitzbank. Wir gehen hin und stellen uns daneben, ein von denen schaut Susan an und meint: „Hätte ich mir ja eigentlich denken können.“ Susan und ich, wir gehen da hin und ich sage zu der redseligen Nonne: „Haben sie die Nacht mit dem Teufel geträumt? Ich habe einen Pakt mit dem Satan. Und der wird sie holen, wenn sie jetzt nicht ihre Klappe halten.“ Wie sie das hört und mich ansieht, lässt sie alles stehen und liegen und verlässt den Teil des Wagens. Ach so, sie hatte nichts bei sich, außer die schwarzen Klamotten, die sie getragen hat. Den Schneider muss sie mir einmal noch verraten. Sie heult und krampft ihre Hände zusammen und betet. Genau wie früher, im kalten, dunklen Kloster. Die arme frigide Nonne. Ach, Roxane“, sagt Susan. „Musst du denn alte, zerbrechliche Nonnen erschrecken?“ Das überrascht mich nun nicht besonders, ich frage nach der nächsten Station. Keine Sekunde hat es gedauert und schon meldet sich ein leicht angetrunkener Kerl. Der alte Kerl ist ungefähr sechzig. Nonnen und die ganze christliche Gemeinschaft haben keine Moral. Du kannst keinen trauen. Ich sage nur „Negation der Negation“, das habe ich einmal in der Schule gehört“, schreit er uns entgegen, „Sie sind wie die Gottesanbeterin. Erst beten sie dich an und dann fressen sie dich auf.“ Genau in diesem Moment kommt aus der Menschenmenge eine laute Stimme: „Betrunkener Ungläubiger, hast du etwa ein Gewissen?“ O Gott!“, ruft eine Nonne und betet ihren Gott an, bittet um Verzeihung für den betrunkenen Kerl. Und irgendwelche Leute ärgern sich und fluchen, um den betrunkenen Kerl. Raus hier“ Verschwinde!“, schreit ein Typ. „Das ist der Gipfel! Du wirst hier den Herrgott nicht verpönen!“ Eine alte Frau jammert und weint und ein blasser Typ geht auf den betrunkenen Kerl zu und sagt: „Wer zum Teufel sind sie denn?“ Ein Optimist“, sagt er, der blasse Typ, mit der krassen Akne im Gesicht meint: „Dann machen sie, dass sie hier wegkommen, verdammt noch mal. Ihren Optimismus nehmen sie gleich mit.“ Ich rate ihnen, nicht so einen Ton zu reden, wenn sie heute noch nicht gefickt ihre ‚Mutti‘ gefickt haben“, sagt der betrunkene Kerl und er gibt zurück: „Ach ja? Und was willst du dagegen machen?“ Da zeigt er es ihm eben. Er schnappt ihn und kneift ihn mit der Hand voll zwischen die Beine. Die U-Bahn hat nun unsere Station erreicht. Wie wir aussteigen, versucht der betrunkene Kerl, aus der aufgebrausten Menge der Leute, auch auszusteigen. Was ich nur noch von dem Kerl sehe, ist sein nackter behaarter Arsch, der ihm aus der Hose rutscht. Wir sind zu Hause angekommen, jetzt habe ich mir vorgenommen, vor dem Schlafengehen, noch Mutter anzurufen. Ich drücke die Telefonnummer am Telefon. Dann hörte ich es klingeln. Plötzlich meldet sich eine traurige Stimme. Ja, wer ist da?“, sagt sie. Mutter, ich bin’s, Roxane“, sage ich. Ach Roxane, jetzt habe ich meine Stelle verloren!“, sagt Mutter, heult und tupft sich mit dem Taschentuch die Augen. Mach dir mal keine Sorgen“, sage ich ihr, „das wird schon, denn ich habe große Pläne.“ Wie kannst du Pläne haben, Roxane?“, jammert sie. Du bist doch eine Frau. Und du hast noch keinen reichen Mann getroffen, der dich heiraten wird.“ Du wirst schon sehen“, sage ich und bin jedenfalls froh, dass ich eine schöne, interessante und abenteuerliche New Zealand Reise gehabt habe und heute ist mein erster Tag zu Hause. Susan und ich sind zu der Pension gefahren, wo Mutter gewohnt hat. Natürlich mit meinem Auto. Wie ich ihre Susan vorstelle, meint sie: „Ich finde es schön, dass du überhaupt eine gute Freundin hast. Ich und Susan haben dann mit Mutter in ihrer Pension zu Abend gegessen. Sie hat für uns extra leckere Sachen eingekauft, wie Ananas und anderes Obst, Käse und so was. Hinterher bin ich mit Susan nach meinem alten Zuhause gefahren, was ja inzwischen schon abgebrannt ist und wo auch in diesem Ort die Familie von Dirk Jahnke zu Hause ist.

Mutter steht auf dem Balkon und schaut uns nach. Natürlich wischt sie sich die Augen und weint. Ich habe ihr ein wenig Geld gegeben, dass sie für die nächste Zeit über die Runden kommt und dass sie gut versorgt ist. So brauche ich nicht so ein schlechtes Gewissen zu haben. Wie wir dann in den Ort, in Brandenburg, sind, finden wir das Haus von meiner Familie zuerst, in einem Zustand, wie nach einem Krieg. Es ist erschreckend, ich musste an die schöne Zeit, als ich darin mit Mutter lebte, denken. Es war eine schöne und harmonische Zeit, in diesem schönen Haus. Susan und ich gingen noch einmal um das Haus und ich sah mich als Kind dort herumlaufen. Das alte Haus von Dirks Leuten fanden wir ohne Schwierigkeiten und das Grab von Dirk war ungepflegt und auf dem Grabstein steht:

Hier ruht in tiefer Trauer unser

Sohn Dirk Jahnke.

Er lebt in uns weiter!“

Es ist so circa acht Uhr abends.

Es klingelt an der Tür. Nach einer Weile mache ich die Tür auf und frage, was er will. Er sagt mir, wer er ist und dass er von einer großen Werbeagentur kommt. Ich mach’ ihn wohl ein bisschen nervös, aber ich meine, er möchte hereinkommen. Zu dem jungen, nicht hässlichen Mann, habe ich gesagt, er möchte in das Wohnzimmer gehen und sich in den Sessel setzen. Der Mann heißt Chris Beyer und ist jedenfalls der Artdirektor von der Sky“ Werbeagentur und ich biete ihm eine Tasse Kaffee an. Aber er wollte lieber ein Glas Mineralwasser, sonst könnte er heute Abend nicht mehr einschlafen, wenn er zu Hause ist. Und ich stelle ihm jede Menge Fragen und so. Dennoch will er alles von mir wissen, wie es mir in der Werbung gefällt und all so was. Und ich erzähle ihm das, so gut wie ich es kann. Schließlich meint er: „Eine Sache, die mit dem Werbeplakat ist mir in der ganzen Luks“ Kampagne nicht aus dem Kopf gegangen. Warum haben sie für ein Parfüm Luke“, so ein Layout angefertigt? Was glauben sie?“ Weil ich damit den Punkt getroffen habe“, antworte ich, aber er sagt: „Nein, das meine ich nicht. Warum sitzt das Model splitterfasernackt in einem Haufen Strohbündel?“ Ich überlege mir das eine Weile und sag: „Also, ich wollte eben jeden Verbraucher ansprechen, der auf Freiheit, frischen Duft und Natur steht. Ach, eigentlich habe ich nur gemacht, was die Frauen wollen.“ Und glauben sie, das hat sich gelohnt? Was sie da gemacht haben? Das Parfüm unter die Frauen gebracht?“ fragt er.

Und ich sage: „Also, wissen sie, ich bin bloß eine Kommunikationsdesignerin. Aber wenn sie wirklich meine Meinung hören wollen, ich glaube, das war eine ganz große Sache.“ Der Herr Beyer nickt. „Zu diesem Ergebnis bin ich auch gekommen“, sagt er. Dann erzählt Herr Chris Beyer mir, warum er überhaupt noch so spät gekommen ist, wie er und ich in Paris ins Modebusiness einsteigen können. Und dass er schon viele internationale Modedesigner getroffen hat, wie ich in Neuseeland gewesen bin. Ja, doch, dieses interessiert mich und ich stelle ein Haufen neugieriger Fragen. Auf einmal kommt Susan aus dem Schlafzimmer. Ich muss ihnen was sagen“, sage ich und erzähl ihm, dass Susan meine Lebensabschnittsgefährtin ist. Jedenfalls meint Herr Beyer, ich könnte über Nacht ins Hotel gehen und morgen früh sprechen wir, bei einem ausgiebigen Frühstück, noch einmal über das große Angebot und es ist ja auch eine große Chance, um weiterzukommen. Und dann wollen wir mal sehen, ob ich sie nicht überreden kann.

Am nächsten Morgen sind wir schon mit den Hühnern aufgestanden. Ach so, ich weiß nicht, ob sie es schon wussten. In Berlin gibt es keine Hühner. Ist das nicht zum komisch? Nun gut, ich kann es ja mal probieren. Susan und ich haben einen großen Hunger mitgebracht und ein Megafrühstück wurde für uns gemacht. Mit Jogurt, Müsli, frischen Eiern und Brötchen. Später sind wir noch im Hotel runter in die Dampfsauna gegangen. Es ist ganz ruhig und in der Kabine starker Nebel. Ab und zu husten einige Typen im Radetzkymarsch. Da drüben kommt der heiße Wasserdampf rein“, sagt Susan und zeigt mir die Stelle. Wenn sie wollen, können sie hier noch drin bleiben. Ich muss hier raus“, sagt Herr Beyer. Er geht raus, wir hinterher und er meint: „Die finnische Sauna kann ich besser vertragen, dort schwitze ich richtig.“ Susan und ich schauen uns an und grinsen. Dann gehe ich unter die kalte Dusche und Susan kommt mir nach, so, dass ich mich erschrocken habe, als ich mich umdrehe. Also, ich kann ihnen sagen, meine Damen, richtig ideal diese Sauna im Hotel“, sagt Herr Beyer. Außerdem ist Herrn Beyer aufgefallen, dass wir beide eine gute Figur machen. Ich glaube, die Hauptsache ist, dass er es nicht zu dick aufträgt. Herr Beyer und ich haben also noch am selben Tag angefangen. Er hat mich ins Hotel zurückgefahren und dann sind wir in die City gegangen und haben die ersten Sachen eingekauft. Später meint er nur, er hätte ja sein Auto nehmen können. Susan ist zu Hause geblieben und hat sich ein wenig Arbeit vorgenommen. Plötzlich fängt es an zu regnen und es regnet auch ganz ordentlich. Wir machten schnell auf den Weg, dass wir uns noch irgendwo unterstellen konnten, bevor wir klitschnass bis auf die Knochen geworden wären.

Am nächsten Morgen stehe ich einfach nicht auf und dreh mich im Bett noch einmal um. Susan macht uns in der Zeit schon ein köstlichen und nahrhaftes Frühstück. Fast einen Monat hat es gedauert, bis Herr Beyer und ich das Projekt ins Rollen gebracht haben. Erst mussten wir ein Gebäude bewohnbar machen, den Tresen für eine Bar, den Laufsteg für die Modeschauen installieren und eine große leere Wand, für die Galerie verschiedener Künstler bereitstellen. Dann ist es endlich so weit, dass wir die Tische und Stühle hereinstellen können. Ich habe verschiedene Künstler finden können, die ihre Sachen präsentieren. Beinah den ganzen Tag waren eine Menge interessierte Leute in unsere Modegalerie Chic“. Am Abend haben wir bestimmt das doppelte Publikum gehabt, die Resonanz der interessierten Leute ist groß. Die Leute bewunderten unsere Idee und haben uns für die Neueröffnung gratuliert. Am nächsten Tag haben sich gleich fünfhundert Künstler gemeldet, aus verschiedenen Bereichen, wie junge Modedesigner, Grafik-Designer und Autoren. Hundert habe ich gleich unter Vertrag genommen, dass die Modegalerie, was zu zeigen hat. Workaholics sind wir und arbeiteten hart den ganzen Sommer. Ja! Wir machten es auch den ganzen Herbst, Winter und Frühling, bis wir schließlich expandieren konnten, in anderen Großstädten in Deutschland. Abends setz’ ich mich immer mit Susan ins Wohnzimmer und spiele auf meiner Gitarre. Und am Samstag gehe ich mit Susan in die City und kaufen schöne Designerklamotten, lassen uns im Wellnesscenter so richtig verwöhnen und zum Abschluss gehen wir in ein schickes Restaurant und essen vom Feinsten. Endlich habe ich das Gefühl, ich gehöre, wohin und mache richtige Arbeit. Und ich sage mir, wenn wir die erste Million haben, ist es vielleicht okay, dass ich nach Marcel suche und schau, ob er immer noch sauer auf mich ist. Oder auch, ob ich noch sauer auf Marcel bin. He, Bonnie, hau ab!“, sagte ich. Bonnie tapste über das Fenstersims auf mich zu. Hau ab, habe ich gesagt!“ Bonnie blieb stehen, sah mich an. Tapste weiter. Bis zu den Fingern, die ich vom Bett herunterhängen ließ. Schnupperte daran. Bonnie zuckte zurück. Fauchte. Sein Fell sträubte sich. Ich kam vom Bett hoch. „Verzieh dich“, sagte ich. „Mami hat keine Zeit für dich. Sie ist gerade dabei, zu denken.“ Bonnie beugte sich vor. Schnuppert an meinen Beinen. Tapste noch einen Schritt weiter. Schnüffelte wieder an den Füßen. Drehte sich. Miaute. Verpiss dich, Bonnie!“, sagte ich. „Oder willst du, dass ich dir eins mit dem Ding …“ Bonnie schoss miauend weg. Weit und breit keine Menschenseele auf dem Flur. Als die Fahrstuhltüren hinter uns zu glitten, vergewissert Susan sich durch einen Blick auf die Uhr. Es ist Punkt neun“, sagt sie. Ich warf einen prüfenden Blick in den großen Spiegel. Rotäugig. Richtete mir die Harre und ging auf Susan zu. Ein Stöhnen, von Susan. Sie öffnete die Fahrstuhltür, musste sie aufstemmen. Ein Liebespaar kam uns entgegen. So stießen wir alle lächelnd, die Tür weiter auf. Als ein Streifenwagen mit Sirene vorbeiraste, starrte ich in das blendend, grelles Licht. Überall standen dicht geparkt PKWs und Busse, einer kam gerade in wilder Fahrt um die Ecke geprescht. Wir fuhren in die City, einen Hamburger essen. So, wie ich es wollte. Vielleicht, glaube ich, wollte es Susan auch. Später machte Susan Kaffee, richtigen. Wir tranken ihn auf dem Sofa. Bonnie schlief zusammengerollt auf dem Sessel. Susan sagt: „Du bist auf dem besten Weg, die berühmteste kreative Unternehmerin im ganzen Land zu werden. Ich glaube, sogar die Topdesigner werden sich um dich reißen, deine Bekanntschaft zu machen.“ Ich nahm einen Schluck aus dem Becher, nickte und sagte: „Was dazu führen könnte, dass du und ich eine Menge Spaß haben.“ Susan lächelte, sieht mich von der Seite an, trank einen Schluck und schielt mich an. Unglaublich“, murmelte sie. Verrückt nach Erfolg ... ich glaube, im Grunde war es vorauszusehen, dass früher oder später jemand kommt und dir die Tür öffnet.“, sagt Susan. Es ist verdammtes Glück, dass ich habe“, sagte ich. „Irgendwo da draußen gibt es Leute, die das auch bringen könnten. Und ein paar andere wieder nicht. Susan …“ Ich wandte mich ihr zu, sah sie an. Höre Susan, ich möchte, dass du eins weißt: Susan, du gehörst dazu. Das war die Bedingung, die ich von Anfang an, den Herrn Chris Beyer gestellt habe.“ Nett von dir, dass du so entschieden hast“, sagte Susan. Wir hoben die Becher, stoßen an und tranken einen Schluck. Susan sah mich an. Ich nickte. Ich denke, es wird schon mit uns klappen. Und wenn nicht, nehme ich es auch“ sagte ich. Sie kratzte sich hinter dem Ohr. Nah, schön …“, sagte sie, „ich denke, ich sollte das nicht so negativ sehen. Obwohl ich fürchte, dass ich so gut wie keine Ahnung habe.“ Was soll das heißen: so gut wie keine Ahnung?“, frage ich. Ich beugte mich vor, stellte den Kaffeebecher ab. Doch Susan antwortete nicht. Susan nahm Bonnie in die Arme, er stemmte sich hoch und sie drehte sich zu mir um. Sie machte eine schmerzverzerrte Grimasse, schüttelte ein Bein aus. „O Gott, meine Knie sind eingeschlafen.“ Ahh“, machte Susan mit gleichfalls schmerzverzerrtem Gesicht und sah mich, während ich aufstand, an. Sie legte Bonnie in die Sitzdelle der Polster, beugte sich zu ihm hinunter, küsste Bonnie auf den Kopf. „Braver Kater“, sagte sie, hauchte ihm einen Kuss auf die feuchte Nase. „Ach, haben wir einen braven Kater! Von heute an gibt es nur noch Tunfisch für dich.“ Ich lächelte. Bonnie schmiegte sich in der grauen Decke, schnurrte wohlig, mit geschlossenen Augen. Seine Schnurrhaare zuckten. Ich ging in die Diele. Und sagte: „Jede Wette, dass hier im Haus noch keiner schlafen gegangen ist. Die sitzen bestimmt noch da und reiben sich die Finger zwischen den Beinen wund. Weil keiner von den Typen, den anderen sagen will, dass er oder sie den anderen liebt.“ Ich ging wieder ins Wohnzimmer und stellte den Dimmer leiser. Und als ich auf Susan zugehe, sagte sie: „Ich hätte nichts dagegen, dir zu sagen, dass ich dich liebe.“

 

 

Kapitel 26

An einem richtig schönen Tag, wie heute, haben wir uns gesagt, jetzt ist es Zeit mal richtig ranklotzen. Ich und Susan, wir sind schon bei Sonnenaufgang aus den Federn gekrochen und haben neue Pläne gemacht. Am Abend hatten wir so circa dreihundert neue Künstler an Land gezogen. Die haben wir dann für ein neues Programm gecastet.

Am nächsten Morgen haben wir Getränke in der Brauerei bestellt. Fast zwei Wochen lang haben wir hart gearbeitet. Wie wir schließlich unsere Abrechnung machen, haben wir insgesamt 248000,62 Deutsche Mark verdient. Unsere Modegalerie Chic“ ist ein Erfolg! Also, ich kann Ihnen sagen, das war ein freudiges Ereignis. Susan, ich und Herr Beyer haben sehr guten Schampus getrunken und wir haben uns riesig gefreut. Er ist stolz auf uns und wenn es bloß so bleiben wird. Ich und Susan, wir sind mit Chris zum Feiern, in ein Restaurant. Als allererstes, musste ich meine Mutter anrufen und erzählen von meinem großen Erfolg und so. Und Sie werden es nicht glauben, sie bekommt gleich wieder feuchte Augen. Ach, Roxane“, sagt sie, „ich bin stolz auf dich. Was du eben in die Hand nimmst, glückt dir immer.“ Ich erzähle Mutter jedenfalls von meinen Plänen, nämlich dass wir nächstes Jahr auch ins Ausland gehen wollen. Soll das heißen, du musst aus Berlin wegziehen?“, fragt Mutter. Nein, Mutter, das nicht. Aber ich muss dann viel reisen und ich werde dir jeden Tag eine Karte schicken.“ Was soll ich denn da mit mir anfangen, wenn du so weit weg bist?“ Karten lesen“, sage ich. Dann bin ich ins Restaurant gegangen und habe mich an den Tisch gesetzt, wo Chris und Susan schon warteten. Und dann haben wir uns zu essen bestellt, mit allem drum und dran. Doch dann haben wir drei beschlossen, wir gehen noch tanzen, in einer Nachtbar. Wie wir dann an einer schummrigen Nachtbar vorbeigehen, hören wir tolle Tanzmusik heraus. Als wir hineingingen, hörte ich eine laute Stimme und sagte mir, die Stimme kenne' ich doch, auch nach all den Jahren. Ich steck' meinen Kopf durch die Tür. Und richtig! Es ist der gute alte Sammy von der Agentur, wo ich früher einmal für sie gearbeitet habe. Sammy freut sich riesig, dass er mich sieht. Sein Kumpel nennt ihn ein Arschloch und einen Saftsack und was ihm sonst grad noch für hübsche Sachen einfallen. Wie sich herausstellte, ist er nach der Werbung ins Fotogeschäft eingestiegen, aber die haben ihn herausgeschmissen, wie er die Chefin gefickt hat und sie dann abserviert hatte. Er hat noch ein paar Jahre in anderen Filmproduktionen mitgearbeitet, aber dann hat er sich als Kameramann verdient gemacht. Und er meint, der Job ist gerade richtig, bei dem, was er sonst so in den Studios verdient hat. Sammy spendiert uns jedenfalls ein kaltes Bier. Wir unterhalten uns über alte Zeiten. Natürlich haben wir auch getanzt, ganz eng. Der DJ spielte „I believe, I can fly, von R. Kelly, mein Lieblingslied, dabei könnte ich schmelzen, wie ein Eiszapfen. Nach ein paar Drinks kommt mir eine prima Idee. Und ich weih’ Sammy gleich ein. Wie wäre es, wenn du für mich arbeiten würdest?“, frage ich. Er verstummt und nicht einmal eine Reaktion. Ich erzähle ihm also von der Modegalerie Chic“ und dass ich ins Ausland expandieren werde. Ja“, sagte Sammy, dein Angebot kommt mir jetzt gerade recht. Den ganzen Sommer und Winter und den nächsten Frühling haben wir dann kräftig malocht, also ich, Susan, Chris und Sammy. Sogar für andere qualifizierte Leute gab es einen festen Job. Es könnte überhaupt nicht besser laufen. Für mich ist es allerdings auch keine ganz so glückliche Zeit, weil ich andauernd daran denken muss, was wohl aus Marcel geworden ist. Irgendwann in meinem Leben habe ich dann beschlossen, da kümmerst du dich jetzt mal drum. Gleich, an einem Sonntag, da habe ich mich in dem besten Outfit geschmissen und mein Auto genommen und bin zu Marcel sein Haus gefahren. Wie ich an der Haustür klingle, öffnet mir eine ältere Frau, es ist seine Mutter. Ich sage ihr, wer ich bin und sie meint: „Roxane Care! Ich kann es einfach nicht glauben. Komm doch rein!“ Na ja, schöne Begrüßung. Sie fragt mich auch gleich nach meiner Mutter, was ich so mache und schließlich frage ich dann nach Marcel. Sie hat mich kaum zu Wort kommen lassen. Ich glaube, das kennen Sie. Oh, viel lässt er nicht grad von sich hören“, meint Frau Ravel. „Soweit ich weiß, wohnt er irgendwo in Leipzig. Ich nickte und schreibe mir seine neue Anschrift auf. Ach, weißt du das nicht, Roxane?“ meint sie. Marcel ist verheiratet.“ Verheiratet?“, sage ich schockiert. Schon seit einem halben Jahr. Er hat ein Fotomodel geheiratet.“ sagt Frau Ravel. „Soll ich Marcel etwas ausrichten, wenn ich von ihm höre?“ Nein, Frau Ravel“, sage ich, „eigentlich nicht. Das heißt, vielleicht könnten sie ihn sagen, dass ich ihn alles Gute wünsche.“ Mache ich“, sagt Frau Ravel. „Es hat mich wirklich gefreut, dass du vorbeigeschaut hast.“

Also, mir ist klar, eigentlich hätte ich ja auf so eine Vorstellung gefasst sein müssen, ich war es aber nicht. Und das ärgert mich und macht mich wütend. Mein Herz schlägt wie wild und ich bekomme kalte feuchte Hände. Ich will mich bloß noch irgendwie ganz klein zusammenrollen, wie damals, wo ich noch in Mutters Bauch gewesen bin. Ich weiß nicht, wie lange ich so dagelegen habe. So circa neun Monate, glaube ich. Marcel mache ich keine Vorwürfe, er hat bloß getan, was er tun musste. Ich bin nun mal eine langweilige Frau, die in manchen Beziehungssachen einen langen Atem braucht. Soeben sagen zwar viele Männer, wer will so eine langweilige Spaßbremse heiraten, die zum Ficken eine Woche Bedenkzeit braucht, aber die können sich gar nicht vorstellen, was ihnen blühen täte, wenn sie mal irgendwann eine wirkliche Spaßbremse heiraten würden. Vor allem tue ich mir selber leid, weil ich mir so lange eingeredet habe, dass Marcel und ich eines Tages zusammen sein werden, bis ich fest daran geglaubt habe. Doch wie ich inzwischen von seiner Mutter erfahren habe, dass er geheiratet hat, ist das so, wie, wenn ein Teil von mir für immer abgestorben wäre. Denn Heiraten ist was anderes, als wenn jemand wegläuft. Das kann ich Ihnen sagen. Heiraten ist eine richtige ernste Angelegenheit, mit Herzschmerzen und Liebe, und so. Dieses Gefühl kennen Sie bestimmt. In dieser Nacht habe ich nur geheult, aber das hat auch nicht viel geholfen. Am Nachmittag bin ich dann irgendwann aus meinem Bett vor gekrochen und wieder nach Berlin gefahren. Was passiert ist, habe ich aber keinem erzählt, auch Susan nicht, denn ich habe mir gesagt, das bringt sowieso nichts. In der Modegalerie „Chic“ gab es einiges zu tun. Rechnungen schreiben und all so was. Das habe ich dann eben ganz alleine gemacht. Bis ich fertig bin, ist es schon dunkel und ich fasse den Entschluss, ich fahre nach Hause. Das mache ich dann auch. In diesem Jahr machen wir über eine Million deutsche Euro Umsatz. Und das Geschäft wächst derart, dass ich neue Leute einstellen muss, die die Gäste bewirten und den Laden schmeißen können. Bald bekommen es die Zeitungen Wind von unserem Geschäft und schicken ein Haufen Reporter vorbei. Auch das Fernsehen interessiert sich für unsere Modegalerie „Chic“ und die schicken uns die Redaktion vorbei, mit Kameramann, Reporter und ein paar Kabelträger. Der Medienrummel ist ganz schön laut, um mich und mein Team. Und diese Leute stellten alle die gleichen Fragen, wie warum, weshalb, weswegen, wie viel und mit welcher Haarspülung ich mir die Haare spüle. Bekloppt sind die Leute. Das kann ich Ihnen sagen. Nachher fragen die Typen mich noch, was ich geschissen habe und wollen mich beim Bumsen filmen. Ehrlich gesagt, dass ist alles nur eine Geldfrage. „Wie viel?“

Dabei habe ich schon viele Leute ertappt, die gesagt haben, ich ziehe mich nicht aus vor der Kamera. Doch dann haben zwei, dreihundert Mark gewunken, so schnell haben die Tussis sich noch nicht einmal bei ihrem Freund ausgezogen. Also, das erscheint dann am Mittwoch mit einem geilen Foto, in Farbe, von mir und meinem Team der Modegalerie „Chic“. Und dann, die Schlagzeile lautet:

Eine weltbekannte kreative Kommunikationsdesignerin bringt junge Designer aus verschiedenen Künstlerbereichen zum Erfolg“.

Na ja. Mutter meint dann später, ich brauche jemand, der dich in der Buchhaltung hilft und in finanziellen Dingen durchblickt, weil ich jetzt so viel Geld verdiene. Ich überlege mir das eine Weile, dann fällt mir ein, ich könnte mich mit einem weiteren Steuerberater in Verbindung setzen, bevor der andere sich zu Ruhe setzt. Er freute sich, dass ich anrufe und sagt mir, er kommt gleich mit dem nächsten Flugzeug. Wie er dann eine ganze Woche da ist, meint Herr Hoffmann, der neue Steuerberater, wir müssen uns zusammensetzen und alles durchsprechen. Frau Care“, sagt er, „was sie hier geleistet haben, ist ganz erstaunlich, aber jetzt ist ein Punkt erreicht, an dem eine ernsthafte Finanzplanung nötig ist.“ Ich frage mal so: „Wofür denn?“ Und er fängt an, mir das zu erklären: „Investitionen! Diversifizierung! Schauen Sie, so weit ich es überblicke, werden sie im laufenden Steuerjahr einen Gewinn von circa drei bis vier Millionen Deutsche Mark erwirtschaften. Und das nächste Jahr dürften sie das Zweifache echt nahekommen. Bei derartigen Gewinnen muss man reinvestieren. Sonst schlägt das Finanzamt erbarmungslos zu. Reinvestitionen sind das A und O des mörderischen Geschäftslebens!“ Herr Hoffmann managt diese Sache. Und wir gründen ein paar mehr Galerien, weltweit. Beinah eintausend kompetente Angestellte haben wir jetzt. Die Bereiche Werbung und Öffentlichkeitsarbeit haben wir selbst übernommen. Denn wir sind ja vom Fach. Wir sind jedenfalls ganz groß im Geschäft der kreativen Künstler. Zu unserer Firma gehört ein eigenes Bürogebäude. Einen Haufen Geld haben wir in Immobilien angelegt, wie in Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden. Einen seriösen und kompetenten Immobilienmakler, mit ausreichenden, sehr guten Referenzen, haben wir auch noch eingestellt. Meine Mutter hat einfach einen Auftrag, einer Baufirma gegeben und hat eine Villa Mercedes“ bauen lassen, mit allem drum und dran. Sie ist der Meinung, das gehört sich nicht, das eine erfolgreiche Geschäftsfrau in einem kleinen Apartment wohnt.

Ich trage jetzt auch die besten Designerklamotten von Gucci, Jean Paul Gaultier und Christian Dior. Wie eine Rechtsanwältin. Ja, das kann ich Ihnen sagen. Andauernd muss ich auf strapazierten Versammlungen und ein Haufen Klugredner über mich ergehen lassen, was sich anhört wie auf der Hühnerfarm. Ja, dann sind auch einmal ein paar Leute bei mir im Büro vorbeigekommen und haben gemeint, ich soll ein paar Modefirmen übernehmen, die kurz vor dem „Aus“ stehen. Sie, Frau Care, sind wie geschaffen dafür“, behauptet einer von den Typen, der Georg heißt, einen dunkelblauen Zweireiher trägt und eine dicke Zigarre raucht. Schauen sie her“, sage ich zu ihm, „habe ich es nötig, alte Baustellen zu kaufen? Von der Bauindustrie verstehe ich nichts.“ Wir brauchen gute Leute wie sie, Frau Care“, sagte Georg. Ich halt von dieser Idee genauso wenig wie von den meisten anderen, was sich irgendwelche Leute für mich ausgedacht haben. Ich kann Ihnen sagen. Wie es mit der Modegalerie „Chic“ angefangen hat, machte mir die Arbeit ziemlich viel Spaß. Mit den Hühnern aufstehen, Frühstücken mit Susan, Schampus trinken und so weiter. Dann die Firma expandieren und neue Modegalerien in Paris, Mailand und New York eröffnet, wo eben die Prominenz residiert. Jetzt ist alles noch aufregender. Ich gehe andauernd zu irgendwelchen Abendgesellschaften und da gibt es jede Menge Speisen zu essen. Die mich zum Nachdenken animieren, wie ich bei meiner schlanken Figur bleibe. Die dicken geschminkten Damen, in dem Designerkleid und den dicken Brillantringen an den Fingern, das ist der Supergaudi des Abends, für die Unterhaltung der Gäste. Ich behaupte, wenn alle Menschen wüssten, was sie voneinander sagen, dann würde es keine Freunde, sondern nur noch Feinde geben. Den ganzen Tag klingelt das Telefon, irgendwelche Leute wollen wissen, was in den nächsten Tagen in der Modegalerie läuft. Dazu kann ich nur kurze Antworten geben und sage: „kommt einfach vorbei“. Ich habe aber auch so schon überhaupt keine Zeit für irgendwelche „Bla Bla Gespräche“. Keine Zeit für mich und irgendwie rennt das Leben an mir vorbei. Wenn ich in den Spiegel schau, sehe‘ ich nicht mich, ich sehe nur noch eine Hülle vom Körper. Ich weiß, das Geschäft läuft prima, aber bei mir selber habe ich das Gefühl, ich drehe mich nur im Kreis. Wieso mach’ ich das eigentlich alles, frage ich mich immer wieder.

Vor langer Zeit habe ich mir vorgenommen, eine Modegalerie zu eröffnen, doch da ist jetzt mehr daraus geworden, wie ich mir hätte träumen lassen, aber was soll es? So viel Spaß für wenig Geld. Ich wäre vielleicht enttäuscht, wenn ich gescheitert wäre‘, aber ich wäre verloren, wenn ich es nicht versucht hätte.

Neider nennen mich eine Feministin, wenn ich Gefühle ausspreche, die mich von einem Dienstmädchen oder einer Prostituierten unterscheiden. Und ich weiß nicht, warum Frauen irgendetwas von den Dingen haben wollen, welche die Männer haben. Ich bin der Meinung, dass die Frauen von allen Eigenschaften die Grausamkeit am meisten schätzen, da ihre Instinkte von einer wundervollen Primitivität sind. Ein Geistlicher sagte einmal zu mir: „Jesus spricht davon, dass wir vollkommen sein sollen. Nicht in Disziplin, die wir nicht beherrschen, sondern in dem, was wir alle können: im Lieben. Irgendwie merke ich jedenfalls, ich muss weg hier. Warum sagen wir nicht einfach allen, du machst einen langen Urlaub, Roxane“, schlägt Chris vor. So machen wir das dann auch. Ich sage Chris und Susan auf Wiedersehen und gehe dann bei allen vorbei und sag „tschüss“ Wie ich dann am nächsten Morgen aus dem Bett mich quäle, hat es geregnet wie verrückt. Ich bin ins Café und habe mir ein schönes Frühstück bestellt. Dann habe ich mir überlegt, was ich jetzt mache. Viel ist mir nicht eingefallen, kann ich Ihnen sagen. Oder haben Sie eine Idee? Wie es aufhörte zu regnen, habe ich beim netten Kellner bezahlt und ich bin in den Park gegangen. Ich setze mich auf einer Bank, wo lauter Zigarettenkippen, drum herumlagen, aber die anderen Bänke im Park sahen genauso aus. Doch dann habe ich eine Idee. Ich weiß es nicht mehr. Am nächsten Morgen besorge ich mir im Supermarkt was zum Frühstück. Nachher, wie ich fertig gefrühstückt habe, bin ich unter die heiße Dusche gegangen. An diesem Tag habe ich einfach keine Lust gehabt, irgendetwas zu tun.

Am Montag darauf bin ich in einen kleinen, gemütlichen Musikladen gegangen. Ich wollte einmal sehen, ob ich eine neue Konzertgitarre finde, weil die alte Gitarre schon den Geist aufgegeben hatte. Ich sehe, dass der Verkäufer hinten in der Ecke eine zu verkaufen hat. Ich frage diesen Verkäufer, wie viel er dafür haben will. Und er sagt, eigentlich vierhundert Mark, aber er macht mir einen Sonderpreis. Ich glaube, der hat mich trotzdem beschissen. Ich kaufe die Gitarre also. Irgendwann, wie ich früh am Morgen grade zum Park gehe, fängt es mal wieder an zu regnen. Das ist nichts Neues. In Deutschland gießt es jeden zweiten Tag wie aus Kübeln und das Tief der Schlechtwetterfront hat immer nur Frauennamen, wie Carola, Silvana oder so. Was sonst? Frauen sind doch schlecht. Oder nicht? Wer ist dafür? Mal die Hände hoch, und so hoch wie es geht! Okay! Und wer nicht? Ich winke ab. Du zählst nicht! Ich kann dir sagen: „Es gibt zwei Arten zu leben. Du kannst dich heraushalten, und die Gleichgültigkeit wird zur Gewohnheit, zur Rüstung. Dann bist du sicher, aber gelangweilt. Oder Du nimmst Anteil und lebst aus dem Vollen. Bis Dir das Leben auf Deinem Rad zerbricht. Ein Yuppie steht unter seinem Schirm auf dem Gehweg, direkt vor einem großen Plastiksack. Unter dem Sack ist jemand, aber von dem sieht man nicht wie die schmutzigen Hände. Ich geh’ über die stark befahrene Straße und schau mir die Sache aus der Nähe an. Und was meinen Sie? Ich traue meinen Augen kaum! Ich könnte platzen vor Freude und gehe hin und reiß den Müllsack weg. Und tatsächlich, es ist der Mann, den ich damals auch im Regen traf. Was treibst Du denn hier, Roxane?“, fragte der Mann. Nach was sieht es denn aus?“, frage ich zurück. „Ich gammele jetzt hier so rum.“ Ich habe meine Exfrau gesehen - splitternackt, im Fernsehen, unter den Nummern 0190 81 6666“, sagt er. Echt?“, frage ich. „Hast Du angerufen?“ Nein“, sagt er. Und grinst mich an. Im Obdachlosenheim will er nicht, dort klauen die andren Typen wie die Raben. Und, sonst hat er keine Klamotten mehr, wenn er eine Nacht dort schlafen würde. Er erzählt, was er gemacht hat. Er hat sich einen Job in einer Autowerkstatt besorgt, wo er in der Autowaschanlage die Autoscheiben geputzt hat. Aber irgendwann, sagt er, hat er die Schnauze voll gehabt von dem ganzen Dreck und den seliconbetonten, arroganten Weiber in den Autos. Dann hat er es eine Weile mit Betteln versucht, aber bald wieder aufgehört, weil das würdelos ist, für ihn. Was meinst Du, sind die Titten, die dort gehen, echt?“, fragt er. Ich wurde stumm und musste diese Frage erst einmal schlucken. Ich zuckte mit der Schulter. Ich bin jetzt wohl schon einen Monat aus der Firma. Und es läuft mit mir ziemlich gut. Irgendwann taucht ein Journalist von der Zeitung auf und fotografiert mich und bringt das Bild auf der Titelseite. Ich habe dafür ganz schön Geld als Fotomodel bekommen. Ich bin der richtige Frauentyp, für diese Kampagne, einer Versicherungsgesellschaft gewesen. Ich gehe in der Innenstadt Schoppen, um mir neue Klamotten zu kaufen. Eine gutgekleidete Frau steht am Schaufenster, einer Joop-Boutique. Sie lächelt nicht und gar nichts, als wenn sie heute Morgen ihren G-Punkt nicht gefunden hat, aber ihre Augen leuchten etwas. Das erinnert mich auf eine ganz merkwürdige Art an irgendetwas. Ich schaue hoch, neben den ganzen Leuten steht ein netter Mann und wie ich ihn sehe, falle ich beinahe in Ohnmacht. Ich kann es kaum glauben, aber es ist Marcel Ravel. Er hat schwarze kurze Harre und ein bisschen reifer sieht er aus, aber es ist Marcel. Ich bin so was von überrascht, dass ich kurz eine Melodie gepfiffen habe. Doch Marcel kommt zu mir her und nimmt mich an die Hand. Seine Augen leuchten, wie ich sage: „Marcel, ich habe gleich gewusst, dass du das bist, als ich dich dort stehen sah.“

Was machst du denn hier?“, frage ich. Ich bin geschäftlich hier“, sagt Marcel. Die Menge auf dem Bürgersteig verläuft sich. Wie kommt es, dass du hier dir einen Bummel in der Innenstadt leisten kannst?“, fragt Marcel. „Meine Mutter hat mir geschrieben, dass du im Modebusiness eine riesige Karriere gemacht hast und Millionärin bist.“ Das ist eine lange Geschichte“, sage ich. „Eigentlich habe ich bekommen, was ich wollte.“ Dann umarmt Marcel mich. Nicht fest, aber trotzdem. Wir gehen in ein Café in der Straße, wie wir es immer taten, wenn wir uns etwas sagen wollten. Wir bestellten zwei Cappuccino und ein Schokoeis für mich. Marcel setzt sich ganz nah zu mir und ich tätschel’ sein Bein. Ich kann es manchmal gar nicht glauben“, sage ich. „Wir kennen uns jetzt schon viele Jahre und es ist immer so, als wäre es das erste Mal für mich.“ Die Sonne scheint durch die Bäume direkt auf mein Gesicht. Wenn Marcel und ich zusammen sind, dann explodieren meine leidenschaftlichen Gefühle und ich weiß nicht, was es ist. Doch ist da irgendwas, ein Herzschlag vielleicht, ich kann es nicht sagen, obwohl ich genau weiß, was es ist. Ich kann es einfach nicht glauben“, sagt Marcel und beugt sich zu mir rüber und küsst mich auf die Stirn. Was denn?“, frage ich. Man lebt nicht, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben. Kann es das denn geben? Was ist der Sinn des Lebens denn, wenn ich morgens lange penn‘ und abends im Fernsehen mir die Serien an schau‘“, fragt Marcel, „Roxane, wie soll ich nach Erkenntnis streben, wenn im Fernsehen soeben, von Arbeitslosigkeit gesprochen wird. Und alle fragen: Arbeit, wie?“ Und dann steht er auf, holt den Aschenbecher vom Tresen und zündet sich eine Zigarette an. Und schon ist mir klar, Marcel sucht einen Job.

 

 

Kapitel 27

Nachher habe ich dann ein paar Sachen geregelt. Erst einmal habe ich der Personalabteilung am Telefon gesagt, sie sollen die Einstellungsformulare für Marcel Ravel fertig machen und alles andere werde ich einleiten. Nach dem Abendessen mit Marcel habe ich mich in den Sessel gesetzt und mir die ganze Nacht Gedanken gemacht, obwohl mir das nicht leicht gefallen ist. Denn zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Marcel von seiner Frau geschieden ist. Dennoch habe ich später mir folgendes überlegt: Jetzt habe ich nach so langer Zeit Marcel gefunden und vielleicht können wir unsere Beziehung irgendwie kitten. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, das kann nicht funktionieren. Ein paar Tage später habe ich dann mit Susan und Marcel auf eine Geschäftsreise gemacht. Erst sind wir nach Paris geflogen, Mailand und zum Schluss nach New York. Also, in New York stört es keinen, was einer treibt. Und wir drei fühlen uns sauwohl. Wir haben uns ein Fahrrad gekauft, um jeden Sonntag durch New York runter zu radeln.

Einige Wochen später sind wir abgereist und jeder ist in seiner gewohnten Umgebung. Die Fahrräder stifteten wir den Armen und Weisen, von New York. Die Leute haben sich sehr gereut darüber. Marcel schreibt mir so ungefähr einmal im Monat und berichtet mir von seiner Arbeit in Leipzig. Auf dem letzten Brief, den ich bekommen habe, hat er mir ein paar netten Zeilen geschrieben: Gehe aufrecht wie die Bäume, lebe dein Leben so stark wie die Berge, sei sanft wie der Frühling, bewahre die Wärme der Sonne im Herzen, und der große Geist wird immer mit dir sein. Und dann ist da noch eine junge Frau, die ich kennenlernte. Die hier in Berlin in so einem Striptease-Schuppen als Bedienung jobbt und mit der treffe ich mich ab und zu. Angela heißt sie. Denn Susan ist aus meinem Appartement verzogen und blüht richtig auf in meiner Firma in Paris. Oft fahre ich mit Marcel, wenn er am Wochenende zu mir kommt, einfach in Berlin rum, wir gucken uns alles an. Doch da sind wir nicht die Einzigen gestressten Leute, die so ein seltsames Bild abgeben, das können Sie mir glauben. Die Leute sehen zum Teil aus wie Überreste aus der Genforschung oder irgend so was. Irgendwann komm ein Journalist von der Boulevardzeitung vorbei, der will einen Artikel über mich machen. Weil er meint, ich bin eine super Karrierefrau, in Deutschland, wovon er je gehört hat. Er stellt mir jede Menge Fragen über mein Leben. Und dabei erzähle ich ihm die ganze Geschichte. Aber ich bin noch nicht einmal bei der Hälfte, bricht er sofort ab. Solche Sachen kann ich nicht drucken, sagt er, weil er mir einen Buchverlag gibt. Aber ich kann Ihnen sagen, dieses Buch hat einen echten Erfolg und hat bei den konservativen, prüden, langweiligen Spaßbremsen eingeschlagen. Wie jeder Mensch habe ich noch meine Träume. Und ab und zu überlege ich mir, wie alles hätte sein können, wenn ich nur einen stinknormalen Beruf als Beamter gehabt hätte. Ja, dann bin ich auf einmal vierzig, fünfzig und kassiere mir, in Spanien, die Vollpension der Beamten ein. Aber, was soll es? Kann schon sein, dass ich eine verrückte abenteuerliche Frau bin, aber meistens wollte ich alles kennenlernen und richtig machen. Und Träume sind Schäume, wenn ich sie nicht lebe, oder? Also, ganz egal, was so alles passiert ist, eins ist sicher: Ich kann jederzeit zurückschauen und sagen, wenigstens ist mein Leben nicht so langweilig gewesen, wie deines.

Verstehen die Menschen, was ich damit meine?

 

 

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